Der Breitmaulfrosch: Die Leiden der Kleinwagenfahrer auf der Autobahn

Breitmaulfrosch-Autorin Patricia Friedek

Ob Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über merkwürdige Trends wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. Heute geht es dem Breitmaulfrosch um ein sehr persönliches Anliegen: Hierarchien auf der Autobahn und die damit einhergehenden Leiden eines Kleinwagenfahrers.

Der Breitmaulfrosch fährt einen 12 Jahre alten VW Fox, der trotz seines Alters noch einiges unter der Motorhaube zu bieten hat. Er schafft es durchaus, mit 140 km/h über die Autobahn zu düsen und ist sicherlich in der Lage, auch in angemessenem Tempo auf der ganz linken von drei Spuren zu fahren, ohne sofort auseinanderzufallen. Das Problem: Sportwagen- oder SUV-Fahrer glauben das offensichtlich nicht und drängen den Breitmaulfrosch auf der Autobahn permanent auf die rechte Spur.

Die wenigsten Studenten haben das Glück, einen neuen BMW von ihren Eltern geschenkt zu bekommen oder sich ihn selbst leisten zu können. Deshalb geben sie sich, genauso wie der Breitmaulfrosch, mit der günstigeren Variante zufrieden: einem gebrauchten Kleinwagen. Aber spätestens auf der Autobahn bekommen die Kleinwagenfahrer schnell zu spüren, wo sie in der Autobahn-Hierarchie rangieren. Folgende oder ähnliche Szenarien dürften kleinwagenfahrenden Studenten ziemlich bekannt vorkommen:

Die Lichthupe

Der Breitmaulfrosch fährt mit seinem Kleinwagen hinter einem LKW her, der mit 80 km/h seinen Richtwert einhält. Das ist dem Breitmaulfrosch zu wenig, denn er hat ein höheres Durchschnittstempo eingerechnet, um rechtzeitig zur Vorlesung zu kommen. Er wagt es, den Blinker nach links zu setzen und den LKW zu überholen. Gerade, als der Breitmaulfrosch die rechte Spur verlassen hat, kommt ein tiefergelegter Wagen von hinten angerast, der wohl meint, die linke Fahrspur für sich gebucht zu haben. Denn im Rückspiegel sieht der Breitmaulfrosch ein Aufleuchten der Scheinwerfer – die Lichthupe. Geblendet von dem hellen Licht gibt der Breitmaulfrosch Gas, um schnell an dem LKW vorbeizukommen und wieder auf die rechte Spur zu wechseln. Als der nun vom Breitmaulfrosch als Audi A3 identifizierter Wagen an ihm vorbeifährt, gibt es nur einen strafenden Blick von dem Audifahrer, der sich nach rechts herüberlehnt und den Kopf schüttelt. Der kann es wohl nicht fassen, dass der Fahrer eines VW Fox sich die Frechheit herausnimmt, auf SEINE linke Spur auszuweichen.

Highway to Hell

Auch LKW sind eine Sache für sich: Sie sind chronisch unter Zeitdruck und dabei extra groß und breit geraten- deshalb sind einige Lastwagenfahrer wohl der Überzeugung, sie hätten das Sagen auf der Straße.

So ist der Breitmaulfrosch vor nicht langer Zeit zwischen zwei LKW auf der rechten Spur gefahren. Auf der linken flitzten, wie es sich für die Autobahnkultur gehört, neuere Sport- und Geländewagen vorbei. Der Breitmaulfrosch legt Wert auf einen angemessenen Sicherheitsabstand von circa drei PKW. Das war dem LKW hinter ihm aber anscheinend zu viel – denn er muss ganz genau bei seinen 80 Stundenkilometern bleiben und darf auf gar keinen Fall auch nur einen halben Stundenkilometer langsamer fahren.

So fuhr er dem Breitmaulfrosch so nah auf, dass dieser befürchtete, die Motorhaube des Lastwagens würde gleich das Hinterteil seines Volkswagen küssen. Eine unschöne Vorstellung, wenn man das Gewicht des LKW im Vergleich zum Gewicht des Kleinwagens und die Wucht in Betrachtung zieht, die mit so einem „Kuss“ einhergehen würden.

In solchen Situationen bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder einen Überholvorgang starten und wieder von den Luxusschlittenfahrern mit aussagekräftiger Gestik konfrontiert zu werden, oder doch den Sicherheitsabstand verringern und somit einen Auffahrunfall zu riskieren. Tja, Kleinwagenfahrer fahren anscheinend nicht auf der Autobahn, sondern auf dem ‚Highway to Hell‘.

Übrigens fiel dem Breitmaulfrosch auf, dass auf unseren Autobahnen die LKW trotz ihrer Maße hierarchisch unter den SUV- und Sportwagen rangieren. Ergo hat diese Platzierung nicht nur etwas mit Größe oder Pferdestärken, sondern eher etwas mit Schnelligkeit, oder auch mit der Liquidität der Fahrer zu tun.

Das klassische Bild: Die schicken Sportwagen fahren stets auf der linken Spur. Foto: flickr.com/dtsomp lizenziert nach Creative Commons

Ärmer = weniger Rechte?

Kaum irgendwo werden gesellschaftliche Hierarchien so deutlich wie auf der Autobahn. Es kommt das Gefühl auf, nicht gut genug zu sein, um vollständig, also inklusive der linken Spur, am Verkehr auf der Autobahn teilhaben zu dürfen. Und das nur, weil man nicht das nötige Kleingeld hat, einen schnellen Sportwagen oder einen großen SUV zu fahren. Dem Kleinwagenfahrer, noch dazu, wenn es ein ‚Gebrauchter‘ ist, werden weniger Rechte zugeschrieben. Er hat nicht auf der linken Spur zu fahren, egal, ob er die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in der Praxis erreichen kann oder nicht – er sieht eben nicht danach aus.

Viele Kleinwagenfahrer, deren Autos in die Jahre gekommen sind, lassen sich von diesen Hierarchien auf der Autobahn so sehr unterkriegen, dass man ihnen die Angst vor den dicken Schlitten förmlich am Fahrstil ansieht. Sie ziehen häufig sofort nach rechts, sobald sie den Drängler im Rückspiegel bemerken – häufig ohne, und das ist die Gefahr, auf den weiteren Verkehr zu achten. Somit ist das Drängeln und das respektlose Verhalten gegenüber den ‚Kleinen‘ nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch eine tatsächliche Gefahr im Straßenverkehr.

Der Breitmaulfrosch plädiert keinesfalls dafür, auf Biegen und Brechen auf der linken Spur zu bleiben, wenn sein kleiner, alter Wagen nicht so schnell ist wie die neuen Flitzer. Auch er selbst findet es nicht gut, wenn er durch seinen Vordermann ausgebremst wird. Aber: Es sollte gegenüber den Kleinen oder Schwächeren eine größere Toleranz auf der Straße geben – denn im Alltag ist es auch nicht gang und gäbe, sich in der Schlange im Supermarkt vorzudrängeln, nur weil der Vordermann zufälligerweise kleiner, langsamer oder älter ist.

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