So lebt und studiert Kristof mit seiner Behinderung

Seit 29 Jahren lebt Kristof Kreimeyer mit einer Behinderung. Der Dortmunder leidet unter einer halbseitigen Spastik rechts und einem Wasserkopf. In der Uni braucht der Student deshalb länger für Prüfungen, im Alltag Hilfe beim Binden der Schnürsenkel. Heute akzeptiert er seine Behinderung, das war aber nicht immer so.

Automatisch streckt Kristof Kreimeyer bei der Begrüßung an der TU Dortmund seine linke Hand aus. Unhöflich ist der 29-jährige Student aber nicht, er kann nicht anders. Denn Kristof hat eine halbseitge Spastik rechts. Anders als viele andere Menschen mit Behinderung leidet Kristof nicht von Geburt an unter der Spastik.

Als er elf Monate alt war, haben seine Ärzte eine falsche Diagnose gestellt und Kristofs Meningitis, also eine Gehirnhautentzündung, nicht rechtzeitig erkannt. Mit den Folgen muss der Dortmunder bis heute leben: ein Hydrocephalus, bekannt unter dem Namen Wasserkopf, und die darauf folgende halbseitige Spastik.

Was ist eine Spastik?
Eine Spastik ist eine Eigenspannung der Skelettmuskulatur, die auf eine Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks zurückzuführen ist. Die überaktive Muskulatur führt zu dauerhaften Verhärtungen und Versteifungen, so genannten spastischen Lähmungen. Diese sind mit Einschränkungen der Beweglichkeit verbunden.
Was ist ein Hydrocephalus?
Der Hydrocephalus entsteht durch Überdruck im Kopf, wenn der Gehirnwasserfluss nicht richtig reguliert wird. Normalerweise umspült das Gehirnwasser sowohl Gehirn als auch Rückenmark und schützt die empfindlichen Nervengewebe bei Erschütterungen. Ist der Abfluss des Gehirnwassers gestört, weitet die Flüssigkeit die inneren Hirnhohlräume und das Gehirn wird zusammengedrückt – es entsteht ein Hydrocephalus.

Auf den ersten Blick ist Kristof die Behinderung nicht anzusehen. Erst beim zweiten Hinschauen sieht man, wie der Student seinen rechten Arm nah am Körper hält und die Hand verkrampft. Beim Gehen humpelt er. Im Kopf läuft alles ab und zu etwas langsamer. Durch seine Behinderung leidet Kristof an einer starken Konzentrationsschwäche, die sich besonders beim Lernen und in den Prüfungen äußert. „Ich muss mir Aufgaben öfters durchlesen, meine Gedanken fließen langsamer und schnell schreiben kann ich auch nicht“, erklärt Kristof. In den ersten Semestern seines Informatik-Studiums wollte er sich seine Schwäche jedoch nicht eingestehen und akzeptierte die schlechten Noten.

Wegen seiner Konzentrationsschwäche braucht Kristof mehr Zeit beim Lernen und in den Prüfungen.

„Ich glaube, für jeden Mensch mit Behinderung ist das Eingestehen der Schwächen eine schwierige Phase. Aber irgendwann musste ich etwas machen.“ In Geprächen mit seinen Professoren konnte er seine Behinderung erklären und mehr Zeit für Klausuren bekommen, eine zentrale Anlaufstelle kannte er damals noch nicht. Nach langer Recherche wurde er im Internet auf den Bereich Behinderung und Studium der TU Dortmund (DoBuS) aufmerksam. „Die Mitarbeiter haben mir beim Nachteilsausgleich geholfen und mit all meinen Professoren eine Regelung bezüglich der Prüfungen gefunden.“

Was ist der DoBuS?
Bereich Behinderung und Studium der TU Dortmund (DoBuS) ist eine zentrale Einrichtung der Technischen Universität Dortmund. Sie unterstützt Studierende mit Behinderung beim Studium, kümmert sich um Hilfsmittel oder hilft bei organisatorischen Dingen, die das Studieren erleichtern.

Trotz der Hilfe der Mitarbeiter vom DoBuS hat sich Kristof anfangs von Seiten der Uni allein gelassen gefühlt. Während zum Beispiel in der Fakultät der Rehabilitationswissenschaften explizit nach Studierenden mit Behinderungen gefagt wurde, hat sich bei der Informatik keiner dafür interessiert. „Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass der DoBuS in allen Fakultäten präsent kommuniziert wird und betroffene Studierende direkt wissen, wo sie Hilfe bekommen.“

Bei der Frage, ob die fehlende Information und seine Konzentrationsschwäche der Grund dafür ist, dass er bereits im 13. Bachelor Semester ist, lacht Kristof und antwortet: „Wahrscheinlich ist es zum Teil die Behinderung, aber ich bin auch einfach ein grundfauler Mensch.“

Kristof ist jetzt 29 und hat seine Behinderung akzeptiert, doch das war nicht immer so. „In der Schulzeit habe ich immer wieder mitbekommen, wie sich andere über mein Handicap lustig gemacht haben“, erinnert er sich. Lästereien hinter seinem Rücken gab es auch, als er in der Mittelstufe vom Sportunterricht befreit wurde, obwohl er in der Freizeit sportlich sehr aktiv ist. „Meine Mitschüler haben nicht verstanden, dass es einige Sportarten wie Turnen gibt, die ich einfach nicht machen kann. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, so bevorzugt zu werden“, sagt der Dortmunder. Es ist gerade diese Sonderstellung, die Kristof am meisten nervt, die er aber nicht ablegen kann. Auch nicht im Alltag. Wie bei Bewerbungsgesprächen zum Beispiel. Denn Arbeitgeber sind verpflichtet, eine Ausgleichssteuer zu zahlen, wenn sie keine Menschen mit Behinderungen einstellen. Kristof hat dazu seine eigene Meinung:

Wenn ich das Gefühl habe, den Job nur wegen meiner Behinderung zu bekommen, lehne ich ihn ab. Mir ist es wichtig, dass ich wegen meiner Fähigkeiten eingestellt werde.

Mit einem Behinderungsgrad von 80 Prozent ist Kristof in der Pflegestufe Zwei und auf Hilfe angewiesen. Es sind die Dinge, die für nichtbehinderte Menschen selbstverständlich sind, die Kristof aber immer wieder aufhalten. „Zum Beispiel Treppenlaufen, Fingernägelschneiden oder Zwiebeln schnibbeln“, erklärt Kristof. Richtig unwohl fühlt er sich aber erst, wenn ihm seine Freunde in der Öffentlichkeit die Schnürsenkel zubinden müssen.

Unterstützung bekommt er von seiner Freundin Theresa, mit der er auch zusammenlebt. „Sie ist sogar als meine Pflegeperson eingetragen und übernimmt den größten Teil des Haushalts und des Kochens“, sagt der 29-Jährige. Ein dominierendes Thema ist Kristofs Behinderung in der Beziehung nicht. Als sich Kristof und Theresa vor rund vier Jahren in einem Chatroom kennengelernt haben, hat der Dortmunder direkt mit offenen Karten gespielt. Beim ersten Treffen war er genau so aufgeregt wie jeder andere vor einem ersten Date. „Natürlich hatte ich kurz Angst, dass sie blöd reagiert, aber sie hat es total locker genommen“, erzählt Kristof. In der Liebe kommt ihm seine Spastik also nicht in die Quere. Und beim Sex? Das nimmt Kristof auch ganz locker:

Wenn mich meine Freundin nicht anlügt, gibt es auch beim Sex keine Komplikationen.

Lustige Reaktionen hat er trotzdem schon erlebt: „Es gab Frauen, die mich beim ersten Mal gefragt haben, ob ‚in der Mitte‘ alles normal funktioniert, wenn ich eine halbseitige Spastik habe – doch ich kann sagen, das klappt.“

Kristof weiß, dass er im Alter mehr Hilfe benötigen wird. Durch die Spastik verkrampft sein Schultergelenk und sein linkes Bein wird stärker belastet. Auch die Angst vor einem möglichen Leben im Rollstuhl gibt es. „Ich will das aber alles gar nicht so nah an mich ran lassen.“ Dann denkt er doch lieber an die Vorteile seiner Behindeung: das Pflegegeld und fünf extra Urlaubstage im Job. „Über den Rest denke ich nach, wenn es soweit ist, dafür ist das Leben doch zu schön.“

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