Wenn Antisemitismus zum Alltag gehört

Täglich sind Jüdinnen und Juden in ganz Europa Anfeindungen ausgesetzt. Eine aktuelle Studie der Agentur der EU für Grundrechte belegt, dass Antisemitismus fest in der Gesellschaft verwurzelt ist. Dennis Khavkin studiert an der TU Dortmund und hat bereits viele Facetten der Judenfeindlichkeit erlebt.

Antisemitismus hat viele Gesichter. Dennis Khavkin aus Dortmund begegnet dem vor allem in unterschwelligen Äußerungen. „Niemand sagt direkt: ,Ich mag keine Juden oder ich hasse euch‘. Es sind eher Suggestivfragen, die einem das direkt vermitteln. Sowas wie: ,Ich bin ja kein Antisemit, aber es stimmt doch, dass ihr die ganzen Banken auf der Welt kontrolliert‘.“ Der 22-Jährige studiert im fünften Semester Wirtschaftswissenschaften an der TU Dortmund und hat vor einem Jahr zusammen mit Freunden und Bekannten die „Junge jüdische Zukunft Dortmunds“ gegründet. Gemeinsam planen sie beispielsweise Veranstaltungen und Ausflüge anlässlich jüdischer Feiertage. Antisemitismus ist für ihn und sein jüdisches Umfeld ein ständiger Begleiter.

Die Diskriminierung geht dabei weit über die Stadtgrenzen Dortmunds hinaus. In ganz Europa ist Judenfeindlichkeit ein anhaltendes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt nun eine groß angelegte Studie der EU-Agentur für Grundrechte. Es ist die weltweit größte Befragung dieser Art. Mehr als 16.000 Jüdinnen und Juden nahmen an der Online-Befragung von Mai bis Juni 2018 teil. Rund 90 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Ein gleich großer Anteil hält antisemitische Äußerungen, vor allem im Internet, für ein Problem.

„Das Meiste passiert auf Facebook“, sagt auch Dennis. Besonders unter Beiträgen zum Israelkonflikt stünden viele Hasskommentare, in denen Juden mit abstrusen Verschwörungstheorien beleidigt werden. Manche User würden außerdem schreiben, dass sie „die Schnauze voll haben, vom schlechten Gewissen wegen des Holocaustes“.  Erst kürzlich habe Dennis einen Kommentar gelesen, mit dem Vorwurf an die Juden, Krebs erfunden zu haben und der Welt israelische Heilmittel vorzuenthalten. „Das sind Kommentare, die kommen völlig aus dem Nichts – Verschwörungstheorien, von denen ich selbst noch nie etwas gehört habe.“

Antisemitismus gibt es in allen Teilen der Gesellschaft

Seine Eltern kommen ursprünglich aus der Ukraine. 1991 sind sie mit Dennis‘ großem Bruder nach Deutschland ausgewandert. „Meine Mutter bittet mich oft, meine Kippa nicht in der Öffentlichkeit zu tragen.“ Verbieten lassen wolle er sich das eigentlich nicht. Wenn Dennis in die Dortmunder Nordstadt geht, setzt er trotzdem lieber eine Cap auf. „Das ist mehr eine prophylaktische Maßnahme, um da keine bösen Geister zu beschwören.“ Erst in diesem Jahr war Dennis Parolen einer Rechtendemonstration am Dortmunder Hauptbahnhof ausgesetzt. „Da kamen dann Rufe, wie ‚Nie wieder Israel‘ oder ‚Wer Deutschland liebt, ist Antisemit‘.“ Übergriffig sei ihm gegenüber glücklicherweise noch nie jemand geworden.

Nach den Ergebnissen der europäischen Studie erfahren 70 Prozent der Befragten Antisemitismus im öffentlichen Raum, sowie in den Medien und der Politik. Einer bestimmten Gruppe lässt sich der Antisemitismus jedoch nicht zuordnen. Kritische Äußerungen kämen genauso von rechts außen wie von links außen, meint Dennis. Besonders Personen der linken Szene würden sich dabei an Verschwörungstheorien wie dem „Finanzjudentum“ bedienen. Laut Dennis häufen sich auch antisemitische Vorfälle durch Muslime. Hintergrund sei der fortwährende Konflikt zwischen den Israelis und Palästinensern.

Mehr als ein Drittel der Befragten denkt an Auswanderung

In den vergangenen Jahren habe sich vor allem die Toleranzgrenze für antisemitische Äußerungen verschoben. Während Witze über Juden früher ein absolutes Tabu waren, sind sie heute nahezu alltäglich. „Heutiger Antisemitismus ist wie ein Kind, das versucht, seine Grenzen auszutesten.“ Die Religionsfreiheit ist in der Bundesrepublik Deutschland ein Grundrecht. Das spiegelt sich in der Gesellschaft aber nicht wieder, so Dennis. „Die Gesellschaft reagiert sehr passiv auf Antisemitismus. Man bedauert viel, macht aber nicht aktiv etwas dagegen.“

Das jetzige Heimatland aufgrund der Diskriminierung zu verlassen, sei als Gedanke in vielen Köpfen präsent, sagt Dennis. „Man macht sich Gedanken, ja. Ich will meine Kinder später zu Selbstbewusstsein erziehen können. Trotzdem, unsere Generation will nicht auf gepackten Koffern sitzen.“

 

Beitragsbild: Lukas Wilhelm

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