Als Journalistin in Palästina – zwischen Propaganda und Zukunftsängsten

„Ich bin aus Überzeugung Journalistin geworden, da kam weder die Hamas noch die Fatah als Arbeitgeber für mich in Frage“, sagt Haya Abushukhaidem mit leicht ironischem Lächeln. Sie ist 24 Jahre alt. Vor nicht allzu lang hat sie an der Universität in Bethlehem ihr Studium in Englischer Literatur und Kommunikationswissenschaften abgeschlossen.

Der Staat Palästina inmitten Israels ist zerstückelt in zwei Gebiete, die teils bewohnt sind von Palästinensern und teils von Israelis besetzt sind. Bethlehem gehört zum nicht besetzten Teil Palästinas. Die israelische Armee lässt sich hier nur selten blicken. Würden sie das Gebiet betreten, würde man sie nicht gerade freundlich willkommen heißen. Bethlehem ist einer der tourismusreicheren Orte Palästinas. Trotzdem ist die Wirtschaft völlig zerstört, die meisten finden keine Jobs. Haya erzählt, dass die meisten in ihrer Familie arbeitslos sind und dass sie das unglücklich macht. „Die Situation hier, eingesperrt zu sein in einem open-air Gefängnis, macht viele verrückt. Dazu noch die Arbeitslosigkeit. Ich habe so großes Glück gehabt mit meiner neuen Stelle.“ Den Begriff „open-air Gefängnis“ habe ich schon mal gehört, als ich mich mit Palästinensern unterhalten habe. Es beschreibt die Situation hier ganz gut. Die Einwohner Bethlehems dürfen sich frei bewegen, solange sie das in einem bestimmten Radius machen. Drum herum ist eine acht-Meter-hohe Mauer. Dick ist sie nicht. An einigen Stellen hört man sogar Stimmen auf der anderen Seite, manchmal Gelächter oder Musik. Als sei man abgeschirmt von der Außenwelt, die zum Greifen nah ist. Aber teilhaben am Leben da draußen darf man nicht.

Aus ihrem Bürofenster zeigt mir Haya Gebiete auf palästinensischer Seite, die sie nicht mehr betreten darf. Israelische Siedler haben diese Teile Palästinas eingenommen, die Palästinenser vertrieben und ihre Häuser darauf gebaut. Sie machen das aus religiösen Gründen, um Israel wieder zurückzuerobern. „Es fühlt sich so an, als würde Israel versuchen, Palästina von der Außenwelt abzuschirmen, damit niemand mitbekommt, wie es hier zugeht und alle ein befremdliches Bild von Palästina haben. Wir möchten auch Teil der Welt sein und einen Zugang haben. Als Journalistin sowieso“, erklärt sie. Haya hat ganz unerwartet kurz nach ihrem Studium eine Redakteursstelle beim „Palestine News Network“ in einem der letzten unabhängigen Medien Palästinas gefunden. Unabhängig, weil das Medium weder der Hamas, noch der Fatah gehört.

Israelische Siedlungen
Als israelische Siedlungen werden israelische Städte und Dörfer in jenen von israelischen Truppen besetzten Gebieten bezeichnet, die außerhalb der Waffenstillstandslinie von 1949 liegen. Im Jahr 2016 lebten ca. 600.000 israelische Siedler im Westjordanland und Ost-Jerusalem. Der Siedlungsbau ist umstritten: Während Israel die Siedlungen als legal betrachtet, bewertet die UN die Siedlungen gemäß der 4. Genfer Konvention als illegal. Die israelischen Siedlungen befinden sich im Westjordanland und in Ostjerusalem sowie auf den Golanhöhen. Aus den ehemaligen Siedlungen auf der Sinaihalbinsel zog sich Israel 1982 nach der Friedensvereinbarung mit Ägypten zurück. Die Siedlungen im Gazastreifen mit ihren ca. 9000 Siedlern wurden im Jahr 2005 aufgelöst. Israel betrachtet die Golanhöhen und Ostjerusalem als annektiert, weshalb die Siedlungen auf den Golanhöhen verwaltungstechnisch in den Nordbezirk des Staates Israel, diejenigen in und um Ostjerusalem in den Bezirk Jerusalem integriert sind.

Beide Teile Palästinas sind unter der Fatah und der Hamas aufgeteilt – Gaza steht unter der Regierung der Hamas, die Westbank und so auch Bethlehem werden von der Fatah beherrscht. So gehören auch alle Medien in beiden Gebieten den Gruppierungen an. Und da ist nichts mit freier Berichterstattung, Meinungs– oder Pressefreiheit. Die Medien werden für Propagandazwecke genutzt und kontrolliert, damit genau abgesehen werden kann, welche Informationen dem palästinensischen Volk zugespielt werden.

Haya wollte da nicht mitmachen. Sie wollte weder für die Hamas oder die Fatah arbeiten, noch wollte sie eine Journalistin sein, die das Verbot der Pressefreiheit unterstützt. Und nun hat sie eine Stelle beim Palestine News Network gefunden, eine kleine Presseagentur mitten in Bethlehem mit gerade mal drei festen Mitarbeitern und einem amerikanischen Studenten, der für zwei Wochen ein Praktikum in der Redaktion macht.

Fatah
Die Fatah ist eine politische Partei in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Die Organisation verfolgte laut ihrer Verfassung von 1964 als Ziele die „komplette Befreiung Palästinas“. Terrorismus war in der Vergangenheit auch ein Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Im Rahmen des Oslo-Friedensprozesses erkannte die Fatah 1993 unter ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels an, bekannte sich zum Friedensprozess und schwor dem Terrorismus als politischem Mittel ab. Die Fatah ist heute die stärkste Fraktion innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Anfang Mai 2011 unterschrieb die Fatah gemeinsam mit der Hamas ein Versöhnungsabkommen, dem zufolge beide planten, eine gemeinsame Übergangsregierung zu bilden. Sie hat ihren Hauptsitz in Ramallah.
Hamas
Die Hamas eine sunnitisch-islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie wird juristisch von der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, Israel und anderen – auch arabisch-muslimischen – Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft. Sie wurde 1987 gegründet und hat seit dem u. a. das Ziel, den Staat Israel mit militärischen Mitteln zu beseitigen. Ihr militärischer Arm verübt seit 1993 Selbstmordattentate und andere Angriffe, die überwiegend gegen israelische Zivilisten und Soldaten gerichtet sind.  Seit ihrem Wahlsieg 2006 und dem bürgerkriegsartigen Kampf um Gaza im Juni 2007, der international überwiegend als Putsch der Hamas wahrgenommen wurde, stellt die Hamas die Regierung im Gazastreifen.

Haya schreibt hier hauptsächlich über politische Themen, die Palästinenser interessieren, wie sie sagt. Häufig wird Israel kritisiert. Die Hamas oder die Fatah zu kritisieren, ist nicht möglich.

„Das Medium wurde schon oft von der Fatah angeworben, aber ich habe abgelehnt“, erklärt Monjed Jado. Ihm gehört PNN. Man hat ihm gedroht, aber passiert ist bisher nichts. Er hat Glück gehabt. PNN ist mittlerweile recht beliebt bei den Bewohnern Bethlehems. Die Nachrichtenagentur bedient Lokalthemen. Viele Einwohner haben keine Lust mehr auf Hetze und informieren sich deswegen gerne über das „Palestine News Network“. Die anderen Medienanbieter sind vielen Palästinensern mittlerweile zu propagandistisch. Generell haben die meisten hier keine Lust mehr auf Krieg. „Es wäre mir sogar recht, wenn den Israelis auch Palästina gehört. Hauptsache, es gibt endlich Frieden, wir haben genügend Wasser und dürfen hingehen wohin wir wollen“ sagt Monjed Jado.

 

Trotzdem sprechen alle Palästinenser, mit denen ich spreche, schlecht über Israel. Bei den Israelis ist es genauso. Krieg will trotzdem niemand. Versöhnen will man sich. Zumindest die Bürger. Ich habe mit Palästinensern aus vier verschiedenen Städten im Westjordanland gesprochen und mit Israelis auf der ganzen Welt. Fast jeder beschuldigt die gegnerische Seite, aber niemand möchte weiter Streit. Es sind vor allem die politischen Herrscher, die den Krieg wollen. Der israelische Präsident, die Hamas und die Fatah. Von den Bewohnern beider Staaten, diejenigen, die vor allem mit den Folgen der Politik leben müssen, sind nur die wenigsten radikal.

Haya hofft, dass der ganze Konflikt irgendwann ein Ende hat. Ihr Traum ist es, nach Europa gehen zu können. Vielleicht nach Deutschland, wenn sie sich das Leben dort irgendwie leisten kann und einen Master in Journalistik zu machen.

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