Warum Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll besser waren als #selflove, Superfoods und Beyoncé

Studentenleben: das hieße, bis mittags zu schlafen und rauschende Partys zu feiern. So preisen es alternde Verwandte nostalgisch an. Im Jahr 2019 aber leben Studenten gesund und feilen an ihren Lebensläufen. Eine Verteidigung der Unvernunft.

Vom Studentenleben hatte ich mir viel erhofft. In den Kneipen meiner Heimat lachten Männer mittleren Alters herzlich und schlugen sich auf die Schultern, wenn sie von ihren wilden Jahren erzählten. Mensch, das waren noch Zeiten. Was hatte man da Unfug im Kopf. Als Abiturientin, voller Träume, sehnte ich also die Zeit herbei, die mir peinliche Fotos und Geschichten und damit den Stoff für blamable Windows-Moviemaker-Videos zum 50. Geburtstag bescheren würde. Ein Traum, der spätestens zum Sommersemester zerplatzte. Denn die Realität sieht anders aus.

#selflove, Superfoods und Beyoncé

Öffne ich Instagram in den frühen Morgenstunden, ist dort niemand wach geblieben. Sondern gerade aufgestanden. Eine Story – gepostet vor drei Stunden – zeigt den Sonnenaufgang über einem Feld. Darüber #earlybird. Irgendein Wahnsinniger war gerade eben anscheinend joggen. Einige Kommilitonen sitzen derweil hoch motiviert in der 8-Uhr-Vorlesung und posten Bilder ihres Kaffees, oder – Gott bewahre – Tees. Das nächste Bild, hochauflösend und stimmig, eines perfekt arrangierten Frühstücks aus Quinoa-Kokosflocken-Müsli und Matcha Latte gibt mir den Rest. Von wilden Jahren, von Unfug und Unvernunft ist hier nichts zu spüren. Sind #selflove, Superfoods und Beyoncé das neue Sex, Drugs und Rock ’n‘Roll?

 

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Ein Beitrag geteilt von Tea Signature (@tea.signature) am

Wie ist das passiert? Vor 50 Jahren war doch noch alles gut. Da wusste James Dean noch nicht, was er tat. Und auch sonst niemand. Falco sagte darüber, wer sich an die 80er erinnern könne, habe sie nicht miterlebt. An die 2010er wird sich zweifellos jeder erinnern. Leider. Denn sie sind so viel langweiliger. Das Bild von Jugend hat sich gewandelt: Anstelle der Marlboro-Werbung, die in den 70ern den „Geschmack von Freiheit und Abenteuer“ anpries, sind wir heute Produktplatzierungen sich „grün“ gebender Marken auf Sozialen Netzwerken ausgesetzt. Wir bewundern keinen verwegenen James Dean mehr im Kino, sondern YouTuber, die uns erklären, wie wir Gesichtsmasken selber mixen oder uns bei einem Tee in der #storytime aus ihrem gewöhnlichen Alltag berichten. Die Vorbilder sind öde Normalos, die sehr genau wissen, was sie da tun.

Die Jugend von heute legt Wert auf #selfcare

Glaubt man alldem wirklich, legt die Jugend von heute Wert auf #selfcare, bleibt zu Hause, isst gesund, macht Yoga, geht früh schlafen und steht noch früher auf. Samstagabends lässt sie sich ein Bad mit fair produzierten, bunten Badebomben ein und trinkt mit Agavendicksaft gesüßten Tee. Sonntagmorgens dann frühstückt sie um 8 Uhr, nach der morgendlichen Jogging-Runde, Toast mit Avocado. Anschließend setzt sie sich an den sorgsam dekorierten Schreibtisch, um die Vorlesungen der vergangenen Woche nachzubereiten. Mit anderen Worten: Sie macht alles furchtbar richtig. Von ausgewogener Ernährung und Verantwortungsgefühl bleibt uns in den Dreißigern vielleicht ein gesunder Körper – aber keine lehrreichen Fehler, keine lustigen Anekdoten, keine spannenden Geschichten. Und sind es nicht die, die diesen sagenumwobenen Reiz der Jugend ausmachen? Charmant-irrwitzige Leichtsinnigkeit scheint 2019 jedoch ein Relikt aus Indie-Musik-unterlegten Coming-Of-Age-Filmen zu sein.

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Ein Beitrag geteilt von SNUKIEFUL by Marie Johnson (@snukieful) am

Das ist nicht das Studentenleben, das mir versprochen wurde. Sollten wir nicht einfach mal wach bleiben, bis die Wolken wieder lila sind (ja, auch Marteria und Julia Engelmann haben mal Recht), Spaß haben und uns in den Philosophie-Professor verlieben? Stattdessen lieben Mittzwanziger plötzlich sich selbst und ihren #precious Body. Der sei schließlich der einzige, den sie in diesem Leben haben und wolle daher gut behandelt werden. So zumindest suggerieren es die Posts auf meiner Startseite und viel zu nüchterne 24-Jährige, denen ich freitagabends vorm Club begegne. Mitleidiger Blick auf meine Zigarette. „Willst du echt so weitermachen?“ – ja, verdammt. Ich bin jung, ich bin cool, ich bin unverwundbar.

Jung, cool und unverwundbar sind wir doch eigentlich alle. Und daran sollten wir glauben dürfen, bis das Leben uns eines Besseren belehrt. Die Zeit wird kommen, in der wir einen geregelten Tagesablauf, einen guten Job und ausreichend Schlaf und Nährstoffe haben sollten. Aber dieses perfekte Leben bauen wir uns in den Zwanzigern erst auf. Indem wir so viel wie möglich falsch machen – und dadurch merken, was wir wirklich brauchen. Bis dahin will ich Freiheit und Abenteuer schmecken. Ich will beschleunigen. Und einfach mal Mitte 20 sein. Die #selflove kommt dann schon von selbst.

 

Beitragsbild: Noah Buscher auf Unsplash

 

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2 Comments

  • Genau das ist es wodurch wir ALLE lernen, Dein Zitat trifft es auf den Punkt: ‚Indem wir so viel wie möglich falsch machen – und dadurch merken, was wir wirklich brauchen. ‚

    Ich bin sicher Du lässt Dich durch die neuen Medien nicht beeinflussen, lebe Dein Leben wie Du es leben willst und schmecke die Freiheit und das Abenteuer weiterhin, das macht das Leben lebenswert!

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