Interview: Chancengleichheit an der TU – Werden Frauen benachteiligt?

Dass gerade StuPa-Wahlen sind, das haben die meisten Studierenden mitbekommen. Alle Studentinnen der TU bekommen aber noch einen zweiten Wahlzettel. Sie wählen das „Queer-Feministische Referat“ (QFR). Es werden 5 Studentinnen gewählt, die sich für alle Belange der Frauen an der TU einsetzen. Immer wieder veranstalten sie Vorträge, bei denen sie oder Gäste über feministische Themen referieren und diskutieren. Das oberste Ziel ist Chancengleichheit für alle Studierenden. Die gibt es nämlich aktuell nicht, sagen Mira Kossakowski (23) und Kader Sarica (24). Sie sind aktuell Teil des QFR. Mira  möchte das auch bleiben, Kader kandidiert dieses Jahr nicht.

Was sind die größten Themen, mit denen ihr euch aktuell beschäftigt?

Mira: Mir ist eine gesunde Mischung wichtig und Themen aufzugreifen, die gerade gesellschaftlich relevant sind. Themen, die kein großes theoretisches Wissen erfordern, um sich damit auseinanderzusetzen, weil man ja auch selbst davon betroffen ist. Zum Beispiel #metoo oder den Abtreibungsparagraphen. Gleichzeitig wollen wir aber auch Personen den Raum für Themen geben, die nicht diese große mediale Aufmerksamkeit haben. Deshalb hatten wir zum Beispiel auch einen Vortrag von zwei Wissenschaftlerinnen, die hier an der Uni forschen, damit auch das Augenmerk daraufgelegt wird, dass es nicht so einfach ist eine Wissenschaftskarriere als Frau umzusetzen.

An der TU Dortmund haben wir 75% männliche Professoren. Vor allem bei den MINT Fächern sind es deutlich mehr Männer. Woran liegt dieses Ungleichgewicht?

Mira: Das ist eine historisch gewachsene Ungleichheit und da gilt es dran zu arbeiten. Es werden auch private Erlebnisse an einen herangetragen von Frauen, die in diesen technischen oder in den MINT Fächern tätig sind, dass die mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, die nicht für alle alltäglich sind. Das ist aber deutschlandweit ein Problem. An manchen Unis sind teilweise nur 10% Professorinnen und ich glaube für Frauen ist es einfach schwieriger eine akademische Karriere zu starten.

Kader: Gerade wenn Frauen einen Kinderwunsch haben und später in den Mutterschutz gehen, dann schmeißt die Frauen das auch wieder zurück.

Wobei ja auch Väter in Vaterschaftsschutz gehen.

Kader: Ja mittlerweile, aber das ist noch ziemlich neu.

Mira: Man muss auch sehen, dass man nur begrenzt Zeit hat, seine Doktorarbeit zu schreiben. Für eine Promotion hat man nur sechs Jahre und wenn es Menschen gibt, die eine Familie gründen wollen und gleichzeitig ihre Doktorarbeit schreiben, dann sind sechs Jahre ziemlich wenig. Das sind eben auch Hindernisse, die vorrangig Frauen betreffen.

Meint ihr denn, dass sich was an der Uni verbessert hat in den letzten Jahren? Konntet ihr vielleicht sogar selbst was verändern?

Mira: Also es werden mittlerweile spezielle Programme angeboten, die Frauen den Einstieg in Unternehmen erleichtern, wobei die aus verschiedenen feministischen Standpunkten auch kritisch gesehen werden. Generell habe ich momentan aber das Gefühl, dass sich auf vielen Fortschritten ausgeruht wird und dass vieles stagniert. Statt auf diesen Verbesserungen aufzubauen wird dann gesagt, „es verbessert sich ja schon“. Das kann man ja auch wieder gesamtgesellschaftlich sehen, weil auf einmal Diskussionen geführt werden, die eigentlich nicht mehr diskutiert werden müssen – über Abtreibungen zum Beispiel. Das lässt sich glaube ich auch auf die Uni übertragen, das hier vieles stagniert.

Was konkret könnt ihr denn da verändern als QFR? Wie könnt ihr gegen diese Stagnation ankämpfen?

Mira: Wir können auf jeden Fall Sprachrohr sein und uns an zuständige Dezernate wenden. Da hilft es, dass wir als Referat sprechen und nicht als Einzelperson. Allein dadurch, dass wir Informationsveranstaltungen machen und politische Bildung betreiben. Das ist ja ein Grundstein dafür, dass Menschen sich dann selbst helfen können

Gibt’s da manchmal Gegenwind von der Uni? Habt ihr schon schwierige Diskussionen führen müssen?

Mira: Ich persönlich merke den größten Gegenwind eigentlich aus der Studierendenschaft. Dann wird uns gesagt, „ihr übertreibt völlig und das ist Geldverschwendung und man braucht kein Frauenreferat“. Da muss man dann einfach souverän mit umgehen. Es ist auch nicht so, dass wir großflächig angegriffen werden, das sind eher einzelne Ereignisse.

Ihr versucht in Vorträgen auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen. Was waren letztes Semester eure wichtigsten Vorträge?

Mira: Wir haben zum Beispiel die Mitternachtsmission eingeladen. Das ist ein Verein, der sich um Prostituierte und Opfer von Menschenhandel kümmert. Es gab aber auch eine Lesung, die wir mit dem Autonomen Schwulenreferat und der FH veranstaltet haben. Die hieß Beißreflexe und wurde sehr gut besucht. Da ist aber auch Kritik gekommen, weil die Autorin den Queer-Feminismus kritisiert. Wir sind aber der Meinung, dass man auch diese Personen einladen sollte, damit man das ganze danach kritisch besprechen kann. Aber da haben wir von anderen Aktivistinnen Kritik bekommen.

Das Queer-Feministische Referat setzt sich für Chancengleichheit an der TU ein

Ihr nennt euch selbst QFR, heißt aber offiziell noch Autonomes Frauenreferat. Wieso habt ihr euch noch nicht offiziell umbenannt?

Mira: Das Studierendenparlament muss die Namensänderung bestätigen. Das wurde bisher noch nicht mit der notwendigen Mehrheit getan.

Wieso nicht?

Mira: Viele stoßen sich einfach an dem Wort „Queer“ und der Name QFR würde ja bedeuten, dass sich in der Satzung was ändert und nicht nur Frauen im biologischen Sinne teilnehmen können, sondern auch zum Beispiel Trans-Frauen, die noch keinen geänderten Eintrag haben.

Mir persönlich und auch vielen Freunden und Freundinnen ist es oft zu lästig zu gendern. Meint ihr, dass uns und vielen anderen das Ausmaß des Problems gar nicht so bewusst ist?

Kader: Die meisten Menschen sehen sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft. Die haben einfach kein Problem in der Gesellschaft, deswegen kümmert die das nicht. Auch zu unseren Vorträgen kommen oft eher Leute, die sich selbst in der Minderheit sehen und die sich dann mit unseren Themen befassen, auch was gendern zum Beispiel angeht. Vielleicht kommen wir auch deshalb nicht so schnell voran.

Mira: Das ist einfach nichts, was man über Nacht ändern kann. Gerade Sprache ist eng verbunden mit unserem Verhalten und mit unserer Kultur. Ich finde schon, dass das eine größere Rolle spielt, als vielen bewusst ist. Vielleicht habe ich aber auch einen anderen Blickwinkel darauf, weil ich Sprachwissenschaften studiert habe. Da muss einfach ein Diskurs geführt werden, an dem sich mehr Menschen beteiligen können. Es soll nicht einfach entschieden werden, wir gendern jetzt genau so und ihr müsst damit klarkommen. Den Menschen muss ja auch klar gemacht werden, warum das so wichtig ist und warum das etwas ist, worüber gesprochen werden muss.

Viele sehen es denke ich auch nicht als Diskriminierung von „den Studenten“ zu sprechen.

Mira: Als Frau ist man in vielen Bereichen Diskriminierung ausgesetzt, aber viele nehmen das selbst nicht als Diskriminierung wahr. Man ist einfach damit aufgewachsen und es ist normal für einen und deswegen sieht man sich auch nicht als Teil einer Minderheit.

Kader: Es ist einfach sprachlich verankert, dass man sagt „der Student“ und damit beide meint. In anderen Sprachen ist das schon grammatikalisch anders gelöst. Aber im Deutschen eben nicht und dann muss man zwei Wörter sagen und das ist vielen schon zu anstrengend.

Was sind das für Situationen, in denen Frauen diskriminiert werden, es aber selbst vielleicht gar nicht mitbekommen? Wie sind eure Erfahrungen mit Diskriminierung?

Kader: Ich hatte bisher eigentlich immer Glück und das obwohl ich Kopftuch trage. Vielleicht liegt’s daran, dass ich in NRW lebe und hier geht’s mir eigentlich ganz gut. Aber natürlich werde auch ich zum Beispiel im Sommer gefragt, wieso ich mich so anziehe und mich bedecke. Aber ich fühle mich so wohl und das ist meine Sache. Das sind aber auch nur Kleinigkeiten. Schlimmes habe ich noch nicht erlebt.

Mira: Das prominenteste Beispiel, auch gerade durch #metoo, ist der Alltagssexismus. Teilweise habe ich das auch belächelt. Jetzt gerade am Wochenende war ich auf einem Festival und da waren einfach deutlich weniger Frauen als Männer. Gerade da kommen dann oft sehr unangenehme Kommentare und sowas passiert tagtäglich auf der Straße. Diese Erfahrungen macht eigentlich jede Frau.

Wie schwer fällt es euch, dann immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen? Oder lasst ihr das manchmal auch einfach sein?

Mira: Hängt immer vom Gegenüber ab. Wenn ich merke, dass die Person eigentlich nur auf Konfrontation aus ist und nicht aus Interesse nachfragt, dann sag ich natürlich was dazu, aber dann investiere ich nicht meine ganze Energie, nur um am Ende frustriert zu sein. Wenn aber eine Person wirklich aufrichtig Interesse zeigt und in dieser Thematik nicht drin ist, dann erklär ich gerne, wieso etwas vielleicht ein Problem ist. Oft ist es frustrierend und ich kann auch nicht immer vermeiden, dass mir Diskussionen dann manchmal nahe gehen.

Wie ist das, wenn ihr in der Bahn zum Beispiel krasses Macho-Gehabe oder sexistische Sprüche mitkriegt – mischt ihr euch dann ein oder denkt ihr, der rafft’s eh nicht?

Mira: Es ist auf jeden Fall schon vorgekommen, dass ich was gehört habe und dann aufgestanden bin und was dazu gesagt habe. Auch wenn mir auf der Straße was hinterhergerufen wird, da reagiere ich manchmal auch patzig und viele schrecken dann auch zurück, weil sie nicht mit einer Reaktion gerechnet haben. Wenn die Person aber jetzt betrunken ist oder so, dann weißt du nicht, wie sie darauf reagieren und dann überlege ich mir zweimal, ob ich was sage.

Was sind so die dämlichsten Argumente, die ihr euch gegen Feminismus anhören musstet?

Mira: Also das typischste ist das Argument, dass Männer und Frauen nun mal unterschiedlich sind und deshalb auch in unterschiedlichen Dingen gut sind. Klar, jeder Mensch ist in anderen Sachen gut und nicht jeder kann gleich gut Fußball spielen, aber das ist nichts, was an deinem biologischen Geschlecht festzumachen ist. Man kann nicht besser kochen, nur weil man mit zwei X-Chromosomen geboren ist. Frauen sagen manchmal „Ich brauche keinen Feminismus, weil ich das auch so durch harte Arbeit geschafft habe und deshalb können das alle Frauen“. Auch wenn das für die einzelne Person vielleicht der Fall ist, bedeutet das nicht, dass das für die große Masse gilt. Es sollte auch nicht notwendig sein, dass Frauen nur durch mehr Arbeit in die gleiche Position wie Männer kommen können.

Kader: Ich glaube Feminismus ist notwendig, um diese Ungleichheiten auszugleichen. Also ich verstehe nicht unter Feminismus, dass ich alle Männer hasse.

Kader, du hast gesagt, dass du nicht alles umsetzen konntest, was du dir für deinen Posten vorgenommen hast und kandidierst dieses Jahr deshalb nicht noch einmal – Warum nicht?

Kader: Ich kannte mich vorher in der Szene nicht aus und konnte deshalb am Anfang nicht wirklich Input reinbringen. Ich finde trotzdem, dass ich was erreicht habe. Weil ich muslimisch bin, wollte ich natürlich auch repräsentativ für die muslimischen Studentinnen sein. Deshalb haben wir zum Beispiel einen Vortrag über das Thema „Kopftuch tragen“ gehalten. Das war für mich ein wichtiger Punkt, weil da auch das Interesse da war. Ich schließe aber nicht aus, in Zukunft wieder zu kandidieren. Jetzt möchte ich aber erstmal im Hintergrund helfen.

Mira, du kandidierst dieses Jahr wieder. Was nimmst du dir vor für nächstes Semester, solltest du wiedergewählt werden?

Mira: In den letzten Jahren hat es uns etwas an Struktur gefehlt und das hat unsere Arbeit erschwert und schwieriger nachvollziehbar gemacht. Das muss sich jetzt ändern. Ich möchte daran arbeiten, dass das QFR als offenes Referat wahrgenommen wird, das sich um die Belange vieler Studierender kümmert und nicht nur um eine spezifische Gruppe von Studentinnen. Das ist aber das Bild, das herrscht. Viele glauben, dass nur Frauen zu unseren Vorträgen kommen dürfen, dabei geht’s um viel mehr. Chancengleichheit heißt eben, dass alle in allen Bereichen die gleichen Chancen haben.

Danke für das Gespräch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.