Die richtigen Töne getroffen? Unser Beethoven-Faktencheck

Der „Spiegel“ nannte ihn jüngst Ludwig den Großen, diesen grimmig guckenden Mann mit grauer Föhnfrisur, als wäre ihm gerade ein zu starker Wind um den Kopf geweht. Gestorben ist er 1827, mit 56 Jahren. In den Jahrzehnten davor schuf Ludwig van Beethoven die Grundlage für so ziemlich alles, was wir heute als Musik bezeichnen. Er brach mit der Tradition von Bachs roboterhaften Fugen, Haydns tänzerischen Streichquartetten und Mozarts Hofmusik. Als einer der ersten traute sich Beethoven, offen seine Gefühle zu vertonen. Er, die menschgewordene Brücke zwischen Klassik und Romantik, ein Zyniker, ein leidenschaftlicher Mensch, ein einsames Genie.

Zum Beethoven-Jahr BTHVN2020, das heute in Bonn eröffnet wird, hat KURT für euch die neun bekanntesten Beethoven-Fakten gesammelt. Neun, weil Beethoven neun Sinfonien geschrieben hat. Aber nicht alle gängigen Behauptungen stimmen! Von „Für Elise“ bis zur Schicksalssinfonie – Wohl kaum ein Musiker hat es geschafft, die Nachwelt mehr zum Grübeln zu bringen als Ludwig van Beethoven.

1. Beethoven und Mozart waren Konkurrenten.

Beethoven und Mozart geben das typische Bild von zwei Musikern ab, die um die Vormacht in der Branche kämpfen. Die Klischees: das junge Genie aus Salzburg, das vom einen Palast zum nächsten reist, und der verzweifelte, grauhaarige Mann aus Bonn, der seine eigene Musik nicht einmal hören kann. Aber das ist falsch. Als Mozart 1791 starb, war Beethoven gerade einmal 21 Jahre alt. Wolfgang Amadeus war für den jungen Ludwig viel mehr ein Vorbild als ein Konkurrent. Während Beethoven seinen eigenen Lehrer – der kein geringerer war als Joseph Haydn – nicht sonderlich wertschätzte, nahm er fast immer wieder Themen von Mozart in seine eigenen Kompositionen auf. Beethovens 3. Klavierkonzert zeigt zum Beispiel starke Einflüsse von Mozarts 20. Klavierkonzert. Ob sich die beiden jemals getroffen haben, ist aber unbekannt.

2. In der Mondscheinsonate vertont Beethoven eine romantische Nacht unter Sternen.

Die Vorstellung ist ganz schön, aber auch hier ist sich die Expertenwelt uneins. Zwar soll Beethoven den ersten Satz der Klaviersonate Nr. 14 im Garten von Schloss Unterkrupa in der heutigen Slowakei komponiert haben, ob er dabei vom Nachthimmel inspiriert wurde, ist aber nicht gesichert. Im Gegenteil: Manche Experten meinen sogar, beim ersten Satz der Sonate handele es sich um einen Trauermarsch. Auch der berühmte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim unterstützt diese These. Sicher herausfinden werden wir Beethovens Gedanken zu dem Stück wohl leider nie. Übrigens: Der Name „Mondscheinsonate“ stammt gar nicht vom Komponisten selbst. Er nannte die Nr. 14 eigentlich „Sonata quasi una fantasia“, also „Sonate gleich einer Fantasie“. Erst nach Beethovens Tod entstand der Beiname „Mondscheinsonate“. Ausschlaggebend war wohl die idyllische Atmosphäre, die der erste Satz erzeugt.

3. Beethoven war adelig.

Machen wir uns mal nichts vor: In den Kreisen, in denen der Komponist damals verkehrte, brachte ein Adelstitel wohl kaum Nachteile mit sich. Tatsächlich soll es vorgekommen sein, dass Beethoven als Adeliger angesehen wurde. Doch ein Buchstabe in seinem Nachnamen stand dem Standesaufstieg im Wege: Das „van“ in Ludwigs Nachnamen geht auf seine Vorfahren zurück. In den aristokratischen Kreisen der damaligen Zeit wurde es aber oft als „von“ missverstanden.

Auch wenn Adelige wie der Erzherzog Rudolph von Österreich zu Beethovens wichtigsten Förderern zählten – er komponierte ihm sogar eine eigene Sonate, genannt „Les Adieux“, als der Herzog vor Napoleons Truppen fliehen musste, stand Beethoven mit den Blaublütern auch auf Kriegsfuß: Als sich Napoleon, dem der überzeugte Republikaner Beethoven seine 3. Sinfonie, die „Eroica“ – die „Heldenhafte“ – widmete, selbst zum Kaiser krönte, soll der Komponist die Widmung auf der ersten Seite der Handschrift wütend übermalt haben.

4. Beethoven hat komplett taub komponiert.

Stimmt! Mit ca. 28 Jahren begannen Beethovens Hörprobleme. Gegen Ende seines Lebens soll er vollkommen taub gewesen sein. Seine 9. Sinfonie dirigierte der Komponist zwar noch mehr oder weniger selbst, hörte aber während der ganzen Aufführung keinen einzigen Ton. Ein hörender Ersatzdirigent stand dabei hinter ihm.

5. Die Schicksalssinfonie (5. Sinfonie) beginnt mit dem „Anklopfen des Schicksals“ an Beethovens Tür.

Ist ein schönes Bild, aber Beethovens Satz „So pocht das Schicksal an die Pforte“ ist nicht gesichert. Wie so oft in der Musik, Kunst und Literatur wurde dem Komponisten hier vermutlich einfach etwas angedichtet. Aber es hat ja nicht geschadet. Das Ta-ta-ta-taaam-Motiv kennt einfach jeder.

6. „Für Elise“ hat Beethoven für seine Geliebte, eben diese Elise, geschrieben.

Hier den Singular zu verwenden, ist falsch. Beethoven hatte nicht eine Geliebte, sondern während seines gesamten Lebens mindestens zehn bis zwanzig. Davon waren einige Sängerinnen, andere Tänzerinnen und die meisten deutlich jünger als der Komponist. Beethovens Sinn für Romantik ging so weit, dass er 1812 den „Brief an die Unsterbliche Geliebte“ verfasste.

Auszug aus dem Brief

Mein Engel, mein alles, mein Ich.

nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem)
erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt, welcher Nichtswürdiger Zeitverderb in d.g. [Anm.: der gleichen]
warum dieser tiefe Gram, wo die Nothwendigkeit spricht.

Kann unsre Liebe anders bestehn als durch Aufopferungen,
durch nicht alles verlangen, kannst du es ändern, daß du nicht ganz
mein, ich nicht ganz dein bin.

Ach Gott blick in die schöne Natur und beruhige dein Gemüth über das müßende.
die Liebe fordert alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit dir, dir mit mir.

Wer diese unsterbliche Geliebte jetzt genau war, darüber streiten sich Musikforscher seit Jahrzehnten. Gesichert ist, dass sich der Komponist und die Frau am 3. Juli 1812 in Prag trafen. In Frage käme unter anderem die Gräfin Giulietta Guiccardi, der Beethoven auch die Mondscheinsonate widmete. Ob jener Geliebten auch die „Elise“ gewidmet ist, weiß jedoch niemand. Dass auf der Notenhandschrift überhaupt die Widmung „Für Elise“ stand, ist tatsächlich auch nur eine Behauptung, die nach Beethovens Tod aufkam. Zwar gab es eine Elise in Beethovens Leben – die 23 Jahre jüngere Elisabeth Röckel – aber ob für die tatsächlich auch das wohl bekannteste Stück Beethovens bestimmt war… das bleibt wohl für immer ein Geheimnis.

7. Beethoven hat die Ode „An die Freude“ geschrieben.

Aufgepasst! Die Melodie des berühmten Schlussteils von Beethovens 9. und letzter vollendeter Sinfonie stammt zwar – natürlich – aus der Feder des Komponisten. Den Text der heutigen Europahymne hat aber der Dichter Friedrich von Schiller geschrieben. Er entstammt dem Gedicht „An die Freude“.

8. Beethoven war ein begabter Improvisator.

Das ist absolut wahr! Beethovens Freund Ignaz Xaver von Seyfried erzählte nach der Premiere des 3. Klavierkonzerts, bei der der Komponist selbst am Piano saß und von Seyfried die Noten umblättern ließ, diese kurze Geschichte:

Ich erblickte fast lauter leere Blätter; höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar, nur ihm zum erinnernden Leitfaden dienende, mir rein unverständliche egyptische Hieroglyphen hingekrizelt; denn er spielte beinahe die ganze Prinzipal-Stimme blos aus dem Gedächtniß, da ihm, wie fast gewöhnlich der Fall eintrat, die Zeit zu kurz ward, solche vollständig zu Papiere zu bringen.

Es ist auch überliefert, dass Beethoven das Publikum seiner Kammerkonzerte, vor allem die Damen, oft damit begeisterte, am Klavier aus dem Stegreif Fugen und Sonaten zu spielen. Der junge Beethoven galt in allen namhaften Städten und Adelshäusern Europas als unangefochtener Klaviervirtuose. Seiner Spieltechnik und Kompositionsweise folgten spätere Klassik-Stars wie Franz Liszt, Franz Schubert und Frédéric Chopin.

9. Beethoven war ein Frauenheld.

Zwar hatte der Komponist viele Liebschaften, jedoch dauerte von diesen keine länger als ein paar Jahre. Verheiratet war Beethoven nie, Kinder hatte er vermutlich auch keine, zumindest ist dazu nichts aus sicherer Quelle überliefert. Ein Frauenheld war Beethoven aber durchaus: Er schrieb seinen Geliebten Gedichte, widmete und schenkte ihnen Musikstücke und reiste den Damen – wenn nötig – sogar quer durch Europa hinterher.

Beitragsbild: pixabay.com

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