Kommentar: Macht den Aufmacher zum Mutmacher!

Die Verbreitung des SARS-CoV-2 zeigt, wie anfällig Menschen für medial verbreitete Panik sind. Journalistinnen und Journalisten tragen in solchen Situationen eine große Verantwortung. Jeder Journalist sollte sich bewusst sein: Im Moment spielt die potenzielle Zahl der Toten in drei Monaten keine Rolle. Was wir brauchen sind Fakten zum Hier und Jetzt, Anweisungen und Verständnis für diese Ausnahmesituation, findet KURT-Reporter Roman Winkelhahn. Hier sein Appell an die Presse.

Bild.de vom 15. März 2020, der erste COVID-19-Fall in Deutschland wurde 47 Tage vorher registriert: „Es ist nachvollziehbar und nur menschlich, dass die Angst vor dem Corona-Virus und die Ungewissheit vor möglichen Maßnahmen so viele Bürger verunsichert. Aber gerade in Krisenzeiten darf uns der Anstand nicht abhandenkommen.“

Auch Bild.de: „Mallorca-Urlauber dürfen nicht einmal mehr an den Strand!“ (15. März), „Sterbende betteln weinend um Kontakt zur Familie“ (15. März) und „Überall Corona-Angst und ich bekomme bald mein Baby“ (16. März).

Ende Januar: Ein Mann aus Bayern infiziert sich mit SARS-CoV-2, dem Coronavirus. Spiegel.de titelte am späten Nachmittag noch mit Trumps Friedensplänen für den Nahen Osten. Das Thema Corona findet sich erst nach einigem Scrollen – und unter den meistgelesenen Artikeln: „Bei Kollegen angesteckt: Bayerische Behörden bestätigen ersten Fall in Deutschland“ und „Infektionen in Deutschland: Die Grippe tötet hier Tausende, das Coronavirus bislang niemanden“.

Während die Boulevardmedien sich den Negativitätsbias ihrer Rezipienten zu Nutze machen, sind vor allem Lokalmedien bemüht, den unmittelbaren Effekt auf den Alltag vor Ort abzuschätzen und über Folgen für die Bevölkerung zu informieren: Absage-Kalender, Notdienste, Gottesdienste im Live-Stream. Vor allem auf lokaler Ebene wird versucht, der Panik vorzubeugen. Das ist vor allem deshalb möglich, weil sich Journalisten und Publikum so viel näher sind als im überregionalen Journalismus. „Gläubige sind von Sonntagspflicht entbunden“, schrieb das Westfalen-Blatt am  14. März. Na, Gott sei Dank.

Die Lokalredaktionen in den einzelnen Landkreisen sind leer. Das, was Lokaljournalisten hier fast täglich machen, bleibt aus: Menschen interviewen, Vor-Ort-Termine besuchen. Das fordert Kreativität – vor allem in Zeiten, in denen volle Seiten mehr wert sind als sonst. Schließlich geht mit der Pandemie auch ein Rückgang der Werbeanzeigen einher – und die machen mehr als einen Drittel des Erlöses der Lokalpresse aus.

Auch Deutschland als Mediensystem erlebt gerade eine nie dagewesene Ausnahmesituation. Die wiederum könnte die Debatte um den Rundfunkbeitrag, die Lügenpresse-Vorwürfe und das Verhältnis zwischen Medien und Populisten nachhaltig beeinflussen.

Jetzt gilt es also für die Medien, sich zu beweisen. Die Branche steht vor essentiellen Fragen: Sensationalismus oder Konstruktivismus? Klicks oder Moral? Vor allem für kleine Verlage und freie Journalisten kann es in den kommenden Wochen thematisch – und somit auch finanziell – schwierig werden. Das sind Grenzen, die Journalisten bereit sein müssen, zu überschreiten, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Machen wir den Aufmacher zum Mutmacher!

 

Bildquelle Beitrags- und Titelbild: amrothman via pixabay.com

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