Kommentar: Politikerinnen und Politiker, geht auf den Strich!


Solange sich Menschen prostituieren müssen, um ihren ohnehin winzigen Lebensstandard erhalten zu können, hat unsere Gesellschaft ein gewaltiges Problem. Es zeugt von der Ungleichheit in der Welt, wenn die 50 Euro für Sex den Lohn einer Ausbildung ersetzen. Auch in NRW leben Männer, vor allem junge Migranten, von der Prostitution. Die Politik muss für sie neue Perspektiven schaffen, findet KURT-Reporter Roman Winkelhahn.

Kürzlich habe ich Giovanni’s Room von James Baldwin gelesen (ein Klassiker der LGBTQ-Literatur). Es ist eine kurze Geschichte von Liebe, Männlichkeit und Selbstverrat. Folgendes Zitat bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf:

The real troubles with living is that living is so banal. Everyone, after all, goes the same dark road—and the road has a trick of being the most dark, most treacherous, when it seems most bright […] // Das wahre Problem ist, dass unser Leben so banal ist. Jeder geht immerzu dieselbe Straße entlang—und wenn die Straße am hellsten strahlt, ist sie in Wirklichkeit der dunkelste, trügerischste Weg […]

Die Melancholie, die das Zitat mit sich bringt, sei mir an dieser Stelle verziehen. Dabei vereint dieser Satz alle notwendigen Aspekte des Themas, weshalb wir uns im Folgenden an Baldwins Zitat orientieren werden. Beginnen möchte ich mit der Banalität des Lebens, oder mit anderen Worten: Wie kann es sein, dass es auf Dauer finanziell attraktiver ist, sich in einem dreckigen Parkhaus zu prostituieren, als einen Abschluss zu machen und eine Ausbildung anzufangen?

„Stricher-Studie“ gibt grobe Eindrücke

Ich möchte mich hier auf zwei Quellen beziehen: einerseits auf meine Reportage im aktuellen KURT-Heft, für die ich die Sozialarbeiter des Projekts “Aufwind” auf dem Düsseldorfer Straßenstrich begleitet habe, und andererseits auf die Studie “Mann-männliche Sexarbeit in NRW 2015/2016”, die im Moment die umfangreichsten und aktuellsten Daten zum Thema liefert.

Wir sprechen hier von den 90 Prozent der jungen Stricher, die laut den Düsseldorfer Sozialarbeitern nicht in Deutschland geboren wurden; von den 18- bis 20-jährigen Männern aus Südosteuropa. In der NRW-Studie heißt es: “Diese Personen, häufig selbst heterosexuell orientiert […], sehen in der Sexarbeit eine letzte Möglichkeit des Gelderwerbs, nachdem alle anderen Versuche […] fehlgeschlagen sind.” Fast die Hälfte der in der Studie befragten Stricher gibt an, zwischen 50 und 100 Prozent ihres Lebensunterhalts “aus Sexarbeit zu bestreiten”. Zu den Befragten gehören zwar auch ältere, deutsche und erfahrenere Stricher. Die Zahlen geben uns dennoch einen wichtigen Eindruck davon, wie sehr Menschen von der Prostitution abhängig sein können.

Was ein Stricher an einem durchschnittlichen Abend verdient, lässt sich nur schwer einschätzen. “[Für] sechs Euro die Stunde beim Opa den Garten machen, [da] kann ich auch für 100 Euro mal meine Hose öffnen”, wird ein Mann in der NRW-Studie zitiert. Einem anderen Stricher sei gesagt worden: “[…] damit kannst du so um die 80 bis 150 € verdienen”. Beziehen wir uns also auf 100 Euro in einer “guten” Nacht, sprich Freitags und Samstags, und gehen davon aus, dass ein Stricher von 21 Uhr bis 2 Uhr, also fünf Stunden, auf dem Strich unterwegs ist, was einem Stundenlohn von 20 Euro entspricht. An den anderen fünf Tagen rechnen wir mit 50 Euro in derselben Zeit, also 10 Euro Stundenlohn, ziehen aber drei Tage ab, weil wir nicht davon ausgehen, dass ein Stricher jeden Tag “arbeitet”. Das macht einen Wochenlohn von 300 Euro bei einer Arbeitszeit von 25 Stunden, also einen durchschnittlichen Stundenlohn von 12 Euro (im Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,35 Euro).

Hoher Lohn, hohe Kosten

Diese trockenen Berechnungen sind angesichts der Arbeitsbedingungen leider pervers und völlig banal. Aber darum geht es ja an dieser Stelle auch: Eine eindimensionale, rein monetäre Sicht ist unlogisch. Der Zehner für den Blowjob auf dem Kneipenklo kann nicht von den Bedingungen, unter denen er verdient wird, getrennt werden.

Angesichts dieser enormen psychischen Belastung nehmen annähernd alle Stricher Drogen, erklären die Sozialarbeiter aus Düsseldorf. Mindestens Alkohol und Cannabis, oft auch mal mehr. Manche Drogen puschen die jungen Männer. So halten sie länger durch. Vielleicht wird der Sex sogar erträglicher.

Es sind unter anderem ungemütliche Orte wie dieses Parkhaus, an denen Stricher und Freier Sex haben.

Um noch einmal auf den Lohn zurückzukommen: Geld ist auf dem schwulen Straßenstrich nicht alles. Manche Freier versorgen ihren Stricher auch mit Kleidung oder Lebensmitteln. Der tatsächliche Gewinn, den ein Stricher macht, ist also kaum messbar, zumal die Kosten, die man vom Umsatz abziehen müsste, nicht in Zahlen fassbar sind. Dennoch möchte ich die Zahlen kurz denen einer Ausbildung gegenüberstellen.

Wir nutzen das Beispiel des Einzelhandelskaufmanns: Mittlere Reife, drei Ausbildungsjahre, 3-Tage-Woche, acht Stunden pro Tag. Bei einer Vergütung von 750 Euro pro Monat im ersten Jahr und einer 24-Stunden-Woche macht das einen Wochenlohn von 187,50 Euro und einen Stundenlohn von knapp unter 8 Euro. Im zweiten Jahr (835 Euro pro Monat) wären es schon 8,70 Euro pro Stunde.

Zwischenbilanz: Der Stricher kann bis zu 300 Euro pro Woche verdienen (Nochmal: Man beachte, dass es sich hierbei um ein hypothetisches Konstrukt handelt, in das die Unsicherheiten der Sexarbeit nicht einbezogen sind), während der Azubi im Einzelhandel in seinem ersten Jahr bei einer ähnlichen Stundenzahl pro Woche knapp 190 Euro verdient, also fast 37 Prozent weniger.

Das Kapital der Stricher ist ihr Körper

Zurück zum Anfangszitat: “Wenn die Straße am hellsten strahlt, ist sie in Wirklichkeit der dunkelste, trügerischste Weg.” Wichtig ist zu sehen, was die Stricher für diese oben genannten 46 Prozent in Kauf nehmen müssen. Ihr Kapital sind ihr Körper und ihre Psyche. Und so unangebracht das jetzt auch klingen mag: Der Kapitalverschleiß ist enorm. Wir sprechen hier von Menschen, die Tag für Tag ihren äußersten Komfortbereich verlassen müssen, um Geld zu verdienen. Aber das ist nicht bloß ein Schritt oder ein kurzer Moment des Sich-Austestens. Nein, diese Form der sexuellen Entblößung ist womöglich die nachhaltig schädlichste Art psychischer Belastung. Da muss keine Gewalt im Spiel sein, keine Drohung oder gar Erpressung (was auch in der Regel nicht der Fall ist). Es reicht die Tatsache, dass hier ein Mensch etwas tun muss, was er unter “normalen” Umständen nie tun würde. Und die Frage ist: Läuft nicht etwas falsch, wenn in einer Gesellschaft, in der die Würde des Menschen unantastbar ist, junge Männer in einem kalten Parkhaus am Hauptbahnhof Sex haben müssen, um über die Runden zu kommen?

Keinesfalls (!) möchte ich mit diesem Beitrag die Sexarbeit und die Menschen, die ihr nachgehen, diskreditieren. Es gibt in meinen Augen eine logische Grenze zwischen der Prostitution, die nüchtern betrachtet ein Beruf wie jeder andere sein kann, und der Arbeit, die viele junge Stricher verrichten. Der Unterschied ist, dass es bei der geregelten Prostitution im besten Fall keiner Ausstiegsperspektiven bedarf, weil die Rahmenbedingungen menschenwürdig sind und die Prostituierten ein gewöhnliches Leben – auch nach ihrer Zeit auf dem Strich – bestreiten können. Bei der ungeregelten Prostitution fallen Aspekte wie die Geschlechtskrankheiten, Drogen, aber noch viel mehr die mentale Belastung mehr ins Gewicht.

Jetzt könnte man doch sagen: Niemand zwingt die Männer dazu, auf den Strich zu gehen.

Sexarbeit muss Thema in der Politik werden

Das stimmt, in den allermeisten Fällen tut das niemand. Es ist, um wieder zu Baldwin zurückzukehren, die Versuchung, die hier Probleme bereitet. Es ist das Abwägen zwischen Geld und dem eigenen Wohlbefinden, wobei die Wahrnehmung von letzterem beeinträchtigt wird durch Drogen, durch das Geld selbst und den vermeintlich strahlenden Weg, den die Prostitution den Männern eröffnet. Es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, dass es Menschen gibt, die sich diesem Weg stellen. Der Staat kann und darf es niemandem verbieten, sich zu prostituieren, denn das widerspräche den Grundprinzipien unserer Freiheit. Der Staat muss die Situation aber mehr in den Blick nehmen, mehr Perspektiven für junge Migranten schaffen, indem die Politik aktiv auf sie zugeht. Jobs müssen sich bereits früh rentieren, nicht erst nach drei Jahren. Die Ungleichheit innerhalb einzelner Gemeinschaften (sei es die Schule, der Stadtteil, die Stadt) muss bekämpft werden, damit junge Menschen erst gar nicht in Erwägung ziehen, auf den Strich zu gehen.

Mein Vorschlag: Alle Politikerinnen und Politiker, in deren Wahlkreisen ungeregelte Mann-männliche Prostitution – aber auch jede andere Form der Sexarbeit – in einem ähnlichen Ausmaß wie auf dem Düsseldorfer Strich stattfindet, sollten sich einfach mal eine Nacht lang Zeit nehmen, die entsprechenden Spots aufsuchen und sich selber ein Bild von der Situation machen. Ich kann versprechen, dass das nicht unbedingt ein schönes Erlebnis wird, weil man mit Dingen konfrontiert wird, die man erst einmal einordnen muss. Vielleicht hat der ein oder andere Politikerinnen und Politiker ja Kinder im Alter jener jungen Stricher, die mit dem Zwanziger, den sie sich gerade auf dem Klo verdient haben, dann erstmal eine Tüte Gras kaufen. Vielleicht hat manch einer in seiner Jugend auch Erfahrungen gemacht, die das Sexualleben nachhaltig geprägt haben. Vielleicht verstehen die Politikerinnen und Politiker dann ja, dass wir noch nicht genug über dieses Thema gesprochen haben.

Ich fordere: Politikerinnen und Politiker, geht auf den Strich!

 

Fotos: Roman Winkelhahn/KURT

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