Enthüllungen: Warum Tell-Alls über Trump keinen Effekt haben

Gestern morgen habe ich eine Mail vom Buchladen bekommen: „Für entstandene Lieferverzögerungen möchten wir uns in aller Form entschuldigen.” Es geht um das Buch „The Room Where It Happened”, 600 Seiten voll angeblicher Enthüllungen, verfasst von Donald Trumps ehemaligen Sicherheitsberater John Bolton. Ausverkauft am ersten Tag. Eine Analyse von KURT-Reporter Roman Winkelhahn.

24,99 Euro für eine Form der Realsatire, die wir inzwischen seit mehr als drei Jahren täglich serviert bekommen. 24,99 Euro für ein Buch, dessen Idee nicht neu ist: Woodward („Fear”), Wolff („Fire And Fury”), Leonnig und Rucker („A Very Stable Genius”). Erst jüngst kündigte Präsidentennichte Mary Trump, promovierte Psychologin, an, im Juli ein Buch über ihren verhassten Onkel, den „gefährlichsten Mann der Welt” und seine „kaputte Familie” zu veröffentlichen. Laut CNN soll Mary Trump angeblich aber inzwischen eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben haben.

Bisher hat noch kein Buch Trump nachhaltig geschadet

Und Präsident Trump? Der würde natürlich auch gegen dieses Buch klagen. Ob er Erfolg haben könnte? Wohl eher nicht. Doch Populisten wie ihm können die sogenannten Enthüllungsbücher auch Vorteile bringen: Sie bekräftigen Trump in seiner Opferrolle, in seinem „Ich halte meinen Kopf für euch hin, ihr unterbezahlten Stahlarbeiter aus Pennsylvania.” Sie befüttern seine „Fake News”-Schreie – auch, wenn man davon ausgeht, dass die Autor*innen die Wahrheit schreiben.

Alle paar Monate schlagen Neuheiten der Trump-Literatur hohe Wellen, schaffen es sogar oft bis in die Tagesschau. Für die Autor*innen und Verlage sind die Bücher vielversprechend, denn Trump ist ein Verkaufsschlager. Nun ist ein neues Werk erschienen: „The Room Where It Happened“ von Trumps Ex-Sicherheitsberater John Bolton.

Bücher sprechen keine Wähler*innen an

Das Problem ist, dass Boltons Buch – genauso wenig wie alle vorangegangenen Tells-Alls – nicht die anspricht, die ein verzerrtes Bild des Präsidenten haben; jene US-Amerikaner*innen, denen jemand sagen muss, dass Trump keine Ahnung hatte, was das „USS Arizona Memorial” in Pearl Harbour ist, dass er „lügt wie gedruckt” und nicht wusste, dass Indien an China grenzt.

Dass die Veröffentlichung der Tell-Alls über Trump keinerlei signifikante Auswirkung auf seine Umfragewerte haben, zeigt KURT anhand dieser Grafik:

Die Statistik (Daten: Gallup, Darstellung: KURT) zeigt, wie viel Prozent der befragten US-Amerikaner*innen Trump als geeignet für den Job des Präsidenten betrachten. KURT hat drei Zeitpunkte markiert, an denen Tell-Alls über Trump erschienen sind: (1) „Fire And Fury”, Michael Wolff, Januar 2018, (2) „Fear”, Bob Woodward, September 2018, (3) „Siege: Trump Under Fire”, Michael Wolff, Juni 2019 und (4) „A Very Stable Genius”, Philip Rucker & Carol D. Leonnig, Januar 2020. Es wird deutlich, dass die Bücher kaum an Trumps Umfragewerten rütteln konnten.

Trump-Literatur verspricht Umsatz

„Mit 1,1 Millionen verkauften Exemplaren in einer Woche ist ‘Fear’ von Bob Woodward das erfolgreichste Buch in der Geschichte des Verlages Simon & Schuster”, schrieb die Los Angeles Times im September 2018. Laut Daily Mail habe sich seit Harper Lees „Wer die Nachtigall stört” kein Buch schneller verkauft. Wolffs „Fire And Fury” habe laut USA Today in der dritten Woche 1,7 Millionen verkaufte Exemplare erreicht.

Trump-Literatur ist also vor allem eines: ökonomisch genial. Sie trifft den Nerv jener Menschen, die ein Grundverständnis von den politischen Prozessen in den USA haben, derer, die ihr Gesamtbild von Trumps Präsidentschaft erweitern wollen: Demokrat*innen, Akademiker*innen, Menschen, die die Nachrichten gucken. Kurzum: Trump-Bücher werden von denen gelesen, die Trump ohnehin nicht wählen würden.

Beitragsbild: OpenClipart-Vectors via Pixabay

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