Zusammenhalt in der Krise: “Pride” ist mehr als Regenbögen

Der Pride-Monat neigt sich schon wieder dem Ende zu, doch in diesem Jahr waren wir nicht im Namen der LGBTQ-Community auf der Straße. Einen Christopher Street Day gab es nicht – und wird es 2020 vermutlich kaum noch geben. Es sind ganz andere Aspekte, die in diesem Pride-Monat eine Rolle spielen: Rassismus, die Corona-Pandemie, weltweiter Zusammenhalt. Es zeigt sich, dass Pride mehr ist als bloß ein Fest der Regenbögen. KURT-Autor Roman Winkelhahn erklärt.

LGBTQ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual und Queer, soll also als Oberbegriff für alle sexuellen Orientierungen und Identitäten neben der Heterosexualität und des binären Geschlechterspektrums stehen. Im Juni, während des sogenannten Pride-Monats, und am Cristopher-Street-Day, der in Deutschland vor allem in Köln und Berlin groß gefeiert wird, geht die LGBTQ-Community für ihre Rechte auf die Straße.

Pride im Jahr 2020: Mit den Worten einer Dragqueen

„Racists, sashay away!“, riefen Demonstrant*innen während einer Black-Lives-Matter-Demo in Los Angeles am 14. Juni. Die Tatsache, dass dieser Spruch in einer der berühmtesten queeren TV-Shows unserer Zeit Inspiration gefunden hat, zeigt, um was es den Menschen geht, die in Los Angeles auf die Straße gegangen sind: People of Color, die der LGBTQ-Community angehören, erleben häufig Diskriminierung aus zwei Richtungen.

Sashay away“ (Englisch für „Tänzel davon“) ist der berühmteste Satz der afro-amerikanischen Dragqueen RuPaul aus der Serie „Rupaul‘s Drag Race“. Immer wieder werden in den Episoden Diskriminierungserfahrungen der Teilnehmer*innen aufgegriffen. Ein Beispiel aus Staffel 11: Mercedes Iman Diamond kommt gebürtig aus Mombasa, Kenia. In den USA stand sie als muslimische Afro-Amerikanerin auf der „No Fly List“, bis sie offiziell ihren arabisch klingenden Geburtsnamen änderte. Das heißt, dass sie in keinem kommerziell betriebenen Flugzeug innerhalb der USA oder von außerhalb in das Land fliegen durfte. US-Senatorin Dianne Feinstein bezeichnete die Liste eins als „eine der besten Verteidigungsstrategien“ des Landes. Das ergibt natürlich Sinn, schließlich sind muslimische, afro-amerikanische Dragqueens bekannt dafür, Flugzeuge zu entführen.

Die Initiative „More Color, More Pride“ setzt sich gegen die Diskriminierung nicht-weißer LGBTQ-Menschen ein und wirbt dafür, der bekannten Regenbogenflagge noch einen braunen und einen schwarzen Streifen hinzuzufügen. Damit soll auch ein Streit innerhalb der Community geschlichtet werden. „Die Pride bezog sich nie auf uns“, sagte Jeffrey King, Gründer einer Organisation für queere Männer of Color, der Los Angeles Times. Innerhalb der Community gibt es den Vorwurf, dass die Pride eine Veranstaltung von weißen Menschen für weiße Menschen, vor allem von weißen schwulen Männern für weiße schwule Männer sei. Die neue Version der Regenbogenflagge, die es in dieser Form aber bereits vor den aktuellen Protesten gegen Rassismus gab, könnte dazu beitragen, dieses Problem zu lösen, und für noch mehr Zusammenhalt in der Community sorgen.

Queer-Rechte sind auch Frauenrechte

Der klassische Sexismus, die Diffamierung und Diskriminierung von Frauen, beruht weitestgehend auf dem Konzept der Heteronormativität. In ihrem Aufsatz „Heteronormativität entselbstverständlichen“ schreibt Nina Degele, Direktorin des Instituts für Soziologie an der Universität Freiburg, dazu: „Heteronormativität ist das Ergebnis gesellschaftlicher Normalisierungsprozesse“. Damit werde die Annahme, das Geschlechtersystem sei binär, ein „unhinterfragter gesellschaftlicher Tatbestand“. Diese Zwangseinteilung in zwei Geschlechter führe unumgänglich zur Entstehung von Stigmata und Stereotypen und trage dazu bei, dass sich fragwürdige Rollenbilder – beispielsweise „Frauen an den Herd“ – institutionalisieren.

Seit Jahrzehnten hinterfragt und kritisiert die LGBTQ-Community das binäre Geschlechtersystem und damit die gesellschaftlich akzeptierte männliche Vorherrschaft. „Only the Euro-American system is both androsexist and heterosexist“, schreibt der Rechtsprofessor Francisco Valdes in seinem Beitrag „Unpacking Hetero-Patriarchy“ (deutsch: Das heterosexuelle Patriarchat verstehen) im „Yale Journal of Law & the Humanities“. Valdes beschreibt damit die Ursprünge und Ziele des Sexismus‘ in unserer Gesellschaft: Ausgehend von heterosexuellen Männern diskriminiert das Konzept des Sexismus‘ nicht „nur“ Frauen, sondern ebenso alle nicht-heterosexuellen Menschen. Oder andersherum: Queere Frauen sind prinzipiell einem doppelten Diskriminierungsrisiko ausgesetzt.

Heteronormativität bestimmt den Arbeitsmarkt

Um zu verstehen, warum der Einsatz der LGBTQ-Community gegen Geschlechterdiskriminierung so wichtig ist, braucht es einen Exkurs in die Berufssoziologie. Geschlechterunterschiede in der Berufswahl lassen sich mit zwei theoretischen Ansätzen analysieren, schreiben die Berliner Soziolog*innen Claudia Finger, Heike Solger, Martin Ehlert und Alessandra Rusconi in ihrer Publikation „Gender differences in the choice of field of study and the relevance of income information. Insights from a field experiment“. Es gebe die kulturalistische und die entscheidungsbasierte Erklärung. Erstere geht von einem starken Einfluss der Rollenbilder und Stereotype auf die Wahl des Berufes aus, letztere von rationalen Entscheidungen hinsichtlich Einkommen und Aufstiegschancen. „Sollten kulturelle Mechanismen den größten Einfluss haben, wäre eine Entwicklung hin zu einer Irrelevanz des Geschlechts bei der Wahl des Hauptfachs sehr unwahrscheinlich“, heißt es in der Studie. Das bedeutet also, dass jeder Kampf vergeblich scheint, wenn wirklich Stereotype der Hauptgrund für die Benachteiligung von Frauen auf Jobsuche sind.

Um die Gleichberechtigung aller Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt zu gewährleisten, ist es also obligatorisch, gegen die oben erwähnte Heteronormativität anzugehen. Der Queer-Feminismus beispielsweise ist eine Strömung innerhalb der LGBTQ-Community, die das versucht.

Warum es wichtig ist, dass sich LGBTQ-Menschen und Frauen (egal ob queer oder hetero) gemeinsam gegen die Form der heteronormativ bestimmten Diskriminierung wenden, zeigt sich vor allem jetzt während der Corona-Pandemie: „Der Frauenanteil liegt in den systemrelevanten Berufen bei durchschnittlich 75%“, heißt es von der Abteilung Gleichstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Dazu kommt: „Eine unterdurchschnittliche Bezahlung betrifft ca. 90% aller systemrelevanten Berufsgruppen.“ Außerdem geht der LWL auf die Gender-Pay-Gap ein, die es vor allem in Berufen mit „hohem Lohnniveau“ gebe, so zum Beispiel in the Pharmazie, wo die Frauen im Schnitt 40% weniger verdienen als Männer. Verkäufer*innen, Krankenpfleger*innen, Erzieher*innen und Pharmazeut*innen? Vielleicht wichtig im Kampf gegen eine globale Pandemie? Auch in dieser Stelle braucht es Pride – beispielsweise in Form des Queer-Feminismus.

Pride als Therapie

Bisherige […] Forschung hat gezeigt, dass nicht-heterosexuelle Personen im Vergleich zu heterosexuellen Personen über ein niedrigeres psychisches Wohlbefinden und ausgeprägtere psychische Gesundheitsbelastungen berichten.“ Das ist die Einleitung einer APA-Studie zum Thema Sexuelle Orientierung und psychische Gesundheit, erstellt von Forscher*innen aus Deutschland und den USA. Es ist die Rede von Suizidgedanken, sozialer Entfremdung und übermäßigem Alkoholkonsum.

Dieses Phänomen kann verschiedene Gründe haben – Gründe, die durch die Isolation während der Corona-Zeit verstärkt werden: Cybermobbing, soziale Abgeschiedenheit, häusliche Gewalt (z.B. durch Eltern). Das Thema psychische Gesundheit spielt in der LGBTQ-Community eine wichtige Rolle, denn alle seriösen Studien belegen, dass prozentual deutlich mehr queere Jugendliche von Depressionen, Sucht und Suizidgedanken betroffen sind als heterosexuelle junge Menschen.

Ein Christopher Street Day, ein Schwul-Lesbisches Straßenfest, eine queere Party – all das kann zur Sozialisierung von LGBTQ-Menschen, zum Austausch und zur gegenseitigen Stärkung beitragen. Umso schlimmer ist es, dass die Community in diesem Jahr nicht auf die Straße gehen kann: gegen Rassismus, für Frauenrechte und gemeinsam als Allianz von Menschen, die sich gegenseitig stärken. Alternativ kann und muss die Pride dann eben auch digital stattfinden. Hier ein Zitat von RuPaul als Vorschlag für die nächste Instagram-Story: „If you can‘t love yourself, how in the hell you gonna love somebody else?“

Bilder: Jasmin_Sessler und Pixabay/allysonmiller1969

Mehr von Roman Winkelhahn

99 Jahre alt und dennoch zeitlos – Eine duftende Ikone feiert Geburtstag

Stars wie Marilyn Monroe, Andy Warhol und Liz Taylor verehrten ihren Duft:...
Mehr...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.