Licht ins Dunkel – Wie Lichtverschmutzung Tiere gefährdet

Mit kaum einer Ressource geht die Menschheit verschwenderischer um als mit Licht. Wer Nachts an den Schaufenstern der Stadt vorbeiläuft, mag dieses Problem erkennen. Lichtverschmutzung betrifft fast alle Menschen in allen Regionen der Erde. Doch nicht nur wir sind betroffen: Vor allem die Fauna leidet an der Ausleuchtung der Welt. KURT hat mit dem Dortmunder Biologen Wolfhard Koth-Hohmann über Lichtverschmutzung gesprochen.

Fliegen, Bienen und andere Insekten haben faszinierende Sehorgane, die sogenannten Facettenaugen. Diese Wunderwerke der Natur bestehen aus mehreren hundert Einzelaugen, den sogenannten Ommatidien, die wie Pixel funktionieren und häufig wabenartig angeordnet sind.

Facettenaugen sind hocheffiziente Orientierungsinstrumente, die mit Licht arbeiten. Bei bestimmten Arten wird ihre phototropotaktische Funktion durch die sogenannten Stirnocellen unterstützt. Das erkannten Forscher*innen des Zoologischen Instituts in Frankfurt a. M. bereits im Jahr 1967.

Stirnocellen, Komplexaugen und Phototropotaxis
Stirnocellen sind die augenartigen Organe einiger Insekten, die unter anderem zur Orientierung an Lichtquellen dienen. Komplexaugen hingegen sind die aus mehreren pixelartigen Einzelaugen bestehenden Sehorgane einiger Insekten. Der Begriff Phototropotaxis setzt sich zusammen aus den Wörtern „phos“ (griech.: Licht), „tropos (griech.: Wendung, hier: Richtungswechsel) und „taxis“ (griech.: Ausrichtung). Er beschreibt also die Orientierung an Lichtquellen.

Laternen als Lichtfallen

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass beide Augenarten der Insekten bei der Orientierung an Lichtquellen zusammenwirken. Bei schwacher Beleuchtung agieren Stirnocellen und Komplexaugen synergetisch, bei starker Beleuchtung regulieren die Stirnocellen die von den Komplexaugen ausgehenden Nervensignale.

Die Orientierung von Insekten ist also vor allem vom Faktor Licht abhängig. Der Dortmunder Biologe und NABU-Experte Wolfhard Koth-Hohmann erklärt: „Der Mond beispielsweise bietet eine ultimative Orientierung.“ Das liege vor allem daran, dass er ein sich nicht bewegender Fixpunkt ist, der es den Insekten also sozusagen erlaubt, immer geradeaus zu fliegen. Fast jedes Einzelauge der komplexen Facettenaugen nimmt den Mond gleich war. Zwar sei die Richtung aufgrund der Erddrehung minimal verfälscht, erklärt Koth-Hohmann, diese 15 Grad pro Stunde seien jedoch „zu vernachlässigen“.

Eine nahe Lichtquelle hingegen wirkt anders auf Insekten: Nähern sich die Tiere beispielsweise einer Straßenlaterne, verschiebt sich deren Position im Bereich ihrer Komplexaugen: „Nahes Licht führt dazu, dass das Insekt immer enger werdende Spiralen fliegt und letztendlich in eine Art Lichtfalle tappt“, erklärt der Biologe.

Laternen mit vier Köpfen in der Dortmunder Fußgängerzone: Dauerbeleuchtung Tag und Nacht, obwohl dort im Dunkeln kaum jemand unterwegs ist. Durch die unteren Öffnungen gelangen Insekten in das Gehäuse. Häufig sterben sie bei Kontakt mit der Lichtquelle.

Hormonchaos bei Vögeln

„Durch die starke Beleuchtung im Stadtgebiet können Vögel mit den Jahreszeiten durcheinanderkommen“, erklärt Wolfhard Koth-Hohmann. „Ihre Hormone sind vom Verhältnis Licht-Dunkelheit abhängig. Im Sommer ist das 16 zu 8 Stunden, im Winter genau umgekehrt“, so der Biologe. Wenn es Nachts aufgrund übermäßiger Beleuchtung in Siedlungs- oder vor allem Gewerbegebieten sehr hell ist, werden zu einem falschen Zeitpunkt Hormone ausgeschüttet. Das könne dann sogar dazu führen, dass Vögel im Winter ihr Brutgeschäft aufnehmen. „Zu der Jahreszeit existiert aber keine Nahrungsgrundlage“, so Koth-Hohmann. Die Überlebenschancen für den Nachwuchs seien minimal.

Fehllenkung durch Lichtüberfluss

Neben den Insekten haben auch Vögel Orientierungsprobleme im Zusammenhang mit Lichtverschmutzung. „Vögel orientieren sich an Landmarken“, erklärt Koth-Hohmann. Problematisch können da Gebäude und Orte werden, die übermäßig und unnatürlich beleuchtet sind, Leuchttürme zum Beispiel. Es gebe Leuchttürme, erklärt der Biologe, die einen überdurchschnittlich hohen Vogelschlag haben. Vogelschlag heißt, dass die Tiere vor eine Wand oder Scheibe fliegen und sich dabei in der Regel verletzen oder gar sterben. Koth-Hohmann hat das selber an einem Leuchtturm beobachten können: „Da wird eine Schubkarre mit toten Tieren in der Woche weggeholt“, sagt er. Seine Erklärung: Die Tiere werden durch das helle Licht des Leuchtfeuers geblendet, sehen daher das Gebäude nicht mehr und fliegen gegen die Wand.

Lösungsansätze und Problemzonen

Bei der Einschätzung, ob gewisse Lichtquellen das Potenzial haben, Lichtverschmutzung zu verursachen und Lebewesen in ihrer Natur zu stören, komme es „auf Summe und Masse an“, so Koth-Hohmann. Besonders gefährlich seien beleuchtete Gebäude, Scheinwerfer oder auch Reklame. Auch Laternen können Tieren schaden. „Wir sprechen hier insbesondere von starken punktuellen Lichtquellen“, erklärt der Biologe.

In Übergröße prangt Bastian Schweinsteiger an einer Baustelle in der Innenstadt. Das Plakat ist hell beleuchtet – auch nachts.

Wolfhard Koth-Hohmann fragt sich, ob Verkehrswege auch nachts taghell sein müssen. „Das menschliche Auge passt sich der Beleuchtung an“, sagt er. Daher sei es gar nicht nötig, nachts das Beleuchtungslevel des Tages anzustreben.

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, um all diesen Problem vorzubeugen: „Besonders schonend sind Natrium-Dampflampen“, sagt Koth-Hohmann. Deren Licht sei zwar im Vergleich nicht besonders schön, jedoch ist es „für die Natur das Unschädlichste“. Sehr kurzwelliges, fast UV-artiges Licht, erklärt der NABU-Experte, sei am gefährlichsten, zumal einige Insekten UV-Strahlung wahrnehmen können.

Was sich sonst noch ändern ließe ...
  • Nächtliche Beleuchtung von Kulturdenkmälern regulieren

  • Weniger Beleuchtung in geschlossenen Läden

  • Beleuchtung ist nicht der einzige mögliche Schutz vor Einbrüchen

  • Alternative zur Ladenbeleuchtung zum Schutz vor Einbrechern: Alarmanlagen, Sicherheitsglas, Kameras
  • Bewegungsmelder sind eine Alternative zur Dauerbeleuchtung
  • Nachts nur jede zweite Straßenbeleuchtung aktivieren

Beitragsbilder: Roman Winkelhahn / KURT

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