Modelalltag: Jetset-Life wird zur Hängepartie

Einige junge Frauen und Männer sitzen Mundschutz tragend im Office der ebenfalls jungen Pariser Model-Agentur The Claw. Eine von ihnen, Buchungsagentin Mahara Diarte, erzählt mir, was sich alles im Alltag zwischen Agentur, Models und Kund*innen geändert hat und worin die größten Herausforderungen liegen.

Es ist Dienstag. Der einzige Tag der Woche, an dem das gesamte Team vor Ort arbeiten darf, anstatt von zu Hause oder unterwegs aus. Das stellt allerdings nur eine kleine der aktuellen Hürden dar, denn solange die Agent*innen Handy und Laptop bei sich haben, können sie von überall aus arbeiten. Die Zeit im Office wird für Meetings genutzt und vor allem, um den Team-Geist zu stärken. Ohne den geht’s nämlich nicht, da alle noch lernen, wie sie die Situation am besten bewältigen.

Auf Diartes Bildschirm sehe ich einen der Wochenpläne, der für jedes Model existiert. Darin organisieren die Agent*innen Castings, Meetings, Jobs und andere Projekte, die auf das jeweilige Model zukommen. Aktuell sehen die meisten Pläne eher mager aus und genau darin sieht Mahara Diarte die größte Challenge – die Models in dieser ungewöhnlich zähen Saison beschäftigt zu halten. Models, die in der Stadt sind, erwarten Projekte und Kund*innen treffen zu können, allerdings sind viele Kund*innen verängstigt durch Corona. Andere kleine Marken mussten ihr Unternehmen aufgeben, da das Geld nicht mehr reichte.

Die Persönlichkeit und Energie eines Models kann den Draht zum Kunde herstellen.

In dieser Industrie ist es wichtig, Menschen persönlich zu treffen, denn sie sind das, was die Branche ausmacht. Wenn ein Kunde ein Model auf Bildern sieht, dann kann er höchstens beurteilen, ob er den Look mag, spürt aber nicht die Aura und Energie der Person. Ein Funkeln in den Augen kann ausreichen, dass sich der Kunde letztendlich für das Model entscheidet. Doch ohne Meetings keine Jobs.

Neben den Agenturen werden auch die Models auf die Probe gestellt

Die wenigen Aufträge spiegeln sich in frustrierter Stimmung in der Model-WG wider. Einige Mädels wissen – trotz der Tatsache, dass sie sich in Paris befinden – nicht, wie sie die Zeit nutzen sollen und langweilen sich, vermissen ihre Familie und Freund*innen. Eine meiner Mitbewohnerinnen Lovisa sehnt sich nach ihrer Heimat Grönland, Morgane kann es kaum abwarten, die vertraute Mittelmeer-Luft wieder einatmen zu können. Ich als Deutsche bin ganz froh hier zu sein.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Missing work more than there are safety pins on this suit 🧷 🖤 by @brycethompson

Ein Beitrag geteilt von Lorena Rae 🦋 (@lorena) am

Wie sehr Models ihre Arbeit vermissen, zeigen sie auf Instagram, wie das deutsche Topmodel Lorena Rae.

Doch jeden Tag Geld für das Apartment auszugeben, ohne zu wissen, wann der nächste Job kommt, ist auch ein ungutes Gefühl. Meine Mitbewohnerin Tekla hat zu Hause zwei Kinder, die auf sie warten, und einen Mann, der das Unternehmen der beiden alleine managen muss. Gerade jetzt empfindet es Diarte als wichtig, transparent mit ihren Models zu sein und zu versuchen etwas für sie zu finden, sodass sie sich weiterhin wichtig fühlen.

Die Auswirkungen auf das Budget der Kunden können sehr groß sein.

So wie die einen vor Ort darauf warten, dass etwas passiert, sitzen die anderen in ihrem Heimatland fest und können nicht einreisen, wenn sie gebucht werden. Auf die Frage, wie man damit umgehe, erklärt Diarte: “Manchmal kann man nichts dagegen tun, weil die Grenzen geschlossen sind. Wenn ansonsten ein Kunde ein Model unbedingt möchte, muss er die 14 Tage Quarantäne eben abwarten und ein Hotel für diese Zeit für das Model buchen. Die Auswirkungen auf das Budget der Kunden können sehr groß sein.”

Fashion-Branche in der Krise
Auch Deutschlands größte Model-Agentur MGM wird von der Coronakrise hart getroffen, wie die Wirtschaftswoche im Mai berichtete. “Sämtliche Modelshootings sind vorübergehend eingestellt worden”, teilt Agentur-Chef und Gründer Marco Sinervo dem Magazin in einem Interview mit. Zum einen habe er Angst um das Geschäftsmodell seiner Agentur, zum anderen stelle er sich die Frage, wie viele seiner Kund*innen die Krise überleben werden. “Die Stimmung in der sonst so leichten und fröhlichen, wenn auch hysterischen Branche, ist extrem bedrückend”, sagt Sinervo. “Das ganze Auslandsgeschäft, das wir uns aufgebaut haben, ist tot.”

Auch wenn sich die Zukunft nur spekulieren lässt, ist Agentin Mahara Diarte positiv gestimmt und vermutet, dass in ein paar Monaten alles wieder in die alten Muster zurückfallen wird. Fest steht, dass sich die Branche gezwungenermaßen an ihr immer wandelndes Umfeld anpassen muss. Das dürfte der Model-Branche so leicht fallen wie keiner anderen. Denn schließlich tut sie genau das seit Jahren.

Beitragsbild: Lilli-Marie Enders

Mehr von Lilli-Marie Enders

US-Wahl: Warum Georgia die Schlüsselrolle für Joe Biden spielt

Herausforderer Joe Biden rückt einem Wahlsieg näher. Insgesamt liegt er mit 264...
Mehr...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.