Hobby Musicaldarstellerin – Zwischen Hörsaal und Probenraum

Während jemand in Zwangsjacke und mit zittriger Stimme den ersten Akt einleitet, liegt Laiendarstellerin Jule unter einem Leichentuch. Gleich singt sie das erste Lied – dabei war sie am Morgen noch mit ihrem Mathestudium beschäftigt.

Jule Giesenkirchen ist Laiendarstellerin an der Oper Dortmund. Foto: Jule Giesenkirchen

Zehn Uhr morgens. Es klingelt. Jule Giesenkirchen öffnet ihrer Freundin die Tür. Sie haben sich zum Lernen verabredet. Jule studiert  Mathematik an der Ruhr-Universität Bochum. Doch seitdem sie am Opernhaus spielt, ist ihr Studium für sie nebensächlich. „Wenn ich am Abend eine Vorstellung habe, gehe ich morgens um acht Uhr nicht zur Vorlesung“, sagt sie. In dieser Spielzeit verkörpert Jule Chris Hargensen im Stück „Carrie – Das Musical“ am Opernhaus Dortmund. Ein Horror-Musical basierend auf dem Roman von Stephen King.

Vor zwei Jahren haben zwei Mitschüler Jule gefragt, ob sie bei den OpernYoungsters am Opernhaus Dortmund mitmachen möchte. Die OpernYoungsters sind das Jugend-Laien-Ensemble der Oper Dortmund. „Jede*r kann mitmachen und vorsingen.

Partizipation am Theater Dortmund – Interview mit Regisseur Alexander Becker
Alexander Becker führt die Regie bei den OpernYoungsters. Foto: Alexander Becker

„Wir versuchen, uns so breit wie möglich aufzustellen, damit alle am Theater teilhaben können. Dabei merken wir, dass viele talentierte Jugendliche zu uns kommen, weil das Theater auch außerhalb von Dortmund bekannt ist. Und das ist schön. Daran merken wir, dass wir viel bewegen können. Wenn jemand sagt: ‚Ich habe noch nie Theater gemacht, möchte es aber machen.‘ Dann kann er oder sie das. Wenn jemand sagt: ‚Ich möchte singen.‘ Oder: ‚Ich bin erfahren, habe zwölf Jahre lang getanzt und möchte jetzt auf einer großen Bühne tanzen.‘ Dann geht auch das. Und wenn jemand sagt: ‚Ich bin Musiker und möchte gerne in einem anderen Projekt mitmachen.‘ Dann machen wir das möglich. Denn selbst wenn jemand nicht singen kann, so gibt es am Theater viele andere Möglichkeiten.“

In den Proben arbeiten der Regisseur, der musikalische Leiter und die Choreografen*innen mit den Jugendlichen. Dabei lernen sie auch die Abläufe in der Maske, im Kostüm, der Dramaturgie und Technik kennen. Alle können hinter die Kulissen schauen und als Hobby das ausüben, was Profis studieren.

Jules Start am Opernhaus Dortmund

Ohne Vorerfahrungen traut sich Jule und macht mit. „Ich liebe einfach die Musik. Schon seit ich klein bin, singe ich gern. Ich habe aber erst spät Gesangsunterricht genommen oder mich für das Musiktheater interessiert“, sagt Jule. Am Opernhaus Dortmund hat sie bereits an zwei Stücken mitgewirkt. Das Theater-Fieber hat sie erwischt. Beim Horror-Musical Carrie spielt sie eine der Hauptrollen: Chris Hargensen ist eine rebellische Schülerin und die größte Mobberin und Widersacherin von Carrie.

Die Handlung von „Carrie – Das Musical“

„Carrie – Das Musical“ basiert auf dem Horror-Roman „Carrie“ von Stephen King. Carrie White bekommt mit 17 Jahren im Sportunterricht zum ersten Mal ihre Tage. Ihre Mitschüler*innen lachen sie aus und mobben sie. Die Lehrerin Miss Gardner beruhigt Carrie und verlangt, dass sich alle bei ihr entschuldigen. Die Schüler*innen folgen dem – außer Chris Hargensen. Miss Gardner verbietet Chris daher, auf den Abschlussball zu gehen. Aus Rache will Chris Carrie auf dem Abschlussball einen Eimer voller Schweineblut über den Kopf schütten.

Chris‘ bester Freundin tut das Mobbing leid. Sie überredet ihren Freund, mit Carrie auf den Abschlussball zu gehen. Während sich Carrie auf den Abschlussball vorbereitet, entwickelt sie telepathische Kräfte. Chris‘ beste Freundin versucht noch, deren Racheakt aufzuhalten. Doch es ist zu spät. Das Blut läuft an Carries Körper herunter und sie tötet alle mit ihren telepathischen Kräften. Am Ende bringt Carries Mutter Carrie um und mit den letzten Atemzügen Carrie dann auch ihre Mutter. Chris‘ beste Freundin Sue findet alle leblos auf.

Die Chance, in eine andere Rolle zu schlüpfen, macht Jule am meisten Spaß. „Ich wusste nicht, dass ich mich so sehr in eine Rolle hineinsteigern kann. Aber jetzt bin ich aus freiem Willen mal so richtig wütend. Es macht total Spaß, einfach mal jemanden anzuschreien. Das mache ich sonst ja nicht“, erzählt Jule.

Die Zeit vergessen

Die OpernYoungsters posieren in einer Szene vor einer Kamera. Foto: Björn Hickmann

Beim Lernen fürs Studium drängt nun die Zeit. Der Wecker klingelt. „Verdammt“, sagt Jule. „Ich muss los.“ Heute Abend ist eine Vorstellung von Carrie. Jule verabschiedet sich von ihrer Freundin und fährt mit dem Auto los. Auf dem Weg will sie sich noch schnell etwas zu essen besorgen. Sie schaut auf die Uhr und sieht: 16.30 Uhr. Sie muss gleich da sein. „Wenn ich um 16 Uhr losfahre, ist auch noch Feierabendverkehr. Jetzt komme ich später, als ich gedacht habe.“

Angekommen am Opernhaus versucht sie, schnell zu ihrer Umkleide zu gehen. Am Bühneneingang rein und am Pförtner vorbei, der ihr die Tür öffnet. Dann durch die Gänge in die Umkleide. Dabei huscht sie an ihren Freund*innen vorbei mit einem kurzen: „Hallo, ich hab’s eilig, wir sehen uns gleich.“ In der Umkleide ist gerade niemand. Schnell zieht sich Jule das Kostüm für die erste Szene an: eine Schuluniform mit weißem Polo-Shirt und einer kurzen blauen Sporthose.

Routine hinter den Kulissen – Einsingen, Maske

Jetzt geht es zum Einsingen. Alle stehen im Foyer bereit. Am Flügel sitzt heute ein Mitglied aus dem Chor. Es duftet nach Brezeln, die für die Vorstellung bereitgestellt werden. Im Hintergrund werden Getränke nachgefüllt. Dann beginnen die Darsteller*innen, sich einzusingen. Zuerst wärmen sie ihren Körper mit ein paar Auflockerungs- und Dehnübungen auf. Anschließend singen sie Tonleitern mit verschiedenen Techniken. Techniken, mit denen sich auch die Profis aufwärmen.

Nach dem Einsingen holt Jule ihr Mikrofon und läuft weiter in die Maske. Hier kann sie entspannen. Sie kommt in den Raum und ein starker Geruch von Haarspray schlägt ihr entgegen. Sie setzt sich auf den gemütlichen Stuhl vor einen riesigen Spiegel und unterhält sich kurz mit der Maskenbildnerin. Diese setzt Jule eine Perücke auf und verklebt das Mikrofon. Um sie herum viele Pinsel, Kartuschen mit Schminke und weitere Perücken für die anderen Darsteller*innen. Jule genießt die ruhige Atmosphäre und die Pinselstriche über ihr Gesicht. Dass es gleich losgeht, macht sie nicht nervös. „Nervös war ich nie.  Aber hibbelig und sehr aufgeregt. Vor Freude, weil ich richtig Bock darauf hatte. Mir hilft es sehr, an mich zu glauben. Man muss sich einfach trauen“, sagt sie.

Der Ort des Geschehens – Soundcheck und letzte Vorbereitungen

Carries Mutter Margaret White (Susanne Panzer) wirft Bücher auf Carrie White (Tabitha Affeldt), als Carrie ihr erzählt, dass sie gesündigt hat. Foto: Björn Hickmann

Fertig geschminkt geht Jule zum Soundcheck. Sie kommt heute zum ersten Mal in den Raum, in dem sie gleich das Musical spielt. Ein kleiner, sehr tiefer Kellerraum des Theaters. Der Operntreff. Der Duft von Moltonvorhängen, Holzparkett und frisch gestrichener Farbe hängt in der Luft. Auf der linken Seite baut sich die kleine Tribüne für die maximal 100 Zuschauer*innen auf. Auf der rechten Seite lässt sich hinter einem durchlässigen, schwarzen Vorhang die Band erahnen. Daneben die Hauptbühne.

Bis auf die kleine Tribüne ist alles auf Bodenhöhe. Die Zuschauer*innen müssen über die Bühne gehen, um zu ihren Plätzen zu gelangen. Der ganze Raum ist in einer düsteren Atmosphäre gestaltet. Verbranntes Holz, Asche, Absperrbänder, Barrikaden und ein Schriftzug: „Carrie White frisst Scheiße.“ Die Zuschauer*innen sitzen mittendrin. Der Raum ist die Bühne.

Um Jule herum herrscht Hektik. Leute aus der Maske, von der Technik und andere Darsteller*innen, die noch Sachen für die Show zusammensuchen, laufen hinter ihr her und um sie herum. Jetzt ist Jule mit dem Soundcheck dran. Sie muss Zeilen oder Gesangsstellen aus dem Musical vorsprechen oder singen. Der Tontechniker stellt dabei das Mikrofon ein. Nach ein paar Zeilen Text ist das Ganze vorbei. In 30 Minuten beginnt die Aufführung.

Gemeinschaft ist das Beste

In den letzten paar Minuten macht Jule das, was sie an dem Tag noch nicht geschafft hat: sich mit ihren Freund*innen unterhalten. Hier hat sie nämlich für sich eine Gruppe von herzensguten Menschen gefunden, bei der sie so sein kann, wie sie ist, erzählt Jule. „Ich habe das Gefühl, alle sind mega nett und offen und niemand verurteilt einen. Was ich besonders mag: Ich kann meine Eigenheiten ausleben. Denn ich habe das Gefühl, die anderen Leute machen das auch“, sagt sie.

Genau das macht für Jule die Theatergruppe besonders: Die Möglichkeit, wie ein Profi auf der Bühne zu stehen und neue Interessen zu finden. Und viel wichtiger: die Gemeinschaft. Eine Gruppe, in der sie so sein kann, wie sie ist und in der alle herzlich miteinander umgehen. Eine Gruppe, in der zugehört und geholfen wird, wenn es jemandem nicht gut geht. So beschreibt Jule es.

Kurz vor dem Auftritt

Der Regisseur ruft zur letzten Besprechung vor der Aufführung. Alle treffen sich zu einem Kreis vor der Bühne. Sie halten ihre Hände in die Mitte und wünschen einander toi, toi, toi. Jule schnappt sich ihr Leichentuch und begibt sich an ihren Platz. Der Regisseur ruft: „Alle auf eure Plätze, wir beginnen mit dem Einlass.“ 15 Minuten wartet Jule dort auf dem Boden und versucht, kein Geräusch von sich zu geben. Sie atmet nur leicht.

Liegend und von den einströmenden Menschen umgeben, kann sie gerade so durch einen kleinen Spalt des Leichentuchs die Füße der Menschen sehen. Mittlerweile ist der Raum so ausgeleuchtet, dass die roten und blauen Rundumleuchten ihn wie einen Tatort erscheinen lassen. Jule hört, wie die Menschen rätseln, ob unter den Leichentüchern echte Menschen liegen. Ein Zeichen für sie, dass sie still genug liegt. Jetzt heißt es warten, bis die Musik beginnt. Sie ist voller Vorfreude, heute ein weiteres Mal Chris Hargensen zu spielen. Scheinwerfer an, Showtime.

 

Beitragsbild: Björn Hickmann

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