
Angefangen als kleine Gruppe engagierter Ehrenamtlicher, sind die „Nachtschwärmer” heute ein wichtiger Bestandteil der Hilfe für Obdachlose in Essen. Im Winter fahren sie Woche für Woche durch die Stadt, um Menschen auf der Straße zu unterstützen. Was sie in einer Fahrt erleben, begleitete diese Reportage im vergangenen Winter.
Kühler Wind weht über die Essener Nordstadt an diesem Samstagabend Ende Februar. In den Einkaufsstraßen glitzern PartygängerInnen in Paillettenstoff und Silberschmuck unter dunklem Himmel. Licht und Musik dröhnen durch geschlossene Fenster und Türen, bis zum menschenleeren Parkplatz um die Ecke.
Dort stehen Jörg und Claudia in dicken Winterjacken und ziehen neonfarbene Sicherheitswesten über mit der Aufschrift „ehrenamtliche Obdachlosenhilfe“. Gemeinsam überprüfen sie die Kisten im Stauraum eines kleinen weißen Vans. „Ich bin mal gespannt, ob wir Daniel* heute finden“, meint Jörg, als er den Bestand an warmer Kleidung und Schlafsäcken überprüft. Claudia faltet eine große, braune Decke auf dem Hintersitz, die sie einer Frau im sogenannten „Horrorhaus“ bringen möchte.
Jörg und Claudia gehören zu den „Nachtschwärmern“ bei Lebens(T)raum – eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft, die es sich zur Aufgabe macht, „Menschen am Rande der Gesellschaft“ zu helfen. Als „Nachtschwärmer“ fahren sie zu jenen, die nicht selbst auf die Suche nach Hilfe gehen, diese aber brauchen. Besonders in den dunklen und kalten Winternächten machen sich die Helfenden Sorgen: In welchem Zustand werden sie ihre Schützlinge antreffen? Oder schlimmer: Finden Sie diese überhaupt?
Wo die Suche beginnt
Jörg und Claudia fahren die Route einer verschlüsselten, digitalen Karte ab, auf der sie Obdachlose team-intern vermerken und versuchen, beim nächsten Mal wieder anzutreffen. An den ersten Punkten finden sie heute höchstens Lebenszeichen. Ein Rollstuhl und ein paar Decken in einem Container, der Stammplatz eines Pärchens. Oder aber keine einzige Spur, wie im Wald, auf der Suche nach dem „Catweazle“, wie Jörg ihn nennt: Ein Mann, den er mal unter einem Unterschlupf aus Ästen gefunden hat.
Die Nachtschwärmer wenden sich denen zu, die sich ihnen nicht von selbst zuwenden. Ein Teil dieser Realität ist so ein Moment: Wenn sie mit einem noch vollgefüllten Van und dem eigenen Tankgeld – am Ende des Jahres gibt es nur eine kleine Rückzahlung durch eine finanzielle Unterstützung der Stadt – vergeblich nach Bedürftigen suchen. Das Nichtantreffen ist so ereignislos wie emotional herausfordernd. „Sorgen machen wir uns, wenn das öfter passiert oder wenn man schon weiß, dass etwas vorgefallen ist. Sollte man jemanden schon lange nicht angetroffen haben“, meint Jörg, „kriegt man meistens auch nicht mehr raus, was passiert ist.“
Wo niemand hingeht
„Horrorhaus“ (22:40). Eine sechsstöckige, verlassene Filiale. Sie steht dunkel und unauffällig zwischen ein paar Reihenhäusern. Jörg und Claudia packen den Van aus. Sie werfen mehrere 5-Minuten-Terrinen, Tee und Süßigkeiten in einen großen Rucksack, Claudia nimmt die braune Decke mit. Die Eingangstür ist seitlich an einem Hofeingang versteckt. Als Jörg sie öffnet und eintritt, strömt die verlassene Atmosphäre allen Sinnen entgegen: Man fühlt den Staub und den Dreck an den Händen, hört das Plastik, die Steinbrocken und den Dreck unter den Schuhsohlen, riecht den Schimmel und den Urin, und vor allem: sieht eine graubraune Ansammlung aus Müll und Schutt.
Claudia ruft laut „Obdachlosenhilfe“. Doch kein Gegenruf ertönt. Ehe sie die Treppen hochsteigen, entdeckt Jörg von Weitem eine rotbraune Decke und läuft darauf zu. Sie liegt ganz hinten, umrandet von gestapelten Steinplatten. Sein Blick weitet sich mit Überraschung, als er sich hinkniet. Der Schlafplatz ist leer, doch eine frische menschliche Spur steht am Fußende: ein paar Topfblumen, ein kleiner bunter und lebendiger Fleck.

Die Treppenstufen auf dem Weg nach oben sind nur das, was davon übrig ist. Die oberen Schichten sind abgebröckelt, meist so sehr, dass die Stufen auf unterschiedlich versetzten Höhen liegen. Claudia und Jörg behalten den jeweils anderen durchgehend im Augenwinkel, entfernen sich nie weiter als fünf Meter voneinander.
Auf der dritten Etage bemerkt Claudia ein Bein. Ein Mann, der dort inmitten von Klamotten und Tüten und Verpackungen ausharrt, in einen tiefen Schlaf versunken. Sie ruft Jörg. Mit behutsamer Stimme versuchen sie, den Mann zu wecken. Für die Helfenden gilt es abzuwägen, ob es sich lohnt, eine schlafende Person zu wecken, um ihr zu helfen. Da der Mann nicht reagiert, gehen sie weiter. „Ich denke einfach“, meint Jörg dazu im Nachgang, „viele sind dankbar, wenn sie endlich in den Schlaf gefunden haben.“ Claudia lässt die braune Decke dort liegen. Sie hofft, dass die Frau sie findet, die sonst in diesen Räumen schläft. Heute ist das einzige Lebenszeichen von ihr ein Strauß blühender, rosa Tulpen.
Auf der vierten Etage stößt Claudias Ruf „Obdachlosenhilfe!“ das erste Mal auf eine Reaktion. Ein leises „Hier“ ist zu verstehen, die beiden Helfenden versuchen, es ausfindig zu machen. Ein Mann aus dünner Haut und Knochen, eingepackt in eine schmale, schwarze Hose und ein graues T-Shirt, kriecht aus den Überresten eines Türrahmens hervor. Er lächelt den Helfenden entgegen und bedankt sich mehrfach, als sie ihm zwei Suppen, ein paar Süßigkeiten und einen warmen Kaffee hinstellen. Er geht mit Jörg und Claudia über die Etage, hilft auf der Suche nach weiteren Personen. Als sie sich verabschieden, meint der Mann noch: „Ich bin übrigens Theo*.“

Wo jedem Hilfe zusteht
Laut Wohnungsbericht des Jahres 2024 der Bundesregierung haben mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland keine Wohnung – eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2022. Der Großteil von ihnen kann ein Leben auf der Straße vermeiden, etwa, indem sie bei Bekannten unterkommen. Doch angesichts Wohnungsknappheit und steigenden Preisen dürfte die Zahl beider Gruppen – Wohnungslosen und Obdachlosen – steigen. Zu letzteren gibt es keine amtliche Statistik, in vorhandenen geht meist die Zahl nicht gemeldeter Obdachlosen, die Dunkelziffer, unter. Auch Jörg und Claudia sagen, sie nähmen eine deutliche Verdichtung der Obdachlosigkeit wahr.
Im Sozialgesetzbuch Deutschlands ist festgelegt, dass Menschen in besonders schwierigen Lebensverhältnissen oder sozialen Schwierigkeiten Hilfe und Unterstützung zustehen. Außerdem ist Wohnen ein Menschenrecht. Die Gründe dafür, dass einige Obdachlose nicht auf die Hilfsangebote zugehen, sind vielfältig: Einige sehen den Staat als Gegner an, etwa, wenn sie wieder aus der Innenstadt gescheucht werden. Oftmals sind die Hilfsangebote wie Notunterkünfte aber auch in einem sehr desolaten Zustand. Andere sind schwer alkoholabhängig oder psychisch stark belastet – um sich Hilfe zu holen, braucht es Eigeninitiative, die einige nicht mehr aufbringen können oder wollen.
Als Nachtschwärmer ergreifen die Helfenden zwar die notwendige Initiative. Jörg und Claudia sind zusätzlich aber auch als Streetworker bei Lebens(T)raum aktiv – und um Perspektiven aus der Obdachlosigkeit zu erarbeiten, sind sie darauf angewiesen, dass die Bedürftigen kooperativ sind. „Nur denen können wir helfen“, meint Jörg. Für ihn ist klar: Bei der langfristigen Hilfe, dem Weg aus der Obdachlosigkeit, geht es um Zusammenarbeit.
Wo es jeder sehen kann
Einkaufspassagen (23.30). Das Nachtleben ist inzwischen in Gänze von den Straßen hinter die Türen und Fenster der Stadt gewandert. Nur noch in dicke Jacken eingehüllt trauen sich einzelne PartygängerInnen vor die Tür. Vor dunklen Geschäften treffen Claudia und Jörg auf neue und auf bekannte Gesichter. Eine Frau mit Hut und Sonnenbrille bittet um Kaffee, Suppe und Schokolade, wie jede Woche – „the same procedure as every week“, lächelt Claudia und die Frau grinst.
U-Bahn-Station (00.15). Claudia und Jörg werden von einem lauten Knurren begrüßt, als sie auf Aufpasserin „Tapsi“ treffen – die kleine, elfeinhalbjährige Hündin, dem Anschein nach eine Malteserin, weckt mit ihrem Gebelle drei Männer, die um sie verteilt auf dem Boden des U-Bahn-Eingangs liegen. Als Claudia und Jörg zum Van laufen, um ihnen etwas Warmes zu trinken und zu essen zu bringen, folgt ihnen einer der Männer, er hat weißes Haar und eine helle Wollmütze auf dem Kopf. Er erzählt Claudia, dass es ihm besser ginge. Als sie ihn letzte Woche besucht hatte, war er gerade aus dem Krankenhaus gekommen.
Theater (00.55). Vor einem Theater halten Claudia und Jörg auf der Suche nach einem Professor. Er schläft hier sonst an einem hinteren Eingang. Wie ein ehemaliger Professor auf der Straße landet? Für Jörg ein Rätsel, er hatte den Mann mal darauf angesprochen, er habe wirr geredet. Heute ist er nicht da. „Um die Zeit? Wundert mich“, meint Jörge, nachdem er sich etwas umgeschaut hat, steigt er wieder ein.
Innenstadt (1.00). An den Partyhotspots, den feiernden Menschen und den Lichtern vorbei finden Jörg und Claudia an einer Hauptstraße vor einem Geschäft sitzend ein bekanntes Gesicht. Als sie wenige Meter vor ihm parken, schaut er auf. „Hey“, ruft Jörg aus dem Fenster und steigt aus, „können wir dir was gutes tun?“, fragt er. Der Mann besteht darauf, nur eine Sache anzunehmen. Während Claudia also eine Suppe aufgießt, meint Jörg zu ihm: „Sonst biste doch immer schon am Schlafen.“ Der volle Bart des Mannes umrandet sein leichtes Lächeln. „Jetzt bin ich ausnahmsweise mal wach.“
Als Claudia wieder den Motor zündet, schaut Jörg dem Mann noch nach, während dieser seine Suppe isst. Das letzte Mal, als Jörg ihn mit etwas Warmen versorgt hatte, hatte der Mann ihm einen Euro gegeben, erzählt Jörg. Claudia grinst überrascht. Jörg schüttelt lächelnd den Kopf. „Wollte er unbedingt machen.“
Wo die Empathie an der Gradlinie wandert
Zwanzig Minuten später entdecken die beiden einen an eine Laterne gelehnten Mann. Sie fragen ihn, ob er etwas möchte, eine Frau kommt hinzu, kurz danach noch zwei Männer. Jörg und Claudia versorgen sie mit Heißgetränken und Süßigkeiten, von Weitem beobachten zwei Männer das Geschehen. Nachdem die Bedürftigen sich bedankt und verabschiedet haben, nähern sich die Männer etwas unentschlossen dem Van. Als Jörg ihren Blick einfängt, beginnt der eine Mann zu erzählen. Er hat einen dunklen Bart und eine etwas breitere Statur. „Letztens hat mich ein Obdachloser angeatmet“, meint er, „also so“, sagt er noch und haucht laut Luft aus dem Mund aus. Seitdem kriege er schlechter Luft. Jörg hält einen Moment inne und hält Augenkontakt zu ihm, bevor er antwortet. „Hast du dich geekelt, oder was?“ Der Mann zuckt mit den Schultern und murmelt „Ja.“ Jörg stemmt die Hände an die Seiten. „Die sind nicht giftig“, meint er. Da kommt Claudia um die Ecke. „Hier“, meint sie und streckt dem Mann ein Eukalyptus-Bonbon entgegen. „Das dürfte gegen deine Atemprobleme helfen.“ Jörg und Claudia lachen, und sogar der Freund des Mannes kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Wo man sich auf den Grund besinnt
Bahnhof (1.30). Claudia wartet an einer Rolltreppe, als Jörg einen Mann in der hintersten Ecke der Etage entdeckt, in sich zusammengekauert auf einem Sitzplatz, mit dem Kopf auf den Oberschenkeln. Jörg setzt sich daneben, der Mann schaut überrascht auf, als Jörg zu reden beginnt. Claudia beobachtet die Szene aus der Ferne, etwa nach einer Minute kommt Jörg zurück. Jörg erzählt, der Mann hätte sich schwer damit getan, zuzugeben, dass er auf der Straße lebt. Zuerst habe Jörg ihn gefragt, ob er auf der Durchreise war, worauf der Mann nicht klar antwortete. „Schläfst du hier?“, habe er gefragt, und der Mann habe beschämt genickt, ebenfalls, als Jörg ihn fragte, ob er Essen oder einen Schlafsack brauche. „Dann ist heute Weihnachten für dich“, habe Jörg gesagt, und nun läuft er zurück vom Van mit Suppe, Kaffee, Isomatte und Schlafsack. Der Mann nimmt es mit gesenktem Blick entgegen und bedankt sich, mehrfach.
Hier endet die Schicht für Jörg und Claudia. Daniel und die Dame aus dem Hochhaus haben sie nicht getroffen. Gewissheit gibt es bei den Fahrten der Nachtschwärmer eben kaum. „Auch wenn ich das jetzt schon seit zwei Jahren mache, gibt es immer wieder Momente der Überraschung, des Erstaunens – und auch der Ratlosigkeit, des Unverständnisses“, meint Jörg. Stattdessen aber haben Claudia und Jörg an diesem Abend viereinhalb Stunden lang mehrere Dutzend Menschen mit Wärme versorgt – ob in Form von Essen, Kleidung, oder einem wohltuenden Gespräch.
Als sich Jörg auf die Rolltreppe des Hauptbahnhofs stellt, schon auf dem Weg zum Auto und nach Hause ist, dreht er sich noch einmal um. Der Mann, dem er zuletzt geholfen – dem er „Weihnachten beschert hat“ – steht da und grinst. „Hast du das Lächeln in seinem Gesicht gesehen?“, fragt Jörg Claudia. „Genau dafür lohnt es sich!“
* Anmerkung: Die Namen der Bedürftigen wurden zu deren Schutz geändert.
Beitragsbild: pexels.com/Brett Sayles
