Endlich angekommen?

Junge Geflüchtete, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind, bauen sich hier ein neues Leben auf. Wie gelingt ihnen das? Wie gehen sie mit ihren Erinnerungen um? Fünf Geschichten.

Text/Foto: Salome Berblinger 26. Januar 2018.

Campus statt Militärposten
Mohammed Kabi (23) wollte weiter studieren – und musste deshalb aus Syrien fliehen.

In seine Tasche hatte Mohammed eine Krawatte gepackt. Wegen des Krieges hatte er sie in Syrien nie getragen. Und Kopfhörer. Denn Mohammed hört lieber der Musik zu als den Menschen. „Da muss ich mir weniger Sorgen machen“, sagt er. Seine Tasche hat er verloren, als das Boot auf der Flucht vor der griechischen Küste kenterte. Nur Mohammeds Smartphone hat überlebt, weil es wasserdicht war. Darauf zeigt er Bilder von Männern, Frauen und Kindern mit Rucksäcken, die über die Grenze von Mazedonien nach Serbien laufen.

In Syrien sollte Mohammed mit 18 Jahren zum Militär. Das wollte er nicht, deshalb ging er nicht hin. Er studierte stattdessen französische Literatur. Eines Tages sollte er seinen Militärdienst nachweisen – und konnte das nicht. Mohammed wollte nicht Teil des Krieges werden, deshalb verschwand er aus Aleppo.

Momentan ist der 23-Jährige Gasthörer an der Ruhr-Universität in Bochum. Er besucht Vorlesungen in den Fächern Politik- und Sozialwissenschaften und Psychologie. Regelmäßig verbringt er Zeit in der Universitätsbibliothek der TU Dortmund. Dort bereitet er sich auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) vor, die er bestehen muss, um ein Studium in Deutschland beginnen zu können. Vorausgesetzt, Mohammed darf bleiben. Bis zum September letzten Jahres war ihm subsidiärer Schutz gewährt. Subsidiären Schutz bekommen Geflüchtete, die in ihrem Heimatland einem ernsthaften Schaden ausgesetzt würden, beispielsweise einem bewaffneten Konflikt wie dem in Syrien. Wie es in den nächsten Jahren weitergeht, weiß er nicht. Eigentlich ist es ihm auch egal. „Ich kann sowieso nichts machen. Wenn die Stadt sagt, ich muss gehen, dann gehe ich“, sagt er. Mohammed wollte nicht unbedingt nach Deutschland. Aber es war das erste Land, das ihm erlaubte, zu bleiben. Was Mohammed am liebsten studieren würde? Kommunikationswissenschaft oder Journalistik. „Aber alle sagen, da findet man keine Arbeit“, sagt er.

Einen Deutschkurs darf erst beantragen, wer einen Aufenthaltstitel hat. Das kann bis zu einem Jahr dauern. Nach seiner Ankunft im September 2015 saß Mohammed die ersten zehn Monate den gesamten Tag in einer Unterkunft in Kamen und teilte sich einen Raum mit vier anderen Geflüchteten aus Ghana, Bangladesch und Syrien. Es war schwierig, sich gegenseitig zu verstehen, erzählt Mohammed. Und viel zu laut, um sich auf das Deutsch-Lernen konzentrieren zu können. „Dann sitzt man da im Multikulti-Zimmer und weiß nicht wie es weitergehen soll“, sagt er.

Mohammed hat viele deutsche Freunde, die er unter anderem über das Projekt „ProMensch Kamen“ kennengelernt hat. Dort übersetzt er für Geflüchtete, die weder Englisch noch Deutsch können. „Ich bin angekommen“, sagt Mohammed. Besonders geholfen haben ihm dabei die Kontakte zu seinen deutschen Freunden. Über „ProMensch Kamen“ hat Mohammed auch eine Wohnung gefunden. Die Besichtigung lief gut und die Vermieterin war freundlich und hilfsbereit – sie hatte zuvor ein Interview mit Mohammed in der Zeitung gelesen. Mohammed hatte darin seine Geschichte erzählt.

Weil Mohammed gut Englisch spricht, fällt es ihm relativ leicht, in Deutschland zurecht zu kommen. Und doch sei der schönste Moment hier gewesen, als er das erste Mal ausschließlich auf Deutsch mit einem guten Freund gesprochen habe. „Ich liebe die deutsche Sprache. Es gibt so viele Synonyme, man kann tolle Gedichte schreiben“, sagt er und zählt viele Sprichwörter und Redewendungen auf. „Abends werden in Deutschland die Bürgersteige hochgeklappt – da geht ab 18 Uhr gar nichts mehr“, sagt Mohammed und lacht.

„Nie wieder zurück“
Shamil Al Quasim (20) ist Jeside, kommt aus dem Irak – und floh vor dem sogenannten IS.

Es ist schlimmer als jeder Katastrophenfilm. Die Straßen sind voller schreiender Menschen. Niemand weiß, was im nächsten Moment passiert. So erzählt Shamil Al Quasim vom 3. August 2014. Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) rücken nach Schindschar, eine Stadt im Irak, vor. Die Terroristen schießen Menschen nieder. Und sie zielen weiter auf die bereits toten Körper. Warum? Weil die Opfer Jesiden sind, eine religiöse Minderheit, die sich weigert, zum Islam überzutreten. Shamil und seine Familie zögern nicht. Ohne über Geld oder Kleidung nachzudenken, steigen sie in einen Hyundai und fahren raus aus der Stadt.
„Ich gehe nie wieder zurück. Niemals. Auch nicht, wenn ich älter bin, verheiratet bin, Kinder habe“, sagt der heute 20-Jährige. Mitgebracht hat er nur sein Handy, sonst nichts. Die Sim-Karte hatte er unter seiner Zunge versteckt, als ihn griechische Beamte hinter der Grenze zur Türkei aufsammelten.

Shamil, sein Vater und seine zwei Schwestern trafen am 4. Januar 2016 in Deutschland ein. Shamils Mutter ist noch im Camp in der Türkei – sie war körperlich nicht fit genug für die weite Reise. Nach acht Monaten im Dortmunder Camp Hörde Syburg wurden sie zu viert in ein Zimmer in der Nordstadt einquartiert: sieben mal vier Quadratmeter klein.

Doch Shamil wollte eine richtige Wohnung für sich und seine Familie. Nachdem sie zwei Jahre auf der Flucht gewesen waren und in Zelten geschlafen hatten. Shamil ging zur Ausländerbehörde. Zum Sozialamt. Zum Jobcenter. Er fragte sich, wie er eine Wohnung finden solle, ohne Deutsch zu können. Er suchte im Netz. Die Wohnung dürfe höchstens 95 Quadratmeter haben, höchstens 633 Euro kosten – so die Vorgaben des Sozialamtes. Das Amt hat bei der Suche geholfen und eine Wohnung für Shamil und seine Familie gefunden. Sie wohnen jetzt in Dortmund-Wickede und es gefällt ihnen dort sehr gut. Seine Familie darf Integrationskurse besuchen, sie alle lernen Deutsch.

„Manchmal liege ich nachts wach und habe 1000 Fragzeichen im Kopf. Wer bin ich? Was mache ich hier? Wie geht es weiter?“, sagt er. Shamil möchte studieren, zum Beispiel Englisch und Geschichte auf Lehramt. Vielleicht auch Physik, wenn das nicht zu schwierig ist, sagt er. Momentan geht er in die 9. Klasse des Robert-Bosch Berufskollegs. Er wartet auf sein irakisches Zeugnis. Shamil hat im Irak 13 Jahre lang die Schule besucht, er möchte nicht alles wiederholen. Sein Bruder ist nicht mitgeflohen und wird ihm das Zeugnis bald zuschicken können. Derzeit macht Shamil beim Programm „Adam’s Corner“ vom Projekt „Angekommen“ der Stadt Dortmund mit. Er kann so an schulergänzendem Unterricht, an einem Sprachkurs und an Fußballtraining teilnehmen. Der Sport macht Shamil Spaß und er lernt viele Leute kennen, die wir er auch geflüchtet sind.

Verstümmelt und zwangsverheiratet
Bintou Bojang (23) floh aus Gambia und kämpft heute für Frauenrechte.

Lass uns Krokodile töten gehen – so lockte man die elfjährige Bintou Bojang, mitzukommen. Doch statt eines Abenteuers erwartete sie ein Albtraum: Sie wurde Opfer einer Genitalverstümmelung. Vor oder während der Pubertät werden viele Mädchen in Gambia im Genitalbereich beschnitten. Die sogenannte Female Genital Muliation, kurz FGM, ist die Voraussetzung, einen Mann des Mandinka-Stammes heiraten zu dürfen. Es ist eine Tradition, die bis heute in vielen Ländern praktiziert wird. FGM ist Bestandteil der Kultur und wird nicht – wie oft angenommen – religiös begründet, erzählt Bintou.

Mit 16 Jahren wurde Bintou zwangsverheiratet. Für ihren Ehemann war sie die vierte Frau. Er hatte Bintous Vater viel Geld für die Hochzeit gezahlt. Trotzdem besuchte Bintou weiter die Schule. Zuerst eine Koran-Schule, später eine von der methodistischen Kirche geförderte Mädchenschule. Dort erzählte Bintou von den Schmerzen, die sie während der Verstümmelung erlitten hatte, und von den Infektionen und Entzündungen, die darauf folgten. Damit durchbrach sie die „Kultur der Stille“, wie sie sagt. Denn FGM gilt als Tabu-Thema, aber Bintou sprach. „Und je mehr ich darüber spreche, desto besser geht es mir“, sagt die heute 23-Jährige.
Bintou flüchtete 2012 und war zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig. Sie konnte ihre Erlebnisse des FGM in ihrem Heimatland nicht verarbeiten, litt unter der Zwangsverheiratung und ihrem Vater. Ihre Schule und die Kirche unterstützten sie bei der Flucht. Sie bezahlten die Menschenschmuggler, die Bintou von Gambia zunächst nach Libyen brachten und dann über das Meer bis nach Europa und anschließend nach Deutschland.

Hier hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. Sie habe nun alles was sie brauche: eine abgeschlossene Ausbildung als Köchin, eine Wohnung, einen kleinen Sohn. Wenn alles klappt, will Bintou ein Studium der Politikwissenschaften aufnehmen. Und will sich damit nicht zufriedengeben. Bintou ist die Landeskoordinatorin von „Jugendliche ohne Grenzen“ – eine selbstorganisierte Initiative von unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten. Sie organisiert Demonstrationen parallel zu Innenministerkonferenzen und leitet Workshops für junge Geflüchtete: Wie reagiert man, wenn man Rassismus erfährt? Gehen die Menschen in Deutschland anders miteinander um als in der Heimat? Bintou spricht aus Erfahrung. Während eines Praktikums in einem Hotel sollte sie das Restaurant meiden, während Gäste dort speisten. Um das Buffet außerhalb der Öffnungszeiten auf- und abzubauen, dafür sei sie dann gut genug gewesen. „Das tut mir weh. Ich bin auch ein Mensch“, sagt sie.

Bintou will anderen Mädchen und Frauen helfen. Sie will für das Thema FGM sensibilisieren und Frauen ermutigen, darüber zu sprechen. „Wir Frauen müssen unsere Augen öffnen“, sagt sie. In Deutschland, aber auch vor Ort in Ländern wie Gambia, Somalia, dem Senegal, Syrien, Afghanistan. Dafür startete sie 2015 in Dortmund ein Projekt gegen FGM des Vereins TABU e.V. Es heißt „The Innocent Crocodile“ – in Anspielung auf die Lüge, mit der Bintou zum Ort ihrer Genitalverstümmelung gelockt wurde. Noch immer lassen Mütter zu, dass ihre eigenen Töchter verstümmelt werden. Sie sind gefangen in der Tradition, die schon die Großeltern und Urgroßeltern durchgeführt haben. Die Angst vor sozialer Ausgrenzung ist groß, beschreibt Bintou.

„Niemand flieht ohne Grund“, sagt Bintou. Sie kämpft deshalb dafür, dass Genitalverstümmelung als Asylgrund anerkannt wird und dafür, dass betroffene Mädchen und Frauen bleiben dürfen. Zu diesem Thema hat Bintou bereits im Bundestag gesprochen. Es gilt, nicht nur Mädchen davor zu schützen, sondern auch Frauen, die FGM bereits erfahren haben, medizinisch und psychologisch zu betreuen. „Ich bin selbst traumatisiert. Hatte lange Angst, dass mich mein Vater zurückholt. Es kommt alles immer wieder in meinen Kopf und ich kann manchmal nachts nicht schlafen“, erzählt sie. Bintou hat eine Betreuerin, die ihr in ihrem Alltag hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Denn Bintou erträgt es nur schwer, zu wissen, dass weiterhin Millionen von Mädchen erleiden müssen, was sie am eigenen Körper erfahren hat.

Flucht mit dem Flugzeug
Basem Baker (27) sollte Bomben für die Regierung bauen.

Er studierte im Master Biochemie. Deshalb klopften eines Tages syrische Polizisten an seine Haustür. Sie drängten Basem Baker dazu, auf der Stelle einen Brief der Regierung zu lesen. Basem sollte sich dazu verpflichten, der Armee zu dienen, indem er für sie Bomben baute. Oder indem er seinen Master in Russland und dem Iran fortsetze, dort „Kenntnisse“ erwerbe und dabei eng mit der Regierung zusammenarbeite. Doch Basem wollte den Forderungen der Regierung nicht nachzukommen. Stattdessen floh er in die Türkei, erzählt er.

Nicht mit dem Boot. Nicht zu Fuß. Ganz ohne Schlepper. Mit dem Flugzeug floh Basem im März 2015 aus der Türkei weiter nach Deutschland. Er hatte nach Möglichkeiten gesucht, in Deutschland ein Studium zu beginnen. Ein syrischer Freund in Dortmund riet Basem, sich mit seinen Zeugnissen an der TU zu bewerben. Er könne eine Zulassung erhalten, vorausgesetzt er bringe ausreichend Deutschkenntnisse mit. In der Deutschen Botschaft in Beirut im Libanon erhielt Basem auf Antrag ein Visum, um in Deutschland studieren zu können. Hier angekommen kam er bei seinem Freund in Salzbergen unter, einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen direkt an der Grenze zu NRW. Noch heute fällt es ihm schwer, dort Kontakte zu knüpfen. Die meiste Zeit verbringt Basem im Zug auf dem Weg an die TU und dort im Sprachkurs. Bezahlen muss er den selbst; kostenfrei sind Integrationskurse nur bis zum Abschluss des B1-Niveaus. Das reicht aber nicht, um ein Studium zu beginnen. Dafür braucht er die DSH-Prüfung. Anschließend kann er endlich sein Studium fortsetzen und nach Dortmund ziehen. Vorher ist ihm dies gesetzlich verboten. Basem hat viele Fragen zu seiner Ummeldung und der Aufnahme eines Studiums. Er weiß nicht, wer sie ihm beantworten kann, erzählt er. Vom Jobcenter werde er zur Caritas geschickt und von dort zur Ausländerbehörde oder zum Sozialamt.

Einen Asylantrag hat Basem nach seiner Ankunft in Deutschland auch gestellt – und einen Aufenthaltstitel für drei Jahre erhalten. Basem ist Kurde. „In meinem Heimatland darf ich meine Muttersprache nicht sprechen und kurdische Feste nicht feiern“, erzählt er. In Deutschland müsse er seine Sprache und Kultur nicht verbergen. „Hier kommt keine Polizei, die mir sagt, ich dürfe nur auf Deutsch sprechen. Das ist Deutschland. Das ist Demokratie“, sagt Basem. Er sei nicht wegen des Geldes hier oder des Essens. Sondern um sicher zu sein und um studieren zu dürfen, ohne Bomben bauen zu müssen.

Flieh oder stirb
Jamal Alshahhoud (30) will so bald es geht zurück nach Syrien und sein Heimatland wieder aufbauen.

Irgendwo auf dem Meer zwischen der türkischen Küste und einer griechischen Insel: 17 Menschen drängen sich auf einem Gummiboot. Jamal ist mit dabei und kann schwimmen. Zehn können es nicht. Jamal erlebt die Gefahr. Er hört Frauen und Kinder weinen. Er blickt in die erschrockenen Gesichter der Männer, wenn die Wellen kommen. „Wenn ich mich daran zurückerinnere, ist das sehr schwierig für mich“, sagt der 30-Jährige.

Jamal wollte seine Heimatstadt Hama in Syrien nicht verlassen. Man habe ihn dazu gezwungen, sagt er. Ein Bekannter, der als Soldat beim regierungstreuen Geheimdienst arbeitet, habe ihn gewarnt. Jamal sei auf der Gesuchten-Liste, weil er verdächtigt würde, mit der Freien Syrischen Armee, einer Oppositionsgruppe, zusammenzuarbeiten. „Ich hatte die Wahl zwischen der Flucht oder dem Tod“, sagt Jamal. Er entschied sich im Oktober 2015 für die Flucht. Seine Brüder lebten da schon in Deutschland, so gewann Jamal wenigstens einen Teil seiner Familie zurück. Doch sobald wieder Frieden in Syrien herrscht, will er zurück. „Wenn wir nicht zurückkehren und unser Land aufbauen, wer dann?“, fragt er.

Jamal studiert Informatik an der FH Dortmund. An der Al-Baath Universität studierte er bereits Physik. Die Uni liegt in Homs, einer Stadt zwischen Damaskus im Süden und Aleppo im Norden des Landes. Im vierten Semester verlor er die Lust an dem Fach. Umso mehr freut er sich auf einen neuen Studienanfang. Von Informatik verspricht er sich vor allem, schnell Arbeit finden zu können. Um zugelassen zu werden, musste er die DSH-Prüfung bestehen. Seit seiner Ankunft in Deutschland lernt Jamal Deutsch. Anfangs hat er bei der Mutter seines Lehrers gewohnt; sie habe ihm viel beigebracht. Anschließend absolvierte er Kurse bei einem Sprachinstitut in Dortmund, um sich auf die die DSH-Prüfung vorzubereiten.

Jamal wohnt in der Nordstadt. Seine Nachbarn kommen aus Bangladesch und Somalia. Sein engster Freund ist Bulgare. Sie alle verbinde der muslimische Glaube, sagt er. Sie nennen sich gegenseitig „Bruder“. Manche Deutsche, sagt er, wollen muslimischen Frauen verbieten, ihr Kopftuch zu tragen. Das sei keine Integration. Jamal sagt, er kenne seine Rechte und Pflichten in Deutschland und wolle sich hier ein Leben aufbauen. Das alles gehöre für ihn zu gelungener Integration.

Allein kaum eine Chance
Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung geht zurück, obwohl Hilfe nach wie vor gefragt ist. Denn die Probleme, mit denen Geflüchtete kämpfen, sind komplexer geworden.

„Die anfängliche Euphorie und der Optimismus sind verflogen“, sagt Michél Wegmann von „ProMensch Kamen“. Die Arbeit der Ehrenamtlichen in Geflüchteten-Beratungsstellen habe sich in den vorigen Jahren sehr verändert. Zwar haben es viele Menschen aus Syrien und dem Irak geschafft und können mit der Verlängerung ihrer Aufenthaltstitel rechnen, wenn sich die Lage in ihren Heimatländern nicht deutlich verbessert. Doch viele Menschen aus anderen Ländern erhalten nun ihre abgelehnten Asylanträge. Dazu gehören vor allem Geflüchtete aus Afghanistan.

Für Letztere gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Wegmann und seine Kollegen und Kolleginnen können ihnen dabei helfen, Widerspruch einzulegen. Dafür organisieren sie einen Anwalt oder eine Anwältin. Der prüft, aus welcher Region der oder die Geflüchtete genau kommt und ob nicht doch ein Recht auf Schutz besteht. Die Prozesse sind aufwändig und kosten viel Geld. „ProMensch Kamen“ finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Für ein Anwaltsmandat sind die Summen zu hoch, sagt Wegmann. Deshalb vergibt die Organisation in Notsituationen zinsfreie Darlehen.

Anders verhält es sich mit den Geflüchteten aus Bangladesch. Sie gelten als Wirtschaftsflüchtlinge und haben kein Asylrecht aufgrund von politischer Verfolgung oder Krieg im Heimatland. Der Klimawandel nimmt zahlreichen Menschen in Bangladesch den Lebensraum. Viele leben dort von der Landwirtschaft. Sie fliehen vor Naturkatastrophen, die ihnen ihre Existenzgrundlage entziehen. Und werden in Deutschland nur geduldet, da Bangladesch seine Landsleute nicht zurücknimmt. Nach fünf Jahren können sie auf eine Niederlassungserlaubnis hoffen. Das ist ein unbefristeter Aufenthaltstitel, der zeitlich und räumlich unbeschränkt ist und zur Erwerbstätigkeit berechtigt. Diese Menschen seien in den ersten Jahren auf sich allein gestellt und könnten keine Hilfe vom Staat erwarten, sagt Wegmann.

Hilfe, die auch Geflüchtete aus Bangladesch brauchen, wenn sie beispielsweise auf der Suche nach einem Sprachkurs sind. Staatliche Sprach- und Integrationskurse dürfen sie erst belegen, wenn sie einen Aufenthaltstitel besitzen, also nicht mehr nur geduldet sind. Das kann bis zu zwei Jahre dauern. Für Geflüchtete, die studieren möchten, reicht der staatlich absolvierte Kurs nicht aus. Er deckt das Sprachniveau nach dem Europäischen Referenzrahmen bis zu B1 ab. Wer für ein Studium zugelassen werden möchte, benötigt mindestens das C1-Niveau. Außerdem muss er oder sie die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) oder eine vergleichbare Prüfung bestehen. Die Kurse müssen die Geflüchteten selbst bezahlen. Basem Baker aus Syrien zahlt für seinen Kurs 480 Euro. Er nimmt zwei Monate lang täglich vier Stunden am Kurs teil. Einige wenige Geflüchtete haben das Glück und bekommen einen Platz in einem Kurs, der vom Land gefördert wird. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „FHDo hilft“. Über das Projekt an der Fachhochschule Dortmund können Geflüchtete Kontakt zu ausländischen und deutschen Studierenden aufnehmen. So gibt es wöchentlich ein Sprachcafé und das Buddy-Programm. Dies bringt ausländische Studierende mit Paten und Patinnen zusammen, die alle Fragen rund um die Uni und darüber hinaus beantworten können.

Marlene Brücker arbeitet im International Office der FH und koordiniert die Integration von Geflüchteten an der Hochschule. Praktikumsplätze zu finden, ist Brücker zufolge eine der größten Herausforderungen auf dem Weg ins Studium. Häufig hört Brücker, dass es Geflüchteten nicht möglich ist, die Pflichtpraktika vor dem Studium zu absolvieren. „Oft werden Bewerbungen geschrieben und die Geflüchteten bekommen Absagen darauf“, sagt sie. Darüber hinaus kennen sich viele studieninteressierte Geflüchtete in der Firmenlandschaft nicht aus und sie brauchen Unterstützung dabei, Bewerbungen zu erstellen.

Die Zuwanderungszahlen sind zurückgegangen und das Bundesland NRW hat seine Quote nach dem Königsteiner Schlüssel erfüllt. Der legt jährlich neu fest, wie viele Geflüchtete ein Bundesland aufnehmen muss. Bewertet wird nach Steuereinnahmen und Bevölkerungsanzahl. Familienzusammenführungen sind abgesehen von Härtefällen bis März 2018 ausgesetzt. Zurückgegangen seien auch das Interesse der Medien und die Hilfsbereitschaft in weiten Teilen der Bevölkerung. Und das, obwohl die Beratung durch Ehrenamtliche nach wie vor sehr gefragt ist, sagt Wegmann. Die Probleme, mit denen Geflüchtete kämpfen, sind komplexer geworden. „Früher konnte viel auf der lokalen Ebene geklärt werden. Ich habe dann schnell mit dem Jobcenter telefoniert oder dem Sozialamt“, sagt Wegmann. Heute drohen Abschiebungen auch innerhalb der EU und einige Geflüchtete kehren freiwillig in ihr Ersteinreiseland zurück. Weitere Probleme ergeben sich aus der Wohnsitzauflage: Diese untersagt es den Geflüchteten, in einen Stadt- und Landkreis oder ein anderes Bundesland umzuziehen, obwohl dort vielleicht Wohnungen frei wären. Allein in Kamen leben deshalb noch rund 100 Geflüchtete in einer Sammelunterkunft, obwohl ihre Asylanträge Wegmann zufolge angenommen wurde und ihnen eine Wohnung zustünde.

Große Sorgen bereitet Wegmann der Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung in Düsseldorf. CDU und FDP haben vereinbart, dass zukünftig alle Geflüchteten vorerst in Landesunterkünften untergebracht werden. Erst nach einem positiven Asylbescheid werden die Geflüchteten dann auf die Kommunen zugeteilt. „Die Geflüchteten ohne Bleibeperspektive, die eigentlich diejenigen sind, die unsere Unterstützung benötigen, bekommen wir dann gar nicht mehr zu Gesicht“, sagt Wegmann.

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