
Sie trommeln, singen, springen und tragen Phoenix Hagen durchs Spiel. Die Tornados prägen die Stimmung auf dem Heuboden nun schon seit 15 Jahren und sind ein fester Bestandteil des Hagener Basketballs.
Langsam füllt sich der Heuboden. Zunächst sind es nur wenige Gruppen, die sich oben hinter dem Geländer versammeln. Manche lehnen sich nach vorne und schauen auf das Parkett hinunter, auf dem die Spieler der Basketballmannschaft Phoenix Hagen sich aufwärmen. Andere begrüßen bekannte Gesichter mit einem kurzen Schulterklopfen oder einem Lachen. Der Heuboden – das sind Stehplätze der oberen Tribüne beim Basketballverein Phoenix Hagen. Wieso genau die Heuboden heißen, das wissen die Fans selbst nicht so genau. „Irgendwas Historisches wohl“ sagt der Fan Pascal Teske.
Die Fans holen hier jetzt auf jeden Fall ihre Schals aus den Jackentaschen und halten sie in die Luft. Sie rollen ihre Banner aus und befestigen sie am Geländer. Eines davon trägt die Buchstaben TH, das Tornados-Hagen-Banner. Trommeln stehen bereit, Fahnen lehnen an der Wand. Blau und Gelb dominieren den Raum. Noch ist es ruhig in der Halle. Doch alle hier wissen: Das ist nur eine Frage der Zeit.
Ganz vorne steht Pascal Teske am Geländer, das Megafon locker in der Hand. Er gehört zu den Tornados, jener Fanszene von Phoenix Hagen, die seit Dezember 2010 existiert und für Stimmung sorgt wie kaum eine andere Fangruppe im deutschen Basketball. Damals war es eine Freundesgruppe von etwa fünfzehn Leuten – sie wollten einfach laut sein und die Halle zum Beben bringen. Der Name Tornados stammt nicht aus Hagen selbst: Die Gruppe hat ihn sich von einer Fußballmannschaft aus Österreich abgeschaut. „Das klang halt cool“, sagt Pascal lachend. Seit 2010 ist die Gruppe gewachsen. Heute gehören offiziell 27 Personen zum Kern der Tornados, auf dem Heuboden stehen aber regelmäßig weit mehr als 60 oder 70 aktive Fans. Wenn Phoenix spielt, ist es immer voll.
“Die lauteste Halle der Liga”
Pascal schaut über den Block hinweg und wartet auf jenen Moment, den er gut kennt: Phoenix betritt das Spielfeld – die Gespräche brechen ab. Die Fans richten sich auf und ihre Arme gehen hoch. Sie trommeln und schlagen Fahnen gegen das Geländer. Pascal ruft ins Megafon: „Phoenix!“ Und tausende Kehlen rufen zurück: „Hagen!“ Der Ruf hallt durch die gesamte Krollmann Arena und kommt verstärkt von den gegenüberliegenden Rängen zurück. Kein Winkel bleibt ruhig. Über 3000 Menschen passen in die Arena und das hört man.
Hier übernehmen die Tornados. Der Hallensprecher fragt: „Wo steht wohl die lauteste Halle der Liga?“ Für die Fans auf dem Heuboden ist das keine Frage. Sekunden später dröhnt „Don’t Stop Believin’“ aus den Boxen. Das Maskottchen Felix betritt das Feld. Der orangene Vogel trägt die Rückennummer 58, ein Verweis auf Hagens Postleitzahl 58095. Oben ertönen schon wieder Rufe: „Phoenix! Hagen!“
Die Spieler betreten das Parkett
Die Namen der Spieler folgen: Marcus Graves! Dennis Nawrocki! Jeder Name wird aufgenommen und weitergetragen durch die Halle. Das Licht geht aus, Trommeln hallen durch den Raum. Cheerleaderinnen tanzen am Spielfeldrand. Das Maskottchen Felix schwingt eine riesige Phoenix-Fahne.
Für Pascal ist das Fansein mehr als ein Hobby: Unter der Woche plant er Auswärtsfahrten (manchmal im Neunsitzer quer durch Deutschland), organisiert Choreografien und kümmert sich um Banner oder Trommeln. „Das nimmt extrem viel Zeit in Anspruch“, sagt er. „Aber es fühlt sich nicht wie Verzicht an.“ Seine Eltern hätten nie etwas dagegen gehabt; andere spielen Fußball am Wochenende, er geht eben in die Ische. Die Ischelandhalle heißt heute offiziell Krollmann Arena, aber für viele hier bleibt sie einfach die Ische.
Ein Ort voller Geschichte: Viele kommen schon seit ihrer Kindheit in diese enge Halle am Rand des Stadiongeländes in Hagen-Wehringhausen. Trotz aller Lautstärke verstehen sich die Tornados nicht als abgeschottete Szene wie manche Fußball-Ultras anderswo. „Wir wollen offen sein“, sagt Pascal Teske entschieden. Unten an der Halle steht bei jedem Heimspiel ihr Infotisch. Dort können alle vorbeikommen, Fragen stellen, mitmachen. „Wir wollen zeigen, dass jeder hier Teil davon sein kann.“
Diese Haltung prägt auch ihr Verhältnis zum Verein, sagt Pascal. Zum Pressesprecher Jörg Bähren, zu Geschäftsführer Martin Schmidt, zu Trainer Chris Harris und Kapitän Dennis Nawrocki haben die Tornados direkten Kontakt. Wenn den Tornados etwas nicht passt, äußern sie Kritik. Laut, ehrlich, aber immer konstruktiv, verdeutlicht Pascal. Er fasst es so zusammen: „Die Tornados sind immer da und immer nah.“
Das Spiel gegen Koblenz
An diesem Abend spielt Phoenix gegen Koblenz. 3.059 Zuschauer*innen drängen sich in der Arena. Der Sprecher ruft ins Mikrofon: „Seid ihr bereit für den Tabellenführer?“ Die Halle wird laut. 104 Dezibel zeigt später der Messwert an. Zwischen all dem Lärm fällt etwas Besonderes auf: Ein Banner hängt hoch oben mit einer Rückennummer darauf. Eine Geste für Anzac Risetto, den verletzten Spieler mit Halskrause am Seitenrand des Spielfelds. Die Botschaft ist klar: Er gehört dazu. Auch angeschlagen bleibt er Teil des Teams.

Als Dennis Nawrocki seinen ersten Dreier trifft, explodiert alles gleichzeitig: Trommeln donnern; Menschen springen; Schals fliegen nach oben; Stimmen überschlagen sich. Bei jedem Freiwurf herrscht kurz gespannte Stille. Es ist sogar das Quietschen der Schuhe auf dem Parkett zu hören, bis wieder Jubel ausbricht oder Pfiffe zu hören sind, je nachdem, wer wirft. Die Stimmen im Block werden lauter: „Wir sind alle Hagener Jungs.“ Begleitet wird der Gesang vom dumpfen Schlag dutzender Trommeln. Ein Fan trägt eine glitzernde Kette mit einem Anhänger darauf; andere halten ihre Schals hoch über Kopf. Pascal springt vorne unermüdlich weiter, das Megafon fest umklammert.
Am Ende gewinnt Phoenix deutlich: 113 zu 97. Blau-gelbes Konfetti regnet herab – sieben Siege, keine Niederlage bisher. Nach dem Abpfiff klettert Kapitän Dennis Nawrocki hinauf zum Heuboden. Er ruft: „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey, hey!“ Alle antworten geschlossen zurück, springen gemeinsam bei der traditionellen Humba; selbst Anzac Risetto macht unten vom Spielfeldrand mit Halskrause begeistert Bewegungen dazu. Zum Abschluss stimmt Nawrocki noch ein Geburtstagsständchen für seine Schwiegermutter im Publikum an.
Zwischen Euphorie und Verantwortung
Trainer Chris Harris bezeichnet diese Verbindung zwischen Mannschaft und Fans später als eine Symbiose: „Ohne diese Leute wäre Phoenix nicht da, wo wir jetzt sind.“ Er erzählt, wie oft gerade diese Energie Spiele dreht, wenn eigentlich nichts mehr geht: Momente, kurz vor der Aufgabe, verwandelt durch hundert Stimmen oben vom Heuboden. Auch Spieler Tim Uhlemann schwärmt davon, was diese Unterstützung bedeutet: Zwischen Heim- und Auswärtsspielen besteht zwar ein deutlicher Unterschied, doch selbst unterwegs sind viele Tornados dabei, meist im Kleinbus Richtung München oder Nürnberg, um lautstark mitzuziehen. Uhlemann beschreibt sie knapp: „Bekloppte Stimmung, überragend.“
Jede Serie endet irgendwann. Auswärts verliert Phoenix knapp 109 zu 110, ein Spiel voller Spannung bis zur letzten Sekunde. Geschäftsführer Martin Schmidt reagiert darauf gelassen, aber kämpferisch: „Nach so einer Niederlage sollte man Angst vor Phoenix haben. Die Jungs haben Hunger.” Beim nächsten Heimspiel gegen Leverkusen zeigt sich, was er meint.
Das Spiel gegen Leverkusen
Wieder füllt sich der Heuboden früh. Dieses Mal schneller als sonst, vielleicht, weil alle wissen, dass dieses Mal Wiedergutmachung angesagt ist. 3092 Zuschauer*innen finden ihren Platz, Banner hängen, Trommeln stehen bereit, das TH-Banner spannt sich breit entlang des Geländers, Blau-Gelb überall, Spannung liegt in der Luft. Pascal vorne am Megafon ist bereit, sobald das Licht ausgeht. Als Leverkusens Nummer fünf verletzt liegenbleibt, wird es still. Ersthelfer eilen aufs Feld, Spieler knien neben ihm, Applaus brandet schließlich von allen Seiten auf, auch vom Heuboden. Respekt statt Rivalität.
Kurz darauf wieder die Ekstase: Der Spieler Dennis Heinzmann von Leverkusen diskutiert hitzig mit dem Schiedsrichter wegen einer Entscheidung. Wütend hat er den Ball weggeschlagen, zweites technisches Foul, er muss raus! Sofort setzt Gesang vom Heuboden ein, lautgereimt, unüberhörbar. 102 Dezibel zeigt das Messgerät dieses Mal an. Pascal springt vorne hoch, reißt die Arme nach oben, ruft durchs Megafon neue Gesänge an. „Schießt sie aus der Halle, macht sie alle.“ Leverkusens Fans versuchen gegenzuhalten, doch verlieren schnell den Rhythmus, weil ihre Stimmen verstreut sind.
Phoenix zieht kontrolliert davon, zerlegt das Spiel regelrecht. Geschäftsführer Martin Schmidt hatte recht behalten. Nach dem Abpfiff steigt Dennis Nawrocki erneut nach oben, führt wieder die Humba an. Menschen klatschen, schreien, umarmen sich, erschöpft, glücklich, verschwitzt.
Sie rollen ihre Banner ein und senken die Fahnen. Wenn Phoenix wieder einläuft, beginnt alles erneut: Das langsame Füllen des Blocks, das erwartungsvolle Schweigen davor, das plötzliche Kippen sobald Musik erklingt, der Lärm, wenn tausend Kehlen gleichzeitig schreien. Und mittendrin stehen sie: die Tornados.
Fotos: Melissa Knezevic









