Mehr als eine Medaille: Was bei dieser WM zählt

Wenn Bälle durch die Halle fliegen und Fans lautstark jubeln, kann das im Dezember 2025 nur eins bedeuten: Es ist Handball-WM. Lisa Antl ist Spielerin im deutschen Team und erzählt, wieso es ihr so wichtig ist, dass Mädchen und Frauen auf den Tribünen dabei sind.

Lisa Antl läuft in Richtung Mittellinie. Ein kurzer Pass zum Trainer, umdrehen, ein kurzer Sprint, dann der Rückpass vom Trainer vor den Kreis. Lisa hebt ab, scheint kurz vor dem Tor zu schweben. Der Ball landet links unten im Netz. Sie läuft hinterher und schnappt sich den Ball wieder. Die nächste Spielerin wirft aufs Tor. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen wärmt sich auf.

Konkurrenz von Vorfreude und Nervosität

Eine Heim-WM ist ein einmaliges Erlebnis. Neben der Vorfreude steigt auch der Druck. Seit 2021 spielt sie in der Nationalmannschaft. „Trotz allem ist es aber ein Spiel, auch bei einer Weltmeisterschaft sind es halt immer noch 60 Minuten Handball.“ So steht für Lisa das Genießen im Vordergrund. Die Mannschaft will sich von den Fans tragen lassen, erzählt sie.

Die Spielerinnen während der Nationalhymne in Dortmund. Foto: DHB

Seit 2022 spielt Lisa bei Borussia Dortmund, die Spiele in der Westfalenhalle sind für sie daher ein doppeltes Heimspiel. Lisa kennt die Fankultur und das Umfeld, die Wege, die Hallen. Auf einen Moment in der Westfalenhalle freut sie sich besonders: „Wenn in Dortmund Full House ist und die Hymne zusammen gegrölt wird. Wir waren letztes Jahr in Frankreich und als die Menschen dort die französische Nationalhymne gesungen haben, war das der Wahnsinn. So könnte es auch in Dortmund werden und darauf freue ich mich.“

Der Wunsch geht am 6. Dezember in Erfüllung. Die Fans in der ausverkauften Westfalenhalle singen die deutsche Nationalhymne aus vollem Herzen mit. Einige Spielerinnen haben Tränen in den Augen – Lisa Antl sieht so aus, als würde sie vor Stolz fast platzen. Dabei hat das Spiel noch gar nicht angefangen.

Das Spiel geht los

Die deutsche Nummer 9, Lisa Antl. Foto: DHB

10, 9, 8 … Die letzten Sekunden vor Anpfiff werden auf dem Videowürfel angezeigt. 7, 6, 5, die ganze Halle zählt mit. 4, 3, ein paar letzte Worte zur Teamkollegin, 2, 1, ein Pfiff ertönt und die Halle jubelt. Endlich geht es los. Oder doch nicht? Die Spielerinnen passen den Ball entspannt durch die Reihen, auch zum gegnerischen Team. Einige klatschen sich ab. Erst nach einer knappen Minute geht es wirklich los. Für alle, die neu beim Handball sind, ist diese Geste von Fairplay eher ungewohnt.

Lisa ist mit dem Handball aufgewachsen – für sie ist der entspannte Spielbeginn Alltag. Als junges Mädchen hat sie mit ihren Freund*innen verschiedene Sportarten ausprobiert: Fußball, Ballett, Leichtathletik … „Was man halt als Vierjährige macht.“ Beim Handball ist sie geblieben. „Es war im Gegensatz zum Fußball nicht so männerdominiert bei uns. Und im Handball sind super viele Sportarten integriert. Man muss springen und laufen können. Man muss Entscheidungen treffen. Kraft ist auch dabei. Und es ist eine Teamsportart. Das hat einfach am besten zu mir gepasst.“

Zu diesem Team gehören heute gut 10.000 Menschen mehr als sonst. In der zweiten Halbzeit wird die offizielle Zuschauer*innenzahl auf dem Videowürfel eingeblendet: 10.522 Menschen. Dazu kommen Volunteers, die in der ganzen Halle für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Die meisten von ihnen drücken heute den Deutschen die Daumen.

Die wohl lautesten Fans in der Halle sitzen direkt hinter einem der Tore. Sie haben Trommeln dabei und feuern nicht nur ihre Mannschaft, sondern auch die restlichen Fans an. Wird es zwischendurch ruhiger, heizt der Hallensprecher die Stimmung an. Muss eine deutsche Spielerin mit einer Zeitstrafe vom Platz, stehen alle Fans von ihren Sitzen auf und geben zwei Minuten Vollgas.

Die Wirkung der WM

Lisa Antl erzählt ein paar Tage vorher, wie diese Heim-WM zum Erfolg werden kann: „Wir wollen auch sportlich einiges erreichen, aber ich glaube, wenn wir richtig großen Erfolg haben wollen, ist das Thema Female Empowerment wichtig. Wir wollen für unseren Sport und für unsere Sichtbarkeit kämpfen. Das kann auch weit über dieses Jahr hinaus wirken.“ Beim Trainingslager in der Schweiz hat das Team in der gleichen Halle wie eine Gruppe 14-jähriger Jungen trainiert. „Da kommen schon immer wieder Sprüche wie: ‚Was sind denn die Frauen schon?‘ Ich muss sagen, es tut weh, dass kleinere Jungs nicht wertschätzen können, was wir leisten. Dieser ständige Vergleich mit den Männern muss aufhören. Ich möchte, dass anerkannt wird, was es bedeutet, auf professioneller Ebene zu spielen.“ Mit einem Satz fasst sie ihre Vorbildfunktion zusammen: „Wenn ich da nur ein Mädel sitzen sehe, die sagt, sie möchte das werden, was wir sind, dann ist das ein großer Erfolg.“

Lisa Antl beim Wurf am Kreis. Foto: DHB

Lisa ist Kreisläuferin. Sie steht direkt am Torraum, hinter der Verteidigung. Je nach Spielweise der Gegnerinnen bekommt sie nur selten den Ball. Dadurch taucht sie seltener in den Statistiken auf – keine Tore, kein Platz in der Statistik. Dennoch ist die Kreisläuferin eine wichtige Spielerin im Team. Sie zieht mindestens eine Verteidigerin auf sich und schafft so Lücken an anderen Stellen. Außerdem schafft Lisa es immer wieder, Fouls zu erzwingen und so Freiwürfe oder Siebenmeter herauszuholen.

Wenn sie dann doch den Ball bekommt, sieht der Wurf oft umso spektakulärer aus. Um aus einer besseren Position werfen zu können, springt sie in Richtung des Tores. Den Torraum darf sie dabei nicht betreten und muss im Sprung werfen. Wie in Zeitlupe scheint sie kurz in der Luft zu schweben. Während dieser Flugphase entscheidet sie, in welche Ecke sie wirft, um die Torhüterin zu überwinden. Kurz bevor der erste Fuß den Boden berührt, verlässt der Ball ihre Hand.

Trainings- und Turnieralltag

Während der WM wohnt die Mannschaft im Hotel. Doch anders als etwa bei der Fußballnationalmannschaft der Herren gibt es beim Essen einige erschwerte Bedingungen: Die Fußballmannschaft reist mit eigenem Spitzenkoch. Für die Handballmannschaft der Frauen hingehen sind Sonderwünsche in der Ernährung vor allem außerhalb Deutschlands oft schwerer umzusetzen. Und wer mehrere Wochen nicht zu Hause ist, muss Wäsche waschen. Lisa erzählt, dass im Ausland zum Teil ihre Eltern im Waschsalon sitzen, während sie trainiert.

Das Spiel geht weiter mit einem ganz besonderen Tor. Katharina Filter, die deutsche Torhüterin, schafft es, ein Tor zu werfen. Und nicht nur eins. Gegen das Team aus Montenegro erzielt sie drei Tore. Montenegro spielt oft mit sieben statt sechs Feldspielerinnen, dann steht das Tor leer. Drei Tore sind eine außergewöhnliche Leistung, die Katharina nur gegen Montenegro schafft. In den Spielen gegen die Färöer, Spanien und Brasilien wirft sie keine Tore.

Eine gut geölte Maschine

Feiern nach dem Spiel gegen Montenegro. Foto: DHB

Die Stimmung im Trainingslager in der Schweiz vor der WM ist gut. „Wir haben Spaß, wir haben hier schon die ersten Kartenturniere angefangen. Es ist, als hätten wir uns quasi erst vor einer Woche zuletzt gesehen“, erzählt Lisa. Einige der Nationalspielerinnen spielen in ausländischen Ligen, deswegen sehen sie sich nicht oft. Lisa Antl betont, dass das aber keine Rolle spielen darf. „Wir müssen uns schnell aufeinander einstellen und das können wir auch.“ Nach ein bis zwei Trainingseinheiten funktionieren alle feinen Absprachen wieder. Dieses blinde Vertrauen ist auch im Turnier spürbar. Viele Pässe kommen an, obwohl keine der Spielerinnen offensichtlich zum Ball guckt. Der Zusammenhalt ist auch nach Abpfiff sichtbar.

Sobald die Pfeife ertönt, stürmen alle Spielerinnen auf das Feld, um gemeinsam den Sieg zu feiern. Lisa steht oft mittendrin und reißt die anderen mit. Das ganze Team geht nach und nach zu allen Seiten der Halle, um mit den Kurven zu feiern.

Routine nach dem Spiel

Auf dem Weg in die Kabine gehen die Spielerinnen durch die Mixed Zone, um Interviews zu geben. Und danach? Der Turnierplan ist eng getaktet, die nächsten Spiele sind schon in Sichtweite. Wie schalten die Spielerinnen schnell ab, um wieder fit zu werden? „Wenn ich in die Kabine komme, ist ein Shake bereitgestellt. Danach gehe ich laufen, manche fahren Fahrrad. Dann noch ins Eisbad oder unter die Wechseldusche. Ich schaue, dass ich gut esse, alles wieder auffülle. Und Schlaf ist wichtig.“ So ist das Team zwei Tage später wieder fit und kann das nächste Spiel in Angriff nehmen.

Vorher ist den Spielerinnen aber noch etwas anderes wichtig: Vor der Mixed Zone stehen Fans. Kinder warten auf ihre Chance, ein Autogramm zu ergattern oder ein Foto mit der Lieblingsspielerin zu machen. Nach jedem Spiel mischen sich ein paar Spielerinnen unter die Fans und nehmen sich Zeit, teils laufen sie auf Socken herum.

Ein historischer Erfolg

Zusammenhalt im Team beim Spiel gegen Spanien. Foto: DHB

Lisa wünscht sich für die jungen Mädchen, die jetzt als Fans in der Halle sind, dass sie es leichter haben. Dass sie nicht zu hören bekommen, sich doch noch etwas nebenbei zu suchen. Und sie hofft, dass irgendwann ein anderes Mädchen mit dem gleichen Strahlen an ihrer Stelle stehen kann.

Mit diesem Turnier machen die deutschen Handball-Damen Werbung – für sich und ihren Sport. Im Finale reicht es gegen Norwegen zwar nicht ganz, aber mit nur drei Toren Rückstand zeigen sie trotzdem eine herausragende Leistung gegen die dominante Mannschaft der letzten Jahre. Die Silbermedaille ist der größte Erfolg des deutschen Teams seit 1993.

Lisa war schon zu Beginn des Turniers sehr zufrieden. Ihr Fazit nach dem ersten Spiel in Dortmund kann so oder so ähnlich wohl auf die gesamte WM übertragen werden: „Es hat super viel Spaß gemacht und es war überwältigend, in dieser Halle zu spielen. Wir haben gezeigt, wie viel Stärke in dieser Mannschaft steckt.“

 

Beitragsbild: Junis Krüger

Ein Beitrag von
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert