Atypische Anorexie – eine unsichtbare Krankheit an ihrer Sichtbarkeit gemessen

Neunmal war Viktoria wegen ihrer Essstörung stationär in Behandlung. Trotzdem muss sie sich anhören, sie sei nicht krank genug für eine Essstörung. Im Interview erzählt sie, wie es ist, nicht in das Klischee einer Krankheit zu passen. 

Viktoria, unter welcher Diagnose wirst du aktuell behandelt?

Ich laufe unter atypischer Anorexie, weil ich dem Gewichtskriterium für die “normale” Anorexie nicht mehr entspreche. Früher war ich mit der klassischen, also aktiven, Anorexie diagnostiziert, weil ich einen ziemlichen Sport- und Bewegungsdrang hatte.

Was ist Anorexie und wie unterscheidet sich die atypische Anorexie?

Die Anorexie nervosa, umgangssprachlich auch Magersucht genannt, ist eine Form der Essstörung. Betroffene sind auffallend untergewichtig oder haben einen starken Gewichtsverlust. Aus Angst, zuzunehmen, schränken sie ihr Essverhalten stark ein. Oft geht es ihnen darum, Kontrolle über ihre Nahrung und ihr Gewicht zu behalten.  

Typisch ist auch, dass Betroffene eine gestörte Selbstwahrnehmung haben und sich deutlich dicker sehen, als sie eigentlich sind. Auch andere Teile des Alltags können von der Essstörung betroffen sein. Manche Betroffenen haben einen starken Bewegungsdrang, um die Gewichtsabnahme noch weiter zu fördern. 

Bei der Diagnose einer Anorexie wird nach dem BMI gemessen. Ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 ist das Normalgewicht. Werte unter 18,5 liegen im Untergewicht. Eine Magersucht wird aber erst bei einem signifikant niedrigen Gewicht diagnostiziert; einem BMI von unter 17,5.  

Die atypische Anorexie weist die gleichen Symptome wie die klassische Anorexie auf. Die Betroffenen haben ein gestörtes Körperselbstbild und möchten unbedingt verhindern, zuzunehmen. Außerdem haben sie ein restriktives Essverhalten.  

Ein Merkmal der klassischen Anorexie fehlt jedoch: Die Betroffenen sind nicht untergewichtig, sondern im Normal- oder Übergewicht. Das erschwert es, die Essstörung zu erkennen. Die gesundheitlichen und psychischen Risiken sind trotzdem hoch, auch wenn das äußere Erscheinungsbild oft unauffällig bleibt. 

Was waren die ersten Anzeichen, die du rückblickend mit deiner Essstörung in Verbindung bringen würdest?

Bei mir war das ganz klar der Sport. Das war so ein Lockdown-Ding. Da ist dieses Mindset: „Ich esse weniger, ich laufe mehr.“ Ich brauchte Kontrolle. Ich habe das Umfeld nicht unter Kontrolle, das heißt,ich kontrolliere meinen Körper. Das habe ich erreicht durch Sport, dadurch, immer weniger zu essen und letztendlich abzunehmen. Ich habe gemerkt, dass ich mich besser fühle und mich von meinem Umfeld gesehen fühle.

Seit 2020 ist Viktoria in ambulanter Therapie. Foto: Viktoria Schramm

Also ging es dir immer um die Kontrolle über dich?

Bei Essstörungen ist ja oft der Stereotyp, dass jemand möglichst dünn sein will. Bei mir war das völlig vom Gewicht entkoppelt, weil ich mit meinem Körper nie ein Problem hatte. Ich hatte einfach dieses Kontroll-Ding. Irgendwann habe ich gemerkt: Je weniger ich esse und je mehr Sport ich mache, desto mehr fügt sich mein Leben um mich herum. Irgendwann war ich so drin, dass ich die Kontrolle in irgendwelchen Zahlen gesucht habe. Ich habe mir selbst eine Grenze gesetzt, wie viele Kalorien ich essen darf, und hatte wieder Kontrolle darüber.

Wann hast du realisiert, dass du eine problematische Beziehung zu Essen hast, die über den Kontrollzwang hinaus geht?

Ich selbst habe es nicht gecheckt. Beziehungsweise wollte es auch nicht checken. Ich war 17 und meine Mama hat mich zum Gynäkologen geschleppt, weil meine Periode ausblieb. Dann war eine Frage: Wie sieht‘s mit dem Essen aus? Die Gynäkologin hat dann die Diagnose gestellt.

Hat es dir geholfen, eine greifbare Diagnose zu haben oder hat dich das eher unter Druck gesetzt?

Für mich hat das erstmal gut funktioniert, diesen Stempel zu haben. So kam ich in dem Moment mit allem um mich herum klar und wurde von außen in Ruhe gelassen. Je weniger mein Körpergewichtwurde, desto weniger haben andere von mir erwartet. Du wirst einfach gesehen und kannst das ausdrücken, was du nicht sagen kannst: Mir geht es nicht gut, ich brauche Hilfe.

Was waren typische Verhaltensmuster, die du beim Essen hattest?

Trinknahrung, die Viktoria zusätzlich zu ihren Mahlzeiten in der Klinik bekommen hat. Foto: Viktoria Schramm

Vor anderen essen ist etwas, das ich immer noch nicht kann. Sonst hätten die anderen gedacht: Die ist doch jetzt geheilt. Und ich habe furchtbar lange gebraucht für mein Essen. Es musste immer perfekt aussehen, weil es sich sonst nicht gelohnt hat. Zum Beispiel habe ich mein Essen so oft in die Mikrowelle gestellt, weil ich Angst hatte, dass es kalt wird. Dann wäre es nicht mehr das perfekte Ereignis gewesen. Dann lohnt es sich nicht und es sind verschwendete Kalorien. Gerade in Kliniken habe ich mir alles Mögliche abgeschaut. Irgendwann war das so verankert, dass ich gar nicht mehr anders konnte, als zum Beispiel eine spezielle Reihenfolge einzuhalten.

Wie war das mit ungesundem Essen bei dir? Hast du das gegessen?

Ja. Bei mir waren es immer nur die Kalorien, die gezählt haben. Ich habe teilweise Phasen gehabt, in denen ich nur gesunde Sachen gegessen habe. Dann hatte ich Phasen, in denen ich einfach nur weniger von den Sachen gegessen habe, die ich eigentlich wirklich wollte. Wenn ich 500 Kalorien in Salat esse oder 500 Kalorien in zwei Snickers, dann hatte ich lieber die zwei Snickers.

Manche Betroffene haben auch Heißhungerattacken. Wie war das bei dir?

Nachdem ich aus der Klinik gekommen bin, bin ich in extremen Hunger gerutscht. Ich habe sehr viel gegessen. Ich glaube, das war eine biologische Antwort darauf, dass ich mir das sehr, sehr lange verboten habe. Dann denkt sich der Kopf: „Wenn ich es jetzt nicht kriege, dann kriege ich es wahrscheinlich nie wieder.“ Weil der Körper nicht mehr vertraut. Er weiß ja gar nicht mehr, ob er morgen etwas bekommt.

Du hast gesagt, dass du sehr viel Sport gemacht hast. Hat sich die Essstörung auch auf andere Teile deines Alltags ausgewirkt? Also auf Verhaltensweisen, die nicht direkt mit dem Essen zu tun haben?

Ja, ich habe mich sehr isoliert. Essstörungen haben sehr viel mit Zwang und Routinen zu tun. Ich habe immer zur selben Zeit dasselbe gemacht, weil mir das diese Kontrolle und diese Sicherheit gegeben hat. Und ich hatte diesen sehr starken Bewegungsdrang. Ich musste immer eine gewisse Schrittzahl erreichen. An manchen Tagen bin ich bis zu 80 000 Schritte gelaufen, 16 Stunden durch. Das ist wirklich quälend, aber irgendwann habe ich es nicht mehr gemerkt.

Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige

Erkennst du dich in diesen Symptomen wieder? Oder hast du den Verdacht, dass jemand aus deinem Umfeld von einer Essstörung betroffen sein könnte? Du bist nicht allein. Es ist okay und wichtig, Hilfe anzunehmen. 

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit hat ein anonymes Infotelefon zu Essstörungen. Unter der 0221 892031 erreichst du jemanden, der dir weiterhelfen kann. Montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. 

Unter den folgenden Links kannst du eine Beratungsstelle in deiner Nähe finden: 

www.bundesfachverbandessstoerungen.de  

https://essstoerungen.bioeg.de/  

Die Stadt Dortmund hat auf ihrer Website mehrere Übersichten über Hilfsangebote bei Essstörungen: https://www.dortmund.de/themen/gesundheit-und-pflege/erwachsene/essstoerungen/ 

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 11 10 111 anonym und kostenlos für dich da. 

In akuten Notfällen, etwa bei suizidalen Gedanken, kannst du den Rettungsdienst (112) anrufen. 

Das stereotypische Bild von einer Essstörung ist die sehr dünne Person. Welche Erfahrungen hast du mit dem Bild gemacht? Auch als jemand, die mit einem Normalgewicht nicht hineinpasst.

Die meisten Menschen kennen Anorexie gar nicht. Und die atypische Form erst recht nicht. Da wird das Wort Essstörung direkt mit Magersucht gleichgesetzt. Wenn ich sage, ich habe eine Essstörung, dann kommt gleich: „Okay, Magersucht. Aber so siehst du gar nicht aus.“ Dann zuzunehmen, löst den Gedanken aus, nicht gut genug für die klassische Essstörung zu sein.

Was sind die gängigsten Sachen, die du dazu gehört hast?

Am meisten dieses „Man sieht es dir aber nicht an“ oder „Sieht doch gut aus“. In der psychiatrischen Klinik hat mir eine Pflegekraft gesagt: „Ist ja nicht so schlimm. Du siehst ja nicht aus, als würdest du gleich vom Fleisch fallen.“ Das fand ich schon sehr hart. Vor allem wusste sie, dass ich eine Essstörung habe. Manchmal frage ich mich dann: Bilde ich mir das alles ein? Vielleicht bin ich gar nicht so essgestört, wie ich denke?

Wie sehr kann eine Klinik noch ein Safe Space sein, wenn du nicht mal da sicher sein kannst, dass du ernst genommen wirst?

Das ist das Problem. Essstörungsspezifische Kliniken wissen genau, dass du im Normalgewicht noch kränker sein kannst als im Untergewicht. Zum Beispiel, wenn du vom Übergewicht kommst und dann 100 Kilo abnimmst, aber immer noch 100 Kilo wiegst, kannst du kränker sein als jemand, der an BMI 14 kratzt. Aber andere sehen es nicht und das Fachpersonal weiß das. Psychiatrischen Kliniken ist das aber meistens egal. Die kümmern sich darum, ob du dir in den nächsten drei Tagen etwas antust.

War das für dich eher Fluch oder eher Segen, dass man dir deine Essstörung nicht angesehen hat? Fluch, weil du krank warst, aber nicht ernst genommen wurdest oder Segen, weil du in neuen Runden einfach Viktoria, ohne die Essstörung, sein konntest?

Tatsächlich beides. Deswegen bin ich auch in meine Unistadt gezogen, weil mich hier niemand kennt. Hier war ich nicht die Essgestörte. Aber wenn ich merke, dass ich wieder rückfällig werde und mir Hilfe suchen möchte, werde ich nicht ernst genommen, wenn ich im Normalgewicht bin. Eine Essstörung ist eine psychische Krankheit, die ist im Kopf und trotzdem da. Und wenn ich zum Arzt gehe und sage: „Hey, mir geht es nicht gut“, dann kommt schnell als Antwort: „Nee, komm wieder, wenn du im Untergewicht bist. Sieht doch ganz gut aus bei dir.“

Was wünscht du dir für den Diskurs über Essstörungen in der Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass der Diskurs offener wird und dass das Thema nicht totgeschwiegen wird. Ich glaube, dass es ein generelles Verständnis geben muss, dass es nicht nur diese eine Essstörung gibt, sondern dass es ein breites Spektrum ist. Deswegen kann man es den Betroffenen nicht ansehen. Das Thema betrifft viele, gerade junge, Leute. Auch in Schulen sollte mehr darauf geachtet werden. Je früher es jemand erkennt, desto besser sind die Heilungschancen und desto geringer ist das Risiko, Spätfolgen zu bekommen. Ich bin 23 und ich habe diesen Schaden, der nicht wiedergutgemacht werden kann. Einfach nur, weil es an Verständnis mangelt.

 

 

Beitragsbild: pixabay.com/happyveganfit

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