„Wie kann man Zeit in etwas investieren, das kein Geld bringt?”

Wie wird aus Flucht ein Antrieb für Engagement? Der Gelsenkirchener Juso-Chef Berat Arifi setzt sich seit Jahren politisch ein – und zeigt, wie Wertschätzung und Unterstützung Verdrossenheit in Beteiligung verwandeln können.

Im SPD-Parteihaus in Düsseldorf findet ein wichtiger Workshop für die Jusos statt. Ein ganzes Wochenende lang machen sie eine Wahlkampfschulung für die damals anstehende Wahlkampfphase der Kommunalwahlen am 14. September in Nordrhein-Westfalen. Mit dabei ist Berat Arifi, Juso-Vorsitzender aus Gelsenkirchen.

Die Mitglieder sprechen über ihre Rassismus-Erfahrungen, aufgeteilt in White- und Bipoc-Gruppen. Außerdem geht es darum, Strategien auszutauschen und zu schauen, wie die Jusos in unterschiedlichen Städten in NRW arbeiten. „Die Schulung geht zwei Tage, aber ich bleibe nur bis heute Abend“, sagt Berat.

Protagonist im Fokus: Wer ist Berat Arifi?
Berat Arifi ist 26 Jahre alt und studiert im Master International Relations und Development Policy an der Universität Duisburg-Essen. Er ist in Castrop-Rauxel geboren und der älteste Sohn von vier Geschwistern. Seine Eltern sind Ende der 90er-Jahre wegen des Kosovo-Konfliktes nach Deutschland gekommen und haben neun Jahre lang Asyl bekommen. Sein Vater arbeitet als Stahlflechter auf der Baustelle und seine Mutter hat bis vor einigen Jahren eine Nachbarin gepflegt. Heute arbeitet sie in einem Textil-Laden.

Berat und seine Schwester sind die ersten Akademiker*innen in ihrer Familie. Ehrenamtlich ist Berat vielseitig aktiv. Neben seiner eigens aufgebauten Vereinigung albanischer Studierender aus NRW vertritt er mit seiner Schwester den Vorstand der Vereinigung. Außerdem organisiert er albanische Gemeinschaftsprojekte mit Bezug zur Kultur, Politik und Gesellschaft.

Staatsbesuche im Kosovo

Denn sein Terminkalender ist voll: Studium, Ehrenamt, Arbeit. In wenigen Tagen geht es in die Heimat in den Kosovo. Ein Stück Urlaub, aber auch politische Gespräche.

„Meine Schwester verlobt sich und es gibt Treffen mit wichtigen Leuten aus der Politik – mit Präsidentin Vjosa Osmani und Ministerpräsident Albin Kurti.“ Trotzdem war auch der heutige Termin gesetzt: „Als Unterbezirksvorsitzender muss ich hier sein. Es ist Repräsentationssache. Und es macht Spaß, weil ich neue Perspektiven bekomme.“

Vom Dolmetschen zur Parteiarbeit

Wer Berat zuhört, merkt schnell: Er lebt Politik. Ein Blick in seine Vita zeigt, dass es schon im Kindesalter Berührungspunkte gab. Seine Eltern flohen 1998 aus dem Kosovo. Als Ältester von vier Kindern hatte Berat große Verantwortung in seiner Familie. Bereits mit sieben Jahren begleitete er seine Eltern bei behördlichen Terminen.

„Die Geschichte meines Ehrenamts hat mit der Geschichte meiner Eltern zu tun. Ich ging mit zur Ausländerbehörde, um zu übersetzen, und bearbeitete Briefe der AOK. Das war ein Punkt, an dem ich mir die Frage gestellt habe: Warum muss ich meine Kindheit dafür geben, wenn ein Staat nicht dafür sorgt, dass Menschen besser hier in ihrem Zuhause ankommen?“

Was geschah 1998/99 im Kosovo?
1998 spitzte sich der Konflikt im Kosovo zu: Aus den Auseinandersetzungen zwischen serbischen Sicherheitskräften der Bundesrepublik Jugoslawien und der albanisch-kosovarischen Guerilla UÇK wurde ein offener Krieg. In dieser Zeit kam es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Massakern und zur Vertreibung großer Teile der Zivilbevölkerung – vor allem Kosovo-Albanerinnen und Kosovo-Albaner. Alle Versuche, international zu vermitteln, liefen ins Leere, auch die Verhandlungen von Rambouillet Anfang 1999. Im Frühjahr 1999 verschärften serbische Kräfte ihre Operationen weiter, und Hunderttausende Menschen flohen in Nachbarländer wie Albanien und Nordmazedonien.

Am 24. März 1999 startete die NATO – ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats – eine Luftkampagne gegen Ziele in Jugoslawien. Ziel war es, die Gewalt zu stoppen und einen Rückzug der Truppen zu erzwingen.  Juni 1999 endete der Krieg. Nach dem Abzug jugoslawischer bzw. serbischer Truppen wurde die internationale Schutztruppe KFOR stationiert, die bis heute im Kosovo präsent ist. Kosovo erklärte 2008 seine Unabhängigkeit und gilt seitdem für viele Staaten als eigenständiges Land.

Wenn Parteien nicht zuhören – wer hört zu?

Genau in dieser Erfahrung liegt für Berat der Ursprung seines politischen Engagements – und zugleich der Schlüssel zum Verständnis von Politikverdrossenheit. Zu Zeiten von Kriegen wie in der Ukraine, des Klimawandels und des zunehmenden Diskurses um Rassismus, Gleichberechtigung und Diskriminierung wächst die Distanz vieler junger Menschen zu Parteien. Das geht aus der SINUS-Jugendstudie von 2024 hervor. Demnach trauen Jugendliche den politischen Verantwortlichen keine Lösungskompetenz zu. Außerdem fallen Aussagen wie: „Politik macht nichts, um Probleme zu lösen“ oder  „ein bisschen realitätsfern manchmal“.

Auch die genNow-Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 zeigt: Nicht einmal jede*r Zehnte glaubt, dass Parteien offen für die Ideen junger Menschen sind. Und noch weniger 16- bis 30-Jährige fühlen sich mit ihren Sorgen von Politiker*innen erst genommen.

Die Initiative GenNow
GenNow ist eine Initiative der Bertelsmann Stiftung, die junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren dazu ermutigt, aktiv an der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft mitzuwirken. Durch Projekte in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bietet genNow Plattformen, um Ideen zu entwickeln, Engagement zu fördern und die Stimme der jungen Generation in Entscheidungsprozesse einzubringen. Ob durch Workshops, Studien oder Events – GenNow unterstützt dabei, aus Ideen konkrete Veränderungen zu machen.

Vorbilder regen politisches Interesse an

Eine Maßnahme, die Motivation junger Menschen zu erhöhen, sind junge Vorbilder in Politik und Gesellschaft. Das bestätigt die Civey-Umfrage von 2025 unter Erstwähler*innen im Ruhrgebiet. Dabei zeigt sich, dass über alle sozialen Schichten hinweg die Mehrheit mehr junge Vorbilder in Politik und Gesellschaft als effektivste Maßnahme ansieht, um politisches Engagement zu fördern. Besonders in der Mittel- und Unterschicht äußern die Befragten diesen Wunsch überdurchschnittlich häufig, mit jeweils 32 Prozent.

Daneben nennen die Befragten weitere Ansätze, beispielsweise mehr politische Bildung in Ausbildungsstätten oder einen leichteren Zugang zu Jugendbeteiligung. Einen politischen Diskurs zu relevanten Themen befürworten 18 Prozent der 16- bis 24-Jährigen aus der Ober- und Unterschicht.

Berats Hauptanliegen: Asyl-Politik

Berat mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Gresa in Gelsenkirchen 2003.  Foto: Berat Arifi

Wo manche aus Frust den Rückzug und die Verdrossenheit wählen, hat Berat aus den Erfahrungen und Enttäuschungen seiner Familie einen anderen Schluss gezogen: Er mischt sich ein. „Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich als Kind immer schon Nachrichten geguckt habe. Ich habe mich auf ein Kissen auf den Boden gelegt und Dokumentationen und Nachrichten geschaut. Da wussten meine Eltern: Mit diesem Kind stimmt irgendetwas nicht“, erzählt Berat und lacht.

Berats politisches Interesse ist auch seiner damaligen Nachbarin Clara aufgefallen, um die sich Berats Mutter kümmerte. Sie hat ihn dazu motiviert, zu einem Treffen der Grünen Jugend zugehen. Eine Woche lang war er dort Mitglied. Aber er fand es langweilig und hat sich nicht willkommen gefühlt, erzählt er. „Die Themen, die zu der Zeit bei den Grünen besprochen wurden, haben nicht zu meinen politischen Bedürfnissen gepasst. Für mich war zu dem Zeitpunkt das Thema Asyl sehr wichtig, Flüchtlingspolitik. Wie können wir das Leben von Leuten, die ausländisch sind, besser machen?“

Die Verpflichtung, etwas zurückgeben zu müssen

Direkt nach dieser Erfahrung ist Berat Teil der Jusos geworden. Parallel war er in der Schülervertretung. Das Gefühl der Verantwortung in der Familie hat sich nach außen getragen. „Ich habe gemerkt, dass ich ein Motor bin, der die Gruppe animiert. So hat es angefangen, dass ich in die SV gerutscht bin, erst Klassensprecher, dann Stufensprecher und irgendwann auch Schulsprecher.“

Auch nach Schulschluss engagierte sich Berat weiter. Neben Berats Schule, der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen, war ein Flüchtlingslager. Über ein Jahr lang ging er nach Unterrichtsende regelmäßig dorthin, um ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz zu helfen. Er verteilte Hygieneartikel und Essen an neu angekommene Geflüchtete und unterstützte dabei, die Weiterleitung in andere Unterkünfte vorzubereiten. So half er mit, dass die Abläufe in der Erstaufnahme geordnet verliefen.

Diesem Ehrenamt fühlte sich Berat verpflichtet: „Es ist dieselbe Story meiner Eltern. Ich musste was zurückgeben.“ Im Flüchtlingsheim war Berat der einzige aus seiner Schule.

Gefangen zwischen Drang und Unverständnis

Trotz seines großen Engagements stößt Berat in seiner Familie auf Unverständnis. „Für meine Eltern ist das so unverständlich, warum jemand freiwillig seine Zeit investiert in etwas, was kein Geld bringt. Das ist, glaube ich, bei Migrantenfamilien immer so eine Sache, wie es sein kann, dass jemand für fremde Menschen Zeit aufbringt, aber für seine eigenen Familien nicht. Dabei sehen sie den Benefit dahinter nicht. Das ist, glaube ich, ein Kampf, den vor allem migrantisierte Menschen durchmachen, die im jungen Alter Politik mitgestalten möchten.“

Für viele sei das einer der Gründe, weswegen sie das Engagement aufgeben. Berat aber zieht daraus seine Kraft, weiterzumachen und sich und seinen Eltern etwas zu beweisen.

Fehlender Rückhalt aus dem engsten Umfeld

Philip Husemann ist Co-Geschäftsführer von JoinPolitcs. Foto: JoinPolitcs

Berats Erfahrung kann Philip Husemann bestätigen. Er ist Co-Geschäftsführer des gemeinnützigen Start-Ups JoinPolitics, das politische Talente und ihre Ideen für gesellschaftliche Veränderungen finanziell und ideell unterstützt. „Wenn Bestärkung im Elternhaus, im Freundeskreis, in der engsten Peergroup fehlt, ist der Schritt ins Engagement besonders herausfordernd. Viele brennen aus, wenn sie trotz des Unverständnisses zu Hause weitermachen.“

Er erzählt von jungen Menschen, die sich schämen, am Esstisch zu sagen, dass sie in die Politik wollen, aus Angst vor dem Satz: Die da oben sind doch alle Idioten. „Eine Patentlösung gibt es nicht. Oft steckt hinter der Skepsis schlicht die Sorge: Wird mein Kind damit je seinen Lebensunterhalt sichern?“

Dieser Frust ist für Philip Husemann der Kern von Politikverdrossenheit. „Politikverdrossenheit ist ein Gefühl: Einerseits ist es das Frustriert-, Wütend- oder Enttäuscht-Sein. Andererseits ist es, nüchtern betrachtet, das Empfinden: Politik tut nichts für mich. Also bin ich frustriert oder unzufrieden mit dem, was politisch passiert.“

„Bist du überhaupt gewollt im politischen System?“

Auch für Berat ist der Umgang nicht einfach, aber er hat Verständnis für seine Eltern: „Sie kennen das nicht anders. Sie kommen aus einer gesellschaftlichen Struktur der Unterdrückung. Meine Eltern sind aus dem Kosovo vor einem Regime geflohen, das von strukturellem Rassismus geprägt war. Dadurch haben sie schlechte Erfahrungen mit dem Asylsystem gesammelt. Sie haben ihre Familien neun Jahre lang nicht gesehen und mussten während des Asylprozesses in Deutschland bleiben. Dann finde ich es schon berechtigt, wenn sie denken: Warum engagierst du dich für etwas, was dich vielleicht gar nicht in seinen Reihen sehen möchte? Im Sinne von, bist du überhaupt gewollt im politischen System?“

Die Erfahrung, sich fehl am Platz zu fühlen, hat Berat auch in politischen Kreisen gemacht. Er beschreibt diese Räume als oft elitär. Orte, an denen Talente gesehen werden, aber Türen trotzdem geschlossen bleiben. Wer neu ist, könne sich schnell umzingelt fühlen von Menschen, die das Potenzial erkennen und es zugleich kleinhalten, aus Angst um die eigene Position.

Der Weg in die Politik ist hürdenreich

Dieses Gatekeeping gehört laut Berat zur Wahrheit über das politische Engagement. Es wird immer so leicht gesagt: „Engagiere dich politisch, das ist mega toll. Ja, das ist mega toll, aber wenn du eine Gefahr darstellst, dann ist es nicht mehr so schön“, erzählt Berat.

Nach Einschätzung von Philip Husemann lassen sich junge Menschen aus nicht-akademischen Familien schwerer für politisches Engagement gewinnen. In akademischen Haushalten ist Politik präsenter, wird häufiger diskutiert und Engagement gilt eher als normal. Dadurch sind die Einstiegshürden niedriger. Wer ohne ein solches Umfeld aufwächst, braucht dagegen oft mehr Ansprache und Ermutigung.

Agenda setzen

Dabei kann die Politik den Anreiz für politisches Engagement selbst schaffen. Die genNow-Studie zeigt, dass zwei Drittel der jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren politisch interessiert sind. Besonders für die Themen Frieden, mentale Gesundheit, Bildung und Inflation. Was fehlt, sind nach Ansicht von 43 Prozent der Befragten das Wissen, wo und wie sie sich einbringen können. 50 Prozent geben an, dass es neben den Wahlen zu wenig Möglichkeiten gibt, um sich zu engagieren.

Fridays for Future gilt als das Vorzeige-Beispiel, wenn es um die Interessen junger Menschen geht, die auf politischer Ebene sichtbar und umgesetzt werden sollen. Die Bewegung hat geschafft, was vielen Jugendinitiativen vorher fehlte: öffentliche Aufmerksamkeit, klare Forderungen und kontinuierliche Druck auf die Politik.

Regina von Görtz, Expertin für Jugend und Demokratie der Bertelsmann Stiftung, legt dar, dass junge Menschen sich politisch mehr engagieren würden, wenn sie wüssten, dass ihr Einsatz tatsächlich eine Wirkung entfaltet und ihre Argumente Gehör finden. Daraus entstehe eine große Motivation. Aus diesem Grund müsse es der Politik besser gelingen, auf junge Menschen zuzugehen, Wert auf ihre Meinung zu legen und sie in Entscheidungen einzubinden.

Das Engagement zahlt sich aus

Berat hält eine Rede beim Landesparteitag NRW 2025. Foto: Andreas Köhring 

Husemann bezeichnet das ehrenamtliche Engagement als Immunsystem der Demokratie. Aber nicht nur für die Demokratie ist das Engagiert-Sein ein Grundpfeiler. Auch für die Ehrenamtlichen selbst bedeutet es, sich Chancen zu ermöglichen.

„Wenn ich politisch nicht so engagiert wäre, dann hätten sich mir diese Türen nicht geöffnet“, erzählt Berat. „Ich habe die Chance, Agenda-Setting zu betreiben. Ich war vor kurzem mit meiner Chefin im Kosovo. Das hätte ich nicht geschafft, wenn ich nicht engagiert wäre.“

Berat beschreibt das Ehrenamt als Motivation, die ihn dazu bringt, noch mehr zu machen. Er sammelt Lebenserfahrungen, die ihm zum Beispiel ein bezahlter Job nicht bieten würde. Außerdem seien die Kontakte sehr entscheidend für seinen weiteren Werdegang.

Frust in Handlung verwandeln

Wenn Anerkennung fehlt oder Türen verschlossen bleiben, wenden sich manche Menschen ab oder entwickeln Misstrauen. Aus Berats Biografie hätte sich auch eine Verdrossenheitsgeschichte schreiben können: Eltern, die skeptisch sind; ein Politikbetrieb, der sich elitär anfühlt; Gatekeeping, das Talente bremst. Aber Berats Entscheidung verlief anders: Er übersetzte Frust in Handlung.

Auch Husemann rät, Misstrauen zu bearbeiten. „Einer Emotion sollte man nicht ihre Berechtigung absprechen, denn sie ist da“, sagt er. „Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Ist sie gerechtfertigt, weil etwas wirklich Schlimmes passiert ist? Dann ist Misstrauen logisch.“

Die Aufgabe beginne danach: Menschen nicht aufgeben, sondern Rückwege öffnen, kommunikativ, psychologisch, sozial. „Es braucht viele Hebel“, sagt Husemann. Denn Verdrossenheit sei kein einzelnes Phänomen, sondern ein Gemisch aus Ohnmacht und Erfahrung – und entsprechend vielfältig müssen die Antworten sein.

 

Beitragsbild: Berat Arifi 

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