Künstliche Intelligenz verändert Recherche, Analyse und Textproduktion. Was bedeutet das für Ausbildung und Beruf? Christina Elmer, Professorin und Datenjournalistin, erklärt, warum neue Technologien den Journalismus verändern – aber nicht überflüssig machen.
Frau Professorin Elmer, ich hatte kürzlich eine Diskussion über KI und Journalismus. Ein Bekannter sagte zu mir: „Du studierst Arbeitslosigkeit.“ Hat er recht?
Nein, das halte ich für weit gefehlt. Selbst wenn KI-Systeme künftig viele Aufgaben übernehmen können, wird es weiterhin zentrale Bereiche geben, die menschlichen Journalist*innen vorbehalten bleiben. Immer dann, wenn Menschen vor Ort sein müssen, andere Menschen interviewen oder beschreiben, wie sich Situationen anfühlen – etwa in Reportagen – spielt menschliche Erfahrung eine entscheidende Rolle.
Auch den Journalismus selbst weiterzuentwickeln oder Missstände kritisch zu hinterfragen, sollten wir nicht technischen Systemen überlassen. Darin werden Menschen auf absehbare Zeit besser bleiben.
„Wer Qualität beurteilen will, muss sie selbst gelernt haben.“
Was die KI aber heute schon kann, sind Texte schreiben, die oft strukturierter wirken als unter Zeitdruck entstandene Redaktionsartikel. Was sagt diese Entwicklung über die Rolle des Schreibens im Journalismus aus?
KI-Sprachmodelle können inzwischen sehr gut formulieren. Aber Journalismus besteht nicht nur darin, schöne Texte zu schreiben. Entscheidend ist, Fakten zu recherchieren, zu gewichten und Verantwortung für Inhalte zu übernehmen.
Je besser man sich in einem Thema auskennt, desto deutlicher merkt man auch die Grenzen solcher Texte. KI kann helfen, etwa beim Ideensammeln oder Überarbeiten. Häufig muss man aber noch viel Arbeit investieren, um einen Text zu erhalten, hinter dem man journalistisch stehen kann.
Gerade deshalb bleibt es wichtig, selbst schreiben zu lernen. Nur wer diese Kompetenz besitzt, kann Ergebnisse bewerten und das System steuern – statt sich von ihm steuern zu lassen.
Sie sagen, es sei wichtig, weiterhin schreiben zu lernen, um das Ergebnis beurteilen zu können. Welche Fähigkeiten zählen darüber hinaus künftig noch?
Studierende sollten verstehen, wie KI-Systeme funktionieren: Welche Modelle stecken dahinter? Mit welchen Daten wurden sie trainiert? Welche Fehler machen sie?
Journalist*innen müssen außerdem die gesellschaftlichen Folgen dieser Technologien kritisch begleiten. Gleichzeitig wird technisches Verständnis wichtiger, weil journalistische Arbeit künftig noch stärker mit Technologie und Plattformlogiken verwoben sein wird.
Müssen wir auch künftig programmieren können?
Es wäre hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Wichtig ist vor allem ein Grundverständnis davon, wie Programmierung funktioniert und wie man mit Entwickler*innen zusammenarbeitet.
Viele Aufgaben lassen sich heute bereits mit Unterstützung von KI umsetzen. Trotzdem hilft technisches Wissen dabei, Prozesse zu verstehen und Fehler besser einschätzen zu können.
Wenn sich die Anforderungen an den Journalismus gerade so verändern, bilden Universitäten Studierende derzeit dann für ein Berufsbild aus, das es bald vielleicht gar nicht mehr gibt?
Das Berufsbild verändert sich tatsächlich stark. Gleichzeitig versuchen wir bereits, KI stärker in die Lehre einzubinden – etwa durch experimentelles Arbeiten mit Sprachmodellen oder indem Studierende KI-Recherchen überprüfen und verifizieren.
Curricula lassen sich allerdings nicht kurzfristig ändern. Und das journalistische Handwerk bleibt zentral: Wer Qualität beurteilen will, muss sie selbst gelernt haben. Die Herausforderung besteht darin, Grundlagen zu vermitteln und gleichzeitig Studierende zukunftsfähig auszubilden.
Es gibt den berühmten Spruch, „Es ist nicht die KI, die deinen Job übernehmen wird, sondern jemand, der weiß, wie man die KI nutzt.“ Ist KI vor diesem Hintergrund eher eine Bedrohung für den Journalismus – oder ein Werkzeug?
Im journalistischen Alltag ist sie vor allem ein Werkzeug. KI-Systeme können viele Arbeitsschritte erleichtern, etwa beim Programmieren datenjournalistischer Anwendungen oder bei technischen Aufgaben.
Wenn wir jedoch das Gesamtsystem betrachten, wird KI zu einer großen Herausforderung. Informationswege verändern sich stark. KI-Zusammenfassungen in Suchmaschinen führen beispielsweise dazu, dass weniger Menschen auf journalistische Inhalte klicken. Dadurch entsteht wirtschaftlicher Druck, auf den der Journalismus Antworten finden muss.
„Die ökonomischen Realitäten sind teilweise sehr hart.“
Sie sprachen gerade den wirtschaftlichen Druck an: Besteht die Gefahr, dass KI aus wirtschaftlicher Not eingesetzt wird – statt aus Überzeugung?
Diese Gefahr ist definitiv gegeben. Einige Medienhäuser haben bereits Stellenabbau mit KI begründet. Gleichzeitig prüfen viele Redaktionen, wie sich Arbeit effizienter gestalten lässt.
Die ökonomischen Realitäten sind teilweise sehr hart und werden im Kontext von KI noch mehr befeuert. Ich hoffe jedoch, dass KI nicht nur zur Automatisierung bestehender Prozesse genutzt wird. Der Journalismus befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Entscheidend wäre es daher vielmehr, die vorhandene Energie zu nutzen, um neue journalistische Ansätze und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Kann der Journalismus durch die zunehmenden Automatisierungen an Qualität verlieren?
Ja – wenn Redaktionen niedrigere Qualitätsmaßstäbe an KI-Systeme anlegen als an menschliche Arbeit. Fehler können schnell zu Vertrauensverlust führen, und Vertrauen zurückzugewinnen ist sehr schwierig.
Gleichzeitig müssen Medienhäuser experimentieren. Idealerweise geschieht das in geschützten Räumen, in denen Erfahrungen gesammelt werden können, bevor Systeme breit eingesetzt werden.
Wir haben haben oft ein sehr hohes Selbstbild unseres journalistischen Produkts, gerade wenn es um Vertrauen und Verantwortung geht. Ist dieses Selbstbild auch das derjenigen, die unser Produkt am Ende konsumieren oder reicht vielen ein Ergebnis, das „gut genug“ ist, selbst wenn es von einer KI stammt?
Den Eindruck habe ich eigentlich nicht. Studien zeigen durchaus, dass es Menschen wichtig ist, dass hinter journalistischen Inhalten jemand steht, der Verantwortung übernimmt und für Inhalte einsteht – idealerweise eine menschliche Redaktion.
Gleichzeitig hat der Journalismus lange unterschätzt, wie wichtig es ist, diese Verantwortung auch sichtbar zu machen. Es reicht nicht, gute Inhalte zu veröffentlichen. Redaktionen müssen zudem transparent zeigen, wie Journalismus entsteht, wie mit Fehlern umgegangen wird und wie sich Themen weiterentwickeln. Gerade darin liegt eine große Chance, Vertrauen zu stärken.
Sind KI-Systeme heute faktisch unsichtbare Chefredakteure – nur ohne publizistische Verantwortung?
Auf Social-Media-Plattformen kann man das durchaus so beschreiben. Empfehlungsalgorithmen entscheiden dort maßgeblich darüber, welche Inhalte sichtbar werden, ohne selbst publizistische Verantwortung zu tragen.
Zwar existieren alternative, nicht personalisierte Feeds, doch die meisten Nutzer*innen greifen weiterhin auf algorithmisch kuratierte Inhalte zurück, weil diese stärker auf Aufmerksamkeit optimiert sind.
„Einem solchen Interview hätte ich vermutlich gar nicht zugesagt.“
Wir haben viel über Probleme und Herausforderungen von KI gesprochen. Aber wo funktioniert KI heute schon gut in Redaktionen?
Fortschrittliche Redaktionen setzen KI bereits vor allem in der Produktion ein. Dazu gehört etwa die automatische Umwandlung von Audio in Text oder umgekehrt, aber auch die Aufbereitung eines Beitrags für unterschiedliche Plattformen und Formate. Ein einzelner journalistischer Inhalt kann so schneller für verschiedene Ausspielwege angepasst werden. Auch im Wissensmanagement spielt KI eine wachsende Rolle, etwa beim Durchsuchbarmachen und Strukturieren großer Archive.
Ein wichtiger Ansatz ist dabei die sogenannte Retrieval Augmented Generation (RAG). Dabei wird ein Sprachmodell mit einer geprüften Wissensdatenbank verbunden. Bevor das System eine Antwort gibt, gleicht es diese mit hinterlegten Fakten ab. Dadurch werden Ergebnisse deutlich faktenbasierter, und typische Fehler wie sogenannte Halluzinationen lassen sich stark reduzieren.
Solche Systeme kommen bereits praktisch zum Einsatz. So wurden beispielsweise Chatbots entwickelt, die auf redaktionell geprüfte Informationen zugreifen und Nutzer*innen Fragen zu aktuellen Ereignissen beantworten können. KI wird hier also nicht als Ersatz journalistischer Arbeit genutzt, sondern als Werkzeug, um vorhandenes Wissen zugänglicher zu machen.
Es gibt bereits virtuelle KI-Avatare, die teils auch auf real existierende Personen basieren und mit denen man live sprechen kann. Besteht die Gefahr, dass in Zukunft nicht mehr ich dieses Interview mit Ihnen führe, sondern eine KI, bzw. mein Avatar?
Nein, das glaube ich nicht – denn für ein solches Interview hätte ich vermutlich gar nicht zugesagt. Menschliche Interviews leben von Spontaneität, Humor und Empathie – davon, dass man aufeinander reagiert und auch unerwartet nachhaken kann. Genau diese zwischenmenschlichen Fähigkeiten können KI-Systeme bestenfalls simulieren.
Dann haben wir in Zukunft vielleicht noch keine KI-Avatare in den Redaktionen sitzen, aber wie sieht denn dann der Journalismus in zehn Jahren aus?
Journalist*innen werden deutlich enger mit KI und anderen Systemen zusammenarbeiten. Der Alltag wird in einigen Bereichen technischer, in anderen aber auch stärker auf den direkten Kontakt mit Menschen ausgerichtet sein.
Gerade im Bereich der Information könnten Aufgaben zukünftig noch stärker automatisiert werden. Gleichzeitig entstehen neue Rollen und Arbeitsfelder. Der Bedarf an journalistischer Arbeit bleibt bestehen – aber ihre Ausgestaltung wird sich deutlich verändern.
