
Wie leben junge Menschen im Krieg? Diese Frage will Fabian Ritter mit seinen Fotos beantworten. Für seine Arbeit „Youth of Ukraine“ lebt er immer wieder monatelang mit Jugendlichen im Kriegsgebiet – und schläft im Notfall mit gepacktem Rucksack in der Metro.
Du bist Dokumentarfotograf. Was machst du genau in deinem Job?
Dokumentarfotografie ist ein Stück weit subjektiver als Fotojournalismus. Ich habe die Möglichkeit, mich als Autor mehr in die Arbeit einzubringen. Ich dokumentiere, aber ich interpretiere auch Sachen. Dokumentarfotografien sind langfristiger. Ich bin teilweise monate- oder auch jahrelang mit einer Arbeit beschäftigt, wie zum Beispiel mit meiner Ukraine-Arbeit.
Was motiviert dich als Dokumentationsfotograf?
Mein Interesse für Dokumentarfotografie kam schon relativ früh im Studium. Ich habe für mich gemerkt, dass ich zu dieser Arbeit den größten Zugang habe und ich emotional viele Menschen mitnehmen kann. Mittlerweile motiviert mich hauptsächlich mein Gerechtigkeitsempfinden. Wenn ich irgendwo eine Ungerechtigkeit sehe oder mitbekomme, dann hat die Situation oft sofort meine Aufmerksamkeit. Idealerweise bewegen mich meine Projekte emotional. Ich bin überzeugt davon: Wenn ich persönlich bewegt bin, leiste ich die beste Arbeit. Ich denke, dass die Betrachter*innen merken würden, wenn ich bei einem Thema nichts spüre.
Wann hattest du die Idee, eine Fotoreihe über die junge Generation im ukrainischen Kriegsgebiet zu machen?
Relativ früh. Ende Februar 2022 kam ich das erste Mal mit jungen Menschen aus der Ukraine in Kontakt, die nach Polen geflüchtet waren. Damals hatte ich den Auftrag von einem Magazin, die Menschen zu fotografieren. Da waren super viele Studierende dabei. Es gab einfach wahnsinnig viel, worüber wir uns unterhalten konnten. Ich habe sympathische Kontakte geknüpft und es sind auch Mini-Freundschaften entstanden.
Und ich habe unmittelbar mitbekommen, dass denen einfach gerade so ein massives Unglück passiert. Das hat mich beschäftigt. Ich bin dann eingereist und habe erst einmal mit einem Kollegen eine allgemeine Arbeit zur Westukraine gemacht. Wir haben damals mit einem jungen Pärchen in einer WG gewohnt und haben so natürlich viel mitbekommen. Spätestens dann war mein Interesse komplett geweckt.
Wie offen sind die Menschen in der Ukraine, mit dir die Fotos zu machen?
Es ist bei allen Arbeiten so, dass das Wichtigste ist, dass sich die Leute wohlfühlen und der Kontext klar ist. Und es ist wichtig, ein Nein zu akzeptieren. Selbst wenn ich an einem Tag das Okay habe, können sich die Leute im Nachhinein mit einem Foto von mir unwohl fühlen. Die meisten verstehen, was ich mache und, dass die Bilder wichtig sind, damit sie gesehen werden. Und manchmal bin ich auch der erste, der sich in einem journalistischen Kontext für sie interessiert.
Erkennst du dich an manchen Stellen in den Jugendlichen wieder?

Die Menschen in meinem Alter sind mir schon ähnlich. Wir lachen zum Beispiel über dieselben Dinge. Wir teilen auf eine Art den gleichen Humor oder auch den gleichen Musikgeschmack.
Manchmal bin ich auch überrascht von der Reife. Es gibt ein Bild aus dem Juni 2022, auf dem zwei Jungen am Badesee von Bucha sitzen. Die beiden sind aus meiner Sicht viel erwachsener, als ich es in dem Alter war. Diese wenigen Monate des Angriffskrieges haben sie auf eine Art abgeklärt. So abgeklärt war ich mit 15 nicht.
Wie haben die Menschen in deinem Umfeld reagiert, als du erzählt hast, dass du für deine Arbeit in die Ukraine fährst?
Das ist schwierig, ein ganz heikles Thema. Sie freuen sie sich immer, wenn ich aus der Ukraine wieder ausreise und können das Ende nicht abwarten. Es ist aber auch immer schwieriger, das Risiko von außen einzuschätzen, als wenn man wirklich da ist. Mittlerweile kann sich meine Familie darauf verlassen, dass ich das Risiko richtig einschätzen kann. Ich habe in der Ukraine jetzt schon eine Weile verbracht und habe Kontakte, ohne die ich nicht einreisen würde. Die machen meine Reise nochmal sicherer.
Wie sicher bist du in der Ukraine?
Ich war 2022 das erste Mal in einem Kriegsgebiet. Im Nachhinein war der erste Aufenthalt Ende Februar gar nicht so ungefährlich, weil ich sehr unvorbereitet eingereist bin. Ich habe vor meiner zweiten Einreise im Mai 2022 ein Sicherheitstraining in Großbritannien gemacht, was mir sehr wichtig war. Wenn ich in der Ukraine bin, kann ich mir nie sicher sein, welche Waffen gerade in meinem Gebiet eingesetzt werden. Und das beschäftigt mich natürlich.
Worauf ich mich einlasse: Ich überschreite diese Landesgrenze und bin dann ein Stück weit zum Abschuss freigegeben. Das soll jetzt nicht zynisch klingen. Aber wenn ich durch einen russischen Angriff verletzt werde, gibt es erstmal niemanden, der dafür unmittelbar vor Gericht gestellt wird. Und es ist auch so, dass ukrainische und westliche Journalist*innen gezielt durch die russische Armee getötet wurden. Ich glaube, man muss die Fähigkeit besitzen, das Risiko richtig einzuschätzen und auch ein paar Kontakte haben, die die Situation zusätzlich gut einschätzen können. Wenn es unsichere Situationen gibt, gehe ich mit einem Notfallrucksack in die Metro, oder in einen Keller, was als sehr sicher gilt.
Kannst du dich an eine bestimmte Situation erinnern, die gefährlich war?
Ich war für ein deutsches Medium in Charkiw Oblast unterwegs. Wir wurden damals von einer russischen Drohne beobachtet und es war klar, dass unser Presseoffizier dafür sorgt, dass wir schnell aus dem Gebiet rauskommen. Eigentlich hätte der Termin abgesagt werden sollen, weil unsere Kontaktperson meinte, dass es an diesem Tag zu gefährlich wäre. Das Problem war, das die Person keinen Mobilfunk-Empfang hatte und wir schon da waren. Genau für solche Situationen hatte ich dieses Sicherheitstraining gemacht.
Wichtig ist, dass man als Team dasselbe Sicherheitsbedürfnis hat und niemand besonders fatalistisch unterwegs ist. Zu viel Angst kann natürlich auch zum Risiko werden, aber im Fall der Fälle sollte dann aus meiner Sicht auch die Person entscheiden, die sich am meisten Sorgen macht und oder die meiste lokale Erfahrung hat.
Wie hast du deine Aufgabe in der Ukraine definiert?
Idealerweise löst meine Arbeit bei den Betrachter*innen Empathie aus. Vielleicht entsteht auch eine Nähe, weil sie Sachen sehen, die sie von sich selbst kennen. Gerade Osteuropa ist für viele sehr weit weg. Durch meine Fotos sehen sie vielleicht, dass Personen dort dieselben Hobbys oder politischen Ansichten haben. Bei meinem Projekt sehen die Betrachter*innen auch, welche jungen Menschen hinter den Nachrichten stecken.
Inwiefern spielt Mitleid bei deiner Arbeit eine Rolle?

Mir tun in der Ukraine richtig viele Leute auf ganz vielen Ebenen sehr leid. Ich denke, dass das eine große Ungerechtigkeit ist, dass in vielen Phasen des Krieges die Ukrainer*innen in einen unfairen Kampf geschickt werden oder Vorraussetzungen wie funktionierende Heizung etc nicht gegeben sind. Und ich sehe, dass dort viele auch nicht mehr können. Ich denke mir dann, dass ich nach nur wenigen Wochen total fertig bin. Die Menschen dort können nicht so einfach weg. Sie müssen teilweise dableiben, weil die Familie noch da ist oder wegen der Mobilisierungsgesetze.
Dieser Mobilisierungsdruck ist mittlerweile sehr groß geworden. Diese Situation heute ist eine ganz andere als 2022, als der größte Teil auf Freiwilligkeit beruhte. Der Krieg hat manche Menschen über die Jahre zum Negativen verändert oder auch ein Stück weit gebrochen. Und das tut mir sehr leid. Mir ist aber auch wichtig: Nicht allen geht es so. Viele entwickeln aufgrund des dauerhaften Kriegszustands auch eine enorme mentale Stärke.
Wie gehst du mit dem Mitleid um?
Am meisten hilft es, wenn ich in den Austausch mit den Leuten vor Ort gehe. Wenn ich weiß, dass einer Person etwas Schlimmes passiert ist, hilft es mir, mich mit Menschen auszutauschen, die die Person auch kennen. Der Austausch über Social-Media-Apps wie WhatsApp, Instagram etc. hilft mir auch sehr, weil meine Freund*innen teilweise hier in Deutschland nicht komplett nachvollziehen können, was mich gerade beschäftigt, da sie zum Beispiel die Personen in der Ukraine nicht persönlich kennen.
Wie gut gelingt es dir, hier in deinen (friedlichen) Alltag zurückzukehren?
Es kommt immer darauf an, weil jede Reise anders ist. Es ist immer unterschiedlich belastend. Ich würde sagen, dass die erste Woche nach meiner Rückkehr die größte Challenge ist. Das Ankommen kann aber auch mal zwei, drei Wochen dauern. Ich mache mir bewusst Gedanken, was ich in dieser Zeit unternehmen kann. Ich weiß mittlerweile, dass es mir hilft, enge Freund*innen zu treffen und entspannte Sachen zu unternehmen, aber ich brauche jetzt nicht unbedingt die große Ausstellungseröffnung.
Am Anfang bin ich eher am Kopfschütteln, wenn ich den Alltag erlebe und sehe, worüber sich Leute aufregen. Für mich gibt es ganz andere Sachen, die mich dann doch beschäftigen oder für mich wichtig sind. Aber ehrlich gesagt komme ich dann mittelfristig auch wieder dahin, dass ich mich über Kleinigkeiten aufrege.
Planst du schon deinen nächsten Aufenthalt in der Ukraine?
Ja, ich versuche mittlerweile, mit Medien einzureisen und danach meinen Aufenthalt zu verlängern. Geplant ist eine Reise noch diesen Frühling. Mittlerweile ist es so, dass es weniger Aufträge für Magazine und Zeitungen in der Ukraine gibt. Dann stellt sich für mich immer die Frage, wie lange ich mir die Reise und eigene Recherchen vor Ort leisten kann.
Es ist manchmal auch mal echt tricky, den Absprung hier zu schaffen. Ich merke beispielsweise, dass ich im März vielleicht auch hier eine spannende Geschichte machen könnte, die ich dann absagen muss. Oft ist es gar nicht so leicht, sich zu lösen. Aber wenn ich mich dazu entscheide, dann ist es auch eine bewusste Entscheidung, wieder in die Ukraine zurückzukehren.
Fotos: Fabian Ritter