
Der Winter ist für Obdachlose eine echte Bedrohung. Die Kälte ist unerbittlich, das Risiko einer Unterkühlung hoch. Wie kann Obdachlosen in dieser Zeit geholfen werden? Eine Fahrt mit dem Wärmebus liefert Antworten.
Es ist ein regnerischer Abend am Dortmunder Hauptbahnhof. Mona Kurek öffnet schon mal die Klappe des Wärmebusses, während sie und ihr Team noch aufbauen: „Dann haben sie zumindest schon Regenschutz.“ Mona leitet den Wärmebus. Sie ist die Art von Person, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat und ordentlich Energie mitbringt. Wenn sie zustimmt, zeigt sie das durch ein sehr vehementes Kopfnicken. Nachdem Mona die Klappe geöffnet hat, wischt sie schnell ein paar Ablagen ab. In ein paar Minuten soll der Wärmebus bereit sein.
Von außen sieht der Bus ein bisschen aus wie ein Krankenwagen. Der Wärmebus ist ein Hilfsangebot vor allem für Menschen, die auf der Straße . Er soll besonders in der kalten Jahreszeit helfen. Denn schon unter 10 Grad kann es lebensgefährlich sein, draußen zu übernachten. 500 bis 600 Personen leben in Dortmund laut einer Schätzung der Stadt auf der Straße (Stand 2023). Wohnungslose Menschen sind in diese Schätzung nicht eingerechnet, die, die keine eigene Wohnung haben, aber vorübergehend anders unterkommen. . Im aktuellen Winter starben bereits mehrere Obdachlose in Dortmund mutmaßlich an Unterkühlung.
Der Wärmebus hat ein breites Angebot

Im Wärmebus schließt das Team den Strom an und baut die einzelnen Stationen auf. Fünf Ehrenamtliche helfen heute mit. Eine*r kümmert sich um die Getränke-Station. In großen Kanistern steht hier das Heißwasser bereit. Tee, Krümeltee, Kaffee und Kakao sind dieses Mal im Angebot. Direkt daneben entsteht eine Station für kleine Extras: Schokolade und Taschentücher zum Beispiel. Hinten im Bus stellt das Team große Boxen mit Brot und Überraschungstüten bereit, heute ist Käsekuchen darin. Den Abschluss bildet die Suppenstation.
Normalerweise versorgt eine Klinikküche den Bus mit frischen Suppen, aber dieses Mal verteilt das Team 5-Minuten-Terrinen. Dabei können die Gäste zwischen verschiedenen Sorten wählen: Von Gulasch über Kartoffelbrei bis hin zu asiatischen Nudeln. Beim Aufbau wird es ordentlich wuselig im Bus. Es dauert ein bisschen, bis alle im Team ihren Platz gefunden haben. Dann kann es losgehen.
Enge Beziehungen zu den Gästen
Es vergehen keine fünf Minuten, dann bildet sich eine kleine Traube von Menschen. Locker, gesprächig wartend. Die Gruppe ist sehr vielfältig, Mona nennt sie häufig „einen Spiegel der Gesellschaft“. Es gibt verschiedene Bildungshintergründe, kulturelle Prägungen und Lebenswege. Die Menschen sind humorvoll. Vor allem Wortwitze werfen sie immer wieder ein. Sei es beim Kartoffelbrei, der an den gleichnamigen magischen Besen von Bibi Blocksberg erinnert oder bei der blau-weißen Getränkeverpackung, die so gar nicht in die Heimatstadt des BVB passt.
Viele Menschen kennt das Team beim Namen. „Ich habe da meine Lieblinge, die auch ein bisschen mehr bekommen. Die hat doch jeder“, verrät Mona mit einem Augenzwinkern. Über die Jahre bilden sich Beziehungen zu den Stammgästen, wie Mona sie nennt.
Seit zehn Jahren betreiben Mona und ihr Mann Holger den Wärmebus. Zweimal pro Woche fährt der Bus. Der Ablauf ist dabei immer ähnlich. Erst an den Hauptbahnhof, dann an den Stadtgarten. An diesen zentralen Standorten erreichen sie erfahrungsgemäß die meisten Menschen, im Durchschnitt jedes Mal um die 120 Personen. Ursprünglich als Nikolausaktion gestartet, ist der Wärmebus inzwischen fest im Leben vieler verankert.
Lockerer Umgang im Team
Der erste Andrang ist inzwischen vorbei, die erste Box an 5-Minuten-Terrinen muss nachgefüllt werden. Vor allem der Gulaschtopf ist hoch im Kurs. Um nachzufüllen, räumt das Team um. Der Platz im Wärmebus ist dann doch sehr eng. Trotz des begrenzten Platzes und der wartenden Menschen bricht nie Hektik aus. Die Ehrenamtlichen nehmen sich Zeit für jede einzelne Person.
Die Stimmung im Team ist gelöst.

Die Mitarbeitenden spielen sich Sprüche hin und her. Sie sind vertraut miteinander. Diese lockere Stimmung geht auch auf die Gäste über und überdeckt das doch ein bisschen sterile Ambiente des Wärmebusses.
Trotz des lockeren Umgangs gibt es klare Regeln. Niemand außer dem Team darf in den Bus, niemand darf über die Theke greifen. Diese Regeln werden mit einem Augenzwinkern, aber klar kommuniziert. Die Gäste akzeptieren das, es gibt keine Diskussionen.
Der Wärmebus ist ein sozialer Treffpunkt
Sie sind gerne am Wärmebus. Viele verweilen noch länger in Grüppchen. Auch das ist der Wärmebus, ein sozialer Treffpunkt. Wärme bedeutet eben mehr als nur eine heiße Tasse Kaffee. Vor allem, weil Obdachlosen in der Öffentlichkeit immer häufiger Ablehnung entgegenschlägt.
Für Mona ist das unverständlich. Letztendlich sind es individuelle Schicksalsschläge, die viele Menschen in die Wohnungs- und Obdachlosigkeit treiben, erzählt sie. „Jeder hat seine eigene Geschichte und mit keiner würden wir tauschen wollen.“ Ein Erlebnis vor einigen Jahren habe ihr das noch einmal mehr vor Augen geführt. Eine junge Frau sei damals an den Wärmebus gekommen. Sie sei Mona bekannt vorgekommen, aber es habe etwas gedauert, bis sie es habe greifen können. „Die Frau war eine ehemalige Schulkameradin meiner Tochter. Das hat mich schockiert.“
Die Arbeit im Wärmebus zeigt allerdings auch: Es gibt Wege aus der Obdachlosigkeit. Alle Mitarbeitenden können von den berührenden Momenten erzählen, wenn langjährige Obdachlose plötzlich mit einem Wohnungsschlüssel in der Hand vor dem Wärmebus auftauchen. Das sind Momente, die sich einprägen. Auch die junge Frau aus Monas Erzählung hat inzwischen wieder eine Wohnung und eine Ausbildung.
Die Situation hat sich verändert

In Dortmund wird immer wieder kontrovers über Obdachlosigkeit diskutiert. Viele Menschen nehmen eine Verschlimmerung der Situation wahr. Diese Beobachtung teilt Mona nicht. Sie spricht eher von einer Verschiebung. So sei früher Jugendobdachlosigkeit ein größeres Problem gewesen. Das sei in ihrer Wahrnehmung stark zurückgegangen.
Der Konsum von Alkohol und Drogen habe sich, vor allem bei den Obdachlosen am Stadtgarten, stark verändert. Früher seien dort eher Alkoholkranke gewesen, inzwischen würden eher härtere Drogen konsumiert. Auch Haustiere seien seltener geworden, die Kosten dafür seien oft zu hoch.
Corona und die Inflation hätten auf der Straße besonders schwer nachgewirkt. Insgesamt habe Corona viel durcheinandergeworfen. Während die Zahlen am Wärmebus früher zum Monatsende verlässlich stiegen, seien die Spitzen heute nicht mehr vorhersehbar. Woran das liegt, kann sich niemand aus dem Team so richtig erklären.
Nächster Stopp: Stadtgarten
Es ist kurz nach acht, der Bereich um den Wärmebus leert sich. Ein bisschen hat das Team überzogen, um die Schlange noch abzuarbeiten. Jetzt wird es Zeit für einen Standortwechsel zum Dortmunder Stadtgarten.
Auf der kurzen Fahrt rattert es in Monas Kopf. Wer ist aufgefallen, war da, wer nicht? Wenn die Mitarbeitenden bekannte Gesichter wochenlang nicht sehen, kommen erste Sorgen hoch. Es gibt diese Geschichten, die Obdachlosen, die irgendwann einfach verschwunden sind.
Am Stadtgarten ist eine andere Situation
Angekommen am Stadtgarten geht der Aufbau von vorne los. Allerdings ist die Nachfrage deutlich geringer. Während am Hauptbahnhof laut Mona viele der Gäste einkommensschwach oder wohnungslos sind, leben die Gäste am Stadtgarten häufiger tatsächlich auf der Straße. Auch Drogen sind hier ein größeres Problem.
Aber es gibt auch schöne Momente zu beobachten: Ein Mann schenkt einem anderen Obdachlosen an diesem Abend eine Plastiktüte, um Brot zu transportieren. Ein anderer gibt etwas von seinem Brot weiter. Viele der Obdachlosen bewegen sich auch in kleinen Gruppen. Ein Paar formuliert das so: „Wir sind wie zwei dieser Vögel, wenn einer weg ist, sterben wir.“
Die Obdachlosen-Infrastruktur ist eigentlich gut
Grundsätzlich habe Dortmund eine gute Infrastruktur für Obdachlose, erzählt Mona und nennt exemplarisch die Suppenküche und das Gasthaus. Sie würde mit der Hilfe gerne noch viel früher ansetzen, bevor die Menschen auf der Straße landen. Natürlich sei das aufwendig. Sie versteht auch Bedenken, dass Menschen das System ausnutzen könnten. „Aber jedes System wird ausgenutzt“, sagt sie. „Und ich will nicht, dass Leute auf der Straße sterben.“
Auch am Stadtgarten leert es sich nun immer weiter. Das Team gibt mit vollen Händen noch Brot und Überraschungstüten heraus. Um 21 Uhr ist es dann so weit, die Klappe des Wärmebusses schließt, die Schicht ist vorbei.
Fotos: David Philipzen