
Er kennt die Kunst, die Orte und die Menschen hinter den Werken. Der Rentner Georg Jeutsch dokumentiert die Graffiti-Szene im Ruhrgebiet. Bei einem Spaziergang durch den Dortmunder Norden erzählt er davon.
Es ist ein kalter, sonniger Wintertag. Georg Jeutsch steht unterhalb des Dortmunder U, an der legalen Graffiti-Wand. Hinter ihm fahren die Züge in den Bahnhof ein. Ansonsten ist es ruhig. Georg trägt eine Regenjacke, einen schwarzen Rucksack und Brille.
Was macht einen Graffiti-Spotter aus?
Ein Spotter ist eine Person, die die Künstler unterstützt. Zum Beispiel, um gute Orte zum Malen zu finden. Oder um die Arbeit der Writer zu dokumentieren. Viele Spotter fotografieren nur und hauen dann wieder ab, ohne etwas zu sagen. Das ist nicht so meins. Ich möchte die Writer kennenlernen, neue Orte entdecken und meine Leidenschaft teilen.
Vom Dortmunder U aus geht es Richtung Nordstadt, zu der größten legalen Graffiti-Wand in NRW. Georg erklärt, dass sich auf der Straße geduzt wird. Alle nennen ihn nur „Schorsch“ oder „Schorschi“.
Wie bist du als Spotter mit der Graffiti-Szene verbunden?

Ich mische mich unter die Leute. Das feiern sie an mir. Dabei geht es auch viel um Respekt. Anfangs wurde ich noch oft für einen Zivilpolizisten gehalten. Mittlerweile vertrauen sie mir. Sie wissen, dass ich die illegalen Orte nicht weitergebe. Ich poste die Fotos auch erst auf Instagram, wenn die Writer es selber schon geteilt haben oder mir ihr Einverständnis geben. Mittlerweile habe ich gute Kontakte zu einigen Künstlern.
Im Oktober voriges Jahr habe ich einen eigenen Jam in Bochum veranstaltet. Das ist eine Veranstaltung in der Szene, zu der viele Graffiti-Künstler eingeladen werden. 16 Leute waren da und sind sogar teilweise aus dem Ausland extra hergeflogen. Da wurde gemalt und ich habe für alle gegrillt.
Auf dem Weg zur Graffiti-Wand hält Schorsch immer wieder an, um ein Kunstwerk auf einer Hausfassade oder auch Sticker an einem Laternenpfahl zu begutachten. Zu fast jedem Bild und Kürzel kann er etwas erzählen. Die meisten der Künstler*innen hat er schon getroffen.
Du kommst aus Essen und wohnst auch dort. Wie ist dein Kontakt zu der Dortmunder Graffiti-Szene?

Dortmund ist schon geil, hier ist immer was los. Die Dortmunder Szene hat mich sehr geprägt. Vor ungefähr vier Jahren bin ich hier aktiv eingetaucht. Damals wurde am Hafen die große Hall of Fame eröffnet. Ich bin mit dem Fahrrad hergefahren und habe zufällig Denis Klatt kennengelernt. Das ist ein bekannter Auftragskünstler in Dortmund, der direkt am Hafen sein Atelier hat. An der Hausfassade habe ich mir damals ein Bild von ihm von einem riesigen Blauwal angeguckt und bin mit dem Fahrrad über die Einfahrt in den Hinterhof gefahren, um zu schauen, was da los ist. Das hat er gesehen und wir kamen ins Gespräch. Er hat mir eine Leinwand mit dem Wal-Bild darauf geschenkt – obwohl wir uns gar nicht kannten. Und damit hatte ich dann einen freundschaftlichen Kontakt hier in Dortmund.
Wie ist dein Verhältnis zu den anderen Spotter*innen hier aus der Umgebung?
Jeder Spotter ist auf seine Art einzigartig. Wir teilen uns unsere Arbeit und unterstützen uns. Es ist eine freundschaftliche Atmosphäre. So viele Spotter wie Writer gibt es aber auch nicht. Manche Spotter fokussieren sich zum Beispiel auf das Dokumentieren von Bildern auf Zügen oder so. Ich gehe auf Ausstellungen, gucke mir sowohl Bilder an legalen, als auch illegalen Wänden an und ja, manchmal auch auf Zügen. Je nachdem, was sich so ergibt.
Wie kamst du zu dem eher außergewöhnlichen Hobby?
Angefangen hat das schon in den 80er Jahren. Das war einfach so die Zeit. Hip Hop schwappte aus den USA zu uns rüber. Ich wollte damals selbst mit Breakdance anfangen. Stattdessen habe ich angefangen, analoge Fotos von Graffitis zu machen und mich eher darauf fokussiert. Vor ein paar Jahren meinte meine Tochter dann zu mir: „Papa, du musst das unbedingt auf Instagram posten.“ Und ich dachte mir nur: „Warum nicht?“ So habe ich meine eigene Seite erstellt.
Mittlerweile hast du über 5000 Follower auf Instagram. Wie wirkt sich das Hobby auf dein Leben aus?

In Münster wurde ich einmal auf der Straße erkannt. Da kam einer zu mir, und fragt mich, ob ich der Streetart Schorsch bin. Da habe ich mich schon gefreut. Mittlerweile bin ich jeden Tag unterwegs. Ich kann nicht mehr nur zu Hause sitzen.
Ich bin jetzt sogar in einer Crew: The Misfits Gang. Dabei zu sein, ist für mich eine Ehre. Ich kenne die schon etwas länger und es ist ein freundschaftlicher Kontakt. Wir sind viel zusammen unterwegs und malen zusammen. Mir ist wichtig, dass das ohne Verpflichtungen für mich läuft. Ich habe ihnen gesagt, dass ich weiterhin für alle Künstler da sein möchte. Ich feiere alle Künstler. Für mich gibt es kein schlechtes Graffiti.
Malst du auch selbst Graffitis?
Ja, ich wollte das unbedingt mal selbst ausprobieren. Ich habe jetzt schon zwei Mal meinen eigenen Namen – also Schorsch – gemalt. Das war ein tolles Gefühl. Mit meiner neuen Crew werde ich bestimmt auch noch öfter malen oder ihnen beim Malen helfen. Zum Beispiel beim Buchstaben ausmalen oder so.
Worauf achtest du bei den Graffitis, wenn du die fotografierst?
Ich schaue, wie sauber sie gemalt sind, was es für Details gibt oder achte auf die Farbzusammenstellung. Manchmal wirkt das auf einem Foto ganz anders als in echt. Man braucht ein gutes Auge für Komposition und Beleuchtung. Mit der Zeit habe ich einen Blick für Graffiti entwickelt. Oft brauche ich nur einmal hinzusehen, dann ist das Bild gescannt und ich erkenne an dem Style die Person dahinter.
Es gibt einige ungeschriebene Graffiti-Regeln. Zum Beispiel übermalst du nur Bilder, wenn du besser malst, als die Person, die übermalt wird. Und das ganze Bild muss übermalt werden. Das gilt sonst als respektlos, wenn noch zu sehen ist wer oder was darunter ist. Dank der Graffitis laufe ich mit offeneren Augen durch die Welt. Mit meinen Fotos möchte ich die Atmosphäre und die Emotionen des Werks einfangen.
Wie geht es für dich weiter?

Teilweise wurde mir auf Instagram schon Geld für Kooperationen angeboten. Ich will aber kein Geld damit verdienen. Ich habe einfach Spaß daran, wie es läuft. Mit meiner Crew möchte ich ins Ausland. Barcelona, Portugal, Kosovo – mal schauen. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Inspirationen.
Nachdem Schorsch die Hall an der Speicherstraße auf und abgelaufen ist, um sich neue Bilder anzugucken, tritt er den Rückweg an. Zurück am Dortmunder U beginnt es leicht zu dämmern.
Steht heute noch was auf dem Programm?
Mal schauen. Vielleicht fahre ich noch nach Bochum oder Oberhausen, da sind gerade noch ein paar Leute am Malen. Das habe ich auf Instagram gesehen. Jeden Tag entscheide ich spontan, wohin es mich zieht.
Oft guckt er morgens auf Instagram, was gepostet wird und fährt dann los. Die meisten Orte erkennt er auf den Fotos. Manchmal schreiben ihn Freund*innen aus der Szene an und laden ihn ein. Drei gute Bekannte von ihm sind gerade am U angekommen und wollen anfangen zu malen. Sie begrüßen Schorsch mit einem leichten Faustschlag oder einer Umarmung. Die Gruppe richtet sich ein. Sie machen Hip Hop an, einer steckt sich einen Joint an. Es riecht nach Gras und Farbe. Schnell ist Schorsch in ein Gespräch verwickelt. Einige Stunden später schickt er ein Foto, von den fertigen Graffitis. Schorsch blieb den Abend in Dortmund.
Wie immer – ganz spontan.
Fotos: Carolin Hansing








