„Phoenix hat schon etwas Magisches“

Kaum eine Stadt ist so eng mit dem deutschen Basketball verbunden wie Hagen. An Phoenix Hagen lässt sich besonders gut beobachten, wie sich der Sport professionalisiert hat. Trainer Chris Harris spricht darüber, wie der Verein sich entwickelt hat.

Wer sich in Deutschland mit Basketball beschäftigt, wird zwangsläufig mit der Stadt Hagen konfrontiert. Hagen ist, was Basketball angeht, eine der traditionsreichsten Städte Deutschlands. Auch der Deutsche Basketball Bund hat hier seinen Sitz. Wo lässt sich die Entwicklung des deutschen Basketballs also besser beobachten als dort? Seit 2004 steht Basketball in Hagen im Zeichen des Phönix. Und seit 2018, nach Stationen im Jugendbereich und als Co-Trainer, ist Chris Harris Headcoach von Phoenix.

Für Phoenix Hagen läuft es in dieser Saison gut. Die Mannschaft steht mit 22 Siegen und 4 Niederlagen auf Platz 1 der ProA. Seit der Saison 2022/23 konnte der Verein in jeder Spielzeit die Playoffs erreichen. Nur mit dem Wiederaufstieg in Liga 1 hat es noch nicht geklappt. Dennoch lässt sich anhand der Entwicklung von Phönix die Entwicklung des deutschen Basketballs ablesen. Phoenix-Cheftrainer Chris Harris erklärt.

Was sind die Grundlagen des Erfolgs hier in Hagen?

Ich bin seit 2018 im Amt, das war frisch nach der Insolvenz des Vereins und es ist vieles gegen Phoenix Hagen gelaufen. Das waren echt viele harte Jahre und wir mussten ganz schön viel Aufbauarbeit leisten. Vieles davon auch, damit wir finanziell in einer guten Lage sind. Uns war es wichtig, das Vertrauen und die Begeisterung der Hagener aufzubauen. Bevor Covid kam, waren wir auf einem echt guten Weg. Phoenix hat schon etwas Magisches, weil wir eine tolle Symbiose zwischen Stadt, Fankultur und Mannschaft haben. Gerade während Corona war es extrem schwer, diese Symbiose aufrechtzuhalten. Danach haben wir wieder richtig Fuß fassen können. Wir können wieder diese Energie durch den Kontakt mit den Hagenern mitnehmen. So kommt der Erfolg.

Sie waren früher selbst Spieler, auch hier in Hagen. Zwar nicht bei Phoenix, aber bei einem Nachbarverein. Haben Sie damals zu Phoenix herübergeschaut? Was hat sich seitdem verändert?

Ich bin im Gründungsjahr von Phoenix nach Hagen gekommen in den Nachbarverein. Ich habe die ersten Einheiten bei Phoenix mitmachen dürfen als eine Art Aushilfstrainingsspieler. Es hat sich seitdem extrem viel verändert. Die Ischellandhalle ist ausgebaut worden. Phoenix ist zwischendurch in die erste Liga aufgestiegen, hat dort aber ohne stabiles Fundament gespielt. Aber es gab zu der Zeit viele Jugendspieler*innen und großes Interesse, guten Nachwuchs auszubilden. Jetzt haben wir eine viel breitere Basis und ein stabileres Fundament. Wir kennen uns aus mit Orga und Logistik und haben ein superstabiles Sponsorennetzwerk. Ich glaube, mit unserer Struktur ist jetzt langfristiger Erfolg möglich.

Worauf wird bei dem Training in Deutschland heute Wert gelegt? In welchen Bereichen sind die Spieler*innen besser ausgebildet als noch vor 10 bis 15 Jahren?

Die sind viel besser im Krafttraining, in der Stabilität und Mobilität. Die Bereiche Athletik, Koordination und Verletzungsprävention sind viel besser. Inzwischen ist das Einzel- und Techniktraining viel ausgereifter. Früher wurde eher auf die feinen Basics geachtet, heute ist sehr viel mehr Entscheidungsfindung dazu gekommen. Es wird also mehr darauf geachtet, wie sich Spieler in bestimmten Situationen entscheiden, zum Beispiel ob sie den Wurf nehmen oder den Ball weiterpassen. Auch die Masse an Spielern und Vereinen ist etwa fünf Mal so hoch. Und dann haben wir mittlerweile Spitzenvereine wie Ulm oder München mit eigenen Leistungszentren und regional fast überall Leistungszentren. Diese Art von Training hatten wir definitiv nicht in der Basis vor 10 bis 15 Jahren. Natürlich gibt es auch technisch jetzt noch mehr Möglichkeiten, etwa in puncto Videosoftware.

Wo ist noch Luft nach oben in der Ausbildung?

Die Strukturen in Deutschland sind überhaupt nicht homogen und das Training ist von finanziellen und vielen anderen Faktoren abhängig. Wir haben viel mehr Interesse am Basketball gewonnen. Geld, Betreuer, Objekte, Trainer – all das ist besser geworden. Aber es gibt wirklich gravierende Unterschiede zwischen zum Beispiel dem Ulmer Leistungszentrum und einem Barop Basketball in Dortmund. Und ich glaube, wir könnten vor allem in Richtung Schiedsrichter einen riesigen Sprung machen. Das Interesse, Schiedsrichter zu werden, hängt dem Interesse, Spieler, Trainer oder Verantwortlicher zu werden hinterher. Die Aufgabe ist nicht besonders gut bezahlt und es wird nicht besonders gut dafür geworben. Dementsprechend gibt es auch nicht viel Nachwuchs.

Inwiefern hat sich die Verbesserung der Ausbildung in der ProA bemerkbar gemacht? Sind das Niveau und die Talentdichte gestiegen?

Ja. Eine kleine Ausnahme ist vielleicht die aktuelle Saison. Die Liga ist so viel besser, als sie früher war. Die ProA ist meiner Meinung nach jetzt stärker als die erste Liga vor zehn Jahren. Die Liga hat sich echt wahnsinnig gut entwickelt. Die kleine Ausnahme in dieser Saison ist durch die Colleges in den USA bedingt. Dort wurden einige Regeln geändert, sodass die Colleges sehr viel mehr Geld an Spieler auszahlen können. Deswegen sind circa 40 bis 60 Jungs vom Markt gegangen, die dann ProA oder BBL gespielt hätten. Deshalb ist die Liga etwas schwächer als letztes Jahr.

Wo steht Phoenix Hagen und wo steht der deutsche Basketball in zehn Jahren?

Der deutsche Basketball wird weiterhin nach vorne marschieren. Es werden mehr Vereine um die 18 Plätze in der Bundesliga kämpfen. Die zweite Liga wird dadurch deutlich an Stärke gewinnen. Der Basketball wird mit sehr viel mehr Geld, sehr viel mehr Professionalität und sehr viel mehr Orga betrieben werden. Ich glaube, Phoenix Hagen wird sich in der ersten Liga etablieren. Phoenix Hagen wird in zehn Jahren für die gesteckten Ziele, den Ausbau der Jugendarbeit, ein neues Trainingszentrum und eine Multifunktionsarena gute Lösungen gefunden haben. Ein großer Wunsch wäre natürlich auch, international zu spielen. Aber das wird extrem schwer, weil wir nicht die einzigen sind, die das wollen. Es gibt viele ehrgeizige Vereine, die viel investieren. Deswegen glaube ich, dass der Basketball in Deutschland Ausmaße in Richtung Fußball annehmen wird. Da freu ich mich drauf.

Beitragsbild: Phoenix Hagen/Jörg Bähren

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