Feel good Einzelhandel

Dass der Einzelhandel stressig sein kann, ist vielen bewusst. Im Superbiomarkt in Hombruch geht das auch anders: Zwei Fachkräfte zeigen ihre Arbeit zwischen Gemüseabteilung und Teesortiment. 

Es ist 6.30 Uhr, im Superbiomarkt in Hombruch ist das Licht schon an. Die Frühschicht ist unterwegs und frischt das Herzstück des Marktes auf: die Gemüseabteilung. Fünf Mitarbeiter*innen sind dafür zuständig. Einer von ihnen ist Mehmet Maya. Der 40-Jährige ist seit Dezember 2018 Teammitglied im Markt.

Es ist nicht sein erster Job im Einzelhandel, aber hier fühlt er sich wohl. Früh in seiner Karriere hat Mehmet in einem großen Baumarkt gearbeitet. Da fehlte ihm die persönliche Bindung zu den Kund*innen. „Es ist viel schöner, die Kunden direkt zur Ware bringen zu können. Im Baumarkt habe ich sie nur in die nächste Abteilung geschickt. Hier ist auch Zeit für Small-Talk. So lerne ich die Menschen kennen und lerne auch etwas von ihnen“, sagt er. „Je kleiner die Läden sind, desto persönlicher wird es.“

Ein eingespieltes Team

Jeden Morgen wird frisches Gemüse in den Markt geliefert. Und bis zur Ladenöffnung um 8 Uhr muss alles verräumt sein. Die Obst- und Gemüseabteilung ist das Erste, was die Kund*innen sehen, wenn sie den Markt betreten. Auf dem Tisch vor Mehmet bildet sich ein Farbenspiel aus Orange, Rot, Grün, Gelb und sogar Schwarz – alles Karotten. Er hält ein Bund in der Hand. Eins, an dem das Grün noch dran ist. „Die schmecken besser“, sagt Mehmet und wedelt mit dem Gemüse. Ordentlich stapelt er ein Bund auf das andere und Marktleitung Ulrike Saul lobt ihn.

Alle haben morgens eine Ecke, in der sie arbeiten. Die Gruppe ist eingespielt. Trotz der frühen Uhrzeit ist die Stimmung produktiv und aufgeweckt. Mehmet lobt die Öffnungszeiten des Superbiomarkts. Montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr, samstags von 8 bis 16 Uhr. Andere Märkte seien zu früh geöffnet und erst zu spät geschlossen. Die anderen stimmen ihm zu. „Darum fangen alle im Superbiomarkt an, um sich zu erholen“, scherzt Ulrike. „Das ist hier wie in der Kur“, sagt Mehmet fröhlich.

Mitten in Obst und Gemüse

In einem großen braunen Karton stapeln sich strahlend gelbe Bananen, die darauf warten, das Regal zu schmücken. „Je ordentlicher die Bananen aufgebaut sind, umso besser läuft die komplette Obst- und Gemüseabteilung”, erinnert Ulrike. Schichtleiter Tom Lukas Preuß schreitet zur Tat, denn für die Bananen ist er verantwortlich. Im Karton sind sie noch in einer festen Plastiktüte verpackt.

Tom fummelt das Gummiband von der Tüte und wendet sich an Mehmet, bevor er den Bananen seine Aufmerksamkeit schenkt. „Hier. Du sammelst die ja“, sagt er und gibt Mehmet das Band. „Genau richtig“, bestätigt Mehmet. Er wechselt vom Brokkoli zum Staudensellerie und bringt das Gummiband direkt zum Einsatz. Manchmal lösen sich beim Sellerie die äußeren Blätter.

Mehmet hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bänder zu sammeln, um das zu verhindern. In solchen Fällen wickelt er ein Gummiband um die losen Blätter. „Lebensmittel sind wertvoll und müssen mit Fürsorge behandelt werden. Als wären sie die große Liebe“, sagt Mehmet. Wie bei einer Zaubervorführung hält Mehmet einen Staudensellerie und das Band hin und führt seinen Trick vor. Geschmeidig zieht er das Band über den Stamm und lässt es zurückschnappen. Tom streckt seine Daumen nach oben. Weiter geht’s.

Der „Star-Kassierer“ Hombruchs

Nachdem Obst und Gemüse an Ort und Stelle sind, kümmert sich Mehmet um den Außenbereich: Er fährt die Angebotswagen nach draußen und erinnert sich an einen Diebstahl, den er verhindern konnte. Auf seinem Weg zur Schicht bemerkte er einen Mann, der sich verdächtig verhielt. Der Mann stand vor einem der Angebotswagen und begutachtete ein Produkt. Dieses wollte er vorsichtig in seiner Tasche verschwinden lassen. „Ich habe ihn nach dem Kassenbon gefragt. Den hatte er natürlich nicht“, erinnert sich Mehmet. Ertappt machte sich der Mann ohne seine Beute vom Acker. „Wenn viele klauen, hat das Konsequenzen für die Mitarbeiter. Dann stimmen die Zahlen nicht“, sagt Mehmet. Für ihn gibt es aber auch eine Ausnahme: „Klar, wenn jemand sagt: ‚Oh, ich habe Hunger. Ich will einen Apfel oder Bananen.‘ Das ist gar kein Problem. Das wird geschenkt. Alles gut.“

Die Warentrenner beschreibt Mehmet Maya gerne mit einem netten Spruch, um für ein Lächeln zu sorgen.  

Wie so oft ist Mehmet heute an der Hauptkasse eingeteilt. Das sei sein Ding. „Es ist immer lustig. Man kann viel erzählen, lustig sein, ernst sein“, erklärt er. „Ich bin Star-Kassierer.“ Mehmet strahlt und fegt kurz über das Kassenband. Es ist acht Uhr, der Markt hat geöffnet. Der erste Kunde begutachtet die Orangen. Eine andere Kundin legt drei Äpfel aufs Kassenband. Sie lacht über einen Scherz von Mehmet. „Das Wichtigste an der Kasse ist die Freundlichkeit“, sagt Mehmet und grinst. Als Kassierer hat er auch mit schwierigen Kund*innen zu tun. In solchen Situationen sei es ihm wichtig, erst einmal herauszufinden, was passiert ist. „Man muss zuhören, kommunizieren, vertrauen, weil man nicht weiß, was ist passiert?“, erklärt er.

Grapefruit gefällig?

In einer ruhigen Minute verlässt Mehmet die Kasse und schnappt sich eine Grapefruit aus der Obst- und Gemüseabteilung. Diese Woche sind sie nämlich im Angebot. Das bedeutet, dass sie verkostet werden dürfen. Am Ende des Regals, gleich neben den Äpfeln, steht ein hüfthoher Schrank, auf den Mehmet ein schwarz-weiß gesprenkeltes Schneidebrett, ein kleines Messer und einen Teller ablegt. Er platziert die Grapefruit auf dem Brettchen und schneidet sie in kleine Stücke.

Mehmet muss kurz innehalten. Er weiß nicht genau, wie man die Frucht schneidet. So werden aus der Grapefruit unterschiedlich große Stücke mit unterschiedlich vielen Ecken. Mehmet stellt den vorbereiteten Teller auf ein Pult vor der Obst- und Gemüseabteilung. Auf dem Pult steht bereits ein Holzteller, auf dem sich ungeschnittene Grapefruits stapeln. Sie sollen den Kund*innen schmeicheln. Mit Wirkung, denn etwas später legt eine Kundin bei Mehmet zwei Grapefruits auf das

Kassenband. Mehmet strahlt über beide Ohren. „Haben Sie vorne probiert?“, fragt er. Die Kundin lächelt und antwortet: „Ich bin am Anfang verführt worden.“

Ab auf die Fläche

Anders als Mehmet verbringt Tom seine Schicht nicht an der Kasse, sondern auf der Fläche. Der 29-Jährige ist Schichtleiter und arbeitet seit Juli 2021 im Superbiomarkt. Zuerst sei er sich unsicher gewesen, ob Bio etwas für ihn sei, erinnert er sich. Doch jetzt würde er nicht mehr wechseln wollen. „Man muss einen Laden finden, der zu einem passt, zur eigenen Persönlichkeit. Sonst macht das Arbeiten keinen Spaß. Mit den richtigen Kollegen ist es noch lustiger”, erklärt Tom. Zu seinen alltäglichen Aufgaben gehört es, die Temperatur der Kühlung und die Mindesthaltbarkeitsdaten zu kontrollieren und die Ware in die Regale einzuräumen.

Mit seinen Kontrollgängen ist Tom schon fertig. Nun schiebt er einen Einkaufswagen ins Lager. Dort stehen zwei Rollwagen, auf denen Ware wartet. Von Backwaren und Süßigkeiten über Öle und Nüsse bis hin zu Waschmitteln und Bodylotion, alles möchte in die Regale geräumt werden.

Eine Reise durch die Gänge

Gekonnt manövriert der Schichtleiter den vollbepackten Wagen aus dem Lager und durch die Gänge des Marktes, bis er ihn neben den Körnern parkt. Sie stehen in der Mitte des Ladens. Von hier kann Tom jedes Produkt gut erreichen. Beim Einräumen achtet er darauf, dass er die neue Ware hinter die Ware räumt, die schon länger im Markt steht.

Während Tom von Gang zu Gang und hin und zurück zu seinem Wagen läuft, fällt ihm auf, dass drei Produkte keine Schilder haben. Er läuft ins Büro und druckt Etiketten. Dann widmet er sich wieder der Ware zum Verräumen. Zwischendurch sprechen ihn Kund*innen an. Eine Kundin fragt nach einem Keimglas zum Sprossenziehen. Tom führt sie durch den Markt und erklärt ihr auf Nachfrage auch, wie es zu nutzen ist. Sie bedankt sich und wünscht einen schönen Tag. Tom wirkt zufrieden.

„Solche Gespräche freuen mich“

Tom Lukas Preuß sorgt dafür, dass die Obst- und Gemüseabteilung immer frisch aussieht. 

Er will gerade eine Lieferung Kräutertee an ihren Platz bringen, da wird er von einer Kundin angesprochen. Sie begrüßt ihn herzlich. Die Kundin kommt öfter her, er kennt sie beim Namen. Sie erzählt, dass sie seit ein paar Monaten im Ruhestand ist, sich aber noch gar nicht so alt fühlt. Sie erinnert sich an ihre Zeit im Studium. Wenn ihr Mann auch bald in Rente geht, wollen die beiden gemeinsam Theologie studieren. Sie erzählt von ihrer Tochter, die abgeschieden in den Alpen mit Schafen und Gänsen lebt.

Den Tee auf dem Arm, lauscht Tom der Kundin aufmerksam und schaltet sich hier und da in das Gespräch ein. Er wirkt geduldig. „Solche Gespräche freuen mich“, sagt er. Sie gehören zu den Dingen, die er an seinem Beruf wertschätzt. „Wir haben viele ältere Kunden. Sie freuen sich, wenn sie einfach von ihrem Tag erzählen können. Viele haben auch keine anderen sozialen Kontakte mehr als uns im Laden. Dann sind wir wie Seelsorger“, erklärt Tom. Zu Weihnachten hat die Kundin mit der Tochter in den Alpen ihm einen Nikolaus und einen kleinen Schokoengel geschenkt, auf dem sein Name stand.

Endspurt

Eine halbe Stunde vor Schichtende steht Tom im Lager vor einem Rollwagen, auf dem eine Kiste mit vielen verschiedenen Obst- und Gemüsesorten steht. Er muss das Obst und Gemüse abschreiben und sortieren. Von Blutorangen über Brokkoli bis hin zu Kiwis. Tom sortiert hier und da ein paar Artikel aus, die sich für eine Too-Good-To-Go-Tüte eignen. Diese Produkte landen fair verteilt in zwei schwarzen Kisten. Der Rest wird am Ende des Tages von Food Sharern abgeholt.

Um kurz nach zwei beenden Mehmet und Tom ihre Schicht. Sie treffen sich im Büro. Mehmet hat seine Kasse bereits gezählt und muss auf Tom warten, damit er ihn abrechnen kann. „Ich muss noch kurz einkaufen“, sagt Tom. „Ich auch“, erwidert Mehmet. Gemeinsam verlassen sie das Büro und gehen zurück in den Markt.

 

Fotos: Annika Richter

 

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