„In Drag bin ich die Superhelden-Version von mir“ – Drag Queens im Interview

Das Drag-Kollektiv „House of Blaenk“ ist für Matthias Dörmann und Daniel Wienke schon längst eine Familie geworden. In Drag heißen sie Liberty Lestrange und Miss Galaxia. Sie treten auf CSDs auf, halten Diversitätsschulungen und Trauungen in Drag.

Erst das Make-up: falsche Wimpern, der knalligste Lidschatten, der zu finden ist, Lippenstift und Rouge. Dann die Perücke – bis ins Detail frisiert, in den pompösesten Formen und Farben. Das Outfit ist für Matthias Dörmann und Daniel Wienke fast gar nicht mehr nötig, um die Drag-Persona aufleben zu lassen. Das Gefühl, das beim Verwandlungsprozess entsteht, reicht dafür aus. Aber das lange, glitzernde Abendkleid oder der Bodysuit mit gepolsterten Hüften machen den Look perfekt.

Dieser Ablauf bedeutet für Matthias und Daniel pure Lebensfreude. Beide sind Mitte dreißig und arbeiten in der Kindertagespflege und der Kinder- und Jugendhilfe. 2018 entdeckten sie ihre Liebe zu Drag. Seit 2021 sind sie als Dragqueens im fünfköpfigen, münsterländischen Kollektiv „House of Blaenk“ aktiv.

Wie habt ihr euren Weg in die Dragkunst gefunden?

Matthias Dörmann out of Drag. Foto: Matthias Dörmann 

Matthias: Ich hatte vor 2018 gar keinen Kontakt zur queeren Community. Ich war sehr christlich sozialisiert und habe als Diakon in der Kirche gearbeitet. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, habe ich die Welt der queeren Community entdeckt – und erkannt, welche Anteile von mir ich mein ganzes Leben lang unterdrückt hatte.

Dann habe ich aufgehört, für die Kirche zu arbeiten. Ich hatte aber ein starkes Bedürfnis, diese strenge Kirchenwelt aufzubrechen. Das habe ich für mich geschafft, indem ich zum Beispiel eine Aufklärungsveranstaltung in der Gemeinde gemacht habe, in der ich vorher war, oder mal in Drag bei einem Gottesdienst der Queergemeinde aufgetreten bin.

Der ausschlaggebende Punkt, wie ich zum Drag gekommen bin, war ein Konzert von Years & Years in Hamburg. Ich kannte zu dem Zeitpunkt weder die Band noch die Lieder, aber da geht es stark um Selbstverwirklichung. Auf diesem Konzert habe ich entschieden: Ich will Drag machen! Mein Mann hat mich bei dem Gedanken sofort unterstützt. Trotzdem haben wir beide erst gedacht: Das wird eh nichts.

Daniel Wienke out of Drag. Foto: Daniel Wienke

Als Dragqueen bin ich Liberty Lestrange – das bedeutet „die fremde Freiheit“. Den Namen habe ich gewählt wegen meiner Vergangenheit und weil es mir wichtig ist, in die Welt zu tragen, dass jeder Mensch so sein darf, wie er möchte.

Daniel: Ich wollte eigentlich nie Drag machen, weil ich wusste, dass das tierisch viel Arbeit ist. Ich kannte die Serie RuPaul’s Drag Race und habe als Kind sehr gerne die Mini-Playback-Show geguckt. Lipsyncen fand ich schon immer toll.

Richtig angefangen habe ich 2018 beim Abschlussprojekt für meine Fortbildung zum Theaterpädagogen. Da bin ich in Drag aufgetreten. Die Prüfer*innen sagten mir: „Daniel, das war so toll, bau das doch weiter aus.“ In dem Jahr habe ich Miss Galaxia über Instagram publik gemacht und ganz langsam hereingeschnuppert.

Was war eure erste Performance in eurer Drag-Persona?

Matthias: Das erste Mal, dass ich gesagt habe: „Das ist Liberty Lestrange“, war an Karneval, nachdem ich mehrere Monate lang allein geübt habe. Ich bin mit Freund*innen zu einem Umzug und in verschiedene Bars gegangen. Mein erster Auftritt war kurz danach auf einer Spendenveranstaltung für den CSD. Da habe ich drei Nummern mit Fräulein V und Jen da Faque performt, die auch zu unserem Kollektiv gehören.

Karneval war super empowernd. Der erste Auftritt war aber furchtbar, weil das eigentlich ein paar Nummern zu groß für mich war. Ich wusste noch gar nicht, was ich mache. Also es war eigentlich von vorne bis hinten nur Stress. (lacht)

Daniel: Bei mir war der erst Auftritt in Münster beim CSD, zusammen mit Moana Parks. Moana Parks gehört auch zu unserem Kollektiv. Die erste Drag Show habe ich aber tatsächlich als Video aufgenommen. Da haben wir mit dem ganzen House of Blaenk eine Drag Show für die Burg Hülshoff erstellt. Die haben wir dann gefilmt – das war natürlich etwas anderes als mit Publikum. Trotzdem war es aufregend, weil es unser erstes großes und hochwertiges Booking war. Da habe ich gemerkt, dass daraus wirklich etwas werden könnte.

Was war bis jetzt eure Lieblingserfahrung in eurer Drag-Karriere?

Miss Galaxia und Liberty Lestrange beim Docklands Festival 2024 in Münster. Foto: Daniel Wienke

Matthias: Einer der krassesten Momente war, als wir alle zusammen beim CSD in Münster performt haben. Ich hatte ein Roboter-Outfit an, mit überdimensionalen Hüften, magnetischen Brüsten und pinke Overknees.

Daniel: Ja, stimmt. Das war wirklich einer der krassesten Auftritte, weil das für uns das erste Mal war, dass Tausende von Leuten vor der Bühne standen und uns zugejubelt haben. Ich hatte so ein abgefahrenes Outfit an: eine schwarze Corsage mit silbernen Elementen von einer Designerin aus Rotterdam. Und in der nächsten Performance ein Schülerinnen-Outfit mit weißer Bluse und Minirock.

Matthias: Wir sind auf die Bühne gekommen und ohne, dass wir irgendwas gemacht haben, sind die Leute ausgeflippt. Da wussten wir: Egal, was wir performen, ob wir verkacken oder nicht, die Leute feiern uns dafür, dass wir hier sind.  

Wie unterscheiden sich eure Drag Personas von Matthias Dörmann und Daniel Wienke?

Miss Galaxia: Die Superhelden-Version von Daniel Wienke. Foto: Daniel Wienke

Daniel: Miss Galaxia ist präsenter als Daniel Wienke. Im Alltag nehme ich oft eher eine beobachtende Position ein. Ich habe aber in Drag auch Eigenschaften, die mich in bestimmten Situationen hemmen. Wenn ich auf einem Booking bin und das Gefühl habe, Miss Galaxia würde gerade nicht dahinpassen, fällt es mir schwer, trotzdem mit den Leuten in Kontakt zu bleiben.

Das ist ein Punkt, an dem ich mir sagen muss: Geh jetzt einfach raus und mach dein Ding! Miss Galaxia ist für mich aber keine abgespaltene Persönlichkeit, die komplett anders ist als mein normaler Charakter. In Drag bin ich die Superhelden-Version von mir.

Matthias: Ja, ich verstehe genau, was du sagst. Aber das würde mich heute nicht mehr stören. Ich bringe mich mit dem, was ich in Drag mache, bewusst in Situationen, in denen Leute damit entweder nichts anfangen oder es sogar schlecht finden könnten.

Mir hilft es, zu wissen, dass das nichts mit mir zu tun hat, sondern meistens mit deren persönlichen Problemen. Und am allermeisten hat es damit zu tun, dass diese Leute einen Teil von sich nicht anerkennen – und nicht akzeptieren können, dass ich es mache.

So zu denken, musste ich erst einmal schaffen. Interessanterweise fällt mir das im Alltag viel schwerer als in Drag. Im Alltag kann ich gar nicht damit umgehen, wenn ich merke, dass Leute mich nicht mögen oder mich auf eine bestimmte Art und Weise ansehen. Ich würde sagen, beide Persönlichkeiten existieren parallel. Liberty Lestrange ist der Teil meiner Persönlichkeit, der vorher nie Raum bekommen hat.

Um auf den „Verwandlungsprozess“ einzugehen: Welche Rolle spielen Kleidung und Schminke emotional für euch?

Liberty Lestrange mit ihren zwei Essentials: die Wimpern und die Perücke. Foto: Matthias Dörmann

Matthias: Bei mir gibt es zwei ganz wichtige Dinge beim Fertigmachen: die Wimpern und die Perücke. Wenn ich die Wimpern draufhabe, dann bin ich eigentlich schon in Drag. Die Perücke ist das i-Tüpfelchen. Wenn ich was weglassen müsste, würde ich eher einen „Nude-Look“ machen, nur mit Perücke und Heels, als dass ich ein Kleid anhätte ohne Heels und Perücke.

Daniel: Von der Einstellung her sind wir, wenn wir uns gemeinsam schminken, immer in Drag. Das können wir nicht abschalten. Wenn ich mich allein schminke, hat das für mich etwas Meditatives. Ich sitze hochkonzentriert da und bin nur mit dem Thema Make-up beschäftigt. Und die Kleidung spielt eine große Rolle. Ich liebe alles mit Pailletten und Glitzer, weil ich das mit dem Weltall in Verbindung bringe. Ich bin Miss Galaxia und will ein Stück weit das Universum auf die Erde bringen.

Matthias: Was Leute oft unterschätzen, ist die Zeit, die wir zum Fertigmachen brauchen. Das sind schon mal zwei bis fünf Stunden: Perücken vor- und nachbereiten, Pinsel und Schwämme reinigen.

Wenn ich in Drag bin, trage ich den ganzen Tag unbequeme Schuhe, eine Corsage und mehrere Lagen Strumpfhosen. Es ist zu heiß, es zwickt überall, ich kann mich nicht richtig bewegen, Sitzen ist wegen der Corsage unbequem, Stehen wegen der Schuhe auch, die Perücke ist schwer, alles ist heiß. Also: Drag ist durch und durch unbequem und anstrengend.

Dann frage ich mich: Wieso macht ihr es? Was ist Drag für euch: eine Performance-Kunst, eine Message oder Ausdruck von Emotionen?

Matthias: Alles. Alles, was du genannt hast. (lacht)

Daniel: Ja, es ist eine Kombination aus allem. Drag ist für mich eine Möglichkeit, mein Interesse, die Leute zu unterhalten und auf der Bühne zu stehen, wahrzumachen. Ich möchte die Leute aus dem Alltag holen und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Es bedeutet aber auch ein Stück weit, ein Zeichen zu setzen. Ich möchte zeigen, dass ich tragen kann, was ich möchte und damit niemandem schade.

Ein Mensch – zwei Welten. Matthias Dörmann und Liberty Lestrange auf einem Bild. Foto: Matthias Dörmann

Matthias: Es kommt auch darauf an, in welchem Setting ich bin. Ich mache viele Diversitätsschulungen in Drag, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Wenn ich bei einer solchen Schulung bin, stehen die Message, die Werte, die ich vermitteln will, im Vordergrund. Wenn ich auf einer Party bin, geht es mehr darum, Spaß zu haben, zu connecten und mich toll zu fühlen in dem, was ich trage und wie ich aussehe.

Daniel: Es ist dabei egal, ob wir bei einer großen Veranstaltung sind, auf einem gebuchten Auftritt oder bei kleineren Sachen wie Partys. Die Aufklärungsarbeit begleitet uns immer, wenn wir in Drag rausgehen.

Es gibt natürlich Gruppen von Menschen, denen du sagen kannst, was du willst, und die Abneigung bleibt. Letztens habe ich ein Werbevideo für Trauungen in Drag gepostet und es hat nicht lange gedauert, bis jemand ein GIF von Jeffrey Epstein gepostet hat und darunterschrieb: „Was für Pedos.“

Wie geht ihr mit solchen Vorfällen um?

Daniel: Wenn ich in Drag draußen war, habe ich bisher zum Glück nur positives Feedback bekommen. Wenn jemand online negative Sachen schreibt, wie mit diesem GIF von Epstein, tangiert mich das gar nicht. Ich melde und lösche sie, weil ich diese Art von Kommentaren nicht stehenlassen möchte.

Matthias: Bei diesem bestimmten Thema wüsste ich auch nicht, ob ich darauf eingehen würde. Das hat überhaupt keine sinnvolle Grundlage und ist einfach nur Diffamierung. Wenn es aber Meinungen sind, die ich akzeptieren kann, bin ich sehr offen. Es muss nicht jeder toll finden, dass ich mit Frauenkleidung auf einer Bühne stehe und mich dabei gut fühle. Aber ich würde den Leuten gerne durch ein Gespräch die Möglichkeit geben, sich zu reflektieren und darüber nachzudenken, woher ihre Haltung kommt.

Ich finde es wichtig, dass wir nahbar bleiben. Wo auch immer wir auftreten, ist es klar, dass wir nicht einfach unsere Bühnenshow machen und dann Backstage verschwinden. Durch diesen persönlichen Kontakt und Austausch entsteht erst das Bewusstsein für Drag.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Drags?

Matthias: Ich bin da direkt bei einer Idealvorstellung. Realistisch ist es zwar nicht, aber wenn ich als Dragqueen einfach so durch die Innenstadt gehen könnte und sich kein Mensch umdrehen würde, weil er verwundert ist, wäre das mein Ideal für die Zukunft: Wenn Anderssein kein Aufsehen mehr erregt.

 

Beitragsbild und Fotostrecke: change for a moment/Rüdiger Guhl 

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