Schichtwechsel im Ruhrgebiet

Markus Wisner hätte gern weiter auf der Zeche gearbeitet – doch der Strukturwandel hatte andere Pläne. Warum der Zusammenhalt unter Tage für ihn bis heute unersetzlich bleibt und der Abschied vom Bergbau mehr war als ein Jobverlust.

Du bist in Gelsenkirchen aufgewachsen, in der Nähe des Stadions. Welche Rolle hat der Bergbau damals in deiner Familie gespielt?

Mein Vater hat auf der Zeche gelernt und mein Onkel auch. Die beiden waren Elektriker. Und dadurch bin ich auch dazu gekommen.

Markus auf einer Zechenführung.    Foto: Sandra Bachmann

Welche Eindrücke aus deiner Kindheit und Jugend hast du noch im Kopf?

Wir waren viel draußen früher, ohne Handy und ohne Playstation. Wir sind einfach Fahrrad gefahren und haben gespielt. So habe ich als Kind schon den Zechen-Flair wahrgenommen. Die waren ja auch alle noch aktiv. In meiner Umgebung war so ziemlich jeder Zweite auf der Zeche beschäftigt, das haben auch wir Kinder mitbekommen.

War dadurch für dich schon früh klar, dass du mal irgendetwas mit Zechen zu tun haben willst?

Nein, das kam später, etwa in der 9. Klasse. Da mussten wir anfangen, uns Gedanken zu machen und die ersten Bewerbungen schreiben. Die Zeche hat eine super Ausbildung angeboten, bei der wir erst einmal nicht selbst produktiv sein mussten, sondern gelernt haben. Ich habe zwar noch andere Bewerbungen zu anderen Firmen rausgeschickt, wurde dann aber auf der Zeche für einen Einstellungstest eingeladen. Den Test habe ich bestanden und habe den Ausbildungsplatz angenommen.

Wo und wann hast du diese Ausbildung angefangen?

Die Ausbildung hat angefangen am 1. August 1990 auf Zeche Hugo in Gelsenkirchen. Im Januar 1994 war ich fertig. Zwei Kumpels von mir haben die Ausbildung ein halbes Jahr eher beendet. Das ging, aber mir hat‘s so Spaß gemacht, dass ich nicht vorzeitig in die Prüfung gegangen bin. Und um ehrlich zu sein, wusste ich auch nicht, ob ich schon so weit bin.

Wann warst du denn das erste Mal unter Tage während deiner Ausbildung?

Im zweiten Lehrjahr war ich das erste Mal unter Tage. Unsere erste Aufgabe war, Gurtbänder, worauf die Kohle befördert wurde, von Kohlenstaub zu befreien, damit die nicht anfangen zu brennen. Das musste regelmäßig gemacht werden. Da kamen noch andere bergmännische Arbeiten dazu und ich durfte direkt eine Woche unter Tage arbeiten.

Was hat die Arbeit an der Zeche für dich und dein Leben als junger Mann bedeutet?

Typischer Tunnelbau: Schienen zur Beförderung von mit Kohle beladenen Loren. Foto: Markus Wisner

Das hat mir schon viel Spaß gemacht. Es ist natürlich auch spannend da unten zu arbeiten. Es ist nicht immer eine schöne Arbeit. Es ist dreckig, es ist laut, es ist warm, aber da gewöhnt man sich dran, und dann hat‘s auf jeden Fall Spaß gemacht. Die ersten paar Tage war alles neu. Ich habe mir viel angeschaut. Aber irgendwann habe ich nicht mehr darüber nachgedacht, ob ich jetzt über Tage oder unter Tage bin.

Wie war es für dich, in einer Kameradschaft zu arbeiten?

Eine bessere Kameradschaft als unter Tage gibt‘s nicht. Da gab es keine Integrationsprobleme oder sonst irgendwas. Es waren aus aller Herren Länder Gastarbeiter da. Italiener, Türken, unter Tage war das total egal, mit wem du gearbeitet hast. Das waren Kumpel, deswegen heißen sie ja auch Kumpel. Wenn du Hilfe brauchtest, hast du jemanden angequatscht und ob du ihn kanntest oder nicht, er hat dir geholfen, das war so.

Als du mit der Arbeit angefangen hast, wie hat das dein Privatleben beeinflusst?

Während der Ausbildung überhaupt nicht, weil ich meist Frühschichten hatte. Als ausgelernter Bergmann sah das ein bisschen anders aus, weil ich dann Wechselschichten hatte. Das wirbelt das Ganze natürlich durcheinander, die einen sind freitags abends feiern gegangen, ich bin freitags abends arbeiten gegangen, oder andersrum. Einmal musste ich auch an Weihnachten arbeiten. Dafür habe ich mich aber freiwillig gemeldet, weil es 200 Prozent mehr Geld gab.

Die ersten Zechen im Ruhrgebiet haben schon in den 70er Jahren geschlossen. Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass es mit dem Kohleabbau vielleicht nicht so weitergeht wie bisher?

Früher Realität, heute Kulturgut: Markus bei einer Führung auf der Zeche Ewald in Herten. Foto: Sandra Bachmann

Schon während der Ausbildung. Wir haben immer wieder zusätzliche Freischichten bekommen, weil die Kohleförderung zurückgefahren wurde. Wir mussten dann teilweise nur vier Tage die Woche arbeiten. Am Anfang der Ausbildung hieß es: Alle Auszubildenen werden übernommen. Nach der Zwischenprüfung kam aber der Werkstattleiter zu uns und meinte: Die fünf Besten können bleiben, die kriegen einen unbefristeten Vertrag. Den anderen wurde angeboten, dass sie entweder in eine andere Schachtanlage oder in die freie Wirtschaft wechseln. Es wurde aber dafür gesorgt, dass möglichst niemand in „Bergfreie“ fällt.

Und wie habt ihr Kumpels untereinander das aufgenommen? Wie war die Stimmung unter Tage?

Du willst ja deinen Job nicht verlieren. Du hast auf der Zeche angefangen und hast gedacht: Das ist ja ein riesiger Betrieb. Wenn ich hier keinen goldenen Löffel klaue, kann ich hier immer arbeiten. Und wenn du dann hörst, das Bergwerk wird irgendwann geschlossen, ist das schon schwierig.

Hattest du davor Angst oder hattest du schon Pläne?

Die Zeche Hugo im Jahr 1997. Foto: Markus Wisner

Während der Ausbildung war mir schon klar, dass ich mich eigentlich noch weiterbilden will. Ich wollte studieren. Ich hatte aber kein Abitur, also musste ich mein Fachabi machen. Nach der Ausbildung habe ich eine Zeit lang unter Tage gearbeitet, dann habe ich mich freistellen lassen für ein Jahr und habe mein Fachabitur in Vollzeit gemacht, an der Bergberufsschule Mitte in Recklinghausen. Danach bin ich wieder zurück unter Tage gegangen auf Hugo, bis mein Studium angefangen hat. Dafür wollte ich mich wieder freistellen lassen. Ich bin ins Personalbüro nach oben gegangen und die Mitarbeiter sagten mir, dass sie mich nicht mehr freistellen würden. Ich habe sie gefragt warum. Sie haben mir gesagt: Wenn ich mit dem Studium fertig wäre, gäbe es unsere Schachtanlage wahrscheinlich nicht mehr. Ich konnte also studieren, aber nur mit einem Auflösungsvertrag. Das war das Angebot, was ich bekommen habe. Ich habe es angenommen und danach dann Elektrotechnik an der Fachhochschule Gelsenkirchen studiert und später Informatik an der Fernuniversität Hagen.

Was hat das emotional mit der gemacht, der Bruch mit dem Bergbau?

Ich hätte schon sehr gerne weitergemacht, aber ich habe natürlich gemerkt, dass ein Studium mir viel mehr Perspektiven ermöglicht, weil der Bergbau am Ende war. Außerdem habe ich eine gute Abfindung bekommen. Und wenn ich den Auflösungsvertrag nicht unterschrieben hätte, wäre meine Zukunft im Bergbau ziemlich ungewiss gewesen. Es war ja absehbar, dass auch die anderen Schachtanlagen nach und nach schließen.

Wie sahen dein Leben und deine wirtschaftliche Situation nach dem Wechsel ins Studium aus?

Ein Besuch, der Erinnerungen weckt: Markus und seine Frau Sandra auf einer Zechenführung. Foto: Sandra Bachmann

Ein Studium kannst du nicht mit einer Ausbildung unter Tage vergleichen. Schon gar nicht, was das Geld angeht. Als Facharbeiter auf der Zeche habe ich gutes Geld verdient, im Studium dann auf einmal nichts. Das war schon eine Umstellung, ich musste mich mit Jobs über Wasser halten. Die Wirtschaftskrise im Ruhrgebiet hat sich bemerkbar gemacht. Zum Beispiel habe ich nach meinem Studium nur mit Mühe knapp so viel verdient, wie ich nach der Ausbildung unter Tage verdient habe. Und ich hatte Glück, dass ich keine reine bergmännische Ausbildung gemacht hatte. Die Kollegen mussten sich nach der Schließung komplett neu orientieren. Da gab‘s auch viele, die kurzzeitig arbeitslos waren.

Hast du dich in dieser Zeit vernachlässigt gefühlt?

Ja, von der Politik. Wenn du dir das Subventionsaufkommen angeschaut hast in ganz Deutschland, hat der Bergbau nur einen sehr kleinen Teil davon abbekommen. Wir waren deswegen auch oft auf Demos. Wir waren damals alle in der Gewerkschaft, und die haben oft Streiks und Demos organisiert.

Wenn du auf diese Zeit zurückschaust, auf den Strukturwandel und deine eigene Geschichte, wie fühlst du dich dann?

Ich find‘s wirklich schade, dass es keine Zechen mehr gibt, diesen Zusammenhalt mit den Kumpels. Auf der Zeche zu arbeiten, das war ganz besonders, wie eine eigene Welt. Das kannst du mit anderen Betrieben nicht vergleichen.

 

Beitragsbild: Carolin Hansing

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