“Wer heute mit acht Jahren ein Wunderkind ist, kann seine Hoffnung auf eine Spitzenkarriere begraben.”

Sportwissenschaftler Arne Güllich und sein Team erforschen, wie sich Talent vom Kindes- bis ins Erwachsenalter entwickelt. Das Ergebnis: Talententwicklung verläuft oft anders als bisher gedacht.

Arne Güllich ist Sportwissenschaftler und Talentforscher an der RPTU Kaiserslautern. In seiner Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, wie sich Talent vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter entwickelt. Im vergangenen Winter hat Güllich mit seinem Forschungsteam 34.839 Studien ausgewertet, um zu verstehen, wie sich Talente entwickeln und wie sie gut gefördert werden können. Dabei haben die Forschenden Studien zu Nobelpreisträger*innen, Medaillengewinner*innen bei den Olympischen Spielen, Schachspieler*innen und klassischen Komponist*innen berücksichtigt.

Herr Güllich, eine grundlegende Frage zum Einstieg: Was ist Talent überhaupt?

Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Es gibt etliche Verständnisse von Talent, sei es in der Praxis, sei es in der Wissenschaft. Nach unserer Durchsicht der Literatur könnte man aber einen harten Kern herauskristallisieren: Talente sind junge Menschen, die Potenzial für großartige Leistungen im Erwachsenenalter haben. Häufig führt diese Vorstellung von Talent dazu, dass denjenigen, die in jungen Jahren die besten sind, das größte Potential zugeschrieben wird.

Kann man den Begriff Talent im Sport eingrenzen?

Sportwissenschaftler Arne Güllich
Sportwissenschaftler Arne Güllich forscht an der RPTU Kaiserslautern. Foto: Arne Güllich

In der Literatur der Sportwissenschaften wird der Talentbegriff noch etwas differenzierter betrachtet. Die Forschung geht von einem engen und einem weiten Talentbegriff aus. Der enge Talentbegriff umfasst nur motorische Merkmale. Beim weiten Talentbegriff spielen auch psychosoziale Merkmale eine Rolle, elterliche Unterstützung gehört beispielsweise dazu.

Außerdem unterscheiden wir zwischen einem statischen und einem dynamischen Talentbegriff. Mit „statisch“ ist der Glaube aus der Sportwissenschaft gemeint, dass jeder ein gewisses Potenzial hat, das festgelegt, also statisch, ist und sich nicht erweitern lässt. Das können wir uns vorstellen wie ein Becken, in das eine bestimmt Menge Wasser passt. Und dieses Becken lässt sich nicht vergrößern, sodass mehr Wasser reinpassen könnte.

Und was ist mit dem dynamischen Talentpotenzial gemeint?

 Beim dynamischen Talentpotential gehen wir davon aus, dass das Potenzial sich durchaus verändert. Somit ist es auch über die Zeit beeinflussbar. Diese Annahme entspricht der aktuellen Auffassung.

Vorigen Winter haben Sie Ihre Meta-Studie mit den aktuellen Erkenntnissen veröffentlicht. Darin haben Sie und Ihr Team sich mit verschiedenen Disziplinen beschäftigt. Zu welchem Ergebnis sind Sie bei der Durchsicht der Daten gekommen?

Durch unsere Forschung konnten wir einige Annahmen aus der Expertisen- und Begabtenforschung widerlegen. Diese Annahmen lassen sich in drei Kernaspekten festhalten. Erstens: Bisher wurde davon ausgegangen, dass diejenigen, die in jungen Jahren die höchsten Leistungen erbringen, auch diejenigen sind, die im späteren Erwachsenenalter die höchsten Leistungen zeigen. Bei unserer Forschung haben wir zum einen vorausschauend geprüft, wie viele erfolgreiche junge Menschen im späteren Leben erfolgreich sind. Und rückblickend, wie viele erfolgreiche Erwachsene auch schon erfolgreiche junge Menschen waren. Das lässt sich mathematisch errechnen.

Das Ergebnis: Es gibt lediglich eine Überschneidung von etwa zehn Prozent. Menschen, die schon in jungen Jahren erfolgreich waren, und diejenigen, die im Erwachsenenalter erfolgreich sind, sind nur zu rund zehn Prozent identisch, zu etwa 90 % sind es verschiedene Individuen. Kurz gesagt: Die Besten in jungem Alter sind überwiegend nicht die Besten im Höchstleistungsalter.

Also braucht Talent Zeit?

Da kommen wir zum zweiten Aspekt: Die Evidenz zeigt, dass diejenigen, die die Weltklasse erreichen, in jungen Jahren eher eine allmähliche Leistungsentwicklung zeigten. Die meisten gehörten in dieser Zeit nicht zu den Besten ihrer Altersgruppe. Die späteren Weltklasse-Performer entwickeln sich zunächst langsamer, holen später aber auf und überholen die anderen. Diejenigen, die später „nur“ sehr gut werden, etwa nationale Klasse, aber nicht Weltklasse, zeigen oft in jungen Jahren schnelle Fortschritte, stagnieren dann aber.

Was besagt die dritte Erkenntnis?

Viele Höchstleistende auf Weltklasseniveau spezialisieren sich erst relativ spät auf eine bestimmte Disziplin. Zunächst sammeln sie Erfahrungen in verschiedenen Disziplinen: etwa unterschiedliche Studienfächer, Musikgenres, Sportarten oder Berufe.

Wie ordnen Sie Ihre Erkenntnisse im Vergleich zum bisherigen Forschungsstand ein?

 Diese Ergebnisse weichen von dem ab, was die traditionelle Begabungs- und Expertise-Forschung bisher angenommen hat. Bisher ging man davon aus, dass zwei wesentliche Faktoren später zur Höchstleistung führen: Erstens, außergewöhnliche frühe Leistungen und Fähigkeiten. Eine Annahme war: Begabungen sind schon früh an Leistungen und Fähigkeiten erkennbar. Man vermutete, sehr gute Schulnoten, eine besondere Kreativität oder auch Intelligenz fallen bereits im Kindesalter auf und deuten auf eine spätere Höchstleistung hin. Der zweite Faktor betrifft das Training: Die Forschung ging bisher davon aus, dass eine Höchstleistung durch ein langjähriges intensives disziplin-spezifisches Training erreicht wird.

Um die neuen Ergebnisse zu erklären, haben Sie und Ihr Team verschiedene Hypothesen zur Diskussion gestellt.

Genau, zusammengefasst gehen diese Hypothesen davon aus, dass langjährige authentische Erfahrungen in verschiedenen Disziplinen helfen, die Disziplin zu finden, die am besten zu einem passt und zu der man am besten passt. Zudem können die jungen Menschen Lernerfahrungen sammeln, die später ein Lernen auf höchstem Niveau fördern. Durch das Engagement in verschiedenen Disziplinen werden außerdem Risiken wie Burn-out oder Verletzungen gedämpft.

Sorgt die Zuschreibung von Talent in jungen Jahren eher für Druck oder Entlastung?

Wenn wir junge Menschen und vor allem Kinder als Wunderkind, Talent, oder auch Elite bezeichnen, kann das zum Labelling-Effekt führen. Die Wirkungen können unterschiedlich sein. Manche Kinder fühlen sich beflügelt und blühen unter dieser Bezeichnung auf. Andere fühlen sich unter Druck gesetzt und merken, dass mit dieser Bezeichnung höhere Leistungserwartungen an sie verbunden sind. Verschiedene Kinder können unterschiedlich gut mit Leistungsdruck umgehen, bei vielen kann aber die Sorge entstehen, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Für viele ist das Labelling eher Fluch als Segen.

Warum hält sich der Begriff der Wunderkinder trotzdem so hartnäckig?

Entstanden ist das Phänomen der Wunderkinder in der Kunst- und Musikszene. Medien finden die Geschichten von Wunderkindern wie Wolfgang Amadeus Mozart oder heute Anne Sophie Mutter besonders attraktiv. Medien haben einen Anteil daran, dass sich der Glaube hält, dass Wunderkinder die künftigen erwachsenen Stars werden. Das deckt sich ja auch mit dem, was aus der traditionellen Begabtenforschung propagiert wurde.

Sie haben sich in Ihrer Studie vor allem mit der Weltklasse in verschiedenen Disziplinen beschäftigt, also mit Nobelpreisträger*innen, Olympasieger*innen und anderen Ausnahmetalenten. Ist an dem Satz „Alle haben ein Talent“ was dran?

Jeder Mensch ist ein Wunderwerk. Selbst der langsamste Läufer kann Dinge, die keine andere Spezies kann. Wir können Gefühle entwickeln, Zuckerkrümel mit zwei Fingern greifen und so viel mehr. Selbst wenn wir Bereiche definieren, in denen Menschen nur ganz wenige die Spitzenleistungen erreichen: Jede und jeder von uns erbringt doch unglaubliche Leistungen. Wenn Sie mögen, können Sie es auch religiös sehen: Wir alle sind vom lieben Gott mit unglaublichen Gaben ausgestattet worden. Max Weber hat herausgearbeitet, wie dieser Glaube in Verbindung mit der Verpflichtung, sich vor Gott würdig zu erweisen, dazu beträgt, dass jeder bestrebt ist, das Beste aus sich zu machen. Egal, ob wir Olympiasieger werden, auf Platz 40.000 beim Stadtmarathon landen oder vielleicht auch in der Kreisklasse kicken.

 

 

Beitragsbild: Montage Emma Hoffstiepel

Ein Beitrag von
Mehr von Emma Hoffstiepel
KURT – Das Magazin: Lebensmittel-Unverträglichkeiten, Rollstuhlbasketball und Eisadler Dortmund
Lebensmittel-Unverträglichkeiten im Uni-Alltag. Wie kompliziert es für Betroffene ist einfach mal Essen...
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert