Zwischen zwei Welten: Die Realität von Bildungsaufsteiger*innen

Fehlende Rollenvorbilder, mangelnde familiäre Unterstützung, finanzielle Hürden und unzureichende Aufklärung – diese Aspekte dominieren die Debatte über die Herausforderungen von Bildungsaufsteiger*innen. Doch was, wenn das nur ein Teil der Wahrheit ist?

In Deutschland hängen Bildungschancen nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Die Zahl der Studierenden steigt relativ kontinuierlich und auch der Anteil jener aus nicht-akademischen Haushalten bleibt auf hohem Niveau. Aus der 22. Sozialerhebung des Deutschen Studienwerks aus dem Jahr 2021 geht hervor, dass 47 Prozent der Studierenden aus nicht-akademischen Haushalten stammen.

Als Erstakademiker*innen gelten Studierende, die als Erste in ihrer Familie eine akademische Laufbahn einschlagen. Oft wird auch der Begriff „Arbeiterkind“ verwendet, da viele Eltern dieser Studierenden klassische Arbeiterberufe ausüben und keinen Bezug zur akademischen Welt haben.

Kinder aus akademischen Haushalten haben deutlich bessere Chancen auf ein Hochschulstudium. Laut dem Bildungstrichter der Technischen Universität Dortmund beginnen rund 78 Prozent von ihnen eine akademische Karriere – bei Kindern aus nicht-akademischen Haushalten sind es lediglich etwa 25 Prozent. Der Grund liege nicht im fehlenden Talent, sondern in der mangelnden Unterstützung, heißt es auf der Website der Technischen Universität Dortmund.

Der schwierige Einstieg in die akademische Welt

Frerk Blome ist Nachwuchsforscher im Bereich Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Foto: Hesham Elsherif/TU Dortmund

Ich selbst gehöre zu diesen 25 Prozent. Die Herausforderungen – finanzielle Belastungen, fehlende Vorbilder und begrenzte Unterstützung – sind real und prägend. Doch für viele Bildungsaufsteiger*innen, auch für mich, steckt mehr dahinter: ein Gefühl der Entfremdung beim Eintritt in die Hochschulwelt. Diese erscheint zunächst fremd und unzugänglich, da es an Orientierung und Erfahrungswerten im persönlichen Umfeld fehlt.

Viele Erstakademiker*innen wissen nicht, was sie erwartet. Das kann Angst und Unsicherheit auslösen. Das bestätigt auch Frerk Blome, Nachwuchsforscher im Bereich Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Für seine aktuelle Forschungsgruppe führt er Gespräche mit Bildungsaufsteiger*innen und deren Familien und beobachtet die Entwicklung der Entfremdung.

Entfremdung als Begleiterscheinung des Aufstiegs

Wenn Erstakademiker*innen den Übergang in die akademische Welt geschafft haben, folgen neue Hürden: Sie müssen den Eltern Inhalte wegen fehlenden Vorwissens mehrfach erklären, organisatorische Unterstützung fehlt und die Angst wächst, sich vom vertrauten Umfeld zu entfernen. „Du schaffst das schon!“ – ein Satz, den ich oft gehört habe. Zwar bemühen sich viele Familien um emotionale Unterstützung, doch den Weg müssen wir meist allein gehen.

Laut Forschungsgruppenleiter Frerk Blome bedeutet ein Bildungsaufstieg für viele nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Distanzen. „Dass sich Bildungsaufsteiger*innen von ihrem Umfeld entfremden, ist ein Muster, das in der Literatur fast immer beschrieben wird“, erklärt er. Die akademische Umgebung verändere oft auch das Ansehen innerhalb der Familie. Kommentare wie „Ach, du bist ja jetzt studiert“ oder „Der Besserwisser ist wieder am Tisch“ seien keine Seltenheit. Aus seiner Sicht werde in der Forschung bisher kaum die Perspektive der Familie betrachtet.

Orientierungslosigkeit im akademischen Umfeld

Auch Lisa Maria Dziobaka bestätigt diese Erfahrungen. Sie ist Bundeslandkoordinatorin für das Ehrenamtsmanagement NRW bei der Initiative ArbeiterKind.de. „Es ist schwierig, beim Übergang in die akademische Welt den Spagat zur Herkunftswelt zu schaffen“, sagt sie. Im universitären Umfeld werde die Sorge vor Entfremdung und Bildungsaufstieg oft nicht wahrgenommen. Viele Erstakademiker*innen würden sich schwertun, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden: Wie verhalten sich Studierende an der Uni? Wie sprechen sie? Was gilt als selbstverständlich?

Auch an der TU Dortmund wird das Thema adressiert. Nadine Finke-Micheel, Leiterin der Stabsstelle Chancengleichheit, Familie und Vielfalt berichtet, dass das Talentscouting der zentralen Studienberatung Schüler*innen und Studierende berät und Programme für Erstakademiker*innen anbietet. Sie betont:„Man kann nicht alle Erstakademiker*innen über einen Kamm scheren.“ In der Beratung sei es sinnvoll, durch Einzelgespräche auf individuelle Bedürfnisse einzugehen und diese zu erfragen. Außerdem sei laut Finke-Micheel eine Kultur des Willkommenseins bei ihrer Arbeit wichtig.

Einsamkeit und fehlende Anerkennung

Nadine Finke-Micheel leitet die Stabsstelle für Chancengleichheit, Vielfalt und Familie der TU Dortmund. Foto: Hesham Elsherif/TU Dortmund

Ein zentrales Thema in der Beratung sei auch Einsamkeit. „Viele fühlen sich im Studium eher vereinzelt als verbunden“, berichtet Finke-Micheel. Sich zu vernetzen sei entscheidend, um zum Beispiel Studienzweifeln vorzubeugen. Selbst grundlegende Dinge wie Smalltalk würden sich im akademischen Umfeld oft anders gestalten. Beispielsweise seien vielen Erstakademiker*innen akademische Begriffe wie Kommiliton*innen und Exmatrikulation fremd. Vielen falle es zudem schwer, ihre Leistungen anzuerkennen und stolz auf das zu sein, was sie erreicht haben.

Die Initiative ArbeiterKind.de will Erstakademiker*innen vernetzen und fördern, dass sie untereinander Erfahrungen austauschen. Ehrenamtliche wie Jennifer Schlei engagieren sich und teilen ihre Erfahrungen mit potenziellen Erstakademiker*innen. Schlei studiert Menschzentrierte Informatik im Master mit Schwerpunkt Psychologie und ist seit April 2024 Teil der Initiative. Ihr Studium begonnen hat sie im Oktober 2021. „Ich hätte mir gewünscht, ArbeiterKind.de schon früher kennenzulernen“, sagt sie.

Als sie auf die Initiative aufmerksam geworden ist, habe sie zwar keine direkte Unterstützung mehr gebraucht. Doch das Wissen, nicht allein zu sein, sei wertvoll gewesen. Heute berät Schlei Jugendliche im Mentoring-Programm und hilft bei Fragen rund um das Studium. „Manchmal braucht es keine Lösung, sondern einfach jemanden, der einen versteht“, sagt sie. Es erfülle sie, ihre Erfahrungen weiterzugeben und das Thema auf Messen und in sozialen Medien sichtbar zu machen.

Spannungsfeld zwischen Studium und Familie

Auch Jennifer Schlei beschreibt ein Gefühl der Entfremdung gegenüber ihrer Familie.
„Mein Problem war immer, nach Hause zu kommen und erst einmal zu erklären, was ich mache und wie das funktioniert“, erzählt sie. Mit der Zeit habe sie deshalb immer weniger mit ihren Eltern über ihr Studium gesprochen.

Besonders im erweiterten Familienkreis fehle das Verständnis für ihre akademische Laufbahn. „Ein Teil der Familie fragt mich immer noch, wann ich endlich mit der Schule fertig bin“, sagt die Erstakademikerin und ergänzt: „Die wissen gar nicht, dass ich durch den Bachelor bereits einen akademischen Abschluss habe.“ Heute könne sie über solche Kommentare hinwegsehen – dennoch hätten sie sie früher oft nachdenklich gestimmt.

In ihrem Umfeld habe es grundsätzlich an Verständnis für die akademische Welt gemangelt. Jennifer Schlei hatte keine Vorbilder und war es nicht gewohnt, dass zwischen Akademikerkindern und Arbeiterkindern Unterschiede gemacht werden.
„Als ich mein Abitur gemacht habe, habe ich zum ersten Mal von Studierenden gehört“, berichtet die 24-Jährige. Obwohl sie sich als Kind das Ziel gesetzt hatte, Psychologin zu werden – ein Beruf, der ein Hochschulstudium voraussetzt – hätten ihr die nötigen Berührungspunkte für den Einstieg gefehlt.

Allein durch das Studium fehlende Unterstützung

Jennifer Schlei engagiert sich als Ehrenamtliche bei der Initiative ArbeiterKind.de. Foto: Jennifer Schlei

Auch während des Studiums habe sie die Unterschiede deutlich gespürt. Während Kommiliton*innen bei fachlichen Fragen auf ihre Familien hätten zurückgreifen können, habe sie sich alles selbst erarbeiten müssen. Vor allem Naturwissenschaften und Mathematik seinen eine große Herausforderung gewesen. „Meine Mutter wollte mir helfen und sagte oft: Ich hatte doch auch Mathe in der Schule“, erzählt Schlei. Doch wirklich helfen konnte sie ihr nicht.

Hinzu seien Konflikte zum Umfang ihres Studiums gekommen. Trotz Klausurenphase und eines 20-Stunden-Werkstudentenjobs habe ihre Familie Jennifer Schlei um Unterstützung beispielsweise im Haushalt gebeten – das Verständnis für ihre Belastung im Studium blieb aus. „Wenn ich eine Stunde weniger lerne, hat das einen großen Effekt auf meine Leistung“, schildert sie.

Auch das akademische Notensystem war ihrer Familie fremd. Jennifer Schlei musste oft erklären, dass eine 1,7 in einer anspruchsvollen Klausur eine gute Note ist. Statt sich rechtfertigen zu müssen, hätte sie sich Anerkennung und Unterstützung gewünscht.

Aus Herausforderungen entsteht Engagement

Trotz aller Schwierigkeiten zieht Jennifer Schlei auch Positives aus ihren Erfahrungen. Psychologin möchte sie nicht mehr werden. Sie strebt eine Führungsposition an und möchte Bildungsaufsteiger*innen unterstützen. „Viele Erstakademiker*innen haben kaum praktische Erfahrung in dem Bereich, in dem sie später arbeiten wollen. Jobs in anderen Feldern sind oft lukrativer“, sagt sie.

Sie selbst arbeitete neben dem Studium als Integrationshelferin an Schulen – eine Tätigkeit, die sich durch die zeitliche Flexibilität durch Spät- und Wochenendschichten besser mit dem Studium vereinbaren ließ als ihre aktuelle Werkstudentenstelle im Bereich Serious Gaming. In Prüfungsphasen könne sie sich dort nicht mehr ohne Weiteres komplett freinehmen.

In Bewerbungsprozessen würden Bildungsaufsteiger*innen durch fehlende praktische Erfahrung benachteiligt. „Das ist der falsche Weg“, betont Jennifer Schlei. Die Problematik bekomme zu wenig Aufmerksamkeit – dem möchte sie aktiv entgegenwirken.

Kompetenzen, die im Bildungsaufstieg entstehen

Auch Frerk Blome sieht in Bildungsaufsteiger*innen besondere Stärken. „Sie lernen, sich in unterschiedlichen Umfeldern zu bewegen und mit verschiedenen Menschen zu kommunizieren“, erklärt er. Doch diese Kompetenzen würden sowohl die Gesellschaft als auch die Erstakademiker*innen selbst oft erst spät erkennen.

Zweifel würden überwiegen, denn die Gesellschaft sei für die emotionalen Herausforderungen von Bildungsaufsteiger*innen noch wenig sensibilisiert. „Für Arbeiterkinder ist es schwieriger, ihre Leistungen anzuerkennen“, beobachtet Jennifer Schlei. Die Belastung durch Entfremdung bleibt in der öffentlichen Diskussion bislang unterrepräsentiert, sagt sie.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und fehlende Sensibilität

Lisa Maria Dziobaka ist Bundeslandkoordinatorin für das Ehrenamtsmanagement NRW bei der Initiative ArbeiterKind.de. Foto: Pascal Skwara

Damit sollen andere Herausforderungen keineswegs kleingeredet werden – auch sie empfinde ich als real und relevant. Der Unterschied liegt jedoch in ihrer Sichtbarkeit und der verfügbaren Unterstützung. Initiativen wie ArbeiterKind.de haben ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Schwierigkeiten beim Einstieg in die Hochschulwelt.

Lisa Maria Dziobaka von ArbeiterKind.de betont, was Betroffenen Orientierung gibt. „Es braucht einfach Menschen, die einem die Tür zur akademischen Welt öffnen“, sagt sie.

Finanzierung bleibt eine zentrale Hürde

Ein zentrales Thema bleibe die Finanzierung des Studiums. „Man munkelt, ein Studium koste Geld. Es ist wie eine graue Wolke, die über einem schwebt – und man fragt sich, wann der nächste Blitz einschlägt“, beschreibt Dziobaka bildhaft die Unsicherheit vieler Studieninteressierter. Häufig fehle es an Aufklärung über Fördermöglichkeiten wie BAföG oder Stipendien.

Die Initiative versuche, Ängste abzubauen und Eltern zu ermutigen, ihre Kinder auf dem Weg in eine akademische Laufbahn zu unterstützen. „Oft steckt hinter der Zurückhaltung eine tiefe Unsicherheit – und der Wunsch nach Sicherheit. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, und wenn diese zunächst kein Geld verdienen, fühlt sich das nicht gut an“, erklärt Dziobaka die Sorgen vieler Eltern ohne akademischen Hintergrund.

Mehr Verantwortung für das Umfeld

Ich finde, dass der entscheidende Unterschied in der Sichtbarkeit und der gesellschaftlichen Unterstützung bei den Herausforderungen liegt. Gerade beim Thema Entfremdung sollte aus meiner Sicht die Gesellschaft stärker in die Verantwortung genommen werden.

Das heißt: Wir sollten schon am Schulsystem ansetzen und in allen Schulformen thematisieren, dass ein Bildungsaufstieg möglich ist – und zwar unabhängig von der sozialen Herkunft. Es wird viel daran gearbeitet, Erstakademiker*innen an das akademische Umfeld anzupassen – doch es fehlt an Sensibilisierung des Umfelds für die besonderen Erfahrungen und Bedürfnisse dieser Gruppe, zu der auch ich gehöre.

 

Beitragsbild: Adobe Stock/ Anke Thomass

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