„Jetzt muss ich aufpassen, dass mir nicht gleich die Tränen kommen“

Wenn Manni Wölpper vom Jahnstadion erzählt, leuchten seine Augen. Für ihn ist das Stadion Teil seines Lebens und ein Symbol seiner Heimat. Heute gleicht der Ort einem Lostplace. Wie konnte das geschehen? Eine Reise nach Marl und in die Vergangenheit.

Es ist 1964. Der sechsjährige Manni läuft an der Hand seines Vaters durch die Straßen von Marl. Es ist Spieltag. Um ihn herum auf dem Weg zum Fußballstadion sieht Manni ein riesiges, blau-weißes Fahnenmeer. Der TSV Marl-Hüls spielt in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. 10.000, manchmal sogar bis zu 15.000 Fans pilgern gemeinsam zum berüchtigten Jahnstadion. Angekommen am Einlass des Stadions kann Manni den Rasen sehen und die Ränge, die sich bereits mit Tausenden von Fans füllen.

An diese Bilder denkt Manfred Wölpper, genannt Manni, gern voller Nostalgie zurück. Hin und wieder spaziert der heute 68-Jährige am Jahnstadion vorbei und schwelgt in Erinnerungen. Vor genau jenem Einlass zum Stadion steht er auch dieses Mal wieder. Heute ist am Jahnstadion nicht mehr viel von dem zu spüren, an das sich der Rentner erinnert. Die Geländer zum Einlass sind völlig verwuchert, rostig und haben keine Funktion mehr. Denn Tausende von Fans hat das Jahnstadion seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Die goldenen Jahre

Manni Wölpper vor den alten Eingängen des Jahnstadions.

In den 60er- und 70er-Jahren gab es in der Stadt Marl, am Rande des Ruhrgebiets, neben dem Bergbau vor allem eines: den Fußball. Auch wenn es heute kaum noch jemand vermuten mag: Der TSV Marl-Hüls war in dieser Zeit ein wichtiger Verein im deutschen Fußball. Er spielte in einer Liga mit Vereinen wie Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf oder Bayer Leverkusen.

Dementsprechend bedeutend war die Marler Spielstätte. Das Jahnstadion hatte zu seinen Glanzzeiten Platz für bis zu 36.000 Zuschauer*innen. Ein Fußballfeld, komplett umringt von Tribünen. Gebaut 1927 und nach dem Krieg 1949 wieder errichtet. Wenn man so möchte, das Wahrzeichen der Stadt.

Manni Wölpper hat diese Zeiten miterlebt. Als Fan, Spieler und Bürger der Stadt. Er ist dort geboren und aufgewachsen. In Marl gründete er eine Familie und verbringt bis heute sein Leben dort. Als Kind gab es für ihn nichts Größeres, als ins Jahnstadion zu gehen. Später lief er als Spieler darin auf. Zwölf Jahre lang spielte Wölpper für den TSV, davon sieben als Kapitän. „Ich glaube, bis heute hat keiner mehr Spiele für den TSV gemacht als ich. Über 500 müssten es gewesen sein“, erinnert sich der Ur-Marler. Später war er auch als Trainer im Ruhrpott aktiv.

Absturz in die Bedeutungslosigkeit

Die verwachsenen Ränge des Jahnstadions.

Von dem Glanz der Vergangenheit ist heute nicht mehr viel übrig. „Früher war hier alles picobello. Heute, das ist ja verkommen“, sagt Wölpper. Was ist in all den Jahren passiert? Wie konnte aus einem der ehemals modernsten Stadien des Landes ein Ort werden, der heute fast einem Lostplace gleicht?

Zu beantworten sind diese Fragen unter anderem mit dem stetigen Niedergang des Amateurfußballs. Wölpper denkt, der Profifußball sei über die Jahre zu mächtig geworden. Er nehme kleineren Vereinen Spieler, Fans und damit Einnahmen. Amateurvereine seien dadurch kleiner geworden und in die unteren Ligen abgestürzt. Währenddessen haben sich Profivereine vermehrt zu Institutionen und profitablen Unternehmen entwickelt. Laut Wölpper hat der Profifußball maßgeblichen Anteil daran, dass der Amateursport in Marl heute keine große Rolle mehr spielt.

Eine weitere und deutlich fundiertere Erklärung ist der Strukturwandel des Ruhrgebiets. Mit dem Ende des Bergbaus wurde die Stadt Marl und damit auch ihr Fußballverein finanziell geschwächt.

In den 1950er- bis 70er-Jahren hatte der Bergbau in Marl seinen Höhepunkt. Sportlich gesehen war diese Zeit auch die beste des TSV Marl-Hüls. In der Saison 53/54 wurde der TSV deutscher Amateurmeister. Bis 1970 spielte der Klub durchgehend in der damaligen ersten oder zweiten Liga. 1972 schloss die Zeche Brassert. In den Folgejahren und Jahrzehnten sank die Bedeutung des Bergbaus drastisch. Die Folgen: massive Arbeitsplatzverluste und sinkende Einnahmen für die Stadt. Durch die starke Abhängigkeit auf einen Wirtschaftszweig litt die Stadt litt enorm. Den Marler Fußballverein traf diese Entwicklung sehr. Wölpper meint: „Die Zuschauer und Spieler waren damals alle Leute von der Zeche.“

„Ein Stich ins Herz“

Wölpper erzählt von Zeiten, in denen ihm seine Kinder von den Rängen aus zuriefen und ihn kräftig anfeuerten. Den Zuschauerrekord erreichte das Jahnstadion Anfang der 60er-Jahre mit 18.000 Zuschauer*innen.

Manni Wölpper auf dem Rasen seines Heimatstadions.

„Als der TSV Marl-Hüls aus dem Jahnstadion umzog, war das für mich und für ganz viele ein Stich ins Herz. Jeder, der Fußball spielen konnte, wollte hier spielen. Und auf einmal haben die das Jahnstadion abgegeben. Das war im Prinzip der Tod für den TSV.“ Laut Wölpper waren finanzielle Probleme der Grund für den Verein, das Jahnstadion zu verlassen. Das war 2005.

Manni Wölpper steht vor dem Jahnstadion und schaut durch den Zaun auf die alten Tribünen, auf denen er früher seinen Idolen zujubelte. Die Ränge geben ein trauriges Bild ab. Große Teile sind mit Moos überwachsen und von Sträuchern zugewuchert. Auf einigen oberen Tribünen wachsen Bäume aus den Stehplätzen heraus. Der Rasen ist übersät mit Maulwurfshügeln. Es wirkt ein wenig so, als hätte sich die Natur das Stadion zurückgeholt.

Seit 2008 nutzt der Marler Baseball-Verein „Sly Dogs“ das Jahnstadion. Wölpper war seitdem noch nie als Zuschauer dort. „Vielleicht sollte ich das mal machen“, meint er. Dass das Stadion auch heute noch fürs Sporttreiben genutzt wird, gefalle ihm. Wölpper ist Fußballromantiker durch und durch. Es falle ihm nicht leicht, das Jahnstadion mit etwas anderem als Fußball in Verbindung zu bringen. Aber: „Man muss mit der Veränderung klarkommen.“

„Die Tage des Jahnstadions sind gezählt“

Das Baseballfeld der “Sly Dogs” im Jahnstadion.

In den 20 Jahren, die das Stadion ohne Fußball dasteht, gab es einige Ideen, was mit dem Stadion geschehen könnte. Das Ratsinformationssystem der Stadt Marl gibt zu diesen Plänen einen Einblick. Der Suchbegriff „Jahnstadion“ spuckt auf der Website der Stadt 98 Einträge aus, verteilt auf zehn Seiten.

Einer der ersten Einträge ist ein Beschluss aus dem Marler Stadtrat aus 2012. „Jahnstadion soll Wohnhäusern weichen“, heißt es in der Überschrift. Die Mehrheit des Stadtrates stimmte dafür, die Fläche des Stadions anders zu nutzen und einen Bebauungsplan aufzustellen. Die Rede ist von mehreren drei- bis viergeschossigen Wohnhäusern. Ein Investor sei auch schon gefunden. Die Stadt schreibt: „Die Tage des Jahnstadions sind gezählt.“

2018 zählt die Stadt diese Tage immer noch. Die Idee wird aber konkreter. Der Rat bringt den 32-seitigen Bebauungsplan auf den Weg. Dieser enthält detaillierte Vorhaben sowie einen ausführlichen Entwurf des Antrags von 2012, die Fläche mit Wohnhäusern zu bebauen. Als 2021 ein Antrag auf Bürgerbegehren abgelehnt wird, das Jahnstadion zu erhalten, scheint es endgültig aus zu sein. Im selben Jahr hat die Stadt den Regionalplan geändert und damit „die planungsrechtliche Voraussetzung für eine Bebauung des Jahnstadions geschaffen“. Die Stadt hat also viel Papierkram aufgesetzt oder geändert, damit das Jahnstadion und der Wald rundherum einem Wohnpark weichen können.

Vom Abriss zum Denkmal?

Ein Blick auf die ehemalige Fankurve des TSV Marl-Hüls.

Ein Jahr später beschloss der Marler Rat jedoch die Abkehr vom Bauprojekt. Der SPD-Fraktionsvorsitzende der Stadt Marl Peter Wenzel sagt dazu: „Auch wenn der Wohnungsbau oberste Priorität hat, darf dies nicht zu Lasten eines so hohen Gutes wie dem Wald am Jahnstadion gehen.“ Der Rat stimmte dem Antrag zu.

2023 forderte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, das Jahnstadion in die Denkmalschutzliste aufzunehmen. Auch wenn die Mehrheit des Stadtrates dagegen war. Das Urteil des Gutachters: „Nicht für das gesamte Stadion, wohl aber für die Tribünenüberdachung bestehe ein Denkmalwert.“ Bis heute ist das Verfahren um den Denkmalschutz nicht abgeschlossen. Doch in Teilen ist das Jahnstadion als denkmalwürdig bewertet.

Die Stadt Marl war auch nach vielen Kontaktversuchen nicht zu einer persönlichen Stellungnahme über das Jahnstadion bereit.

Wie einst vor 40 Jahren

Ob unter Denkmalschutz oder nicht: Für Manni Wölpper wird das Jahnstadion für immer genau das bleiben. Ein Denkmal. Für sein Leben, für seine Leidenschaft, den Fußball. „Ich könnte einige Geschichten erzählen“, sagt er und lacht. „Aber dann komme ich aus dem Erzählen gar nicht mehr raus.“ Wölpper unternimmt noch einen kleinen Spaziergang. Von den alten Stadioneingängen läuft er ein wenig weiter zum ehemaligem Spielertunnel.

Der ehemalige Spielertunnel von Manni Wölpper und dem TSV Marl-Hüls.

Davor ist ein großes Schloss. Von hier aus sieht Wölpper nur einen kleinen Teil des Rasens. Genau hier trifft er zufällig einen Bekannten. „Du hast nicht zufällig ‘nen Schlüssel?“, fragt Wölpper. „Klar hab‘ ich den“, antwortet Damian Kaiser. Er ist Gründer und Vorstandsvorsitz der „Sly Dogs“, die heute das Stadion nutzen. „Aber nur fünf Minuten, ich muss gleich weiter.“

Kaiser öffnet das große Metalltor. Wie vor 40 Jahren läuft Manni Wölpper wieder durch den Tunnel in das Stadion ein. Unten angekommen strahlt er übers ganze Gesicht und bleibt für einen Moment ruhig. Dann wirft er einen Blick auf die Tribünen. „Hier riefen sie mir dann immer zu. ‚Manni, Manni‘, riefen sie“, erinnert er sich voller Freude. Mit seinen Händen gestikuliert er, winkt in Richtung der Ränge. So wie er es früher immer tat. Er geht ein paar Schritte weiter auf den Rasen. „Jetzt muss ich aufpassen, dass mir nicht gleich die Tränen kommen.“

Wölpper verbindet mit dem Jahnstadion ein Leben, das er dem Fußball gewidmet hat. „Wenn ich irgendwann vor dem Schöpfer stehe und er fragt, wie ich mein Leben so verbracht habe, sage ich: ‚Fußball‘. ‚Und wie noch?‘, fragt er mich dann. ‚Nur Fußball‘.“

 

Fotos: Johannes Michelt

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