Kein Ladenschluss in Sicht – So geht es dem Buchhandel

Immer mehr Buchhandlungen schließen. Und wird nicht auch weniger gelesen? Wie schlecht geht es dem Buchhandel wirklich? Vier Büchergeschäfte berichten von ihren Strategien und von einer Branche, die sich vielleicht neu erfinden muss.

Montagabend in Hörde. Auf den Straßen spielt das Großstadt-Orchester aus Autohupen, Ampelsignalen und rasenden Fahrzeugen langsam seine letzten Töne. Währenddessen ist es an einem Ort ganz in der Nähe sehr still. Dort, wo die meisten Ladengeschäfte die letzten Kund*innen abkassieren und langsam die Rollläden herunterfahren, haben sich in einem Geschäft gerade erst Menschen angesammelt. Bei Snacks und Rotwein stöbern zehn Menschen in der Buchhandlung transfer.bücher und medien.

Kundin in einem grauen Pullover steht mit einem Buch in der Hand vor einem Regal.
In der Buchhandlung transfer.bücher und medien. nehmen sich die Kund*innen viel Zeit zum Stöbern. Foto: Lennart Thomas

Zu Beginn noch etwas zaghaft verteilen sich die Besucher*innen in der Buchhandlung. Vor dem Regal mit den Selbsthilfebüchern, von deren Cover Prominente lächeln, schauen sich die Besucher*innen behutsam um und nehmen vorsichtig Bücher in die Hand.

Nach kurzer Zeit ist das anfängliche Zögern verflogen. Allmählich versammeln sich die Besucher*innen um einen großen Tisch im Raum neben der Kasse. Dort stapeln sich schnell Türme an Büchern, in die die Gäste in den nächsten vier Stunden versinken werden.

Buchhandel als Ort der Begegnung

In der Buchhandlung transfer.bücher und medien. findet einmal im Monat die Veranstaltung „buch nach acht“ statt. Für 15 Euro dürfen Besucher*innen nach Ladenschluss stöbern, inklusive Snacks, Rotwein, Stille und Entschleunigung. So verspricht es der Betreiber.

Bevor Inhaberin Birgit Lange-Grieving und ihr Mann Jochen Grieving die Buchhandlung 2015 gegründet haben, haben sie lange an einem Konzept gefeilt. „Wir waren immer der Auffassung, dass eine Buchhandlung nicht nur die unmittelbaren Anforderungen des Kunden erfüllen muss, also das Bestellen von Büchern. Wir wollen einen Buchhandel schaffen, der durch Veranstaltungen und Begegnungen zu einem Ort wird, der selbst etwas Buchhaftes hat – indem er das Potenzial entwickelt, Geschichten zu erzählen“, sagt Jochen Grieving.

Das Konzept scheint aufzugehen. Inhaber Jochen Grieving bemerkt keinen Einbruch im Leseverhalten seiner Kund*innen. Obwohl die meisten unregelmäßig die Buchhandlung aufsuchen, gibt es einige Stammkund*innen. „Es ist verblüffend, wie hoch der Anteil an Stammkunden ist, für den die Buchhandlung wirklich ein Ort geistiger Begegnung geworden ist.“

Wie sehr stirbt der Buchhandel wirklich aus?

Vielfalt zwischen den Buchrücken. Ein sorgfältig ausgewähltes Angebot macht den Buchhandel aus. Foto: Selin Güneysu

2023 gab es laut Statistischem Bundesamt 25 Prozent weniger Unternehmen im Buchhandel als 2018. „Der Buchhandel stirbt“, berichteten daraufhin sämtliche große Zeitungen. Laut dem Bundesamt sind die Gründe für diese Entwicklung die steigenden Mieten, hohe Personalkosten und ein verändertes Kaufverhalten der Kund*innen.

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass die Zahlen im Messungszeitraum sehr stark schwanken. Der Börsenverein ordnet den Schwund im Buchhandel daher anders ein. Der Verein vertritt die Interessen des Buchhandels und organisiert neben verschiedenen Buchpreisen auch die Frankfurter Buchmesse. Er stellt klar, dass das Statistische Bundesamt die Zahl der Unternehmen im Bucheinzelhandel erfasst, zum Beispiel Großketten wie Thalia, und nicht die Zahl der tatsächlichen Buchläden. Letztere seien im gleichen Zeitraum nur um etwa 12 Prozent gesunken. Ein Grund dafür sei, dass große Ketten unabhängige Buchhandlungen übernommen haben. Die Zahl der tatsächlich existierenden Buchhandlungen ist also gesunken, aber deutlich geringer, als es das Statistische Bundesamt erfasst.

Auch das Leseverhalten der Deutschen ist besser als so mancher denkt. Insgesamt 11,5 Minuten am Tag nehmen sich die Menschen hierzulande für Bücher. Eine Steigerung zu den durchschnittlich sieben Minuten am Tag vor 13 Jahren.

Buchhandlungen als Safe Space

Zehn Gehminuten vom Bochumer Hauptbahnhof entfernt liegt die Buchhandlung Janssen. Im Laden begrüßen dunkle Regale in einem modernen Design die Besucher*innen. Seit 60 Jahren gibt es die Buchhandlung, Geschäftsführer Nils Janssen führt sie in zweiter Generation. Ursprünglich hatte sich sein Vater auf die Lieferungen von Universitätsbibliotheken spezialisiert, rund 70 Prozent des Umsatzes machten die Lieferungen aus.

Seit Jahren ist diese Quelle eingebrochen. Auch die Digitalisierung seit der Jahrtausendwende habe die Geschäfte beeinflusst. Trotzdem läuft es bei Janssen gut, sagt er, unter anderem wegen der großen Stammkundschaft. „Für viele ist das hier eine Art Safe Space. Sie wissen: Hier werde ich gut beraten, hier werde ich nicht gedrängt. Dieses Vertrauen setzt sich oft in die nächste Generation fort. Es kommt häufig vor, dass ich Kinder im Kinderwagen gesehen habe, die jetzt einen eigenen Kinderwagen schieben.“

„Ich würde mich heute nicht mehr mit einer Buchhandlung selbstständig machen“

Für Nils Janssen ist es im heutigen Buchmarkt essenziell, dass ein Geschäft ein klares Profil hat. „Das kann ganz unterschiedlich sein, egal ob literarisches Profil oder ein Themenschwerpunkt. Wichtig ist, dass es erkennbar ist.“

Obwohl Nils Janssen seinen Beruf seit über 30 Jahren mit Leidenschaft ausführt, betrachtet er die Entwicklungen in der Branche kritisch. „Ich würde mich heute nicht mehr mit einer Buchhandlung selbstständig machen. Es ist ein sehr, sehr schöner Beruf, der mir viel Spaß macht. Aber es ist auch mit größeren finanziellen Risiken verbunden.“

Vom Antiquariat zur Buchhandlung

Ganz anders ist der Buchladen des Taranta Babu. Im Dortmunder Klinikviertel hat es sich als Verein mit einem Café und einem Kulturhaus etabliert. Dass es dort auch einen Buchladen gibt, wissen wenige. Die Bücher sind vor allem links-politische und gesellschaftliche Sachliteratur und Belletristik. Artem Rudi arbeitet seit März 2025 in der Buchhandlung des Taranta Babu, erst ehrenamtlich, mittlerweile ist er der einzige Angestellte.

Die Buchhandlung gab es schon vor zehn Jahren. Damals hat der Laden als Antiquariat Bücher verkauft, die bei Veranstaltungen an Büchertischen übrigblieben. Nach dem Tod des damaligen Mitarbeiters eröffneten die heutigen Betreiber im Dezember 2025 im Taranta Babu den Buchladen mit einem überarbeiteten Konzept.

Noch trägt sich der Buchladen nicht selbst. Ohne Café und Vereinsstruktur würde es nicht funktionieren. Doch gerade diese Verbindung ist für Artem Teil des Konzepts. „Da zu Taranta Babu noch ein Café gehört, kommen auch Leute, die nur Tee trinken wollten rein und bleiben dann bei den Büchern hängen. Das ist schon ganz cool. Wo hat man sowas?

Fachkräftemangel und Bedrohung durch Amazon

Trotz engagierter und motivierter Neugründungen wie beim Taranta Babu bleiben Probleme, mit denen der Buchhandel seit Jahren zu kämpfen hat. Für Jochen Grieving ist besonders der Fachkräftemangel eine Herausforderung. Auch die Buchpreisbindung sieht er kritisch, die mache es gerade den kleinen Handlungen schwer. Zu klein seien die Rabatte, die die Verlage den Handlungen ausstellen.

Die Buchpreisbindung
Durch die Buchpreisbindung sind Verlage dazu verpflichtet, für jedes Buch einen unveränderbaren Preis festzusetzen. Die Buchhandlungen müssen diesen Preis übernehmen. Dieser Eingriff in die freie Marktwirtschaft begründet der Gesetzgeber dadurch, dass Büchern als Kulturgüter eine Sonderstellung zugutekomme. Die Buchpreisbindung wurde in Deutschland 2002 gesetzlich festgelegt.

Jochen Grieving wünscht sich mehr Unterstützung von den Verlagen, aber auch vom des deutschen Buchhandels. „Ich glaube, es ist wichtig, dass der Börsenverein, die Verlage und Buchhandlungen an einem Strang ziehen.“

„Manchmal finden die Kunden etwas, was sie gar nicht gesucht haben.“

In Duisburg probiert ein kleiner Laden etwas ganz anderes aus. Mit „Orinoco Books“ hat der Niederländer Karel Ensing im Juni auf 40 Quadratmetern eine zweite Filiale seiner Kombination aus Buchhandlung und Bücherei eröffnet. Bei ihm gibt es gebrauchte Bücher auf Deutsch und in vielen weiteren Sprachen, unter anderem auf Französisch, Spanisch, Griechisch und Japanisch.

Außerdem können Kund*innen die Bücher dort nicht nur kaufen. In einem monatlichen Abo in drei verschiedenen Preiskategorien können sie sich Bücher ausleihen. Für Karel löst dieses Konzept zwei Probleme. „Ich wollte gerne selbst Bücher auch in anderen Sprachen lesen, auf Englisch. Gleichzeitig ist es teuer, sich immer wieder ein neues Buch zu kaufen. Hier kann man beides verbinden.“

Persönliche Empfehlungen statt Algorithmus

Seit fast einem Jahr betreibt Buchliebhaber Karel Ensing den Buchladen “Orionco”. Foto: Selin Güneysu

Karel Ensing gefällt es besonders, wenn er den Kund*innen individuelle Empfehlungen aussprechen kann. „Bücher kann man natürlich auch online finden. Aber in einem Buchladen finde ich vielleicht etwas, was ich nicht gesucht habe.“

Bisher betreibt Karel Ensing sein Geschäft ehrenamtlich, mit dem Umsatz des Ladens kann er bisher nur die Miete zahlen. Dass Karel Ensing zusätzlich noch in Vollzeit arbeitet, ist für ihn zwar eine Mehrbelastung, aber auch ein Privileg. Statt eines lukrativen Geschäfts möchte er der lokalen Community etwas zurückgeben und seine Leseleidenschaft teilen.

Retten Veranstaltungen den Buchhandel?

Ruhige Lesezonen sind mittlerweile in fast jeder Buchhandlung zu finden. Foto: Selin Güneysu

Bei transfer.bücher und medien, gibt es monatlich drei feste Veranstaltungen. Lesungen und Ähnliches kommen über das Jahr verteilt hinzu. Auch Orinoco Books und das Taranta Babu planen Lesungen und Konzerte. Sind Veranstaltungen also die Lösung für das Sterben des Buchhandels? Nils Janssen denkt: eher nicht. Auch er beobachtet, dass viele seiner Kolleg*innen auf Veranstaltungen setzen. Ob sie sich aber mit den Gagen der Autor*innen, den Kosten für die Technik und dem Lohn der Mitarbeiter*innen rentieren, bezweifelt er. Dafür sieht er einen anderen Lichtblick: junge Menschen.

Der Bücherhype auf Booktok und Co. scheint bei jungen Menschen eine Art Lese-Renaissance ausgelöst zu haben. Tatsächlich sind laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Menschen von 16 bis 26 Jahren die einzige Altersgruppe, die seit 2019 deutlich mehr Bücher kauft. Das liegt besonders an den Jugendgenres Young Adult und New Adult, mit denen sich ein neuer und äußerst beliebter Markt an romantischer Literatur eröffnet hat. Vielen Buchhandlungen betrachten diesen Trend eher skeptisch und vorsichtig. Nils Janssen bleibt hoffnungsvoll. Er beobachtet auch in seinem Geschäft, dass immer mehr junge Menschen in seine Buchhandlung kommen.

Warum Nähe zählt

Bei der Veranstaltung „buch nach acht“ sind die letzten Gläser eingesammelt, die Stadt draußen ist längst zur Ruhe gekommen. Drinnen wurden neue Geschichten gefunden. Und vielleicht auch ein paar neue Gründe, warum es sich lohnt, die Lichter im Buchladen weiter brennen zu lassen.

 

 

Beitragsbild: Jamie Sophie Postler

Ein Beitrag von
Mehr von Jamie Sophie Postler
KURT – Das Magazin: Europefiction, Queerness im Glauben, Rechtsextremismus bei Denkmälern
Das Café Bäumchen ist neu in der Dortmunder Innenstadt. Das Besondere: hier...
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert