
Ihre Handwerkskunst ist mehrere hundert Jahre alt – und hält sich bis heute. Drei Betriebe erzählen, wie sie mit aktuellen Herausforderungen umgehen. Zwischen Schlageisen und Klebstoff und dem ständigen Klingeln der Türglocke.
Schuster: Ein nach wie vor gefragtes Handwerk
Michael Kobbe tunkt den Pinsel in den Leim, um einen neuen Absatz an eine Schuhsohle zu kleben. Da klingelt es im Arbeitszimmer in seinem Schuhreparatur-Geschäft im Dortmunder Kaiserviertel: Kundschaft. Im Laufe des Tages ist der kleine Vorraum zum Arbeitszimmer meist gut gefüllt. Geschätzt 150 Personen an Laufkundschaft kommen in einer Sechs-Tage-Woche herein. Kobbe lässt auch bei diesem Klingeln alles stehen und liegen und geht in den vorderen Raum. „Wir beide finden eine Lösung für dein Problem, wir sind ja nicht in Gelsenkirchen“, sagt er und lacht.
Dann fragt er vorsichtig, ob es okay sei, wenn der Auftrag der Kundin erst in zwei Wochen fertig werden würde. Vielleicht auch ein bisschen später. Die Kundin antwortet entspannt, sie sei einfach dankbar, wenn sie ihre Lieblingsschuhe wieder tragen könne. Diese Reaktion ist nicht selbstverständlich, erklärt Michael. Doch schneller geht es nicht. In allen Ecken seines Ladens türmen sich Schuhe, Jacken oder Taschen, die repariert werden wollen.
„Hier ist immer happy hour“

Michael sieht seinen Laden wie eine Kneipe. Es sei immer viel los und er redet gerne auch mal länger mit den Kund*innen. „Nur wenn der Laden zu ist, haben wir konzentrierte Ruhephasen, in denen wir arbeiten können.“ Er habe schon immer viel Kundschaft gehabt. Doch seitdem es die zwei anderen Schuhmacher im Viertel nicht mehr gebe, kommen noch mehr Anfragen zu ihm.
Eine gelernte Schneiderin unterstützt ihn vereinzelt bei allem, was über das Schuhmachen hinausgeht. Sie erzählt, dass die Leute mit unterschiedlichen Anliegen in den Laden kommen: ein Meter hohe Schuhe für ein Bären-Kostüm eines Straßenkünstlers, Antilopen-Schuhe mit Hörnern für das Dortmunder Theater oder neue Bezüge für Autositze. „Hier ist nun mal immer happy hour, das weißt du doch!“ ruft Michael seiner Kollegin zu und lacht.
Im ganzen Laden ist zu erkennen, welcher Verein hier bevorzugt wird. An jeder Wand und jeder Maschine hängen BVB-Fan-Artikel. Gegen Mittag begrüßt Michael ein Paar: „Ah, da kommen sie, die Schalker Hooligans.“ Beide betreten den Laden in einer blauen Jacke. Alle lachen.
Ein neues Paar Damenabsätze bietet Michael den beiden für acht Euro an. Sie sind verwundert. Das sei doch zu wenig Geld für seine Arbeit, entgegnet die Frau. Sie würde ihm auch mehr bezahlen. Doch Michael entgegnet, bei ihm würden alle gleichbehandelt werden und er hätte nun mal noch normale Preise. „Mir ist es wichtiger, dass ich abends nach Hause gehe und sagen kann, dass es ein schöner Tag mit schönen Gesprächen war. Wichtiger, als 500 Euro mehr gemacht zu haben.“
Hohe Nachfrage, wenig Angebot
Michael Kobbe ist einer der wenigen noch aktiven Schuhmacher*innen in Dortmund. Viele seiner Kolleg*innen sind verstorben oder in Rente gegangen. Sie mussten ihre Läden schließen. Aber nicht, weil es zu wenig Arbeit für sie gab. Es gab schlichtweg keine Nachfolge.

Seit 40 Jahren arbeitet Michael in dem Beruf, hat den Laden von seinem Vater übernommen. „Ich habe alles von den Alten gelernt. Damals haben sie sogar noch Schuhe mit Teilen aus Glas hergestellt, heute ist alles nur noch Plastik. Deswegen geht es schneller kaputt“, erzählt Michael.
Auch er wird seinen Laden in zehn Jahren schließen müssen, denn sein Sohn hat ein anderes Berufsfeld für sich gefunden. Und den Betrieb an jemanden außerhalb der Familie weiterzugeben, kommt für Michael nicht in Frage. Ganz aufhören möchte er im Ruhestand nicht. „Das ist mir zu langweilig. Ich möchte dann in einer anderen Firma weiter tätig sein.“
Goldschmiede: Immer weniger Lehrer*innen für den Nachwuchs
Die Goldschmiede Willeke hat sich für kürzere Öffnungszeiten entschieden. Denn in Dortmund-Wambel ist die Nachfrage nach ihren Arbeiten so hoch, dass sie am besten arbeiten können, wenn keine Kund*innen in den Laden kommen. Am Wochenende und montags sind die Jalousien am Schaufenster deswegen unten.

Still ist es im Laden trotzdem nicht. Reinhold Willeke und seine Auszubildende Katharina Jülich sitzen an diesem Montag an den Werkbänken und arbeiten an Reparaturen, Änderungen, erstellen Trauringe oder arbeiten Bürokratie ab. Neben Katharina beschäftigt der 71-Jährige vier weitere Mitarbeiter*innen.
Eigentlich wollte er keine weiteren Personen mehr ausbilden, erzählt er. Doch dann hat Katharina vor zweieinhalb Jahren ein Praktikum in seinem Laden gemacht und sich danach um einen Azubi-Platz beworben. „Dann habe ich meine Mitarbeiter gefragt. Sie meinten: Katharina war cool und Chef, Sie wollen doch noch gar nicht in Rente gehen“, sagt Reinhold Willeke und lacht.
„Unser Beruf ist überaltert“
Zu Reinhold Willekes Anfangszeiten als Goldschmied gab es laut ihm 60 Goldschmieden im Stadtgebiet Dortmund. Mittlerweile seien es nur noch fünf aktive Schmieden.
Dass die Zahl an Goldschmieden in Dortmund gesunken ist, liegt laut Reinhold Willeke unter anderem daran, dass sich nach der Corona-Zeit Investitionen für die Betriebsinhaber*innen vor der Rente nicht mehr gelohnt haben. Nicht alle selbstständigen Betriebe können sich die Nachwuchsförderung leisten. „Unser Beruf ist überaltert“, stellt Willeke fest. Es gebe viele Goldschmiede, die im Rentenalter immer noch arbeiten würden. Auszubildende aufzunehmen sei jedoch nicht ihre Priorität. „Aber jungen Menschen das Handwerk nahezubringen, ist mir ein Herzensanliegen. Deswegen habe ich schon immer Praktika angeboten“, sagt Reinhold Willeke. Er selbst sei damals durch ein Praktikum zum Beruf gekommen.
Seit 57 Jahren im Beruf

Während Reinhold Willeke die Papiertütchen mit seinen Aufträgen sortiert, schwelgt er in Erinnerungen: „Eine engagierte Referendarin an meiner Schule hat mir damals den Praktikumsplatz besorgt. Am Ende des Praktikums ist mein Vater zum Meister gegangen und hat gefragt, ob ich eine Chance hätte, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen.
Er sagte, er hätte keine Glaskugel, aber ich hätte mich nicht dusselig angestellt. Daraufhin hat er mir einen Lehrplatz angeboten.“ 57 Jahre ist das nun her.
Katharinas Eltern sind Akademiker*innen, weshalb Katharina zunächst studierte. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, im Büro zu arbeiten. „Als ich nach einem Praktikumsplatz beim Goldschmied gegoogelt habe, kam als erstes Willekes Betrieb“, sagt Katharina. Mittlerweile sitzt sie bis spät nach Feierabend dort, weil sie gerne herkommt und die Werkbank bei Willeke besser ist als die bei ihr zu Hause. Auch ihr Chef verbringt gern viel Zeit in seinem Geschäft, erzählt sie: „Gäbe es hier eine Dusche und ein Bett, würde unser Chef hier wohnen wollen“, sagt Katharina und lacht.
Steinmetz: Kurz vor der Gesellenprüfung

In Dortmund-Eving, direkt am Nordfriedhof, hat Steinmetzmeister Faure seinen Sitz. In den Wintermonaten ist es ruhig im Büro und in den hinteren Hallen des Betriebs. Nur eine schmale Rauchwolke kommt aus dem Schornstein des flachen Hauses. Leander Magney ist Steinmetz in Ausbildung und in diesen Wochen allein im Betrieb. Aktuell ist das Unternehmen in der Winterpause, weil das Wetter und die Witterung es nicht möglich machen, auf den Friedhöfen Grabsteine zu setzen. Leander ist trotzdem vor Ort. Denn er steht kurz vor seiner Gesellenprüfung.
In einem kleinen Nebenraum findet Leander alles, was er braucht: Stift, Zirkel und Lineal. Bevor er mit Schlageisen und Knöpfel in seinen ausgewählten Stein hauen kann, braucht er eine Schablone zum Anlegen. Für sein Gesellenstück möchte Leander einen Kalkstein aus der Soester Börde benutzen. Wahrscheinlich soll daraus ein Tischbein für einen Beistelltisch werden.
Wie sich der Beruf verändert hat
Leander war es wichtig, für sein Gesellenstück einen Stein aus der Region zu nutzen. Denn das war in den früheren Zeiten seines Handwerks Standard. Mittlerweile wird der Großteil der Steine für Grabsteine importiert, zum Beispiel aus China. Diese Steine sind oft vorpoliert und geschliffen. Sie werden von Kund*innen bevorzugt, weil sie pflegeleichter sind. Die Steinmetze vor Ort bringen dann oft noch die Schrift an oder nehmen letzte Änderungen vor.
Sie arbeiten heute immer mehr mit Maschinen. „So können wir schneller arbeiten und bei gutem Wetter jeden Tag auf den Friedhof hinausfahren und fertige Steine aufstellen“, erzählt Leander. Vor 40 Jahren haben Steinmetze in der Woche im Betrieb gearbeitet und konnten erst am Ende der Woche auf den Friedhof fahren. Weniger Arbeit gibt es für Leander und seine Kollegen trotzdem nicht.
Beruf mit sicherer Zukunftsaussicht

„Unter Steinmetzen sagt man so schön: Gestorben wird immer“, sagt Leander und schmunzelt, während er sich eine Maske aufsetzt. Die Aussicht auf einen sicheren Beruf war einer der Gründe, warum er sich für die Ausbildung entschieden hat. Um bei seiner Arbeit für seine gesundheitliche Sicherheit zu sorgen, muss er eine Maske tragen. Denn der Staub, der bei Schleifarbeiten anfällt, kann zu Atemerkrankungen führen.
Dass Steinmetze bei der Arbeit oft stundenlang stehen, sich die Hand beim Halten des Schlageisens verkrampfen kann oder sie sich öfter mal auf den Finger schlagen – das alles stört Leander nicht. Auch nicht, dass er für überbetriebliche Lehrgänge seiner Ausbildung einmal quer durch Deutschland bis nach Sachsen-Anhalt fahren muss. „Ich bin dann meistens für drei Wochen in diesem kleinen Ort. Da kommen dann wirklich alle hin, auch aus anderen Bundesländern“, erzählt Leander. Deswegen und weil er dort Inhalte lernt, die sonst im Berufsalltag zu kurz kommen, sind diese Reisen für ihn eine Bereicherung. Auf die Zeit nach seiner Prüfung freut sich Leander schon. Eine Übernahme hat ihm sein Ausbildungsbetrieb bereits in Aussicht gestellt.
Fotos: Clarissa Seck