Essstörungen fangen nicht erst beim Essen an

Der Wunsch, dünn zu sein, führt in die Essstörung. Das ist oft das Klischee. Psychologin Kathrin Hey erklärt, warum gestörtes Essverhalten schon als Baby beginnen kann und weshalb Essen und Schlanksein in der Therapie schnell nebensächlich werden.

Welche Arten von Essstörungen gibt es?

Es gibt die Magersucht und es gibt das bulimische Essverhalten. Das sind Menschen, die essen und dann durch Abführmittel oder Erbrechen die Nahrung wieder hervorbringen, sodass der Körper sie nicht verarbeiten kann. Und es gibt die supergroße Gruppe des Binge Eating. Binge Eating bedeutet, dass Betroffene Nahrungsmittel mit vielen Kalorien in kurzer Zeit aufnehmen.

Viktoria hat in ihrem Interview die Begriffe aktive und restriktive Anorexie genannt. Was bedeuten sie?

Bei aktiver Anorexie versuchen Betroffene, das Essverhalten so zu steuern, dass sie ganz wenige Kalorien aufnehmen. Jedoch ist die Bezeichnung aktive Anorexie kein medizinischer Fachbegriff. Bei restriktiver Anorexie geht es um Verbote. Da rechnen sich die Betroffenen quasi aus, was sie sich alles verbieten müssen, um unter eine bestimmte Kalorienmenge zu kommen. Wenn sie das nicht schaffen, helfen sie durch körperliche Betätigung nach, um wieder unter die Kaloriengrenze zu kommen, die sie sich selbst verordnen.

Nach welchen Kriterien wird eine Essstörung diagnostiziert?

Beim restriktiven und beim aktiven Typ muss der BodyMassIndex in einer bestimmten Range liegen. Der Index wird durch das Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße berechnet. Dieser Wert muss unter 17,5 liegen. Und eine weitere Richtlinie ist, dass das Körpergewicht 15 Prozent unter dem zu erwartenden Körpergewicht liegen muss.

Manche Menschen mit Essstörung missbrauchen Abführmittel, um abzunehmen. Symbolbild: Lara Plesser

Nur dann kann jemand unter aktiver oder restriktiver Anorexie leiden?

Genau. Und dieser Gewichtsverlust muss selbst herbeigeführt werden. Zum Beispiel durch Erbrechen, Abführen oder körperliche Aktivitäten. Und es muss vorher ausgeschlossen sein, dass der Gewichtsverlust nicht auf einen anderen körperlichen Grund zurückzuführen ist. Beispielsweise gibt es Störungen wie die Schilddrüsenüberfunktion, bei der es auch zu einem Untergewicht kommen kann.

Viktoria läuft unter der Diagnose atypische Anorexie. Was ist denn atypisch an dieser Form der Anorexie?

Da sind nicht alle Symptomatiken der Anorexie erfüllt. Meistens liegt der BMI über diesen 17,5. Wenn ich mein ganzes Leben lang immer faste, lernt der Körper, sich darauf einzustellen, mit wenig auszukommen. Das heißt, der Grundumsatz sinkt. Ich muss noch mehr Anstrengungen betreiben, um Gewicht abzunehmen. Manche Patienten schaffen das eben nicht. Sie bleiben in diesem Normalgewicht, obwohl es eigentlich ihr selbsterklärtes Ziel ist, darunter zu kommen.

Also fließt alles, was psychisch gesehen hinter einer Essstörung stecken kann, gar nicht in die Diagnose ein?

Ein psychischer Faktor, der bei der Diagnose berücksichtigt wird, ist, dass es erwünscht ist, abzunehmen. Was auch einfließt, ist die Körperschemastörung. Menschen, die zum Beispiel unter einer Magersucht leiden, nehmen sich selbst anders wahr, als sie wirklich sind. Magersüchtige haben immer eine Vorstellung, dass sie dicker seien, als sie tatsächlich sind.

Wie und wann entstehen Essstörungen?

Essstörungen können schon Jahre, bevor sie sich äußern, entstehen. Essen ist einer der ersten Autonomieprozesse, den wir in unserer Entwicklung durchlaufen. Wir entscheiden ab einem bestimmten Alter, was wir in den Mund stecken und herunterschlucken und was nicht. Da kann sich bereits entscheiden, ob das Kind eigenständig in ein gutes oder in ein schwieriges Essverhalten rutscht. Die Beziehung zu den Eltern spielt da eine bedeutsame Rolle. Das kann teilweise in einer frühen Fütterstörung beginnen. Zum Beispiel, wenn eine Mutter bei jedem Schreien ihr Kind füttert, obwohl Schreien nicht bedeuten muss, dass das Kind Hunger hat. Aber die Antwort hängt immer mit Essen zusammen. Dadurch lernt ein Kind, dass alle Bedürfnisse mit Essen beantwortet werden müssen.

Wann äußert sich dann, dass jemand unter einer Essstörung leidet?

Bis auffällt, dass es wirklich ein krankhaftes Verhalten ist, dauert es. Meistens wird es durch ein extremes Untergewicht deutlich. Das erkennt man bei atypischer Anorexie gar nicht so deutlich, weil die Betroffenen nach außen normalgewichtig sind. Das heißt, bis das auftaucht und erkannt wird, ist es ein richtig langer Weg.

Viktoria hat ihre Essstörung damit begründet, dass sie während der Corona-Pandemie die Kontrolle über ihr Umfeld verloren hat. Ihr Essverhalten konnte sie in der Zeit kontrollieren. Darin hat sie Halt gefunden. Warum ist Patient*innen Kontrolle in dem Moment so wichtig?

In dem Fall wünschen sich Menschen, über die Kontrolle nach innen auch eine Sicherheit nach außen zu bekommen. Wenn es um das Thema Kontrolle geht, dann ist der Hintergrund meistens Vertrauen.Vertrauensvolle Bindungen gelernt zu haben ist essenziell, um mit Erfahrungen im Außen, die frustrierend oder schwierig sind, adäquat umzugehen. Dabei kommt es auch zu Rückfällen. Immer dann, wenn wir keine Kontrolle mehr über Situationen im Außen haben, neigen wir dazu, in alte Muster zu fallen. Und einfach nicht essen bei Essstörungenkönnen die Betroffenen ja nicht.  Sie sind immer mit sich und dem Körper in einer Auseinandersetzung. Also müssen sie einen guten Umgang damit suchen.

Was sind die körperlichen Folgen von Essstörungen?

Davon sind unterschiedliche Organe betroffen. Die Schilddrüse und die damit verbundenen Systeme. Bei einer Anorexie-Patientin zieht sich der Magen extrem zusammen. Deswegen muss man das Essenlangsam aufdosieren. Man kann eine Anorexie-Patientin nicht zwingen, sehr viel zu essen, weil der Magen das gar nicht mehr gewohnt ist. Auch zur Toilette zu gehen, ist meistens schwierig. Der gesamte Verdauungstrakt ist betroffen. Wenn jemand lange Zeit untergewichtig ist, dann sind auch die Knochen und die Muskeln betroffen. Bei weiblichen Jugendlichen ist die Entwicklung im Reifeprozess zum Frausein auch empfindlich gestört. Die Periode setzt verzögert ein oder geht wieder zurück.

Merken Sie, dass Betroffene, die normal- oder übergewichtig sind, sich in ihrer Essstörung weniger ernstgenommen fühlen, weil sie nicht dem Klischee des untergewichtigen Körpers entsprechen?

Es gibt kein Klischee. Eine Essstörung kann jeden Menschen treffen. Wir sollten uns nichts von den Meinungen anderer Menschen abhören. Das zu lernen ist unglaublich schwer, weil wir soziale Wesensind. Ich glaube, dass junge Menschen viel mit dem Erwachsenwerden allein gelassen werden und dann darauf hereinfallen, dass der Weg über Äußerlichkeiten scheinbar der richtige Weg sei. Der Kern meiner Arbeit mit essgestörten Menschen ist, emotionale Situationen zu verarbeiten. Weil das Essen stellvertretend für emotionale Situationen steht, die sie nicht verarbeiten können.

Die Verbreitung von Essstörungen ist schwer in Zahlen zu fassen, unter anderem, da die Dunkelziffer bei männlichen Betroffenen hoch ist. Quelle: Statistisches Bundesamt, Grafik: KI-generiert, erzeugt mit der Software ChatGPT

Wie hoch sind die Chancen, die Essstörung mit allem, was dahintersteckt, mit einer Therapie vollständig zu heilen? Oder gibt es eine vollständige Heilung nicht?

Doch, eine vollständige Heilung gibt es. Wenn ich mit meinen Patientinnen diesen Weg gehe, sind viele dabei, bei denen es zum Schluss gar nicht mehr um das Essen geht. Sondern plötzlich erkennen sie:Wo sind die Probleme in meiner Familie? Warum kann ich nicht zu meinen Bedürfnissen stehen? Warum geht es immer um Äußerlichkeiten?“ Die Essstörung ist dann nicht mehr relevant. Ja, eine Heilung ist möglich, aber dann tauchen andere Themen auf, mit denen sich die Patientinnen auseinandersetzen müssen.

Viktoria hat erzählt, dass selbst Fachpersonal ihren Körper als nicht dünn genug bewertet hat. Wie präsent ist dieses Denken?

Ich glaube, dass alle Kliniken damit kämpfen, Fachpersonal zu bekommen. Wenn Menschen eine Klinik bauen, steht dahinter immer sehr präsent das Dollarzeichen. Was muss eine Klinik erwirtschaften, um sich finanzieren zu können und zu überleben? Eigentlich braucht es für Menschen mit psychischen Störungen einen schützenswerten Rahmen, in dem alle zusammen an einem Strang ziehen. Zumindest sollte so eine Grundbasis da sein, wie das Personal mit den Patienten redet. Aber das handhaben nicht alle Kliniken gleichermaßen. Weil Fortbildung und Supervision auch wieder Geld kosten. Es steht also ein finanzielles Problem ganz am Anfang. Und vielleicht, dass der eine oder andere wirklich unsensibel ist und nicht gut damit umgeht.

Was würden Sie sich für den gesellschaftlichen Diskurs um Essstörungen für die Zukunft wünschen?

Es gibt immer noch einen Teil der Gesellschaft, der psychischen Erkrankungen sehr abwertend und distanziert gegenübersteht. Essstörungen werden oft noch unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit gehalten. Wir brauchen mehr Offenheit, eine erhöhte Transparenz und wir müssen darüber sprechen. Das hört sich immer so einfach an, aber offen über Probleme reden zu können, ist immer noch nicht üblich. Einfach mal zuzuhören wäre ganz einfach.

 

 

Beitragsbild: Susanne Beimann

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