
Serfinaz ist als Gastarbeiterin in den 60ern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Seitdem lebt sie in Frankfurt. Mit ihrer Tochter Nuran und Enkelin Sara erzählt sie, wie sich das Leben zwischen zwei Kulturen für jede Generation anfühlt.
Serfinaz Demir ist 1948 als jüngstes von acht Kindern in einem kleinen Dorf im Osten der Türkei geboren. Sie und ihre Familie sind Armenier*innen und hatten es deshalb in der Türkei nicht immer leicht. Mit 14 Jahren heiratete sie und zog zur Familie ihres Mannes in das über 1000 Kilometer entfernte Istanbul. Ihr Mann kam in den 60er-Jahren als Gastarbeiter nach Frankfurt, sie folgte ihm ein Jahr später. Die beiden arbeiteten und lebten bis zu ihrer Rente in Frankfurt, wo sie heute zwei Kinder, vier Enkelkinder und einen Urenkel haben.
Ihre Tochter Nuran wurde vor 58 Jahren in Frankfurt geboren und arbeitet dort als Universitätsangestellte. Auch Nurans Tochter, die 30-jährige Sara, ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Sie arbeitet dort als Sozialarbeiterin an einer Schule.
Die drei Generationen der Familie Demir sitzen an einem Tisch und erzählen, was für sie Heimat bedeutet, wie ihre Herkunft sie beeinflusst und mit welchen unterschiedlichen Problemen die einzelnen Generationen konfrontiert sind.
Serfinaz‘ Weg nach Deutschland
Serfinaz, was hat dich damals bewegt, nach Deutschland zu kommen?
Mein Mann ist im April 1964 als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Er hat hier für zwei Jahre einen Vertrag bei einem Bauunternehmen für Gips, Stuck und Trockenbau bekommen. Damals durften Männer erst nach einem Jahr Aufenthalt ihre Frauen einladen. Das hat er dann auch getan.
Ich bin nachgekommen und hätte am liebsten direkt angefangen, hier zu arbeiten. Aber das ging leider nicht. Ich weiß noch genau, dass ich am 25. Juni 1965 nach Deutschland gekommen bin, aber dann ein ganzes Jahr warten musste, bis ich arbeiten durfte.
Und wann hast du deine Kinder bekommen?

Im November 1965 wurde ich schwanger und musste fast neun Monate im Krankenhaus bleiben. Meine Schwangerschaft war so schwer, dass ich kaum etwas essen und trinken konnte. In diesen neun Monaten habe ich Deutsch gelernt. Ich hatte ein deutsch-türkisches Wörterbuch dabei und immer, wenn jemand etwas von mir wissen wollte, habe ich die Wörter nachgeschaut.
15 Monate nach meinem Sohn ist meine Tochter zur Welt gekommen. Meine Schwiegermama ist damals mit mir nach Deutschland gekommen und lebte seitdem mit uns. Ich habe ihr gesagt, sie soll auf die Kinder aufpassen, damit ich arbeiten gehen kann. Obwohl sie mit uns zusammengelebt hat, wollte sie Geld dafür, dass sie auf die Kinder aufpasst. Also habe ich sie bezahlt – ich wollte arbeiten. Dann habe ich 1968 wieder gearbeitet, diesmal bei Braun. 41 Jahre habe ich dort gearbeitet. Ich war immer zufrieden.
Hast du jemals überlegt, wieder zurück in die Türkei zu gehen?
Nein! Nie! Meine ganze Familie ist hier. Ich habe die beste Familie. Ich bin zufrieden und stolz auf meine Familie. Ich habe zwei Kinder, vier Enkelkinder und ich bin Uroma. Frankfurt war immer meine richtige Heimat.
Nurans Kindheit & Jugend zwischen zwei Kulturen
Nuran, hast du dich in deiner Kindheit ein bisschen zwischen zwei Kulturen gefühlt?
Ich glaube, gerade in meiner Generation ist das sehr stark ausgeprägt, aber ich kann mich an nichts Negatives erinnern. Damals in der Schule zum Beispiel gab es nicht so viele Migranten.
In der Türkei bin ich manchmal an der Sprache gescheitert. Klar, wir haben die türkische Sprache gelernt, aber mit meinem Bruder spreche ich in der Regel nur Deutsch. Obwohl wir beide Türkisch sprechen, fällt uns das Deutsche leichter. Zuhause mit den Eltern haben wir Kauderwelsch gesprochen, weil sie auch nicht mehr dieses durchgehende Türkisch gesprochen haben.

Würdest du sagen, dass die Herkunft deiner Eltern in deiner Kindheit eine Rolle gespielt hat?
Meine Mutter hat sich immer eingebracht, sie war bei mir in der Schule auch Elternvertreterin. Ich durfte auf Geburtstage, Freunde durften zu mir. In der Hinsicht waren wir sehr aufgeschlossen. Wenn ich aber als junges Mädchen gesagt habe, ich will mit Freunden ausgehen oder einen Freund haben, da hat man dann vielleicht die Herkunft meiner Eltern erkannt. So etwas gab’s nicht.
Hattest du davon abgesehen das Gefühl, dass es Unterschiede in der Erziehung deiner Eltern und der Erziehung zum Beispiel deiner Freund*innen gab?
Ja, meine Freunde waren unabhängiger. Ich musste mir teilweise meine Unabhängigkeit erkämpfen. Es war nicht üblich, dass ich gesagt habe: Tschüss, ich gehe und komme irgendwann wieder. Bei meinem Vater hieß es meistens „Nein“. Meine Mutter war immer dazwischen, sie wollte es jedem recht machen. Aber ich glaube, sie fand es nicht toll, wenn ich abends weggegangen bin. Zumal mein Bruder immer zuhause geblieben ist und ich als Mädchen wegwollte.
Saras Suche nach der eigenen Identität
Sara, wie erlebst du deine Identität heute?
Ich bin Deutsch, weil ich hier aufgewachsen bin. Aber ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule manchmal nicht verstanden habe, wo ich herkomme. Ich hatte türkische Mitschülerinnen, aber weil ich wusste, dass ich nicht Türkisch bin, habe ich nicht so ganz verstanden, was ich bin.
Zuhause haben wir viel Türkisch gesprochen. Ich konnte damals nicht verstehen, woher das alles kommt. Ich wusste, dass ich armenische Wurzeln habe, aber ich war nie in Armenien und habe keinen starken Bezug dazu. Ich fühle mich auf jeden Fall deutsch.
Spielen deine Herkunft und deine Familie auch heute noch eine große Rolle in deinem Leben und in deinem Freundeskreis?
Auf jeden Fall. Ich habe heute zu 98 Prozent einen Migrations-Freundeskreis, weil ich das Gefühl habe, dass sie mich besser verstehen können und ich ihnen die kulturellen Unterschiede nicht erklären muss. Wobei in meinem Freundeskreis die meisten Eltern nicht in Deutschland geboren sind, anders als meine Mama.
Wie sprichst du mit deinen Eltern und deinen Großeltern über Migration und Herkunft? Habt ihr ähnliche Sichtweisen?

Was das Politische anbelangt, sind wir alle auf einem Nenner. Wir reden schon viel darüber. Ich glaube, meiner Familie ist es sehr wichtig, dass wir wissen, wie meine Großeltern früher gelebt haben, was unsere Geschichte ist.
Für mich ist es unvorstellbar, wie meine Oma damals gelebt hat. Ich war im Kindergarten, im Hort, in der Schule – ich wurde zu hundert Prozent in Deutschland sozialisiert. Die Vorstellung, dass sie mit 14 geheiratet hat, als ich in meiner hochpubertären Phase war und irgendwie nur so richtigen Teenie-Kram hatte, das geht nicht in meinen Kopf. Das ist nicht meine Lebensrealität.
Diese Geschichten höre ich immer wieder und es ist schön, dass ich sie höre. So bleiben sie in meinem Kopf, auch damit ich sie weitergeben kann.
Nuran: Das ist ja auch wichtig. Ich glaube, wir haben dieses „Armenier-Sein“ nie so extrem ausgelebt. Das kam alles sehr viel später. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann wusste ich gar nicht sofort, dass wir Armenier sind.
Serfinaz: Nuran, wir waren immer in der armenischen Kirche.
Nuran: Ja, aber mir war das nicht so bewusst. Wann sind wir denn gegangen? Ich kann mich als Kind nicht erinnern, dass wir in die Kirche gegangen sind.
Serfinaz: Du wurdest doch getauft, Nuran.
Nuran: Mama, das ist doch was ganz anderes, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Wann sind wir denn bewusst in die Kirche gegangen?
Serfinaz: Jeden Monat sind wir einmal in Hanau in die Kirche gegangen.
Nuran: Ja, aber da waren wir 14, 15. Wo sind wir denn hier in Frankfurt in die Kirche gegangen?
Serfinaz: Nee, in Frankfurt nicht, aber in Hanau waren wir immer in der Kirche.
Nuran: Ja, das meine ich, da waren wir schon älter. Davor kann ich mich nicht erinnern.
Sara, was möchtest du in Zukunft anders machen als deine Eltern und Großeltern und was genauso?
Ich möchte mein Kind auf jeden Fall so erziehen, wie meine Mutter uns erzogen hat. Weil wir sehr offen und sehr frei erzogen worden sind. Wir haben immer sehr viel kommuniziert. Meine Mutter wusste immer, was wir gemacht haben, wo wir sind. Wenn wir länger draußen waren, wusste sie immer, wir kommen nach Hause. Mir ist es auch wichtig, dass alles, was ich bekommen habe, an Liebe, an Vertrauen, an Heimatgefühlen, meinen Kindern weitergebe.
Serfinaz, Nuran – wünscht ihr euch rückblickend, ihr hättet in eurer Erziehung etwas anders gemacht?
Nuran übersetzt für ihre Mama
Serfinaz (auf Türkisch): Das habe ich schon verstanden, aber ich weiß es nicht.
Nuran (auch auf Türkisch): Wenn ihr zum Beispiel nicht so streng zu mir gewesen wärt.
Serfinaz (auf Türkisch): Alles, was ich wollte, war, dass ihr mal studiert, das weißt du. Ihr habt eine Ausbildung gemacht, darauf bin ich natürlich stolz. Du hast ja einen guten Job. Ich hätte sehr gewollt, dass ihr studiert und wir hatten die Möglichkeiten, aber ihr wolltet nicht. Als ihr klein wart, habe ich gearbeitet, ich hatte nicht viele Möglichkeiten, etwas anders zu machen.
Nuran (auf Türkisch): Du hast es gut gemacht, Mama.
Nuran: Ich weiß nicht, ob ich so viel anders gemacht hätte.
Sara: Man muss auch sagen, du warst alleinerziehend, als wir in der Pubertät waren.
Nuran: Richtig, da hatte ich auch nicht so viele Möglichkeiten. Wichtig war natürlich auch die Schule, aber ich glaube, ich würde das alles wieder genauso machen, wie ich es gemacht habe.
Drei Generationen an einem Tisch
Was bedeutet für euch Heimat?

Serfinaz: Ich bin 1965 mit 17 aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Ich werde nie vergessen, wie ich in meiner Kindheit von anderen Kindern geschlagen und ins Wasser geworfen wurde, nur weil ich Armenierin bin. Hier in Deutschland kann ich ruhig sagen, dass ich Armenierin bin, aber in der Türkei konnte ich das nicht. Egal, wohin ich gehe, sobald ich an die Grenze von Frankfurt komme, fange ich an zu weinen. Frankfurt ist für mich alles, Frankfurt ist meine Heimat.
Sara: Heimat ist für mich eher ein Gefühl und Zuhause ein Ort. Deswegen ist für mich Heimat meine Familie.
Nuran: Ich sehe das genauso. Heimat ist für mich da, wo meine Familie und meine Liebsten sind, und das kann überall sein. Aber auch Frankfurt ist meine Heimat. Ich liebe Frankfurt, ich bin hier groß geworden und ich fühle mich hier sehr wohl.
Wie wichtig ist es euch, dass Sprache, Religion oder Traditionen bewahrt werden?
Sara: Sprache habe ich persönlich nicht so mitbekommen. Ich verstehe die türkische Sprache, aber ich spreche sie wenig bis gar nicht. Deswegen ist das etwas, was ich meinen Kindern nicht weitergeben werde, weil ich es einfach nicht kann. Wenn ihr das mit meinen Kindern sprecht, dann ist das natürlich okay.
Nuran: Würde ich vermutlich machen, weil ich es manchmal schade finde, dass ich euch die türkische Sprache nicht näher beigebracht habe. Aber gut, du kennst es nicht anders. Ich finde es trotzdem schade, weil ich es schön gefunden hätte, wenn ihr euch mithilfe der Sprache in der türkischen Gesellschaft besser zurechtfinden könntet.
Sara: Für mich ist Religion etwas, das mir schon wichtig ist. Darauf würde ich zum Beispiel auch bei der Partnerwahl achten, weil ich gerne in der Kirche heiraten würde. Und natürlich ist es schön, wenn es jemand aus dem Kulturkreis ist, der versteht, wo ich herkomme, was das bedeutet. Aber das ist kein Ausschlusskriterium.
Nuran: Ich finde es wichtig, dass wir unser „Armenisch-Sein“ weitergeben, darüber reden, es nicht vergessen. Auch wenn wir das nicht so intensiv ausleben.
Serfinaz: Ich bin Armenierin und ich wünsche mir, dass meine Kinder auch Armenier heiraten. Wenn nicht Armenier, dann wenigstens Christen. Aber ich habe auch Respekt vor den anderen Religionen und akzeptiere das. Das ist nur das, was ich mir wünsche.
Nuran: Ich fände das auch schön, aber es ist kein Muss. Wir leben in so einer schönen, bunten Welt. Ich glaube, wenn man sich gut versteht, ist Religion wichtig, aber sie darf nicht über allem stehen.
Beitragsbild: Destina Taşçı