Das Leben einer Schauspielerin – zwei Seiten einer Medaille

Anna Heithausen hat einen Master in Psychologie und eine Schauspielausbildung abgeschlossen. Neben ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin hat sie mehrere Projekte. Von Auftritten in Theater und Grundschulen bis hin zu Chorworkshops ist alles dabei.

Annas und Dominiks Koffer mit den Requisiten. Foto: Nicoleta Zavidei

Es ist ein Freitagmorgen um 8.10 Uhr. Anna Heithausen steht mit einem Schokobrötchen in der Hand vor einer Grundschule in Essen. Sie wirkt entspannt, trägt einen schwarzen Hoodie, Jeans und eine halboffene Frisur. Etwa fünf Minuten später kommt ihr Spielpartner Dominik mit einem roten Koffer um die Ecke.

Zusammen gehen sie in die Grundschule. Sie überprüfen zunächst die Requisiten im Koffer. Darin befinden sich zum Beispiel Bälle, Spielzeuge und eine Taucherbrille. Dann sprechen Anna und Dominik das grobe Skript ab. Um 8.30 Uhr stürmen sie laut streitend in die Grundschulklasse. Die Kinder der zweiten Klasse schauen neugierig zu. Die Schauspielenden haben ihre Aufmerksamkeit und beginnen mit der Aufführung.

Anna, wie bist du dazu gekommen, in Grundschulen aufzutreten?

Ich habe mich auf den Job ganz normal beworben. Das lief über den Caritas-Sozialdienst katholischer Frauen Essen. Die haben nach Schauspieler:innen für Theater in Grundschulen gesucht. Ich war gerade nach Essen gezogen und dann hat es gut gepasst. Da ich unter der Woche als Psychologin in der Klinik arbeite, spiele ich dieses Stück „Cool bleiben – Fair streiten“ circa zweimal im Monat in unterschiedlichen Grundschulen.

Cool bleiben – Fair streiten

Das Klassenzimmertheaterstück „Cool bleiben – Fair streiten“ ist Teil des Programms der Theaterpädagogik der Caritas SkF Essen. Das interaktive Theaterstück über Streit und Konflikte wird in mehreren Grundschulen im Ruhrgebiet aufgeführt. Dabei kommen die Schauspieler:innen in Klassenzimmer und spielen typische Streitsituationen aus dem Alltag der Kinder.  Die Kinder schauen nicht nur zu, sondern machen aktiv mit. Sie dürfen helfen, mitdenken und Vorschläge machen. Gemeinsam  mit den Darsteller:innen besprechen sie:

  • Warum Streit entsteht
  • Wie sich die Beteiligten fühlen
  • Was sie in einer Streitsituation tun können
  • Wie sie fair und ohne Gewalt eine Lösung finden

So entstehen einfache Regeln für einen guten und respektvollen Umgang miteinander. Diese Regeln erklären die Schauspieler:innen nicht nur, sondern probieren sie direkt im Spiel aus. Dadurch können die Kinder sie besser verstehen und behalten.

Seit wann wolltest du Schauspielerin werden?

Schwierig zu sagen. Ich habe schon mit 15 Jahren im Laientheater gespielt. Während meines Psychologiestudiums habe ich damit weitergemacht und Klausuren so gelegt, dass es damit nicht kollidiert. Nach meinem Psychologiestudium dachte ich mir, ich bewerbe mich an Schauspielschulen, mal gucken, ob es klappt. Und es hat geklappt. Das war eine Chance, die ich in dem Moment genutzt habe.

Welchen Berufswunsch hattest du zuerst: Psychologin oder Schauspielerin?

Beruflich schon eher Psychologie, aber einfach, weil ich nicht gedacht habe, dass ich Schauspielerin werde und damit Geld verdiene. Das war viele Jahre einfach ein Hobby. Aber dann dachte ich: “Probiere ich es doch mal.” Jetzt kann ich beides tun und das ist sehr schön!

Welcher prägnante Moment oder welche Person hat dich dazu gebracht, Schauspiel zu studieren?

Es war eine kleine Kettenreaktion. Während des Masterstudiums habe ich mit einer Freundin ein Theaterstück am Thalia Theater in Hamburg gesehen. An dem Theater haben wir entdeckt, dass es auch Workshops und Projekte gibt, an denen man teilnehmen kann, um am Ende eine Vorstellung zu spielen. Dazu habe ich mich angemeldet und war ein paar Wochen später in Hamburg. Das Projekt hat irre Spaß gemacht. Eine neue Freundin, die ich dort kennengelernt habe, hat ein Jahr vor mir an der Schauspielschule angefangen, an der ich dann auch gelernt habe. Sie hat mich ermutigt, mich auch zu bewerben und dann hab ich’s gemacht.

Was hast du an dieser Schule gelernt, was du heute im Beruf am meisten brauchst?

Vieles begleitet mich auf meinem Weg. Zum Beispiel das Arbeiten mit verschiedenen Persönlichkeiten in Lehrpositionen. Auch was das freie Spielen und das Ablegen von Peinlichkeiten angeht, hat es mir geholfen. Für mein eigenes Handwerk habe ich von der “Stimm- und Sprechtechnik” nach Kristin Linklater sehr viel mitgenommen.

Gibt es eine bestimmte Übung, die du dort gelernt hast, die du vor einem Auftritt machst?

Was ich immer mache, wenn ich gestresst bin, ist – manchmal zum Leid von Kolleg:innen – dass ich viel seufze und Atem loslasse. Das mache ich, um die Anspannung aus meinem Körper zu lassen. Stimm- und sprechhygienisch ist das sehr wertvoll. Das mache ich nicht nur vor einem Auftritt. Das kann man auch machen, ohne dass man Schauspielerin ist.

Anna vor einer Grundschulklasse während der Aufführung von “Cool bleiben – Fair streiten”. Foto: Nicoleta Zavidei

In der Grundschule streiten sich Anna und Dominik sehr laut. “Du hast mich doch gar nicht vorgestellt, du Schnarchnase”, schreit Anna. Die Kinder der zweiten Klasse lachen vergnügt. Annas Mimik und Gestik ist ganz anders als vor der Grundschule. Gerade schlägt sie mit den Fäusten durch die Luft und runzelt die Stirn. Mal schaut sie traurig, mal wütend, mal glücklich… Die Kinder sollen erraten, welche Gefühle sie vermittelt. Die Grundschüler melden sich jeweils und Anna nimmt sie dran.

Wenn jemand richtig liegt, loben Anna und Dominik die Kinder. Dann müssen sie selber bestimmte Emotionen zeigen. Die Kinder stellen zum Beispiel Trauer, Überraschung oder Coolness dar. Manche haben die Arme verschränkt, andere nicken lässig mit dem Kopf. Die Schüler:innen sind kreativ bei der Darstellung. Gleichzeitig bekommen sie Feedback von Anna und Dominik.

Beim Spielen von „Cool bleiben – Fair streiten“ und anderen Stücken improvisiert und interagiert ihr ständig mit den Kindern. Wie schwierig ist das?

Am Anfang hatte ich davor echt Respekt. Ich weiß nie so ganz, was vom Publikum kommt, wenn ich improvisiere. Was sagen die Kinder? Machen sie mit oder nicht? Aber je öfter ich das gemacht habe, desto sicherer wurde ich. Es ist eine gute Schule fürs Handwerk. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr davor, dass das Publikum komisch reagieren könnte.

Welche Projekte hast du zurzeit noch?

Neben dem Stück „Cool bleiben – Fair streiten“ für die zweite Klasse gibt es ein Stück über Cybermobbing für die sechste und siebte Klasse. Ich bin außerdem fest besetzte Schauspielerin bei „Clockwork Orange“, ein gewaltgeladenes Theaterstück am Theater Szene 10 in Essen. Während meines Psychologiestudiums habe ich nebenbei viel als Statistin gearbeitet. Das mache ich heute immer noch, an der Oper Dortmund auf Nebenjobbasis. Es ist ein Privileg, neben den Sänger:innen mitten auf der Bühne zu stehen. Ich finde die Musik so schön!

Zurzeit probe ich zusätzlich für ein Tanztheaterstück. Ein- bis zweimal im Jahr gebe ich außerdem Chorworkshops, um das gemeinsame Auftreten der Gruppen zu stärken. Darüber hinaus habe ich zusammen mit meinem Mann ein Krimispiel geschrieben.

Das sind ganz schön viele Projekte. Was motiviert dich im Alltag besonders?

Ich mag es total, was aus Menschen herauskommt, wenn man sie machen lässt. Ob das in Workshops ist, in einer Theatertherapie in der Klinik oder in einer professionellen Probearbeit. Ich finde es spannend, welche kreativen Dinge passieren, wenn alles offen ist. Und welche schönen Impulse aus Menschen herauskommen, wenn man sie lässt und ihnen Raum gibt.

Machst du diese vielen Projekte, weil es dir Spaß macht oder auch, um als Schauspielerin auszukommen?

Ich könnte weniger machen und würde mit dem Geld auskommen. Trotzdem werden viele mit dem Schauspielberuf nicht reich. Vor allem, wenn ich selbstständig arbeite, muss ich darauf achten, wo ich bleibe. Natürlich hat es Konsequenzen, Projekte abzusagen, weil ich dann vielleicht nicht nochmal gefragt werde. Das ist häufig die Angst. Aber zurzeit bin ich gut abgesichert.

Ich habe vor ein paar Monaten mit einer ehemaligen Dozentin gesprochen. Sie meinte, zurzeit lägen die Beschäftigungsraten unter denen während Corona. Das ist schon heftig. Selbst wenn ich jetzt klarkomme, muss ich in die Zukunft schauen. Ich muss irgendwie meine Rente absichern. Deswegen brauchen die meisten Schauspieler:innen, die selbständig arbeiten, ein zweites Standbein.

Das wäre also bei dir die Psychologie?

Voll. Ich habe Glück, dass ich die Arbeit auch gerne mache. Aber natürlich ist es auch ein “nach vorne schauen”. Was ist, wenn im anderen Beruf irgendwann nicht mehr so viel kommt? Dann habe ich etwas, auf das ich zurückgreifen kann.

Welcher Job macht dir am meisten Spaß?

Anna Heithausen. Foto: Sasha Ilushina

Ich finde verschiedene Arten der Erfüllung in verschiedenen Dingen. Beim Schauspiel ist es diese Spielfreude und Freiheit. In Workshops finde ich es schön, zu sehen, wie Menschen aufblühen. Also Leuten die Erlaubnis zu geben, sie selbst zu sein. Das finde ich total erfüllend. In der Psychologie mag ich es, dass ich einen Rahmen schaffen kann, in dem Menschen sein dürfen, in dem sie Unterstützung erfahren. Da kommt es ähnlich wie beim Schauspiel darauf an, offen zu sein: auf den Menschen, den ich treffe, mich hineinzuversetzen, ihn zu verstehen. Es ist immer ein “Authentisch-Sein” und eine Begegnung, die total erfüllend ist.

Plötzlich stehen Anna und Dominik mit dem Rücken zur Klasse. Sie nehmen ein paar Sachen aus dem roten Koffer. Wenn sie sich zur Klasse umdrehen, tragen beide bunte Sonnenbrillen und Detektivhüte. Dabei imitieren sie die Melodie von „James Bond“. Die Kinder schauen amüsiert zu und grinsen. Wenig später streiten und beleidigen sich die Schauspielenden erneut. Es kommt sogar dazu, dass Anna Dominik schubst. Er geht mürrisch ein paar Schritte zurück.

Dann fragen sie die Kinder, wie sie die Situation beurteilen und was man beim Streiten nicht tun darf. Viele melden sich und sagen ihre ehrlichen Meinungen. Anna und Dominik nehmen die Vorschläge der Kinder auf und wandeln diese in „Streitregeln“ um. An der Tafel steht jetzt zum Beispiel „Ich schubse nicht. Ich hole Hilfe. Ich vertrage mich“ geschrieben.

Wer ist dein schauspielerisches Vorbild in deinem Alltag?

Allgemein finde ich es toll, Kolleg:innen beim Spielen zuzuschauen, um das schauspielerische Handwerk und Feinheiten bei vielen Menschen zu beobachten. Unterschiedliche Leute können unterschiedliche Dinge gut und das gefällt mir total. Das gilt sowohl für Leute auf großen Bühnen oder Leinwänden als auch für sehr unbekannte auf kleine Bühnen. Ich kann sehr offen Vorstellungen sehen und mich da hineinziehen lassen. Wenn ich mich festlegen müsste, finde ich aktuell Jody Comer sehr inspirierend.

Was denkst du, wenn du auf der Bühne bist?

Nichts, ich spiele. Ich höre zu. Ich lasse auf mich wirken, was bei den anderen passiert. Ich bin dann einfach im Moment. Die Atmosphäre und Energie im Raum nehme ich schon wahr. Ich merke, dass das Publikum da ist, es reagiert, es lacht. Trotzdem ist der Gedanke dann im Moment, im Gefühl und beim Satz, den ich gerade spreche. Manche sagen, man muss auf verlorenen Posten spielen, egal was passiert, ob du vorbereitet bist oder nicht, jetzt musst du spielen. Ich finde das total befreiend. Deswegen spiele ich sehr gerne, weil diese Freiheit des Moments sehr schön ist.

Was möchtest du in Zukunft noch ausprobieren oder erreichen?

Ich möchte noch so viele Sachen machen und lernen. Ich würde gerne weiterhin beziehungsweise generell Stücke schreiben. Zum Beispiel werden mein Mann und ich mit Sicherheit weiterhin Krimispiele schreiben. Gerne würde ich auch etwas inszenieren, vielleicht ein Theaterstück. Das wird mit Sicherheit nicht zeitnah passieren, aber vielleicht irgendwann. Die Ausbildung zur Psychotherapeutin mache ich weiter. In dem Bereich möchte ich auf jeden Fall mehr schauen, was Theatertherapie kann, und mich da fortbilden. Darin sehe ich eine totale Stärke dafür, Ressourcen zu aktivieren, Selbstwirksamkeit bei Menschen zu erreichen, Spielfreude, Lebensfreude. Das finde ich sehr wertvoll. Ich habe viele große Lebensziele.

„Kinder, wisst ihr, was ein Ohrwurm ist?“, fragt Anna in die Runde. Ein kleiner Junge aus der hinteren Reihe antwortet auf die Frage. Dann fangen Anna und Dominik an, das Lied “Cool bleiben, Fair streiten” zu singen und die Schüler*innen singen laut mit. So bleiben die Streitregeln fest im Gedächtnis der Kinder. Am Ende gibt es einen kräftigen Applaus von der Klasse. Und wie sie hereingekommen sind, verlassen Anna und Dominik das Klassenzimmer. Dieses Mal jedoch nicht streitend und mit vielen lächelnden Kindergesichtern hinter ihnen.

 

Beitragsbild: Sasha Ilushina

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