Freiwillig arbeiten meets fremde Kulturen erleben – gut für alle?

Freiwilligendienste bieten für junge Menschen eine Möglichkeit, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Viele Angebote werden kritisiert. Doch die Projekte haben viel Potenzial, Gutes zu bringen. Ein Essay.

Irgendwie irgendwann mal für eine längere Zeit ins Ausland, nicht nur in den Urlaub, sondern so richtig da leben. Das ist für viele junge Menschen ein Traum. Eine Möglichkeit dafür ist Freiwilligenarbeit. Über verschiedene Wege können Menschen in verschiedenen Ländern mithelfen. Klingt nach einer runden Sache. Das dachte ich mir auch und war für ein Jahr als Freiwilliger in Peru.

Meine Erfahrung als Freiwilliger

Die peruanische Stadt Jaén bei Nacht von einem Aussichtspunkt aus fotografiert.
Jaén in Peru bei Nacht. Foto: Max Rakow

Zwei Monate nach meinem Abi bin ich in Jaén angekommen, einer mittelgroßen Stadt im Norden Perus. Dort habe ich bei einem regionalen, kirchlichen Radiosender gearbeitet. Dieser berichtet vor allem über gesellschaftliche Themen und versucht, den Menschen vor Ort eine Stimme für ihre Probleme zu geben. Neben der Arbeit blieb Zeit zum Erkunden und zum Reisen. Heute frage ich mich: Braucht es solche Freiwilligendienste überhaupt?

Einen besonders guten Ruf haben Freiwilligendienste im globalen Süden nicht. Doch ich glaube: In ihnen steckt viel Potenzial.

Unnütze Hilfe und globale Probleme – Kritik an internationaler Freiwilligenarbeit

Im Online-Blog politikorange der Jugendpresse Deutschland beschreibt ein ehemaliger Freiwilliger Gründe gegen Freiwilligendienste im globalen Süden. Am Ende seines Textes kommt er zu einem klaren Urteil: „Stay the fuck home!“ Er kritisiert unter anderem das Machtgefälle, das zwischen Freiwilligen und Einheimischen allein wegen ihrer Herkunft und unterschiedlicher Privilegien existiere. Ein Austausch auf Augenhöhe sei so nicht möglich.

Auch der Begriff des „white saviorism“ kommt auf. Die NGO Brückenwind, die sich für die sinnvolle Gestaltung von Freiwilligendiensten einsetzt, erklärt den Begriff so: „Der White Savior-Komplex bezeichnet das Phänomen, dass Menschen glauben – bewusst oder unterbewusst (…) – dass ihre Herkunft, ihre Erziehung und (Aus-)Bildung in einem Land des Globalen Nordens ihnen das Recht, das Wissen und die Legitimation verleihe, andere Menschen ‚aufzuklären‘ oder zu ‚retten‘.“ So würden rassistische Strukturen gefördert.

Zahlreiche Studien belegen: Die Länder, in denen die Freiwilligen helfen sollen, sind arm geworden, weil sie von den europäischen Industrieländern zu Zeiten des Kolonialismus ausgebeutet wurden. Dadurch existieren noch immer postkoloniale Abhängigkeitsstrukturen. In einer Diskussion über Freiwilligendienste im globalen Süden im ZDF-Format „unbubble“ kritisiert eine Teilnehmerin, dass die Freiwilligenarbeit diese Strukturen verstärke. Zusätzlich hätten die Freiwilligen oft unzureichende oder gar keine Qualifikationen. So würden sie oft mehr Schaden anrichten als sinnvolle Arbeit übernehmen.

Die Schattenseite internationaler Freiwilligenarbeit

Es gibt auch Modelle von Freiwilligenarbeit, bei denen die Anbieter gut zahlenden Menschen lukrative Angebote machen. Neben der oft wenig nachhaltigen Hilfsarbeit buchen die Freiwilligen dabei typische Touri-Aktivitäten im Kombipaket mit. Die Aufenthalte im Ausland dauern dabei meist nur wenige Wochen. Diese Art von Freiwilligenarbeit nennt sich Voluntourismus. Sie steht zurecht in der Kritik, weil kommerzielle Anbieter so die Strukturen für ihren Profit ausnutzen können. Die NGO „Brot für die Welt“ fordert deshalb schon länger eine Regulierung.

Die Kritik an Freiwilligendiensten ist berechtigt und setzt an globalen Problemen an, die wir bei Freiwilligenarbeit im globalen Süden beachten müssen. So ist die Frage nach der Daseinsberechtigung solcher Dienste eine wichtige, die wir diskutieren sollten. Ich finde aber: Mit sinnvollen Rahmenbedingungen ist die Frage klar zu beantworten.

Eine ehemalige Freiwillige erzählt

Johanna Bernutz war vor 14 Jahren für ein Jahr als Freiwillige in Peru. Gearbeitet hat sie in einem Projekt, das Menschen im Norden des Landes mit günstigen Hörgeräten versorgt. Durch einen Freiwilligendienst kommen Freiwillige in das Projekt und leiten es.

Die junge Johana steht im Labor ihres Projektes in Peru und lächelt in die Kamera. Sie baut gerade ein Teil für ein Hörgerät
Johanna im Labor ihres Projektes in Cajamarca. Foto: Johanna Bernutz

Die Versorgung mit Hörgeräten ist in Peru ziemlich schlecht. Auf der Internetseite des nach eigenen Angaben größten peruanischen Verzeichnisses für Gesundheit finden sich nur etwa 15 Adressen für Praxen, die Hörgeräte anbieten. Im Norden Perus gibt es gar keine. Hörgeschädigte Menschen aber gibt es viele. So füllt das Projekt eine wichtige Versorgungslücke.

Während ihres Dienstes hat Johanna die meiste Zeit in einem kleinen Labor verbracht. Dort hat sie Hörgeräte programmiert, Bauteile gefertigt, Kund*innen betreut und über Hörschäden aufgeklärt. Neben ihrer Arbeit und Erfahrungen aus ihrem Projekt hat Johanna noch einiges mehr mitgenommen: „Mich mit dem Thema Kontraste auseinanderzusetzen und mit Rassismus und Privilegien, hat mich nachhaltig beeindruckt. Das ist bis heute hängen geblieben.“

Die Erfahrung prägt, das Projekt hilft weiter

Auch in ihrer persönlichen Entwicklung hat das Jahr die heute 38-Jährige weitergebracht: „Das Prägendste war, unabhängig vom Elterneinfluss und den eigenen vier Wänden festzustellen, wie ich bin. Und zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen.“ Dafür sei es für sie wichtig gewesen, weit weg von zu Hause zu sein.

Ein Selfie der ehemaligen Freiwilligen Johanna heute
Die Freiwillige Johanna Bernutz heute. Foto: Johanna Bernutz

Als Freiwillige kommen nur fertig ausgebildete Hörakustiker*innen in das Projekt nach Cajamarca. Diese Qualifikation mitzubringen, war Johanna wichtig: „Weil ich eine Ausbildung hatte, wusste ich: Ich kann da etwas bewirken.“ Ein Jahr nach ihrer Rückkehr hat sie mitgeholfen, einen Verein zu gründen, der die weitere Entwicklung des Projekts unterstützt.

Inzwischen gibt es zwei peruanische Mitarbeiterinnen im Projekt. So ist es weniger abhängig von Freiwilligen aus Deutschland. In diesem Jahr will Johanna wieder für ein paar Wochen nach Peru reisen. „Ich fühle mich immer noch sehr verbunden und engagiere mich weiter in dem Verein. Ich unterstütze die Kollegen vor Ort zum Beispiel online bei der Ausbildung“, sagt sie. Falls der Verein nicht genug Freiwillige finden sollte, springen Ehemalige ein oder die Mitarbeiterinnen vor Ort übernehmen. Bei ihrer nächsten Reise wird Johanna auch wieder mitarbeiten.

Wer profitiert von internationaler Freiwilligenarbeit?

Verschiedene Studien aus Japan und den USA zeigen: Die Freiwilligen sind sich nach ihren Diensten internationaler Strukturen bewusster, haben ein erhöhtes internationales soziales Kapital, also etwa mehr internationale Freundschaften, sind weniger ethnozentrisch, können besser kommunizieren und haben eine höhere Selbstwirksamkeit. Alles gute Sachen. Doch es besteht weiterer Forschungsbedarf, vor allem dazu, welche Effekte internationaler Freiwilligenarbeit es für die Empfangenden dieser Arbeit gibt.

Ein Portrait des Filmemachers, der das Thema internationale Freiwilligenarbeit behandelt.
Filmemacher Christian Weinert. Foto: Christian Weinert

Christian Weinert ist Filmemacher und hat mehrere Dokumentarfilme in Ländern produziert, in denen Projekte mit Freiwilligen zusammenarbeiten. Er hat mit den Menschen vor Ort gesprochen und deren Erfahrungen gesammelt. Eine seiner Dokus zeigt: Viele Menschen freuen sich über den gegenseitigen Austausch und darüber, Stereotype abbauen zu können. Es entstehen viele Freundschaften und wertvolle Fortschritte in den Projekten. Von Freiwilligen, die sich nicht gut in die Projekte einfügen, erzählen die Menschen aber auch. Und es gibt Spannungen, zum Beispiel bei Kindern, die durch den Wechsel von Freiwilligen in sozialen Projekten immer wieder andere Bezugspersonen haben. Für die Menschen vor Ort gibt es also Vor- und Nachteile.

Christians Fazit aus seinen Interviews: „Ich habe nicht beobachtet, dass die Gegenüber dieses Thema der Freiwilligen als so wichtig empfunden haben. Die haben ganz andere Themen.“ Die Debatte über die Daseinsberechtigung dieser Freiwilligenarbeit sei also eine eher einseitige, westlich geprägte.

So kann internationale Freiwilligenarbeit fair sein

Ich finde: Den Organisationen, über die Freiwillige zur Freiwilligenarbeit im globalen Süden kommen, muss klar sein, in welchem komplexen, ambivalenten Kontext sie arbeiten. Dann können sie sicherstellen, dass beide Seiten davon profitieren. Wie die Organisationen das umsetzen können: ausreichend qualifizierte Freiwillige, eine pädagogische Begleitung, genügend Zeit im Ausland und Qualitätskontrollen, bei denen vor allem die Seite der Projekte Gehör finden muss. Die Freiwilligen selbst können ihren Teil beitragen, indem sie auf diese Dinge achten, wenn sie eine Entsendeorganisation auswählen.

Denn wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann die Freiwilligenarbeit im Ausland für beide Seiten wertvoll sein. Ich bin damals mit prägenden Erlebnissen, mehr Selbstbewusstsein und einem klaren Berufswunsch nach Hause geflogen: In Jaén habe ich gedreht, geschnitten und fotografiert. In Dortmund studiere ich heute WIssenschaftsjournalismus.

 

Beitragsbild: Max Rakow

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