Studieren zwischen den Zeilen

In Ländern mit eingeschränkter Pressefreiheit wird das Auslandsstudium zum Balanceakt zwischen freiem Austausch und Selbstzensur. Wie erleben Studierende Journalismus in Staaten mit restriktiven Mediengesetzen im Vergleich zu solchen mit hoher Pressefreiheit?

„Wenn man dort als Journalist auftritt, geht man ein reales Risiko ein“, sagt Jerrit Schlosser ernst. Zu groß sei die Gefahr, zur Zielscheibe zu werden. Der Student des Instituts für Journalistik (IJ) an der TU Dortmund erzählt von seinem Auslandsaufenthalt im Wintersemester 2025 in der Türkei. Weil der Alltag in der türkischen Metropole von Selbstzensur und Verhaftungen von Medienschaffenden geprägt ist, entscheidet sich Jerrit bewusst dazu, nicht als Journalist, sondern als Student aufzutreten, um sich selbst zu schützen.

Selbst im Seminarraum fällt selten der Name des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, erzählt er. Die Räumlichkeiten der Bilgi Universität seien zum Teil seltsam leer, er erlebe wenig Leben oder Austausch. Türkische und ausländische Studierende, die gegen die Verhaftung von Ekrem İmamoğlu oder für die Rechte von Frauen protestierten, seien in Polizeigewahrsam geraten und hätten Prüfungen verpasst. Zwar erlebt Jerrit die Stadt selbst als offen und gastfreundlich. Aber eines ist klar: Pressefreiheit gibt es in der Türkei nicht.

Pressefreiheit in der Türkei

Press Freedom Index der Reporters Without Borders

Die Türkei belegt im World Press Freedom Index 2025 der Reporter ohne Grenzen (ROG) Platz 159 von 180 Ländern und gehört damit zu den Schlusslichtern weltweit. Die Lage der Pressefreiheit hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert. Reporter ohne Grenzen bezeichnet die Türkei als das größte Gefängnis für Journalist:innen in Europa, weil es mehr Medienschaffende als jedes andere Land inhaftiert: „Dutzende wurden aufgrund ihrer Berichterstattung zu teils langjähriger Haft verurteilt, viele warten seit Jahren auf ihre Urteile oder wehren sich in Berufungsinstanzen gegen Haftstrafen. Andere sind ins Ausland geflohen.“ Ein Großteil der Medienlandschaft steht unter direkter Kontrolle der Regierung. Unabhängige Redaktionen werden mit juristischem und finanziellem Druck eingeschränkt – etwa durch repressive Gesetze, Hausarreste, Ausreiseverbote oder Meldeauflagen. Auch digitale Zensur ist an der Tagesordnung: Behörden können Inhalte sperren oder ganze Webseiten blockieren. Kritische Stimmen im Journalismus werden systematisch verfolgt.

So misst der World Press Freedom Index Pressefreiheit

Reporter ohne Grenzen bewertet Pressefreiheit nach fünf Kategorien:

  • Politischer Kontext (Unabhängigkeit, staatliche Einflussnahme)
  • Rechtlicher Rahmen (Gesetze, Regulierung)
  • Ökonomischer Kontext (Finanzielle Zwänge, Einfluss von Eigentümern/Werbekunden)
  • Soziokultureller Kontext (Gesellschaftlicher Druck, Selbstzensur)
  • Sicherheit (Gefahren, Übergriffe, psychische Belastung)

Hochschulkooperation trotz Risiko

Wenn der universitäre Alltag die Einschränkungen der Medien- und Pressefreiheit zu spüren bekommt, stellt sich die Frage: Warum kooperieren europäische Hochschulen dennoch mit Einrichtungen in der Türkei? Dominik Speck, Erasmus-Koordinator am Institut für Journalistik an der TU Dortmund, betont die Bedeutung internationaler Kooperationen für die Studierenden. Das Institut möchte Studierenden, die dafür offen sind, grundsätzlich ermöglichen, Austausch- und Studienerfahrungen auch in Ländern mit schwierigen Bedingungen für die Pressefreiheit zu sammeln. Um dies zu gewährleisten und gleichzeitig die Sicherheit der Studierenden zu schützen, müssen die Programme der Partneruniversitäten inhaltlich mit dem Lehrangebot des Instituts abgestimmt sein und dürfen selbst keine autoritären Standpunkte vertreten.

Laut Speck ist dabei entscheidend, kritisches Denken zu fördern und einen geschützten Raum für den offenen Austausch zu schaffen. Die Bilgi Universität in Istanbul, an der Jerrit studiert, sei als private Hochschule daher weniger stark von staatlichen Sanktionen und Eingriffen betroffen. Der Austausch wird dabei nicht als Unterstützung autoritärer Systeme betrachtet, sondern viel mehr als eine Brücke: Gerade in schwierigen politischen Kontexten ist der wissenschaftliche Austausch essenziell, um Freiräume zu schaffen und Reflexion zu ermöglichen.

Finnland als Vorbild

„Finnland war für mich die erste Wahl. Unter anderem weil dort die Pressefreiheit einen so hohen Stellenwert hat.“ Antonia Marquardt studiert Wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund und verbringt von Januar bis Ende Mai 2025 ein Semester an der Universität Jyväskylä. Schon bei der Entscheidung für das Auslandssemester war für Antonia klar: Offener Austausch ist in Finnland keine leere Floskel, sondern wird tatsächlich gelebt – im Hörsaal, in den Seminaren und im Alltag. Jede und jeder könne die eigene Meinung frei äußern – auch kontroverse Standpunkte fänden Gehör. Angst, den eigenen Standpunkt zu vertreten, habe dort niemand. Vor allem die Dozierenden unterstützen diesen offenen Austausch und fördern Teamprojekte.

Warum Pressefreiheit zählt
Pressefreiheit ist das Fundament von Demokratie und gesellschaftlichem Fortschritt. Sie ermöglicht Kontrolle von Regierungen, Transparenz und das Aufdecken von Missständen. Nur mit freiem Zugang zu Informationen können Bürger:innen fundierte Meinungen bilden und am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Eine freie Presse beugt Desinformation vor und sorgt für Vielfalt der Stimmen.

In den nordischen Ländern herrscht laut ROG eine besonders hohe Pressefreiheit, was den Ländern Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden seit Jahren die ersten zehn Plätze im Index sichert. Ein stabiler Rechtsrahmen und starke öffentlich-rechtliche Medien garantieren redaktionelle Unabhängigkeit. Politische Einflussnahme ist ausgeschlossen, und Journalist*innen genießen Quellenschutz sowie freien Zugang zu Behördeninformationen. Zwar nehmen Online-Belästigungen zu, doch werden diese durch verschärfte Gesetze und aktive Strafverfolgung bekämpft. Die skandinavischen Länder profitieren zudem von gezielter Förderung auch kleiner oder minderheitensprachlicher Medien, was eine vielfältige, offene und unabhängige Medienlandschaft ermöglicht.

Laut Dominik Speck sind Kooperationen mit den nordischen Ländern für Studierende besonders attraktiv, weil dort Pressefreiheit und offener Diskurs vorbildlich gelebt werden. Sie gelten in vielen Bereichen als Vorbild, auch im Mediensystem – insbesondere aufgrund der hohen Pressefreiheit, innovativen Digitalstrategien und staatlichen Fördermodellen für Medienhäuser. Durch die Erasmus-Partnerschaft erhalten die Studierenden Einblicke in diese modernen Medienlandschaften. „Sie lernen außerdem ein Universitätssystem mit besonders hohen Standards und besonderen Lehr- und Lernmethoden kennen“, sagt Speck, darunter intensive Blockseminare, die es den Studierenden erlauben, sehr tief in ein Thema einzutauchen.

Vertrauensverlust in den USA

Alina Bähr in Washington
Alina Bähr in Washington

Auch Alina Bähr hat sich für ein Land mit hohen demokratischen Werten entscheiden, um praktische Erfahrungen mit Demokratie, Pressefreiheit und akademischer Freiheit zu sammeln. Als die Journalistik-Studentin ihr Auslandssemester und ein Praktikum in Washington D.C.  im ersten Halbjahr 2025 beginnt, startet Donald Trumps zweite Amtszeit. Und das bekommt sie zu spüren: Nach sechs Wochen bei dem Auslandssender Voice of America wird sie wie viele andere überraschend entlassen. Diese Erfahrung mit Einschränkungen der Pressefreiheit in den USA hat ihr vor Augen geführt, wie wichtig ethische Haltung im Journalismus ist. Sie erlebte in den USA, wie fragil Pressefreiheit in Demokratien sein kann. Auf die Frage, was sie für ihre spätere Laufbahn als Journalistin mitnimmt, antwortet sie: mutig bleiben.

Pressefreiheit in den USA

Die USA gelten als Wiege der Demokratie, aufgrund ihrer Rolle bei der Entwicklung demokratischer Prinzipien und Institutionen im 18. Jahrhundert. Laut dem ROG-Index standen die USA meist im oberen Drittel der Länder (zwischen Platz 20 und 40), unter Donald Trumps Amtszeit sind sie auf Platz 57 abgerutscht. Angriffe auf Medien und deren Einschränkungen nehmen zu. Trump wirft Medien eine falsche Berichterstattung in Bezug auf seine Arbeit vor. Die Zugänge zu Informationen aus den Regierungsbehörden werden eingeschränkt.

Das führt zu einem deutlichen Vertrauensverlust bei den Konsument*innen, was zum Teil auf die Rhetorik von Trump zurückzuführen ist. Er äußert häufig aggressive Kritik an Journalist*innen und Medienorganisationen. Zwar gelten die USA weiterhin als funktionierende Demokratie, doch Expert*innen der ROG warnen davor, dass sich der Umgang mit Medien weiter verschlechtern könnte und damit die Pressefreiheit vor großen Herausforderungen steht.

Dominik Speck betont, dass die USA ein zentrales Austauschland für Studierende des IJ sind und in der Vergangenheit viele Studierende nach Washington geschickt wurden, um von der dortigen Ausbildung zu profitieren: Die dortige Journalismusausbildung an Universitäten gilt als Vorbild, ergänzt durch eine lebendige Campus-Kultur und ein Mediensystem, das weltweit Trends setzt. Das Institut für Journalistik kooperiert mit der American University im Rahmen des Washington Semester Program, das eine enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis sowie zu politischen und gesellschaftlichen Institutionen in der US-Hauptstadt bietet. Die Lage werde nun jedoch mit Blick auf die unter der Trump-Regierung unter Druck geratene Presse- und Wissenschaftsfreiheit kritisch beobachtet.

Der Austausch prägt nachhaltig

Jerrit erlebte in der Türkei hautnah, wie Selbstzensur funktioniert, und das hat seinen Blick verändert. „Man merkt erst, wie viel Pressefreiheit wert ist, wenn sie fehlt“. Erst durch den direkten Austausch verstehe man, wie wichtig es ist, für Pressefreiheit einzustehen. Für ihn war es wichtig, nicht nur über Missstände zu lesen, sondern die Zwischentöne und das Klima vor Ort zu spüren.

Für Alina hat das Auslandssemester Kompetenzen geschult, die im Journalismus unerlässlich sind: einen geschärften Blick auf andere Lebensrealitäten, mehr Empathie und ein tieferes Verständnis für unterschiedliche Kulturen.

Antonia erfuhr in Finnland, wie offener Diskurs gelebt werden kann. Sie sei dadurch insgesamt offener geworden, habe an Allgemeinwissen gewonnen, sähe Probleme aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und habe gelernt, den Dialog zu suchen.

Die drei Studierenden sind überzeugt: Ein Auslandsstudium prägt weit über das Studium hinaus. Offenheit, internationale Perspektiven und die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, denn Hinterfragen ist für angehende Journalist:innen unverzichtbar.

Dominik Speck betont, wer internationale Erfahrungen sammelt, versteht besser, wie eng Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte zusammenhängen. Hochschulen sollten deshalb den Austausch mit Studierenden und Wissenschaftler:innen aus Ländern fördern, in denen diese Werte unter Druck stehen.

Ein Beitrag von
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