Trainieren wie ein Profisprinter im Selbstversuch

Wer bei Olympia einen 400-Meter-Lauf im Fernsehen gesehen hat und sich dachte: „Eine Runde rennen kann ja nicht so anstrengend sein“, passt lieber auf. Unser Autor ist dabei an seine Grenzen gekommen.

„Wie viele noch?“ „Noch vier“, antwortet Zaya Hense. Ihr fällt das Lächeln leicht, während ich nur noch schwerfällig ein kurzes Grinsen auflegen kann. „Okay.“ Einmal tief durchatmen und weiter.

v.l. Zaya Hense, Fabian Straberg, Anna Hense und Roman Lachowicz. Foto: Carolin Hansing

Noch viermal 200 Meter. Dann habe ich meine erste Einheit als Leichtathlet geschafft. Ich trainiere in einer kleinen Gruppe mit jungen Profisportler*innen. Zaya ist Teil dieser Gruppe, die am Olympiastützpunkt Dortmund für den 400-Meter-Sprint trainiert. Mit dabei sind ihre Zwillingsschwester Anna Hense und Fabian Straberg. Thomas Kremer leitet die Gruppe als Trainer an.

Fabian ist Profisportler im 400-Meter-Sprint. Parallel studiert er in Vollzeit Sportwissenschaften und Sozialwissenschaften auf Lehramt an der TU Dortmund. Sonntags ist sein einziger Ruhetag – mehr Pausen vom Training hat Fabian nicht. Wie hart Profisportler*innen trainieren müssen, wissen wahrscheinlich die wenigsten. Um das herauszufinden, probiere ich es aus und begleite die Sprinter*innen beim Training.

Warm werden

Beim Aufwärmen ist Trainer Thomas Kremer aufgefallen, dass ich viele gute Dehn- und Aufwärmübungen kenne. Foto: Carolin Hansing

Meine Vorkenntnisse in der Leichtathletik halten sich in Grenzen. Ein paar Dinge weiß ich aus einem Leichtathletik-Grundlagenseminar, das ich im vergangenen Sommersemester belegt habe. Daher kenne ich zum Beispiel einige Übungen aus dem Lauf-ABC. Das sind verschiedene Laufübungen und Bewegungen zum Aufwärmen. Die helfen mir beim eigenständigen Aufwärmen im Training mit Fabian, Anna und Zaya.

Im 400-Meter-Sprint habe ich dagegen noch keine Erfahrung. Den kenne ich nur von großen Sportevents wie Olympia, Leichtathletik-Meisterschaften oder den World University Games, bei denen ich den Profis zugesehen habe.

Fokus auf Technik

Abgesehen von der Leichtathletik ist meine körperliche Fitness recht gut. Ich mache mehrmals pro Woche Krafttraining und hin und wieder Ausdauertraining. Letzteres im Moment eher unregelmäßig.

Wickeds sind kleine Schaumstoffblöcke. Ein Tool, um die Schrittfrequenz effizient zu steigern. Foto: Roman Lachowicz

Ich begleite die jungen Athlet*innen drei Tage lang am Olympiastützpunkt. Bei der ersten Einheit sehe ich Anna und Fabian nur zu. Auf dem Programm stehen Wicked-Läufe. Wickeds sind kleine Schaumstoffblöcke. Die platzieren Anna und Fabian in größer werdenden Abständen über eine Strecke von 40 Metern auf der Bahn. Am Start in fünf Fußlängen Abstand und zum Ziel hin in siebeneinhalb Fußlängen Abstand.

Bei dieser Übung sollen die Athlet*innen die Schrittfrequenz steigern, während sie darauf achten, mit den Füßen nicht gegen die Wickeds zu stoßen. Das Ziel: schnell und technisch sauber rennen. Am Ende der Einheit habe ich zwar einen Einblick in die Trainingsprozesse und -abläufe, kann aber noch nicht einschätzen, wie anstrengend das Programm wirklich ist.

Erster Trainingstag

Mit einer Menge Vorfreude und ebenso viel Respekt vor der zweiten Einheit fahre zum Stadion Rote Erde. Je nach Wetter und Programm trainiert die Gruppe entweder dort oder nebenan in der Helmut-Körnig-Halle. Die Trainingszeiten sprechen die Athlet*innen individuell mit ihrem Trainer ab. Oft trainieren sie zwischen Seminaren und kommen in der Mittagspause zum Olympiastützpunkt.

Für viele BVB-Fans eine bekannte Kulisse mit viel Geschichte. Heute geht es aber nicht um Fußball. Foto: Roman Lachowicz

Bei blauem Himmel und der Sonne im Zenit steht eine Einheit im Freien zur maximalen Sauerstoffaufnahme an. Erstmal laufen wir uns ein. Drei Runden auf der Tartanbahn. Bei Fabians Tempo mitzuhalten, ist erst einmal kein Problem für mich. Eine kurze Pulsmessung enttarnt mich aber sofort als Amateur. Während mein Puls nach den drei Runden bei rund 180 Schlägen pro Minute liegt, hat Fabian eine Herzfrequenz zwischen 120 und 130 Schlägen pro Minute.

Thomas Kremer ist Bundestrainer für Nachwuchssprinter*innen und leitet die Trainingsgruppe an. Er erklärt uns, wie die heutige Einheit aussieht. Acht 200-Meter-Läufe in einer vorgegebenen Zeit. Ungefähr 40 Sekunden. Dazwischen kurze Pausen. Auch etwa 40 Sekunden. Die Belastungs- und Pausenzeiten sind individuell auf Fabian, Anna und Zaya angepasst. Nach den acht Läufen haben wir drei Minuten Pause, bevor wir nochmal acht Läufe machen.

Auf die Plätze, fertig, los!

Weil ich weit weg vom Niveau eines Leistungssportlers bin, kann ich nicht nach den Zeiten von Fabian laufen. Thomas Kremer schlägt vor, dass ich mit Fabian starte und eine Stufe langsamer laufe, wenn die Kraft nachlässt. Die Stufen sind in diesem Fall die der anderen Athletinnen. Anna läuft die 200 Meter etwas langsamer als Fabian und Zaya läuft ein paar Sekunden langsamer als Anna.

Thomas Kremer hat sich vorher für Fabian, Zaya und Anna eine individuelle Zeit für ihre Läufe überlegt. Foto: Carolin Hansing

In der ersten Runde fühle ich mich ins kalte Wasser geworfen. Ich habe kein Gefühl dafür, wie schnell ich laufen muss, um die 200 Meter in der vorgegebenen Zeit zurückzulegen. Also hänge ich mich an Fabian und laufe neben ihm her. Auf den ersten 200 Metern habe ich ein gutes Gefühl. Mit großen Schritten kann ich das Tempo gut halten und habe schnell das Gefühl, ein richtiger Leichtathlet zu sein.

Spätestens nach den ersten beiden 200 Metern weiß ich aber, warum Thomas Kremer von Anfang an den Plan hatte, dass ich erst mit Fabian, dann mit Anna, dann mit Zaya laufe. Der erste Lauf ist gut, der zweite noch in Ordnung, der dritte grenzwertig und beim vierten kann ich nicht mehr mit Fabians Tempo mithalten. Einige Sekunden später als Fabian komme ich völlig außer Atem über die Ziellinie. Dort erwartet mich Thomas Kremer mit einem leichten Grinsen. „Anna überspringen und direkt zu Zaya?“, fragt er. Ein schnaufendes „Ja“ ist das Einzige, was ich in dem Moment herausbekomme.

Ein Schritt vorwärts, zwei zurück

Ab der fünften Runde im ersten Satz laufe ich also Zayas Tempo. Sie fokussiert sich im Moment auf die Uni und stellt den Profisport hinten an. Zaya studiert Rehabilitationspädagogik und hat ihr letztes Semester vor sich. Die Leichtathletik ist für sie gerade eher ein Hobby.

Mit Zaya kann ich etwa sieben Sekunden langsamer laufen. Obwohl sich das erstmal nicht nach viel Zeit anhört, macht es für mich und meine Kondition einen riesigen Unterschied. Wir laufen nämlich nicht nur langsamer, sondern haben auch längere Pausen. Und die dürften für mich keine Sekunde kürzer sein.

Realitätscheck nach Tag eins

Auch wenn ich das Tempo einigermaßen halten konnte, was das Training für mich deutlich fordernder als für die Profis. Foto: Carolin Hansing

Nach der dreiminütigen Satzpause laufe ich die letzten achtmal 200 Meter mit Zaya in einem Tempo, das für mich deutlich nachhaltiger ist. Trotz der zusätzlichen Sekunden ist der zweite Satz für mich anstrengend genug und ich bin froh, als wir die letzte Runde vor uns haben.

Mein Fazit zum ersten Trainingstag: Ich bin schnell an meine Grenzen gekommen, als ich versucht habe, mit Fabian mitzuhalten. Es wäre allerdings auch fragwürdig, wenn ich 16- mal 200 Meter problemlos im Tempo eines Profisportlers hätte mitlaufen können. Die Läufe mit Zaya waren für mich einfacher, was das Tempo und die Pausen anging, aber immer noch anstrengend genug. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch einen kompletten dritten Satz geschafft hätte. Glücklicherweise war das Training für diesen Tag nach zwei Sätzen beendet.

Zweiter Trainingstag

200 Meter sind eine halbe Runde auf einer üblichen Tartanbahn. Wie anstrengend können die schon sein? Foto: Carolin Hansing

Am nächsten Morgen, 7.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Draußen wird es langsam hell und ich starte meine Morgenroutine. Ohne Muskelkater. Meine Beine fühlen sich zugegeben ein wenig schwerer an als an jedem anderen Morgen. Aber wenn ich bedenke, dass ich beim Training am Vortag Vollgas gegeben habe und vorher monatelang nicht laufen war, hält sich die Erschöpfung in Grenzen.

Für meinen zweiten Trainingstag haben wir uns für 12.30 Uhr am Stadion Rote Erde verabredet. Nach der Einheit für maximale Atemkapazität am Dienstag weiß ich nicht sorichtig, mit welchem Gefühl ich in das Tempotraining am Mittwoch gehen soll. Das Training am Dienstag haben Anna und Fabian nämlich als „eher entspannt“ beschrieben. Ansichtssache. Über das Tempotraining am Mittwoch hat Fabian von vornherein gesagt, es sei eine der intensiveren Einheiten. Wie intensiv könnte es noch werden?

Gleiches Training, anderes Tempo

Bei der Tempoeinheit laufen alle gemeinsam los, aber halten ihre persönlichen Zeiten ein. Foto: Roman Lachowicz

Wie jede Einheit beginnt auch diese mit einem Aufwärmprogramm. Zwei Runden Einlaufen, Dehnen und Mobilisation, einige Übungen aus dem Lauf-ABC und ein paar Steigerungsläufe. Endlich kommen meine Schuhe mit den Spikes zum Einsatz, die ich mir im Sommersemester extra für das Leichtathletik-Seminar kaufen musste. Auf dem Programm stehen zwei Serien mit vier 150-Meter-Läufen. Zwischen jedem Lauf haben wir acht Minuten Pause und zwischen den beiden Serien ungefähr 15 Minuten Pause. Wir starten alle gleichzeitig und haben gleichzeitig unsere Pausen.

Die 150 Meter laufen wir nicht in der gleichen Zeit. Fabian schafft die Strecke in deutlich unter 20 Sekunden, Annas Zeiten liegen in etwa bei 20 Sekunden oder weniger. Mein schnellster Lauf dauert 22 Sekunden. Damit bin ich nur ein paar Sekunden langsamer als echte Profisportler*innen und bin mit dieser Zeit vollkommen zufrieden.

Leichtigkeit und Übelkeit

Thomas Kremer denkt sich immer ein dreiwöchiges Programm für seine Trainingsgruppe aus. Foto: Carolin Hansing

Mögliche Zuschauer*innen müssten nicht mal Ahnung von Leichtathletik haben, um den Unterschied zwischen mir und den Profisportler*innen zu erkennen. Für mich sind die 150 Meter ein Sprint im höchsten Tempo. So entspannt und grazil wie Anna und Fabian sehe ich beim Laufen nicht aus. „Hauptsache rennen. “ Und: „So lang können 150 Meter nicht sein“, denke ich mir im Wechsel.

Nach dem zweiten Lauf fragt Thomas Kremer, ob alles in Ordnung sei. „Ja, wieso?“, frage ich ein bisschen verwirrt zurück. Ich würde aussehen, als sei mir schlecht und als müsse ich mich übergeben, sagt er.

Spätestens da ist klar, dass ich trotz der paar Sekunden Unterschied weit entfernt von einem Profisportler bin. Ich habe schon so viel Laktat in den Beinen, dass mein Körper es nicht schnell genug für den nächsten Lauf abbauen kann, erklärt mir Thomas Kremer.

Siegertreppchen und Treppensteigen

Während Anna und Fabian zum dritten Mal die 150 Meter laufen, setze ich aus und gehe ein paar Meter, um den Abbau zu unterstützen. Beim vierten und damit letzten Lauf vor der Satzpause bin ich wieder dabei. Aber auch nach der Pause merke ich, dass meine Beine zu erschöpft sind, um weiterzumachen.

Zwei Läufe schaffe ich noch, bevor ich endgültig aufgebe. Vor allem wegen der Spikes tun meine Unterschenkel weh. Hier ist das Training als Profisportler für mich vorbei. Zwei Tage lang habe ich noch Muskelkater in den Beinen. Vor allem das Treppensteigen macht in dieser Zeit keinen Spaß.

 

 

Beitragsbild: Carolin Hansing

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