
Die NFL begeistert Millionen, mittlerweile erreicht sie auch Deutschland. Was kommt davon in deutschen Vereinen an? Ein Blick ins Jugendtraining der Dortmund Giants zeigt, wo sich die Zukunft des Footballs hierzulande tatsächlich entscheidet.
„One-Two-Three-GIANTS“, hallt es über den Platz. Zwischen zusammengestreckten Fäusten wirft das Flutlicht harte Schatten auf den Kunstrasen im Hoeschpark. Die U16 der Dortmund Giants trainiert auf der einen Hälfte des Feldes, die Flag-Football-Mannschaft auf der anderen. Während sich die Spieler aufwärmen, rennt ein Hund quer über den Platz.

Nur zwei Trainer stehen heute auf dem Feld. Für eine Fußballmannschaft kein Problem, doch beim American Football ist das anders. Für jede Positionsgruppe gibt es eigene Coaches, die die Spieler speziell auf ihre Aufgaben vorbereiten.
Alle Gruppen gleichzeitig zu trainieren, ist ambitioniert, auch wenn es an diesem Tag nur zehn Spieler sind: „Mit zwei Trainern vier Positionsgruppen – das wird schwierig“, sagt Lovis Stauffer lachend, als er seinen Blick über die Gruppe schweifen lässt. Seit acht Jahren ist er Teil der Dortmund Giants, seit zwei Saisons einer der Coaches der U16. Er erlebt beide Seiten des Sports: den Erwachsenen-Football – und die Realität des Nachwuchses. Hier muss er pragmatisch sein.
Improvisation am Spielfeldrand

Beide Trainer wollen neben dem Spaß am Sport vor allem Konzentration sehen. Während die einen ihre Übungen machen, werfen sich andere am Rand den Ball zu. Immer wieder gibt es kleine Unterbrechungen: „Wir müssen zwischendurch auch mal einen Helm fixen“, sagt Lovis. „Und dann machen erstmal alle, was sie wollen.“ Beim Jugendtraining ist deshalb auch Improvisation gefragt.
Durch den Wind fallen Trainingsblöcke um, die Schulterpads der Spieler verrutschen immer mal wieder und jeder ist auf einem anderen Wissensstand: „Es ist anders als im Herrenbereich. Du siehst es hier im Training: Da sind zwei Spieler, die sich schon mit den Abläufen auskennen. Auf der anderen Seite sind zwei Spieler, die das Ganze noch nie gemacht haben.“ Auf dem Platz beginnt der Football daher mit Motivation und Geduld. Lovis und sein Kollege müssen das richtige Tackling, die richtige Fußstellung und Bewegung erklären.
Football-Boom?
Jedes Jahr verfolgen Millionen Menschen das Medienspektakel des Superbowls – das Finale der amerikanischen Footballliga NFL. Besonders die berühmte Halbzeitshow mit internationalen Stars zieht auch Nicht-Footballfans vor den Fernseher. American Football ist über die Jahre hinweg auch in Deutschland präsenter geworden. Doch das, was Medien häufig als „Football-Boom“ bezeichneten, bezieht sich laut NFL-Expertin und Trainerin Nadine Nurasyid eher auf die Popularität der NFL. Nurasyid ist Trainerin bei Stuttgart Surge und war die erste Frau, die ein NFL-Spiel im deutschen Fernsehen kommentiert hat. Sie ist fester Bestandteil der Moderationsteams rund um die deutsche Übertragung der NFL.

Die NFL bekommt hierzulande immer mehr Zuschauer*innen. Regelmäßige Übertragungen und Events locken begeisterte Fans an. Gastspiele der NFL fanden bereits in deutschen Städten wie München oder Berlin statt und Fanclubs gründen sich bundesweit. In Dortmund wird die Watch-Party zum Superbowl im Cinestar vom WDR begleitet. Hier ist auch der lokale Footballverein vertreten. Anders als zu Nurasyids Zeiten als Spielerin ist der Sport sichtbarer geworden: „Als ich damals gespielt habe, konnten viele das nicht von Sportarten wie Rugby unterscheiden“, sagt sie lachend.
American Football ist besonders ressourcenintensiv – sowohl personell als auch finanziell: „Mit Spieler*innen, Trainer*innen und Betreuer*innen kommt man auf eine große Anzahl von Beteiligten, anders als etwa im Fußball. Dadurch kostet uns der Sport aktuell mehr, als er uns einbringen kann“, erklärt Nurasyid. Die Diskrepanz ist deutlich: Während hunderttausende Menschen die NFL verfolgen, stehen in Dortmund knapp über zehn U16-Spieler im Flutlicht.
Realität in deutschen Vereinen

„Die wachsenden Zuschauerzahlen der NFL heißen nämlich nicht zugleich, dass hier in Europa mehr Menschen zu dem Sport finden, oder, dass wir mehr Zuwachs in der Jugend haben“, fügt Nurasyid hinzu. Laut dem American Football und Cheerleading Verband NRW (AFCV NRW) sind die Zahlen aktiver Spieler*innen im Erwachsenenbereich in Nordrhein-Westfalen seit 2020 auf über 4.500 gestiegen. Auch im Jugendbereich gab es jährlich rund 200 neue Nachwuchsspieler, sodass es mittlerweile rund 3800 Spieler*innen sind. Trotzdem ist die Differenz zu anderen Sportarten, wie etwa Handball oder Fußball groß.
Was bleibt davon auf Vereinsebene? Die Zahlen verteilen sich auf über 20 Vereine sowie zwei Varianten: den Tackle Football, der auch in der NFL vertreten ist und den weniger kontaktbasierten Flag Football. Dirk Euler, Vorstand der Dortmund Giants, berichtet von stabilen Zahlen seit seinem Amtsantritt. Zuwächse gleichen sich häufig durch Abgänge wieder aus. „Sehr wenig“, sagt er auf die Frage, ob sich ein Boom bemerkbar mache. „Ein richtiger Zustrom bleibt aus.“ In der Jugend bedeutet das bisher: keine zweite Mannschaft, keine volle Auswechslungsbank.
Das Herzstück eines Vereins

Dabei ist für den Verein klar, wo die Zukunft liegt. „Die Jugendarbeit ist das Herzstück“, sagt Dirk Euler. „Die Herrenmannschaft ist natürlich das Aushängeschild. Aber ohne unsere Jugend kommt niemand nach.“
Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist diese Perspektive eindeutig. Sportwissenschaftler und Experte für Nachwuchssport Prof. Dr. Jörg Thiele erklärt: „Das System funktioniert wie eine Pyramide.“ Wachstum im organisierten Sport könne nur dann funktionieren, wenn die Basis, also die Jugendarbeit, Stabilität bietet. Egal ob es eine Traditionssportart wie Fußball oder eine Trendsportart wie American Football ist: Eine starke Jugend ist die Voraussetzung für langfristige Entwicklung und den Erhalt einer Sportart. Das Ziel eines jeden Vereins: Jugendliche bereits im jungen Alter zu trainieren und bis zum Erwachsenenalter zu begleiten.
Langfristige Herausforderungen

Doch genau dort liegt die Herausforderung. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen sinkt, die Konkurrenz der Sportarten steigt. „Der Kuchen wird kleiner“, so formuliert es Thiele. Immer weniger junge Menschen verteilen sich auf immer mehr Sport- und Freizeitangebote. Klassische Vereinskarrieren – einmal angefangen, ein Leben lang dabei – seien zudem selten geworden. Die Frage ist: Wie lässt sich diese Jugend nun begeistern?
Am Spielfeldrand erzählt Trainer Lovis, dass es im vorigen Jahr mehr Spieler waren. Noch ist unklar ist, ob die Saison wie geplant überhaupt möglich ist. Leistungsträger sind hochgerückt, Neuzugänge gibt es mitten in der Saisonpause nur wenige. „Im Mai werden es wahrscheinlich wieder mehr“, sagt Lovis vorsichtig optimistisch.
Zugänglichkeit als Schlüssel?

Das wichtige Wachstum geschieht nicht automatisch. Für Vereine bedeutet das: Sie müssen attraktiv sein – und das vor allem durch Zugänglichkeit. Denn der Tackle Football, so formuliert es Nurasyid, ist eine komplizierte Sportart: „Auf den ersten, vielleicht sogar auf den zweiten und dritten Blick. Man kann sich nicht einfach auf dem Bolzplatz treffen und losspielen“. Die Hürde, den Sport auszuüben, ist zudem größer als etwa im traditionsreichen deutschen Fußball, der schon seit Generationen weitergetragen wird.
Neben Vereins-Infrastrukturen ist vor allem das soziale Umfeld entscheidend, besonders die Eltern. Das bestätigt auch Jörg Thiele. „Wenn Eltern einem Sport zugewandt sind, ist das ein erster Schritt.“ Im Endeffekt braucht auch ein Sport wie Football Engagement vor Ort. „Jeder Verein lebt auch davon, dass die Eltern und Familien da sind, um zu unterstützen“, ergänzt Nurasyid.
Was Unterstützung ausmacht
Was das ausmacht, zeigt sich an Spieltagen: Anfang Oktober, letztes Saisonspiel. Regen fällt, der Platz ist rutschig, die Zuschauer*innen weniger als sonst. Trotzdem wird angefeuert. Eltern stehen unter Regenschirmen am Rand, Kapuzen hochgezogen.

Jeder Tackle wird beklatscht, jeder gute Lauf oder Traumpass bejubelt.
Im Hochsommer ist das Bild ein völlig anderes. Hitze flimmert über dem Feld. Campingstühle und Kühlboxen stehen am Spielfeldrand. Eltern unterstützen bei Heimspielen mit selbstgebackenem Kuchen. Bratwürste brutzeln, Kinder spielen nebenbei selbst mit einem Ball – vielleicht schon der nächste Nachwuchs. „Darüber entsteht Bindung – nicht über Fernsehbilder“, betont Sportwissenschaftler Jörg Thiele.
Dirk Euler ist selbst durch seine beiden Söhne zum Verein gekommen – erst als Teamleitung und mittlerweile als Vorstand. Mehr als fünf Jahre später sagt er mit einem Lächeln: „Die Giants sind meine sportliche Familie.“ Und Lovis Stauffer sagt: „Zu sehen, wie sich ein Team entwickelt, wie weit sich die Kinder und Jugendlichen unter Coaching weiterentwickeln, das ist eigentlich das Schönste.“
Leidenschaft und Engagement

Ohne ehrenamtliche Trainer*innen und Spieler*innen würde jede Sportart zusammenbrechen, betont Sportwissenschaftler Jörg Thiele. Auch bei den Giants ist das spürbar. Viele Coaches kommen wie Stauffer aus den eigenen Reihen, aus der Jugend, aus der Elternschaft. Der Verein baut auf ihre Zuverlässigkeit, ihr soziales Engagement. Dabei entsteht für alle eine Bindung mit dem Verein und das über Jahre – manchmal Jahrzehnte. „Wenn jemand 20 Jahre im Verein bleibt, dann zeigt das, dass er sich hier zuhause fühlt“, betont Dirk Euler.
Bevor das Feld für das Training der Herrenmannschaft geräumt wird, muss jeder Spieler auf dem Platz noch einmal alles geben. „Nur weil ihr einen Fehler macht, hört der Spielzug nicht auf“, ruft Lovis seinen Spielern zu. „Ihr müsst so reagieren, dass ihr aus dem Fehler noch etwas machen könnt.“ Das beschreibt, was Jugendarbeit im Football bedeutet: weitermachen, korrigieren, neu ansetzen.
Beitragsbild: Linus Euler