Können Wunderkinder erwachsen werden?

Ihre Hausaufgabe ist es, Fernsehen zu gucken. Agentin Britta Imdahl erklärt, worauf es bei der Suche nach Talenten im Schauspiel ankommt. Ein Gespräch über das Bauchgefühl und das „bei sich sein“.

Seit fast 30 Jahren betreibt Britta Imdahl eine Agentur für Schauspieler*innen in Bochum. Zu ihren Klient*innen gehört unter anderem Lina Beckmann. Sie wurde von der Fachzeitschrift Theater heutezur Schauspielerin des Jahres 2024 gewählt und ist aus Produktionen wie dem Tatort bekannt. Im Gespräch erklärt Imdahl, was für sie bei der Suche nach Schauspieltalenten entscheidend ist.

Frau Imdahl, nach welchen Kriterien wählen Sie die Schauspieler*innen in Ihrer Agentur aus?

Je länger ich diesen Beruf mache, desto rätselhafter wird es mir. Das hat etwas mit Charisma zu tun. Ein gutes Handwerk in der Schauspielerei zu beherrschen, ist gut. Aber manchmal sehe ich auch Menschen, bei denen das Handwerk noch gar nicht richtig da ist und die lade ich trotzdem in meine Agentur ein. Dann gucke ich, wie ich persönlich mit ihnen klarkomme. Für mich ist es wichtig, dass die Schauspieler*innen nah bei sich sind und dass ich Lust habe, mit ihnen zu arbeiten. Ich hake aber keinen Kriterienkatalog ab. Häufig ist es einfach eine subjektive Einschätzung, letztlich mein Bauchgefühl.

Liegt Ihr Bauchgefühl manchmal auch falsch?

Ja, klar. Selten, aber es kommt natürlich vor. Lebenswege entwickeln sich unterschiedlich. Timing spielt eine große Rolle.

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus: Wie finden Sie passende Talente?

Ich gehe viel ins Theater, ins Kino und gucke Serien. Meine Hausaufgabe ist es, Fernseh zu gucken. Ich muss wissen, was produziert wird, was es aktuell im Betrieb nicht gibt oder auch, was es eventuell geben könnte. Natürlich bin ich auch bei Premieren unterwegs, oft sitze ich aber auch in der Agentur im Büro. Da kümmere ich mich um die Terminverwaltung, Verträge und Karriereberatung. Meine Aufgaben sind sehr wechselhaft. Das ist für mich das Schöne daran. Häufig fahre ich nach Berlin. Da sind die meisten Leute aus der Branche, also Agent*innen und Schauspieler*innen.

Gibt es Menschen in der Schauspielbranche, die einfach so ein Talent in sich tragen und das Handwerk gar nicht erlernen müssen?

Britta Imdahl
Britta Imdahl leitet eine Schauspielagentur in Bochum. Foto: Emanuela Danielewicz

Es gibt superbegabte Quereinsteiger*innen, die den ausgebildeten Schauspieler*innen richtig „gefährlich“ werden können. Ich arbeite aber nur mit ausgebildeten Schauspieler*innen. Die Ausbildung, die sie haben, ist wie eine Membran, die eine Art Schutzfunktion mit sich bringt. An der Schauspielschule haben sich die Schauspieler*innen über Jahre hinweg ganz extrem mit sich auseinandersetzen müssen. Das macht sie robuster. Die Ausbildung sorgt dafür, dass sie dann nicht nur aus ihrem Talent schöpfen, sie können auch ihre technische Expertise einsetzen.

Häufig ist in der Kulturszene vom Wunderkind-Mythos die Rede. Ist da etwas dran?

Bei den Quereinsteiger*innen gibt es das schon. Bei den Ausgebildeten gibt es dann eher die besonders Begabten, wie zum Beispiel Lina Beckmann.

Zum Teil gelten Ihre Klient*innen als Wunderkinder. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Bezeichnung gemacht?

Die Bezeichnung ist nicht immer von Vorteil. Wunderkind möchte man nicht sein. Ab einem gewissen Alter ist man kein Wunderkind mehr – Wundererwachsene gibt es nicht. Da kriegen sie es dann richtig ab, weil sie plötzlich zur Konkurrenz werden. Die Wunderkinder müssen lernen, mit dieser Entwicklung umzugehen.

Wie gehen Sie als Agentin mit dieser herausfordernden Situation um?

Es kommt ein bisschen darauf an, wie sich meine Klient*innen mit diesem Label fühlen, was es bei ihnen auslöst. Für manche ist es super, die sind Wunderkind, entsprechen den Erwartungen und geben sich dabei robust. Wenn der Umgang mit diesem Etikett nicht so leichtfällt, erfordert das für die Agentur einen wahnsinnigen Aufwand. Das ist eine zutiefst private und persönliche Angelegenheit, die Schauspieler*innen da aufzufangen.

 

 

Beitragsbild: Montage Emma Hoffstiepel

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1 Comment

  1. Avatar-Fotosays: Anton Lubenow

    Fördert diese Frau, so einen schönen Artikel habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Sie hat meinen vollsten Respekt

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