
Inmitten von Secondhand-Büchern und Kulturveranstaltungen wächst in Duisburg ein Ort für Austausch jenseits digitaler Filterblasen. Das Orinoco verbindet Bibliothek, Buchladen und Treffpunkt für Neugierige aus der Umgebung. Selbst wenn sie nicht gerne lesen.
Kalter Wind weht durch die Wallstraße im Duisburger Stadtzentrum. Es ist ein grauer Nachmittag. Alle paar Minuten gehen Menschen vorbei. Nur wenige bleiben stehen, um in das Schaufenster voller Bücher zu schauen oder in den Kisten davor nach einem Buch zu suchen. „Heute wird ein ruhiger Tag“, sagt Karel Ensing und seufzt.

Ihm gehört die kleine internationale Bibliothek und Buchhandlung Orinoco Books, die laut weißer Schrift auf der Schaufensterscheibe Bücher in über zehn Sprachen führt. Schwarz-weiße Plakate erklären die Mitgliedschaften in der Bibliothek, kündigen Kulturveranstaltungen an und betonen, dass man nichts kaufen muss, um sich im Laden aufzuhalten. Seit Juni 2025 gibt es die Mischung aus Bibliothek, Antiquariat und Begegnungsstätte in Duisburg.
Das Orinoco Books reiht sich ein in die kleine Straße voller Boutiquen, Cafés, Restaurants und ungewöhnlicher Konzepte. Viel ist vegan und vegetarisch oder regional produziert. Es gibt hier einen Supermarkt mit polnischen Spezialitäten, einen Brautladen und einen Skateshop. Die Straße ist als Duisburgs Hipster-Straße bekannt.
Bücher bis zur Decke
Im Schaufenster des Orinoco steht eine alte Bierbank mit grünen Metallbeinen. Darauf ein Holzbrett mit Aufstellern für Bücher und Zitruspflanzen in bunt zusammengewürfelten Töpfen. Die Pflanzen zieht Ensing selbst. „Ich finde es schön, wenn auch deren Wachstum zeigt: Ich bin nicht mehr neu hier.“ Über den Pflanzen hängen noch mehr Bücher an Dokumentenklammern von Holzlatten.
Hinter der Bank im Schaufenster steht ein Tisch, der fast vollständig mit alten Science-Fiction-Büchern bedeckt ist. Eine kleine Ecke ist frei von Büchern. „Zum Tee trinken“, sagt Ensing. Dafür stehen zwei gemütliche Rattan-Stühle am Tisch. Die einfachen Holzregale, die der Inhaber selbst gebaut hat, gehen bis unter die Zimmerdecke. Sie rahmen auch Eingangstür, Tresen und den Durchgang zu einer kleinen Teeküche.
Zwischen Klassikern und Politik

In leuchtend roter Winterjacke und blauer Mütze tritt Harald ein. Mit einem Schwall kalter Luft bringt er eine alte Ausgabe von Homo Faber mit in den kleinen Laden. Eigentlich ist er auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier am anderen Ende der Wallstraße.
Während Harald das Buch über die kleine, bis oben mit Büchern vollgestellte Theke reicht, kommt er mit Ensing ins Gespräch. „Ich musste in der Schule Andorra lesen und habe es überhaupt nicht verstanden. Das war auch von Max Frisch, oder?“ Ensing bestätigt.
„Ich dachte, Homo Faber ist ein wichtiges Buch. Das sollte ich mal lesen.“ Also kauft Harald es spontan. Die beiden sprechen noch kurz über Politik, bevor sich Harald wieder auf den Weg macht.
Ein Magnet für nette Menschen
Genau wegen solcher Begegnungen schätzt Ensing seinen Laden. „Eine der schönsten Sachen ist, dass das Projekt wirklich ein Magnet für nette Menschen ist.“ Hier trifft Ensing Menschen, denen er sonst wahrscheinlich nicht begegnen würde. Und gibt ihnen einen Raum, auch einander zu begegnen. „Immer mehr von unserem Leben findet online statt. In kleinen Bubbles.“ Menschen dort kennenzulernen, ist für ihn nicht dasselbe. „Besonders, wenn wir uns um ein bestimmtes Interesse herum online kennenlernen, sehen wir eine sehr zugespitzte Variante der Person, praktisch eine Karikatur.“

Die meisten Leute, die sich im Orinoco begegnen, hätten geteilte Interessen. Darüber kommen sie ins Gespräch. Ensing sieht Parallelen zum Studium. „Wir sind uns nicht bei allem einig, vielleicht haben wir nicht so viel gemeinsam. Über das gemeinsame Interesse entstehen trotzdem spannende Gespräche und Beziehungen. Aber wo treffe ich solche Menschen, wenn das Studium vorbei ist?“
Als eher introvertierte Person fiel Ensing das oft schwer. „Aber wenn ich Leute einmal kenne, kann ich mein Leben mit ihnen teilen.“ Deshalb schätzt er Orte, an denen er auf einfache Art Personen kennenlernen kann. Bereits im ersten Orinoco in Leipzig habe das funktioniert. Dort entstand etwas, das Ensing „die Orinoco-Familie“ nennt. Nicht nur Bücherfans treffen sich dort, sondern auch Kinder aus der Umgebung, Inhaber*innen benachbarter Läden, Anwohner*innen. Neugierige, die kommen, sich kennenlernen und bleiben. Über dreißig Freiwillige übernehmen Schichten im Laden, organisieren Veranstaltungen oder leiten Gruppen. Ensing selbst ist noch ein Wochenende im Monat vor Ort.
Zusammenhalt statt Konsum
Langsam beginnt das in Duisburg zu funktionieren. Fast jede Woche komme die Inhaberin eines Kunst- und Dekoladens einige Türen weiter. Oft mit Schokolade. Die über 80-Jährige besuche auch Konzerte und Lesungen im Orinoco „und bringt dafür ihre Vermieterin mit“. Auch zu einigen anderen Inhaber*innen in Duisburgs Hipster-Straße hat Ensing eine erste Beziehung aufgebaut. „Sozialer Zusammenhalt, auch von den Leuten vor Ort, ist ein Nebeneffekt des Projekts.“
„Betrachten Sie den Laden gerne als zweites Wohnzimmer“, lädt Ensing eine Besucherin ein. Auch wenn das Orinoco ein Buchladen ist, muss hier niemand etwas kaufen. Wer die Bücher vor Ort lesen möchte, kann das kostenfrei tun.
Viel Arbeit im Hintergrund

Damit das Konzept aufgeht, arbeitet Ensing viel. Den größten Teil der Öffnungszeit verbringt er hinter der Ladentheke – falls man die Durchreiche in einem der deckenhohen Bücherregale so nennen kann. Hier dreht er regelmäßig die Schallplatten um, pflegt die Bibliothek, liest, plant Veranstaltungen und probt für Auftritte. Er gestaltet Flyer, druckt und bindet Programmhefte von Hand.
Wenn es nichts vorzubereiten gibt, zeichnet Ensing Porträts berühmter Literat*innen. Sie sind auf den Postern des Ladens, im Schaufenster, auf Flyern und Lesezeichen. Auf hellem Stoff gedruckt hängen sie an den Bücherregalen im Laden. Die Inspiration dafür kommt aus Ensings Leipziger WG mit zwei Maler*innen. „Gesichter sind das einzige, was ich malen kann. Und auch nur in diesem Stil.“
Wenn Ensing nicht im Orinoco ist, arbeitet er als Englischlehrer für eine Sprachschule. Zusammen ergibt das sechs Arbeitstage pro Woche, oft von morgens um sieben bis abends um neun.
Die Magie des Analogen

Um kurz vor 16 Uhr geht die Tür erneut auf und zwei Umzugskartons kommen herein. Von Peter, der sie trägt, sind nur die Beine zu sehen. Er unterstützt Elke, die vom benachbarten Mülheim nach Duisburg zieht und aussortiert hat. „Viel habe ich weggetan, aber die hier waren dafür einfach zu schade.“ Elke und Peter sind Kund*innen des Ladens – und jetzt gerade Spender*innen.
Begeistert holt Elke einige der Bücher aus den Kartons und zeigt Seiten mit Alphabeten aus Hieroglyphen, Zeichnungen von Pyramiden und Beschreibungen von Ägypten im frühen 20. Jahrhundert. „Als Europa das erste Mal von Ägypten fasziniert war, gab es noch nicht wirklich Fotografie. Alles, was hier bekannt war, stammte aus Reiseberichten und Gemälden.“ Lächelnd blättert sie durch das Buch, das sich mit der Darstellung Ägyptens in der Kunst beschäftigt. „Damals war alles noch so anders. Heute fehlt ein bisschen die Magie.“ Die Trennung von den Büchern fällt ihr nicht leicht. „Aber hier finden sie hoffentlich neue Interessierte.“
Elke kommt seit drei oder vier Monaten hierher. Wie die meisten Besucher*innen sah sie das Schaufenster im Vorbeigehen. „Ich kenne das Prinzip aus Asien: Alle bringen ein Buch mit, so entsteht eine Bibliothek.“ Sie liest gerne englische Bücher, aber „die sind in Deutschland oft so teuer“. Leihen ist für sie eine gute Alternative.
Was kommt ins Regal?

Bücherspenden wie die von Elke erhöhen die Vielfalt im Laden, genauso wie Empfehlungen und Kund*innenwünsche. Inzwischen recherchiert Ensing viel, welche Bücher er für die einzelnen Sprachen auf jeden Fall im Regal haben sollte.
Er kauft aber nicht alles. „Einige Bücher möchte ich einfach nicht in meinem Laden haben.“ Wenn er die Bücher oder Autor*innen zu problematisch findet, kommen sie nicht ins Regal. Bei anderen ist er zwiespältiger: „Da bin ich nicht einverstanden, finde die Gedanken dahinter trotzdem spannend. Da sollen die Leser*innen selbst entscheiden, was sie denken.“
In den Regalen stehen Buchsammlungen in zehn Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Portugiesisch, Türkisch, Russisch, Niederländisch und Deutsch. Zusätzlich gibt es jeweils eine Handvoll Bücher in anderen Sprachen.
Bücher, immer mehr Bücher
Angefangen hat alles in Ensings WG-Zimmer in den Niederlanden. „Ein kleiner Junge musste durch mein Zimmer, um einen Ball aus unserem Garten zu holen. Er schaute sich um und sagte: ‚Oh cool, ich wusste gar nicht, dass es in unserer Straße einen Buchladen gibt.‘ Da habe ich gemerkt, dass ich genug Bücher für eine Bibliothek habe.“
Als Ensing für seinen Master in Leipzig wohnte, sah er viele Projekte, die Dinge kombinierten. Zum Beispiel: „Einen Fahrradladen, der abends eine Bar war.“ Mit seinen Freund*innen wollte auch er etwas Kreatives machen. Einen internationalen Buchladen gab es nicht, erst recht nicht mit gebrauchten Büchern. „Diese Lücke wollte ich füllen.“
Eine Privatbibliothek wird öffentlich

Nach seiner Masterarbeit findet er den passenden Ort: „Bei mir in der Straße war eine Ladenfläche frei. Das war wie ein Zeichen.“ Er und sechs Freund*innen bauen neben ihren Tagesjobs gemeinsam einfache Holzmöbel. Ensings Privatbibliothek, die er über zehn Jahre lang gesammelt hatte, zog von seinem Zimmer in die raumhohen Regale des kleinen Ladens.
Inzwischen gibt es eine Gruppe für kreatives Schreiben, Open-Mic-Abende, Lesekreise und einen Treff fürs Songs schreiben. „Gerade am Anfang kamen viele aus unserem direkten Umfeld. Heute wollen auch immer mehr Kund*innen mitmachen.“
Ein Konzept auch für andere Orte
Ensing folgte 2025 seiner Frau und ihrem Traumjob nach Düsseldorf. „Das Projekt in Leipzig hat mir so viel gegeben, dass ich das hier auch unbedingt machen wollte.“ Aber in Düsseldorf sucht er vergeblich. Durch Zufall findet er eine kleine Ladenfläche in Duisburg. Im Juni, kurz bevor er für einen Monat auf Hochzeitsreise geht, eröffnet er das Orinoco. „Nach der Reise musste ich wieder von vorn anfangen, mir einen Kund*innenstamm aufzubauen.“ Mit einem verschmitzten Lächeln ergänzt er: „Aber Gründen unter schwierigen Umständen bin ich gewohnt.“
Seit September 2025 gibt es ein drittes Orinoco im sächsischen Zittau. Ein ehemaliger Kollege von Ensing eröffnete es mit seiner Frau.
Die Seele der Bücher

Inzwischen kaufen alle Orinocos nur gebrauchte Bücher. Früher war das anders: Das Orinoco Leipzig bestellte anfangs Neuware als Ergänzung. Durch immer höhere Preise für Papier und Bücher wurde das zum Risiko. „Wenn eins der Bücher nicht abgeholt wurde, mussten wir neun andere verkaufen, um das auszugleichen.“ Bei Second Hand ist das Risiko geringer, die Bücher seien länger aktuell. Nachhaltiger sind sie auch: „Obwohl das eine Verschiebung des Problems ist. Wir können nur gebrauchte Bücher verkaufen, weil jemand ein neues Buch aussortiert hat.“
Neben diesen praktischen Gründen motiviert Ensing etwas anderes: „Gebrauchte Bücher haben mehr Seele.“ Er findet gerne Zettelchen oder schöne Notizen und würde deshalb auch bei gleichem Preis immer gebraucht kaufen.
Viele Ideen, noch zu wenig Möglichkeiten
In Duisburg hängt aktuell noch alles von Ensing ab. Im April fängt die erste Praktikantin an. Und eine erste ehrenamtliche Person möchte bald Schichten übernehmen.
Mit der freiwerdenden Zeit möchte Ensing viel umsetzen. Eine Gruppe für kreatives Schreiben. Lesungen von Autor*innen. Eine Vorlesebühne, auf der alle aus der Bibliothek oder ihren Lieblingsbüchern vorlesen können. „Vielleicht machen wir sogar Buch-Yoga.“ Außerdem möchte Ensing lokale Künstler*innen einladen. „Aber erst, wenn ich ihnen eine faire Gage zahlen kann.“
Inzwischen ist es draußen dunkel geworden. Ensing holt die Kisten mit Büchern herein, macht das Licht aus und schließt die zwei Schlösser der Ladentür ab. Auch wenn es heute ruhig war, wird er weitermachen. Und freut sich schon auf den kommenden Mittwoch, wenn sich wieder der Schachclub trifft, um zwischen den Büchern bei einem Tee gegeneinander anzutreten.
Fotos: Lia Rodehorst