
Mehr als 300.000 Akademiker*innen sind derzeit arbeitslos. Gleichzeitig warnen Politik und Wirtschaft vor einem Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen? Niklas ist promovierter Chemiker und findet wie so viele keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Niklas steht vor der Tafel, die Kreide fest in der Hand. Das Geräusch, wenn der weiße Stift über das grüne Brett kratzt, ist der Soundtrack seines neuen Alltags. Auf den ersten Blick ist das hier weit entfernt von der Industrie, in die Niklas einmal wollte. Kein Reinraum, keine Millionenschweren Forschungsgelder, keine Patente, um die zu Welt verändern.
Und doch kommt es ihm etwas vertraut vor. „Die erste Stunde hat mich an den Einführungsstoff aus dem Bachelor erinnert“, sagt er. Grundlagen erklären, Reaktionen verstehen, Experimente vorbereiten. Gar nicht so anders als damals im Labor vor seinen Professor*innen. Nur dass ihm heute dreißig Schüler*innen zusehen.
Niklas ist seit September 2025 promovierter Chemiker. Er gehört zu jener Elite, von der die Politik sagt, Deutschland brauche sie dringender denn je. Doch während die Bundesregierung den Fachkräftemangel als größte Wachstumsbremse des Landes erklärt, arbeitet Niklas als Vertretungslehrer. Auch ist er kein Einzelfall, sondern das Gesicht eines strukturellen Widerspruchs, der den deutschen Arbeitsmarkt derzeit prägt.
Absolvent*innen arbeiten – nur nicht in ihren Jobs
Die Arbeitslosenquote unter Akademiker*innen liegt aktuell bei 3,3 Prozent. „In der Statistik sprechen wir bis 3,0 Prozent von Vollbeschäftigung. Wir sind also über diese Grenze gerutscht“, erklärt Andre Stephan-Park, Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit. „Dabei müssen wir zwischen zwei Bereichen unterscheiden: der Berufsarbeitslosenquote und der Studienfacharbeitslosenquote. Die Berufsarbeitslosenquote erfasst diejenigen, welche eine Tätigkeit in einem bestimmten Bereich anstreben. Hierzu müssen sie nicht unbedingt zuvor in dem Bereich ein Studium absolviert haben. In den Naturwissenschaften liegt diese Quote bei etwa 8,3 Prozent. Die Studienfacharbeitslosenquote bezieht sich auf alle mit dem jeweiligen Abschluss – unabhängig davon, in welchem Beruf sie später arbeiten. Bei Naturwissenschaftlern liegt diese Quote bei rund 3,2 Prozent.“
Wer genau in dem Bereich bleiben will, für den er*sie ausgebildet wurde, taucht also deutlich häufiger in der Statistik auf als jene, die auf andere Berufe ausweichen. Nach Einschätzung von Pressesprecher Stephan-Park brauchen Akademiker*innen in dem Bereich, in dem sie ausgebildet wurden, in der Regel bis zu ein Jahr zum Berufseinstieg. Viele Naturwissenschaftler*innen arbeiten also – nur nicht als Naturwissenschaftler*innen.
Wer genau in dem Bereich bleiben will, für den er*sie ausgebildet wurde, taucht also deutlich häufiger in der Statistik auf als jene, die auf andere Berufe ausweichen. Nach Einschätzung von Pressesprecher Stephan-Park brauchen Akademiker*innen in dem Bereich, in dem sie ausgebildet wurden, in der Regel bis zu ein Jahr zum Berufseinstieg. Viele Naturwissenschaftler*innen arbeiten also – nur nicht als Naturwissenschaftler*innen.
POV: Du hast mehr als 300.000 Konkurrent*innen

Der Mauszeiger spiegelt durch Niklas‘ Brille mit Blaulichtfilter. Niklas scrollt durch eine Tabelle auf seinem Laptop. Firma, Ansprechperson, Datum, Rückmeldung. Sechzig, vielleicht siebzig Einträge. In vielen Feldern bleibt die letzte Spalte leer. Manchmal steht dort ein Satz, höflich, standardisiert. „Vielen Dank für Ihr Interesse, leider …“ Oft herrscht Funkstille. „Geister-Feedback“ nennt Niklas das. Einmal war er schon fast am Ziel, doch dann wurde die Stelle aufgrund der wirtschaftlichen Gesamtlage gestrichen.
Zwischen den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sehen solche Tabellen klein aus. Dort ist von Hunderttausenden arbeitssuchenden Akademiker*innen die Rede. Die Zahl ist in wenigen Jahren deutlich gestiegen. Stephan-Park zeichnet ein differenziertes Bild: „Wir sehen eine Entwicklung, die sich insbesondere durch die allgemein angespannte Arbeitsmarktlage erklärt. Im Schnitt sind Akademiker dennoch weiterhin weniger stark von Arbeitslosigkeit gefährdet als Personengruppen mit anderer Qualifikation. Auch die Zeit der Arbeitslosigkeit ist im Schnitt kürzer.“ 2022 lag die Zahl der arbeitslosen Akademiker*innen noch bei 205.000. Bis Anfang 2025 stieg sie auf 335.000. Besonders dramatisch ist der Anstieg bei den unter 30-Jährigen. Hier hat sich die Zahl der Suchenden fast verdoppelt von 23.000 auf 45.000.
Zwischen Labor und Lebenslauf
Wenn Niklas von seiner Wunschvorstellung einer Stelle spricht, redet er nicht von Titeln oder steilen Hierarchien. Er spricht von Zeit im Labor. Wenigstens zwanzig Prozent. Da, wo er ausgebildet ist, mit Schutzbrille statt Bildschirm, Kolben statt Tabellen. „Ich habe Chemie studiert, um im Labor zu stehen, nicht um ein Bürohengst zu werden“, sagt er.
Die Einstiegshürden sind laut Stephan-Park spürbar gestiegen: „Unternehmen verlangen heute oft neben den akademischen erworbenen Kenntnissen auch in Einstiegsjobs bereits Berufserfahrung.“
Absolvent*innen im Wettbewerb mit erfahrenen Fachkräften
Niklas merkt das bei jedem Blick in die Jobportale. Er konkurriert nicht mehr nur mit anderen Absolvent*innen, sondern mit erfahrenen Kräften, die aufgrund von Umstrukturierungen bei Branchenriesen wie Bayer ebenfalls arbeitslos sind.
Das Bild der anspruchsvollen Generation, die nur unter perfekten Bedingungen arbeiten wolle, das passt nicht zu Niklas. Früh anfangen, spät gehen, auch im Schichtsystem. Vierzig Stunden, sagt er, seien normal. Mehr vielleicht auch. Nur müsse die Arbeit eben dort stattfinden, wofür er ausgebildet wurde. Im Labor, zwischen all den vertrauten Apparaturen. In der Schule komme er dem Gefühl, praktisch zu arbeiten, zumindest näher als in den Stellenausschreibungen der großen Chemieriesen.
Wirtschaftliche Zeitenwende bremst Berufseinstieg

Prof. Dr. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln kennt die Gründe, aus denen die Arbeitgeber*innen zögern. „Wir erleben eine echte Zeitenwende“, sagt er. Vor der Corona-Pandemie und 2022 und 2023 habe es Phasen gegeben, in denen Absolvent*innen direkt von der Hochschule abgeworben worden seien. Verträge seien oft schon vor der letzten Prüfung unterschrieben worden.
Heute kämpfe der Standort Deutschland mit dem Verlust seiner drei Säulen: „Günstige Energie aus Russland, niedrige Zinsen, keine Zölle und ein schwacher Euro – das ist alles weg“, sagt Plünnecke. Die Folge sei eine Investitionsstarre, vor allem in neuen Technologien, da sind andere weiter. Künstliche Intelligenz sei nötig und erhöhe die Produktivität.
„Die Wahrheit liegt im Kolben“
Der Strukturwandel, den Plünnecke beschreibt, unterscheidet sich fundamental von der Robotisierung der 80er-Jahre. Damals ersetzten Maschinen die Fließbandarbeit. Heute greife die Künstliche Intelligenz nach den Köpfen. „KI trifft dann auch verstärkt den Akademiker-Arbeitsmarkt“, sagt Plünnecke. „Durch KI kann heute die Arbeit von drei Junioren durch eine erfahrene Kraft mit Softwareunterstützung erledigt werden. Einstiegsstellen fallen somit weg.“
Niklas sieht das skeptisch. Er erinnert sich an die mahnenden Worte seines Professors: „Die Wahrheit liegt im Kolben und nicht auf dem Blatt Papier.“ Für Niklas ist das mehr als ein Spruch. Es gleicht einer Arbeitsphilosophie. Niklas beschreibt Szenen aus dem Labor, in denen kleinste Verunreinigungen eine Reaktion erst ermöglichen oder scheitern lassen. Er glaubt fest daran, dass KI eine*n Chemiker*in im Labor nicht ersetzen kann, weil die Praxis zu schmutzig, zu unvorhersehbar für einen Algorithmus ist. Aber die Unternehmen müssen das erst wieder schätzen lernen, sagt er. Solange die Unternehmen KI primär als Tool zur Personaleinsparung sehen, bleibe für den Nachwuchs kein Platz.
Ein Umweg mit Richtung?
Was als Zwischenlösung gedacht war, ist für Niklas inzwischen zu einer längeren Station geworden. Erklären, vormachen, neugierig machen – das habe schon in der Promotion dazugehört, als er Masterstudierende betreute. „Manchmal denke ich, dass dieser Weg vielleicht doch zu etwas führt“, sagt er nachdenklich. Nicht zwingend in die Großindustrie, sondern vielleicht in die Lehre an einer Fachhochschule. Näher am Labor, näher an dem, warum er Chemie studiert hat.
Während Niklas an der Schule versucht, das Beste aus seiner Situation zu machen, sieht Andre Stephan-Park von der Bundesagentur für Arbeit tagtäglich die Dossiers von Etlichen, denen es ähnlich geht. Er weiß: Wer heute als Akademiker*in erfolgreich einsteigen will, darf sich nicht allein auf seinen Studienabschluss verlassen. Stephan-Park hat für Absolvent*innen in der aktuellen Lage einen Katalog an Empfehlungen, die er als Überlebenshilfe im Strukturwandel begreift.
Sein wichtigster Punkt: Viele Studierende begehen den Fehler, sich voll auf ihre Thesis zu konzentrieren und erst nach der feierlichen Zeugnisübergabe den ersten Blick in die Jobportale zu werfen. Stephan-Park rät dazu, das Studium als einen Baustein zu sehen, der zwingend durch Praktika und den Besuch von Berufswahlmessen flankiert werden müsse. Wer ohne Kontakte in die Praxis das Unigelände verlässt, startet mit einem strukturellen Nachteil in den Arbeitsmarkt.
Die Logik der Vorsicht
Unternehmen suchen heute vor allem Sicherheit. Ein Praktikum sei nämlich aus Arbeitgebersicht eine monatelange Probezeit ohne Risiko. Pressesprecher Stephan-Park erklärt, dass es sich lohnt bereits während des Studiums Praktika bei Unternehmen zu absolvieren. Über den Kontakt hätten Studierende dann bereits einen Fuß in der Tür und könnten so einfacher nach dem Studium eine Beschäftigung finden. Wer sich im Betrieb bereits bewährt habe, ganz egal ob als Werkstudent*in oder Praktikant*in, sei bekannt. Die Einarbeitungskosten seien geringer, das Vertrauen größer.
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten würden viele Unternehmen eher auf vertraute Profile als auf neue Gesichter setzen. Nicht die besten Noten entscheiden, sondern die geringste Unsicherheit.
Für Niklas kam der Schock dennoch unerwartet. Sein Lebenslauf ist geschlossen, die Promotion abgeschlossen, Praktika hat er absolviert. Nach dieser Logik müsste er längst einen Fuß in der Tür haben. Doch genau hier zeigt sich ein Widerspruch, der die Realität tausender Absolvent*innen widerspiegelt: Selbst wer Erfahrung mitbringt, muss sich mit erfahrenen Fachkräften messen, die durch Umstrukturierungen auf den Markt drängen.
Beratung als Wettbewerbsvorteil
Ein weiterer kritischer Punkt: Aus Sicht von Stephan-Park zögern die Absolvent*innen zu lange, sich Hilfe zu holen bei der Arbeitsagentur. Stephan-Park empfiehlt, sich frühzeitig zu melden, um Zugang zu Förderinstrumenten zu erhalten, die den Einstieg erleichtern können. Etwa eine Einstiegsqualifizierung oder die Übernahme von Bewerbungskosten und Fahrtwegen zu Vorstellungsgesprächen. In einem Markt, in dem Niklas 70 Bewerbungen schreiben muss, kann das eine finanzielle Entlastung sein.
Stephan-Park rät ebenso, die Berufsberatung schon während des Studiums zu nutzen. Je früher die Bundesagentur der Arbeit eingeschaltet werde, desto einfacher lasse sich Arbeitslosigkeit verkürzen oder gar vermeiden. Die angebotene Berufsberatung für junge Menschen wisse, welche Unternehmen gerade trotz Krise aufnahmebereit sind oder wo händeringend Praktikant*innen gesucht werden, die später übernommen werden können.
No Money, no Honey
Solange Niklas vor der Tafel steht, taucht er in keiner Statistik auf. Er ist beschäftigt, gebraucht, der Stundenplan reicht bis zu den Ferien. Voll ausgebildeter Lehrer ist er nicht, aber bezahlt wird er. Es reicht zum Leben. Nebenbei kümmert er sich um seine Bienenstöcke; Niklas ist nämlich ausgebildeter Nebenerwerbsimker.
Die Klasse arbeitet. Stifte kratzen, jemand flüstert, an den Knöpfen auf den Taschenrechnern wird wild geklickt. Niklas hat die Runde durch den Raum beendet. Er lehnt am Pult, verschränkt die Arme, sein Blick wandert zur Uhr über der Tür. Noch zwölf Minuten.
Beitragsbild: Mariam Fayz