Ein Haus, viele Wege zur Hilfe

Sozialarbeiterin Anna Sueck kennt viele Gäste seit Jahren. Im Gast-Haus entstehen Gespräche oft nebenbei – beim Essen, im Flur oder auf dem Weg zur medizinischen Sprechstunde.

„Das Gast-Haus ist wie McDonald‘s: Man weiß, man geht hin und es ist auf jeden Fall immer Essen da.“ Stefan ist obdachlos und kommt jeden Morgen her, um „gut in den Tag zu starten“, wie er sagt.

Das Frühstück ist für ihn das wichtigste Angebot des Gast-Hauses. Am Tresen im Frühstücksraum kann er Brötchen und Kaffee von Ehrenamtlichen bekommen. Der Raum ist lichtdurchflutet, Ankündigungen hängen an den Wänden. An Tischen für vier bis acht Personen können die Gäste gemeinsam essen.

Ein ehrenamtlicher Helfer des Gast-Hauses schenkt einem Mann Kaffee ein.
Kaffee für den Gast: Ohne Ehrenamtliche wäre die Arbeit im Gasthaus nicht möglich. Foto: Gast-Haus

„Gegen Ende des Monats kommen immer mehr Leute als sonst, weil das Geld dann knapper ist“, sagt die leitende Sozialarbeiterin Anna Sueck. An diesem Morgen sind es rund 280 Gäste.

Ehrenamtliche machen es möglich

Wer Unterstützung braucht, kann an jedem Tag des Jahres ins Gast-Haus kommen. Die Initiative „Gast-Haus statt Bank“ wird vor allem durch Spenden und ehrenamtliche Mitarbeit getragen und feierte im Januar 2026 ihr 30-jähriges Bestehen.

Im Besonderen richtet sich das Angebot an obdachlose, wohnungslose und an der Armutsgrenze lebende Menschen. Neben dem täglichen Frühstück gibt es am Nachmittag auch Kuchen oder Suppe. Im Gebäude befindet sich zudem ein Hygienezentrum mit Toiletten und Duschen, dort bekommen die Gäste frische Wäsche, Kleiderspenden, Hygieneartikel, Schlafsäcke und Isomatten. Wenige Meter weiter liegen Sozialberatung, Seelsorge und die medizinische Sprechstunde.

 

Das Bild ist ein Balkendiagramm, das ein Jahr im Gast-Haus in Zahlen zeigt. 300 Ehrenamtliche, 120.000 Gäste, 12.000 Patientenbehandlungen, 20.000 Kleiderwechsel, 70.000 Arbeitsstunden (auch an Feiertagen, Weihnachten und Neujahr). Rechts davon ist eine Kaffeetasse abgebildet, in der steht: "3,5 Tonnen Kaffee". Unter der Tasse ist eine Unterhose abgebildet, in der steht: "Unterhosen für 15.000 Euro".

Im Frauencafé sitzen fünf Frauen zusammen und plaudern. Sie essen gemeinsam Brötchen, trinken Kaffee. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder, auf den Tischen liegen Flyer zu kommenden Veranstaltungen aus.

Das Bild zeigt ein Porträt von Anna Sueck.
Anna Sueck arbeitet seit sechseinhalb Jahren im Gast-Haus. Foto: Mielek

Sozialarbeiterin Anna Sueck kommt herein und fragt: „Wisst ihr alle Bescheid über unseren Gottesdienst morgen?“ Eine Frau dreht sich um, fragt nach der Uhrzeit. „Um elf“, sagt Sueck und verteilt Flyer an die Runde. Sie hofft, dass viele vorbeikommen.

Anna Sueck arbeitet seit sechseinhalb Jahren im Gast-Haus. Wenn sie durch das Gebäude geht, erkennt sie viele Gesichter. Sie fragt nach, wie es den Leuten geht, hört zu und klärt kleine Anliegen oft in scheinbar beiläufigen Gesprächen.

Gerade diese regelmäßigen Begegnungen seien wichtig, sagt sie. Es sei leichter, Menschen zu helfen, wenn sie Vertrauen gefasst haben. „Hier kommen die Leute hin und können was essen. Sie sehen unsere Gesichter und irgendwann merken sie vielleicht – wenn sie mein Gesicht zum 20. Mal sehen – ich habe auch Themen, die ich angehen möchte.“

Wenn Hilfe mit einem Gespräch beginnt

Während ihrer Arbeit hilft Sueck bei Anträgen, bei der Wohnungssuche und vermittelt an andere Beratungsstellen. Die Menschen, die ins Gast-Haus kommen, leben in Armut, teils auf der Straße. Dieser Umstand bringt viele Gesundheitsrisiken mit sich, sodass sie besonders auf medizinische Versorgung angewiesen sind. Das gestaltet sich oft schwer, weil viele nicht mehr krankenversichert sind.

Anna Sueck erinnert sich an eine Frau aus Polen, die mit ihrem Partner auf der Straße lebte. Sie hatte Krebs und war schon schwer krank. Über das Gast-Haus konnten die Sozialarbeiter*innen eine Krankenwohnung organisieren, getragen von der Diakonie. Die Frau bekam dort eine angemessene medizinische Versorgung. Sie verbrachte in dieser Wohnung ihre letzten Monate – nicht auf der Straße.

Durch die Angebote lotsen

So gut können die Sozialarbeiter*innen des Gast-Hauses nur helfen, wenn sie regelmäßigen Kontakt zu den Wohnungslosen haben und sie ehrlich miteinander sprechen können. Dass das Gast-Haus das leisten kann, ist ein großer Vorteil gegenüber anderen Beratungsstellen, sagt Sueck. „Ich glaube der Moment von: hier ist mein Anker, mein Lebensmittelpunkt, ich kenne die Orte, Wege und Menschen hilft sehr.“

Sie trifft Stefan auf dem Bürgersteig, nicht weit vom Gast-Haus entfernt. Im Gespräch merkt Anna Sueck, dass er immer noch einen Hautausschlag an der Wade hat. „Geh doch nochmal rüber zur medizinischen Sprechstunde. Die schauen sich das an und geben dir eine Creme oder so“, schlägt sie ihm vor. Oft reicht ein kleiner Hinweis, manchmal begleitet sie die Personen auch ein paar Schritte und sagt: „Hier, das ist Horst. Jetzt hast du ein Gesicht, eine Ansprechperson.“

Läuse, Krätze, Diabetes

Das Foto zeigt Herrn Dr. Luckhaupt, wie er am Computer an seinem Schreibtisch sitzt
Die Tür in die Sprechstunde von Dr. Luckhaupt steht immer offen. Foto: Neele Hermes

Vor den Räumen der medizinischen Sprechstunde warten an diesem Vormittag mehrere Patientinnen und Patienten. Eine Frau verlässt das Gebäude mit einer Plastiktasche in der Hand und einem Lächeln im Gesicht. Im Behandlungszimmer sitzt Dr. Horst Luckhaupt.

Gemeinsam mit Dr. Regina Ortmann leitet er den Praxisdienst des mobilen medizinischen Dienstes im Gebäude des Gast-Hauses. Als Hals-Nasen-Ohrenarzt hat Luckhaupt bis 2020 die HNO-Klinik am Johannes-Hospital Dortmund geleitet. Seit vier Jahren engagiert er sich in seinem Ruhestand ehrenamtlich im Gast-Haus. „Ich kann mir den Arztberuf so ganz ohne Ehrenamt nicht vorstellen“, sagt er.

Sein Sprechzimmer befindet sich eine Etage unter den Räumen des Zahnarztes, des Gynäkologen, der Augenärztin und der psychologischen Beratung. Ihre Angebote richten sich an alle nicht versicherten Personen, von denen wohnungslose Menschen einen großen Teil ausmachen.

Am Tag kommen 50 bis 80 Personen in die allgemeinmedizinische Sprechstunde, sagt Luckhaupt. Viele Patient*innen kommen mit Wunden, Hautkrankheiten, Läusen oder Atemwegserkrankungen. Aber auch psychische Erkrankungen, Diabetes oder hoher Blutdruck spielen in den Sprechstunden eine Rolle. Besonders Menschen, die auf der Straße leben, sind in der kalten und nassen Jahreszeit häufig erkältet oder haben Atemwegsinfekte. Insgesamt begegnet den beiden Ärzten im Gast-Haus fast alles, was auch in einer allgemeinmedizinischen Praxis vorkommt.

Manche möchten einfach nur reden

„Das sind ganz oft Menschen, die eben in anderen Praxen nicht gern gesehen sind, weil sie verschmutzt sind, weil sie laut sind, weil sie auffallen“, sagt Ortmann. „Es gibt Patient*innen, die sind sehr zuverlässig, aber es gibt eben auch welche, bei denen man sagt: Na ja, wenn sie regelmäßiger gekommen wären, dann wäre die Wunde vielleicht nicht chronisch geworden“, ergänzt Luckhaupt. Das erschwert es den beiden, die Krankheiten effektiv zu behandeln.

Manche Patient*innen kommen nicht wegen einer konkreten Krankheit, sondern weil sie Gesprächsbedarf haben. Luckhaupt erzählt von einem Patienten, der auf der Straße lebt und an Schizophrenie erkrankt ist. Der Anfang 50-Jährige lebe in seiner eigenen Welt. Luckhaupt nimmt ihn ernst, hört zu und spricht in Ruhe mit ihm. Mittlerweile haben sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, sodass er gut mit dem Patienten umgehen kann.

Vom Behandlungszimmer zur Wohnung

Wie die Angebote im Gast-Haus zusammenwirken, zeigt ein anderer Fall. Ein Mann im Rollstuhl kam eines Tages in die Sprechstunde. Er lebte damals auf der Straße. Die Ärzte behandelten ihn und vermittelten ihn weiter zu den Sozialarbeiter*innen des Hauses. Heute lebt er in einer Wohnung und bekommt pflegerische Unterstützung.

Die Arbeit im Gast-Haus habe auch Luckhaupts Blick auf die Stadt verändert. „Ich gehe mit anderen Augen durch die Stadt“, sagt er. Einige wohnungslose Menschen erkenne er inzwischen wieder, manchmal werde er auch gegrüßt.

Mit kleinen Schritten zum Erfolg

Trotzdem spricht Anna Sueck nur vorsichtig von Erfolg. Erfolg sei für sie, wenn die Menschen wiederkommen und die Angebote nutzen: „Es ist schön, wenn Menschen wiederkommen und man kleine Dinge bewegen kann“, findet sie.

Denn normalerweise begegnen Menschen Obdachlosen mit Misstrauen. „Ich glaube nicht, dass ein Großteil der Menschen auf dem Schirm hat, dass wir alle nur 365 Tage vom Bürgergeldbezug entfernt sind“, sagt sie. Im Gast‑Haus soll es einen Ort geben, an dem diese Vorbehalte für einen Moment keine Rolle spielen.

Ein fester Ort im Alltag

Auch Stefan weiß diese Hilfe zu schätzen: „Man kann dann wieder als Mensch dastehen ohne, dass die Leute auf dich zeigen“, sagt er. Für ihn ist das Gast-Haus nicht nur ein Schutzraum, sondern auch ein Anker für Tagesstruktur und ein Ort der Gemeinschaft.

Er kommt gerade vom Frühstück. Es endet um elf Uhr, aber vor der Tür stehen noch viele Leute mit Kaffee in der Hand. Eine Frau verabschiedet sich mit den Worten: „Ok, pass auf dich auf, ja?“ Dann gehen sie langsam auseinander. Bis morgen früh.

Beitragsbild: Neele Hermes

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