
Schwimmen, Leichtathletik und Rollstuhlbasketball sind seit 1960 paralympische Sportarten. Fast 70 Jahre später ist auch Klettern zum ersten Mal bei den Paralympics dabei. Während der Sport international sichtbarer wird, zeigen inklusive Gruppen in Dortmund und Umgebung, was schon möglich ist und wo noch Hürden bleiben.
Flora hängt auf halber Höhe der Kletterwand. Sie fasst mit einer Hand nach dem blauen Griff über sich und zieht sich hoch. Der ganz normale Bewegungsablauf beim Klettern. Mit dem Unterschied, dass unten an der Wand ihr Rollstuhl auf sie wartet. Laufen ist für sie schwierig. Aber Klettern? Das geht. Obwohl Flora ihre Beine aufgrund ihrer Beeinträchtigung an der Wand nicht so nutzen kann, wie andere Kletternde, arbeitet sie sich hier unerschrocken von Griff zu Griff nach oben. Zwischendurch hilft es ihr, Pausen zu machen. Sich kurz ins Seil setzen, Kraft tanken, die Füße sortieren. Dann geht es weiter nach oben.
Vor einem halben Jahr hat Flora mit dem Klettern angefangen, und schon jetzt liebt sie die Sportart. „Das Beste am Klettern ist, dass ich mich frei fühle. Das ich unabhängig von anderen Leuten das alles selber schaffe.“ Und sie macht Fortschritte. Das merkt sie selbst auch. Wieder unten wird Flora direkt mit einem High Five begrüßt. Die Route ist ihr Projekt. Bisher hat sie sie noch nicht zum Ende geschafft, aber es fehlt nur noch ein Drittel. “Die mach ich gleich nochmal”, sagt sie. Zu einer Pause muss man sie fast schon zwingen.

Flora ist eine von fünf Teilnehmer*innen der Paraclimbing-Gruppe in Dortmund. Alle fünf haben unterschiedliche Behinderungen, die zu verschiedenen Einschränkungen bei ihnen führen. Jeden Dienstag treffen sie sich, um zu klettern – in Bochum, in einer normalen Kletterhalle, gemeinsam mit vielen anderen Kletterbegeisterten. Bis zu 15 Meter hoch sind die Kletterwände dort. Die Routen haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade – es geht von Stufe 2, bis 8 oder 9.
Die Dortmunder Gruppe ist eine von inzwischen über 40 inklusiven Gruppen in ganz Deutschland. Im Vergleich zu vor zehn Jahren ist das viel, sagt Trainer Ludociv Lochon. Nicht jedoch im Gesamtverhältnis. Allgemein ist es ein sehr großes Problem, dass es nicht genug Strukturen und Trainer gibt, die Paraclimbing-Gruppen ermöglichen, wie Ludovic Lochon erzählt.
Genau aus diesem Grund hat er die Ausbildung zum Trainer für Menschen mit Behinderung gemacht und die Gruppe Ende 2023 gegründet. Flora erlebt er seitdem regelmäßig an der Wand. „Sie ist eine Kämpferin“, sagt er. Nicht, weil bei ihr alles leicht aussieht, sondern weil sie immer wieder neu probiert und nicht aufgibt.
Egal welche Behinderung oder Einschränkung jemand hat, die Person wird immer klettern können, das ist Ludovic Lochon wichtig zu betonen und deswegen ist es ihm egal, welche Behinderungen die Menschen haben, mit denen er arbeitet. „Es gibt Personen, die klettern nur einen Meter. Oder sie brauchen drei bis vier Monate, um eine Route zu schaffen. Aber sie können alle klettern“, sagt er. Das Einzige, was sie brauchen, sind Menschen, die ihnen dabei helfen.
Am meisten Freude macht es ihm zu sehen, wie seine Teilnehmer*innen auf sich selbst stolz sind und sich immer mehr zutrauen. Dabei ist es egal, ob sie eine Kletterroute ganz oder nur halb schaffen.
Eine Chance: Inklusiver Routenbau
Für Flora und die anderen aus der Dortmunder Gruppe sind viele Kletterrouten in der Halle zu schwierig. Ludovic findet, dass sie mehr Routen im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad bräuchten. Doch er hat auch Ideen für eine andere Lösung: eine Art inklusiver Routenbau. Dabei wird eine Kletterroute so gestaltet, dass jeder Kletterzug auf unterschiedliche Weisen gemacht werden kann. Das Ziel ist es, eine Route zu gestalten, die für Menschen mit verschiedensten Behinderungen machbar ist.
Menschen, die zum Beispiel eine Spastik in den Beinen haben, können diese nicht so hoch heben und brauchen deswegen Fußtritte, die nicht zu weit auseinander liegen. Wenn jemandem die linke Hand fehlt, braucht diese Person genügend Griffe auf der rechten Seite. Sind die Griffe dann nur links, ist die Route nicht machbar. Es ist also nicht ganz einfach, eine Kletterroute zu gestalten, die für alle machbar ist. Zudem ist inklusiver Routenbau für die Kletterhallen auch mit Mehrkosten verbunden. Denn dafür werden mehr Griffe benötigt und die Befestigung dauert länger.
Ludovic Lochon wünscht sich deshalb, dass Hallenbetreiber mehr darüber nachdenken, wie Routen zugänglicher werden können. „Ich wünsche mir, dass es ein Nachdenken von Seiten der Betreiber gibt, wie man die Routen so gestalten kann, dass die Personen mit Behinderung sie schaffen können. Meine Lösung wäre es, dass man bestimmte bunte Griffe zusätzlich baut für Personen mit Behinderung oder für Kinder.“

Foto: Tobias Hase
Trotz der erhöhten Kosten wollen sich immer mehr Kletterhallen barrierefrei aufstellen. Judith Lattner vom Deutsche Alpenverein (DAV) sagt: „Die meisten Kletterhallen stehen schon, da kann man nicht einfach und schnell umbauen. Das ist meistens mit vielen Kosten verbunden. Aber kleine Dinge kann man einfach ändern, wenn man mit offenen Augen durch die Halle geht.“
Beispiele für solche Anpassungen gibt es viele: Zum Beispiel kann auf die Farbe der Griffe geachtet werden – grüne Griffe auf einer grünen Wand können Menschen mit einer Sehbehinderung zum Beispiel nicht gut erkennen. Oft hilft es auch schon, wenn alles gut ausgeschildert wird und die Wegführung eindeutig ist. Der Bundesverband des DAV plant einen Leitfaden für barrierefreie Kletterhallen zu erstellen.
Bis der fertig ist, ist Judith Lattners Tipp: in kleinen Schritten vorangehen und am besten die Menschen fragen, die es betrifft.
Für Ludovic Lochon sind die baulichen Hürden nicht das einzige Problem. Die größte Herausforderung ist es, Trainer*innen zu finden. In Dortmund sind zurzeit fünf Trainer*innen dabei. Die Zahl hängt mit dem besonderen Betreuungsverhältnis der Paraclimbing-Gruppe zusammen. Wer am Seil klettert, braucht eine Person, die unten steht und sichert. Es ist zwar auch für Menschen mit Einschränkung möglich, einen Kletterschein zu machen, mit dem sie sich gegenseitig sichern dürfen, doch in der Dortmunder Gruppe hat niemand einen solchen Schein. Deswegen muss Ludovic Lochon erst Werbung für weitere Trainer*innen machen, bevor die Gruppe neue Teilnehmer*innen aufnehmen kann.
Das Betreuungsproblem hat jedoch nicht nur die Inklusionsgruppe. „Es ist so, dass wir häufig wenige Trainer haben, egal wie und wo und in welcher Gruppe“, erzählt Judith Lattner. Den Trainermangel gibt es überall, denn „es wird immer schwieriger, ehrenamtliche Personen zu bekommen, die Gruppen betreuen.“ Das Problem wird bei den Paraclimbing-Gruppen noch sichtbarer, weil es dort meistens einen höheren Betreuungsschlüssel braucht.
Wie es trotzdem geht
Maja steht unten an der Wand und legt das Kletterseil in ihr Sicherungsgerät. Nachdem sie die erste Route mit Leichtigkeit geklettert ist, ist sie nun selbst an der Reihe mit Sichern. Maja Baldus ist 44 und hat Multiple Sklerose (MS). Beim Sichern merkt man ihr das an diesem Tag nicht an. Wie die meisten in der Wuppertaler Klettergruppe GäMSen lebt auch Maja mit MS. Seit sie Kletterbetreuerin ist, hat sie eine Doppelfunktion in der Gruppe. „An normalen Tagen komme ich zum Klettern und zum Sichern, an schlechten Tagen bin ich eben nur Teilnehmerin.“, erklärt sie. Denn MS kommt in Schüben. Deswegen ist es tagesabhängig, wie viele Beschwerden Maja hat und wie gut sie klettern kann.
2013 hat Peter Weigel die GäMSen gegründet. Der Name der Gruppe zeigt, worum es ihm damals ging: eine Klettergruppe für Menschen mit MS. „Der Ansatz ist nicht unbedingt, gute Kletterer zu werden, sondern die Leute aus dem Haus rauszukriegen.“ Angefangen hat er damit, weil auch seine Frau MS hat. Sie saß zu dem Zeitpunkt schon im Rollstuhl, wie Peter Weigel erzählt. Er wusste, wenn sie klettern kann, können das auch alle anderen.
„Ich kann nicht leiden, wenn mir irgendjemand sagt, etwas geht nicht. Dann sage ich, ich muss beweisen, dass es doch geht.“ Seiner Meinung nach kommt es darauf an, ob man bereit ist, den Aufwand zu leisten und es zumindest probiert. Deswegen hat er angefangen, andere Menschen dazuzuholen. Nicht nur Menschen mit MS, sondern alle, die Lust haben, dürfen kommen. Die Gruppe ist gewachsen und besteht jetzt aus fast 50 Mitgliedern. 33 davon haben eine körperliche Einschränkung, die übrigen sind entweder Trainer*innen oder Helfer*innen.
„Das klettertechnische Verständnis oder die Fähigkeiten, die du hier brauchst, um so eine Gruppe zu leiten, zu führen, mitzuhelfen, das geht gegen Null. Wenn du sichern kannst und Empathie hast, ist das alles was du brauchst.“, deswegen hat Peter Weigel von Anfang an versucht, Familienmitglieder und Freund*innen der Betroffenen einzubinden. Viele von ihnen kommen nur, um die anderen zu sichern. Damit lässt sich das Trainerproblem lösen.
Alle drei Jahre fahren die GäMSen in die Alpen. Die Idee hinter den Fahrten war es, etwas zu organisieren, das nur als Gruppe möglich ist. Klettern am Fels geht allein oder zu zweit nur schlecht, wenn jemand im Rollstuhl sitzt und gar nicht erst zur Wand kommt. Da braucht es andere Menschen, die mit anpacken und zum Beispiel beim Tragen helfen. Aber das ist noch nicht alles. „Als ich herausgefunden habe, dass viele nicht mit mir zum Klettern nach draußen gefahren sind, weil Inkontinenz ein Riesenproblem war, da habe ich ein Toilettenzelt und eine Toilette gekauft. Wir haben ein Gestell dazu gebaut. Wenn wir jetzt draußen am Felsen sind, ist das Allererste, was aufgestellt wird, das Klo.“
Damit ist die inklusive Gruppe in Wuppertal nicht nur eine der ersten Paraclimbing-Gruppen Deutschlands, sondern auch ein Leuchtturmprojekt. Das alles so gut läuft, verdankt Peter Weigel auch der DAV Sektion Wuppertal, zu der die Gruppe gehört. Von Anfang an habe der Vorstand ihm den Rücken gestärkt und die Gruppe finanziell unterstützt. Auch Judith Lattner vom DAV sagt, dass die meiste inklusive Arbeit von den einzelnen Sektionen selbst geleistet wird. Am aller wichtigsten sei jedoch das Engagement einzelner Menschen wie Peter oder Ludovic.
Was noch fehlt
Die grundlegenden Herausforderungen sind überall ähnlich. Darin stimmen Judith Lattner, Ludovic Lochon und Peter Weigel überein. Es braucht mehr Angebote, denn die Nachfrage ist da. Hierbei kommt es auf einzelne Menschen an, die sich engagieren, und auf die Offenheit der Kletterhallen und Vereine. Damit bauliche Probleme beseitigt werden können, muss aber auch investiert werden.
Das fehlende Mindset ist dabei „das größte Problem.“, sagt Judith Lattner. Gerade auch bei Menschen, die selbst eine Behinderung haben. Ihnen fehlt, laut Lattner, oft das Bewusstsein, dass Klettern auch etwas für sie sein kann. „Ich glaube, die größte Hürde ist, Denkweisen ändern, mit Offenheit an das Thema rangehen, damit man Berührungsängste abbauen kann.“
Genau das möchten Ludovic Lochon und Peter Weigel tun. Ludovic von der DAV-Sektion Dortmund macht bei den anderen Kletternden in seiner Sektion darauf aufmerksam, dass Bergsport etwas für alle ist. Auch Peter von der DAV-Sektion Wuppertal freut sich über das Interesse von Außenstehenden. Zum Beispiel wenn auf den Ausflügen der GäMSen Fußgänger vorbeikommen und beeindruckt zuschauen, wenn Menschen aus dem Rollstuhl zum Felsen getragen werden, um dort zu klettern. Er hört es gerne, wenn die Leute fragen: „Sag mal, was passiert hier? Wie kann das sein?“, denn so kann mehr Akzeptanz und Verständnis in der Gesellschaft entstehen.
Peter Weigel, Ludovic Lochon und Judith Lattner sind sich in einem einig: Damit es voran geht braucht es vor allem Offenheit, eine Vision und Menschen, die bereit sind mitzuhelfen.
Am Ende entsteht ein Miteinander
Nach dem Klettern sitzt Peter mit Maja und den anderen zusammen an einem langen Tisch im Café der Kletterhalle. Sie erzählen von Urlauben, tauschen sich über Therapiemöglichkeiten aus und schwelgen in Hochzeitsfotos. So wie jeden zweiten Samstag. Denn fast noch wichtiger als das Klettern ist den Mitgliedern der GäMSen die Gemeinschaft danach. Heute ist ein besonderer Tag, denn heute essen sie alle zusammen. Bestellt haben sie bei der Lieblings-Dönerbude eines ehemaligen Mitglieds, Christian. Er ist vor über einem Jahr verstorben, doch die Gemeinschaft, die er mitgeprägt hat, bleibt.
Beitragsbild: Sara Fischer
