
Kellerräume oder bestimmte Wege werden von manchen Menschen gemieden, aus Angst, einer Spinne oder einem Hund zu begegnen. Dabei kann die Angst so stark sein, dass allein die Vorstellung, diesen Ort aufzusuchen, Panik auslöst.
Abstand halten, das Tier durch ein Fenster beobachten – wer mit einer Hundephobie zu Alexandra Taut kommt, macht meistens so die ersten Schritte. Viele ihrer Patient*innen trauen sich anfangs kaum in die Nähe eines Hundes. Schon ein Bellen hinter verschlossener Tür lässt bei manchen die Panik aufsteigen, erzählt sie.
Alexandra Taut ist Hundetrainerin und Pädagogin. Seit 2010 bietet sie tiergestützte Arbeit an. Anfangs noch in Düsseldorf, mittlerweile aber in Niederlangen in Niedersachen. Tiergestützte Arbeit heißt für sie: Zu ihr kommen Kinder und Erwachsene, die eine Phobie vor Hunden haben und dieser begegnen wollen. Sechs Hunde besitzt Taut, alle ausgebildete Therapie-Hunde. Mit ihnen hilft sie den Menschen, den richtigen Umgang mit den Vierbeinern zu erlernen und ihre Unsicherheiten zu überwinden.
Ihre Sitzungen beginnen immer gleich. Zuerst führt sie ein Telefonat mit den Betroffenen. Dort klärt sie, wie schlimm die Angst ist, was die Ziele der Person sind und wie die Sitzungen bei ihr ablaufen. Der zweite Termin ist ein persönliches Kennenlernen. Ihre Patient*innen entscheiden hierbei selbst, ob ein Hund anwesend sein soll oder nicht.
Im Laufe der Sitzungen nähern sich Mensch und Hund immer weiter an. Dabei versucht Alexandra Taut, das natürliche Verhalten von Hunden zu erklären. Wegrennen oder Erstarren vor Angst kann den Hund eine Bedrohung spüren lassen und er reagiert mit einem Knurren. Distanzwahrung kann bei Hunden den Drang auslösen, erst recht in der Nähe von der Person sein zu wollen. Wenn man einen Hund von hinten überraschend anfasst kann er erschrecken und zuschnappen.
„Kinder haben noch eine gewisse Hemmungslosigkeit. Sie wollen wissen, wie fühlt sich das Auge an, wie die Lefze – oder sie packen den Hund einfach im Schlaf von hinten an. Der wiederum fährt herum und schnappt zu. Die Wahrung seiner Grenzen ist etwas, das man Kindern beibringen muss“, sagt Taut. Solche Erfahrungen können Ängste auslösen – auch bei Erwachsenen.
Es gibt nicht die eine Ursache
Angst gehört wie Freude, Trauer und Ekel zu den Basisemotionen. Sie ist lebensnotwendig, da sie den Körper vor Gefahren warnt. Wird die Angst zu groß und zu häufig, spricht man von einer Phobie. Das ist dann der Fall, wenn die Angst die Lebensqualität beeinträchtigt und bestimmte Räume, Situationen oder Gegenstände gemieden werden. Wenn die betroffene Person Angst vor Hunden hat, geht sie vielleicht nicht mehr am Rhein spazieren oder verlässt nur noch zu bestimmten Tageszeiten die Wohnung. Bei einer Angst vor Spinnen könnte das auch bedeuten, dass die Person sich nicht mehr in den Keller oder die Garage traut.
Phobien haben häufig unterschiedliche Ursachen, erklärt Feyza Er, Psychologin an der LWL-Klinik Dortmund. In der Regel werden sie auch nicht durch einen einzelnen, sondern durch mehrere Faktoren ausgelöst.
Negative Erfahrungen können ein Faktor für die Entstehung von Phobien sein, zum Beispiel in Form einer unangenehmen oder erschreckenden Begegnung mit einer Spinne: Zunächst wird dabei ein ursprünglich neutraler Reiz, etwa der Anblick einer Spinne, durch ein negatives Erlebnis mit Angst verknüpft. Die Spinne selbst wird dadurch zum Angstauslöser. Dies entspricht der sogenannten klassischen Konditionierung.
„Ein Reiz löst eine gewisse Reaktion aus und wenn wir dann den Gegenstand, der uns Furcht bereitet, vermeiden, erleichtert uns das. Dadurch lernen wir: Durch Vermeiden geht es mir besser,“ erklärt Feyza Er. „Aber das ist nur kurzfristig, denn langfristig kann es zur Störungsaufrechterhaltung beitragen.
Es gibt außerdem Faktoren, die die Entstehung einer Phobie wahrscheinlicher machen. So könnte in manchen Familien eine erblich bedingte erhöhte Anfälligkeit für die Entwicklung einer Phobie bestehen so Feyza Er. Ein weiterer Faktor bei der Phobie-Entstehung ist die Preparedness. Der Mensch hat also eine evolutionär bedingte Veranlagung, auf bestimmte Reize besonders leicht mit Angst zu reagieren.„Preparedness bezieht sich vor allem auf natürliche Umweltreize, die im Laufe der menschlichen Evolution wiederholt und mit potenziellen Gefahren verbunden wurden. Ein Mensch wird durch diese Preparedness eher eine Phobie vor Schlangen oder Höhen entwickeln, als zum Beispiel eine Phobie vor Steckdosen, weil wir uns evolutionär gesehen davor weniger schützen mussten“, erklärt Feyza Er.
Auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können dazu beitragen, dass manche Menschen schneller eine Phobie entwickeln als andere. Mythen, wie die, man esse im Schlaf acht Spinnen im Jahr, sind ebenfalls nicht unbedingt hilfreich.
Die Bewegung löst den Ekel aus
„Ich bin Stephan Loksa, aber alle nennen mich den Spinnenmann!“Von den Bänken in der Sporthalle der Kita Armstraße in Essen schauen 15 Kinder gebannt auf die große blaue Kiste, aus der Loksa nun mehrere in Harz gegossene Spinnen hervorholt. Stephan Loksa ist Biologe. Seit 20 Jahren besucht er Kindergärten und Grundschulen. Eigentlich ist er schon in Rente, aber er hat eine Mission: Er will Kindern die Angst vor Spinnen nehmen. „Die Angst vor Spinnen ist eigentlich keine richtige Angst. Es ist eher so ein Ekelgefühl, ausgelöst durch diese acht Beine, die sich so schnell bewegen.“
Aufgewachsen in einer Biologen-Familie in Ungarn haben ihn anfangs die Frösche viel mehr interessiert. Das Interesse für Spinnentiere kam erst während seines Studiums. In einem späteren Deutsch-Kurs hatte er dann zusammen mit einer Chemikerin die Idee, Kindern die Faszination für diese Tiere näherzubringen.
„Wisst ihr denn, wie viele Beine eine Spinne hat? Nein? Dann lasst uns zusammen zählen.“ Nach und nach zeigt er auf die Beine der Spinne, die Kinder zählen laut mit. Als nächstes holt der Spinnenmann kleine Röhren aus der großen blauen Kiste. Einige Kinder zeigen begeistert auf. Sie kennen die Tiere in den Röhren. Auch bei ihnen zuhause sitzen sie mit ihren langen, dünnen Beinen überall in den Ecken. Es sind Zitterspinnen.
Als der Spinnenmann wieder auf die blaue Kiste zugeht, ahnen die Kinder schon, was als nächstes passiert. Stephan Loksa dreht sich um, in seiner Hand etwas Haariges, Schwarzes mit roten Flecken: eine Rotknievogelspinne. Einige der Kinder schrecken zurück, andere strecken mutig die Hand nach Klara aus. Alle dürfen die Vogelspinne mal auf der Hand halten – wer besonders mutig ist, sogar auf dem Kopf. Bei den kleineren Kindern hält Stephan Loksa Klara nur zum Streicheln hin, da die Motorik bei ihnen noch etwas unsicher sei und sie Klara womöglich fallen lassen könnten, wie er erklärt.
Eltern können ihre Angst übertragen
Kinder lernen durch andere Bezugspersonen. Dabei ist es auch weniger relevant, ob die Person jünger, gleich alt oder älter ist. Verhält sich diese Person ängstlich, kann das Kind diese Angst erlernen. Dieser Faktor der Phobie-Entstehung wird Modelllernen genannt.
„Wenn die Eltern ängstlich mit Tieren umgehen, wenn wir uns zum Beispiel vorstellen, dass eine Mutter aufschreit, weil sie eine Spinne im Keller entdeckt und das Kind ist dabei und kriegt es mit, dann wird es wahrscheinlicher eine Angst entwickeln“, erklärt Feyza Er.
Auch Stephan Loksa hat die Erfahrung gemacht, dass die Angst vor den Achtbeinern oft durch die Eltern kommt. „Ich habe auch schon erlebt, dass Eltern das Kind an dem Tag nicht in die Kita gelassen haben, nur weil ich mit Spinnen komme.“ Er merkt aber auch, dass Kinder schnell ihre Angst verlieren, wenn sie sich für längere Zeit mit den Tieren beschäftigen.
„Sind Spinnen böse oder liebe Tiere?“, ruft der Spinnenmann zum Schluss in die Runde. „Liebe Tiere!“, rufen alle Kinder im Chor. Zufrieden lächelnd verabschiedet er sich von der Gruppe und greift nach seiner Kaffeetasse. Er hat eine kurze Pause, bevor es mit der nächsten Gruppe weitergeht. Vier Gruppen hat er an diesem Tag vor sich.
„Manchmal werde ich im Nachhinein von den Kitas angerufen, die dann sagen: Wir wissen gar nicht mehr was wir machen sollen. Die Kinder bringen die ganzen Spinnen rein“, erzählt er.
Von negativen Erfahrungen, die die Kinder während seiner Besuche mit den Spinnen machen, kann er nicht berichten. Seine Mission scheint er damit zu erfüllen.
Konfrontation kann helfen
Ängste können im Laufe des Lebens von allein verschwinden. Bei Phobien kommt das sehr selten vor. Hier hilft meist nur eine Therapie. Die Expositionstherapie, oder auch Konfrontationstherapie, ist dabei laut den ärztlichen Leitlinien die Methode der Wahl. Die Betroffenen setzen sich hier gezielt mit ihren Ängsten auseinander. Dafür wird ihnen zum Beispiel eine lebende Spinne vorgesetzt oder sie müssen in einen Fahrstuhl steigen.
Feyza Er arbeitet dagegen auch viel mit VR-Brillen. Sie ermöglichen es ihr, schneller und einfacher auf die angstauslösenden Reize zugreifen zu können. Er: „In ambulanten Therapien sind Expositionsbehandlungen oft mit viel Aufwand verbunden. Man muss zum Beispiel erst einmal bestimmte Orte aufsuchen. Beim Einsatz von VR ist die Konfrontation hingegen direkt verfügbar, kann durch mich am Laptop gesteuert werden und bietet einen gut kontrollierbaren Expositionsrahmen.”
Die Arbeit mit einer VR-Brille ist allerdings nur eine Vorstufe. Ziel ist es, den Patient*innen einen einfacheren Einstieg in die Konfrontation zu bieten und sie damit auf die reale Situation vorzubereiten. Auch die wird dann im Rahmen der Therapie geübt.
Zurzeit kann Feyza Er in ihren Therapiesitzungen nur bestimme Phobien behandeln, da die Programme der Brille eingeschränkt sind. Sie kann sich aber vorstellen, dass die Brillen in Zukunft auch KI einsetzen könnten und sich so ein größeres Spektrum an virtuellen Szenarien erstellen ließe.
Leben mit weniger Angst
Ob mit VR-Brille, mit einer Vogelspinne auf der Hand oder mit einem Hund an der Leine: Der Weg aus der Phobie führt meist nicht an der Angst vorbei, sondern auf sie zu. Stephan Loksa sieht das bei Kindern, die nach wenigen Minuten neugierig auf Spinnen werden. Alexandra Taut erlebt es mit Menschen, für die anfangs schon ein Bellen kaum auszuhalten ist.
Am Ende ihrer Therapie können viele mit einem Hund an der Leine spazieren gehen. Diese Spaziergänge markieren den letzten Termin mit Tauts Patient*innen. Neun Termine braucht es in der Regel, bevor solch ein Spaziergang am Rhein überhaupt denkbar ist. Für Alexandra Taut bedeutet der Ausflug eine weitere erfolgreiche Therapie und für ihre Patient*innen endlich wieder ein entspannteres Leben.
Beitragsbild: Talisa Schirrmacher