Luftrettung: „Der Hubschrauber ist viel weniger Abenteuer als Werkzeug.“

Wenn es schnell gehen muss, kommt er zum Einsatz: Der Rettungshubschrauber Christoph Dortmund. Thomas Breuer ist als Notarzt in der Luftrettung Teil des Teams. Seit der Hubschrauber 2025 auf den 24-Stunden-Betrieb umgestellt wurde, fliegt er mit.

Herr Breuer, wenn auf der Wache ein Alarm eingeht: Was passiert in den ersten Minuten?

Da muss man zwischen primären Einsätzen und sekundären Einsätzen unterscheiden. Im primären Einsatz ist der Ablauf sehr eingespielt. Das Team besetzt schnellstmöglich den Hubschrauber. Die Piloten schauen, wo der Einsatzort ist und wie das Wetter ist – ob wir zu dem Einsatzort überhaupt hinkommen.

Wir als medizinische Crew bekommen ein kurzes Einsatzstichwort auf den Melder. Dann machen wir uns fertig, ziehen unsere Einsatzkleidung an, schnappen uns unser Equipment und gehen zum Hubschrauber, um innerhalb von sehr wenigen Minuten starten zu können. Der Pilot ist dafür zuständig, den Hubschrauber zu starten, während der Notarzt zunächst noch draußen bleibt. Er schaut, dass es beim Start des Hubschraubers keine Probleme gibt und steigt dann bei laufenden Rotoren ein. Die medizinische Crew macht im Anflug ein Briefing und wir überlegen uns, welche Anforderungen uns erwarten.

Sekundäreinsätze sind planbarer. Da werden wir oft gar nicht per Melder alarmiert, sondern von der Leitstelle angerufen. Dann kommt zum Beispiel eine Anfrage von einer Klinik mit einem Transportwunsch zu einer anderen Klinik. Wieder prüft der Pilot, ob der Flug machbar ist. Meine Aufgabe als Arzt ist, den Kontakt mit der Klinik herzustellen und mir Informationen von dem Patienten einzuholen, um zu klären, ob die Person überhaupt durch uns verlegbar ist. Danach geht es in den gleichen Ablauf: Wir starten so schnell wie möglich.

Bei welchen Einsätzen wird Christoph Dortmund typischerweise alarmiert?

Wir haben im Ruhrgebiet die Besonderheit, dass wir eine sehr hohe Dichte an Rettungsmitteln und auch an bodengebundenen Notärzten haben. Deswegen werden wir selten als Zubringer eines Notarztes alarmiert, sondern kommen eher zu Einsätzen dazu, bei denen entweder ein sehr schneller Transport in eine Spezialklinik oder eine qualifizierte Versorgung am Boden gefragt sind. Das sind häufig Verkehrsunfälle, Einsätze mit Kindern oder andere Unfallsituationen, bei denen die entsprechenden Kliniken nur mit einem langen Anfahrtsweg erreichbar sind. Da kommen wir dazu, um den Weg zu der spezialisierten Klinik kurz zu halten und die Patientinnen und Patienten dahin zu bringen.

Über den Christoph Dortmund

Der Rettungshubschrauber Christoph Dortmund ist am Dortmunder Flughafen stationiert und erreicht innerhalb von 15 Flugminuten Notfallorte im Umkreis von 60 Kilometern.

Christoph Dortmund ist ein sogenannter als Dual-Use-Hubschrauber: Er wird sowohl für Notfalleinsätze, also Primäreinsätze, als auch für Intensivtransporte zwischen Kliniken, sogenannte Sekundäreinsätze, angefordert. Der Hubschrauber verfügt über eine fest installierte Rettungswinde und kann auch für spezielle Intensivtransporte eingesetzt werden, etwa mit mobiler Herz-Lungen-Unterstützung.

Die DRF Luftrettung betreibt den Rettungshubschrauber als eine von insgesamt 33 Stationen in ganz Deutschland. Im Jahr 2025 hatte der Christoph Dortmund 859 Einsätze. Die Einsatzzahl befindet sich damit im Vergleich zu anderen Stationen in Deutschland im Mittelfeld.

Zur Crew gehören Pilotinnen und Piloten, speziell qualifizierte Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sowie Notärztinnen und Notärzte. Gearbeitet wird in Zwölf-Stunden-Schichten. Die Notärztinnen und Notärzte sind zusätzlich in Kliniken der Region tätig.

Auf dem Christoph Dortmund arbeiten Pilot*innen, Notärzt*innen und Notfallsanitäter*innen zusammen. Foto: DRF Luftrettung

Seit 2025 ist der Hubschrauber Christoph Dortmund rund um die Uhr im Einsatz. Was unterscheidet Einsätze am Tag von Einsätzen in der Nacht?

Für das ganze Team hat die Umstellung von Tag- hin zu Nachtstationen viel verändert – auf der Station, aber auch im Einsatzspektrum. Ich bin dazugekommen, als der Hubschrauber bereits im 24-Stunden-Dienst war. Ich kenne nur diese Art von Dienst. Es ist aber klar, dass sich die Art der Einsätze erheblich unterscheidet.

Nachts stehen in Nordrhein-Westfalen viel weniger Hubschrauber zur Verfügung. Das sind in Summe nur zwei: einer in der Nähe von Münster und wir im zentralen Ruhrgebiet. Wir decken damit einen sehr großen Einsatzradius ab und haben dann mehr primäre Einsätze. Das bedeutet, wir kommen zu einer Einsatzstelle, an der ein Mensch akut erkrankt ist.

Tags und nachts haben wir eine sogenannte Dual-Use-Position. Denn wir sind auch ein Intensivtransporthubschrauber und transportieren schwer kranke Menschen von einer Klinik zu einer anderen, wo andere Therapieverfahren zur Verfügung stehen.

Nachts unterscheiden sich in der Arbeit vor allem die Wahrnehmung und die Sinne, gerade in diesem sehr beengten Arbeitsumfeld eines Rettungshubschraubers. Die Beurteilung eines Menschen ist bei Dunkelheit viel schwieriger, weil man aufgrund der Beleuchtung und der Farben nicht erkennt, wie die Gesichtsfarbe sich verändert, wie sich die Lippen verändern und wie der Eindruck von einem Patienten insgesamt ist.

In der Nacht unterscheidet sich in der Arbeit vor allem die Wahrnehmung. Foto: DRF Luftrettung

Welche weiteren Aufgaben sind für den Christoph Dortmund in letzter Zeit hinzugekommen?

Die Rettung mit der Seilwinde bietet der Hubschrauber in Dortmund schon länger an – sie ist hilfreich und sinnvoll, wenn Menschen in unwegsamen Gelände verunglückt oder erkrankt sind. Die Wasserrettung ist im Frühjahr 2026 dazugekommen. Zusätzlich zu dem eigentlichen Team des Hubschraubers wird dann noch ein Kollege oder eine Kollegin von der Feuerwehr Dortmund an Bord aufgenommen. Das sind ausgebildete Höhenretter, die zum Einsatz kommen. Sie haben eine Spezialausbildung erhalten und werden mit der Seilwinde ins Wasser abgelassen, um Patientinnen und Patienten zu retten.

Die Situation vor Ort entscheidet, wer mit der Seilwinde runtergelassen wird. Ist die Stelle gut erreichbar, geht primär der Notarzt runter. Handelt es sich beispielsweise um ein absturzgefährdetes Gelände wird der Höhenretter zuerst abgeseilt. Er sichert das Gelände und anschließend kommt der Notarzt zur Einsatzstelle hinzu. Ich hatte persönlich bisher zwei Einsätze mit der Winde und merke schon, dass die Einsatzzahlen zunehmen. Da die anderen Beteiligten im Rettungsdienst wissen, dass wir auch als Windenhubschrauber eingesetzt werden, nehmen die Anfragen zu.

Was ist im Einsatz als Notarzt das Besondere, wenn man mit dem Hubschrauber unterwegs ist?

Ich glaube, der Hubschrauber ist viel weniger Abenteuer als Werkzeug. Er dient dazu, ein professionelles Team und sehr modernes Equipment schnellstmöglich an eine Einsatzstelle zu bringen und dann genauso schnell einen Menschen in einer Notfallsituation in eine spezialisierte Klinik zu bringen. Das ist das, worum es eigentlich geht. Dass wir fliegen, genießt jeder von uns, der das machen darf. Allerdings vergisst man oft schon innerhalb von wenigen Sekunden, dass man fliegt. Dann geht es rein um den Patienten. Das ist vergleichbar mit dem Einsatz am Boden. Und das ist gerade das Faszinierende an der Luftrettung: Dass das komplett Teamwork ist und wir uns gegenseitig blind vertrauen.

Auf dem Christoph Dortmund spielt Teamwork eine große Rolle. Foto: DRF Luftrettung

Apropos Teamwork: Sie arbeiten auf engem Raum im Hubschrauber zusammen. Wie funktioniert die Kommunikation?

Die Kommunikation würde eigentlich gar nicht funktionieren, wenn wir nicht alle einen Helm aufhätten. Der Hubschrauber ist sehr laut. Das erschwert die Kommunikation mit unseren Patientinnen und Patienten, weil wir mit ihnen in der Regel gar nicht sprechen können. Stattdessen sind wir darauf angewiesen, mit Handzeichen, Beobachtung und Gesten zu kommunizieren.

Untereinander kommunizieren wir über ein integriertes Funksystem in unseren Helmen. Die Kommunikation im Flug ist aber eingeschränkt, weil wir noch mit vielen anderen Stellen verbunden sind. Wir haben Kontakt zu den Leitstellen, aber auch zu der Luftüberwachung. Deshalb wird die Teamkommunikation auf das Nötigste beschränkt. Wenn der Einsatz erledigt ist und wir in einer ruhigen Situation nach Hause fliegen, sprechen wir natürlich im Team und machen auch schon mal Scherze im Hubschrauber.

Gibt es einen Einsatz, der Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?

Die Einsätze, die besonders im Kopf bleiben, sind vor allem die stillen Momente. Wenn man zum Beispiel im Nachgang hört, was aus einem Fall geworden ist. Wenn man erfährt, dass Menschen, die in schlimmen Situationen waren – vielleicht in der schlimmsten Situation ihres Lebens, im Nachhinein wieder auf einen guten Weg gebracht werden konnten, ist das einfach schön.

Es gibt auch belastende Situationen, die wir alle in der Luftrettung erleben. Sie sind besser zu bewältigen, wenn wir als Team danach weiter kommunizieren. Wir führen nach Einsätzen routinemäßig ein Debrief durch: Was ist gut gelaufen? Was ist vielleicht auch nicht gut gelaufen? Was müssen wir beim nächsten Mal besser machen? Auch wir verbessern uns immer wieder.

Neben solchem Feedback: Wie geht man persönlich mit Einsätzen um, die nicht gut ausgehen oder die lange nachwirken?

Wichtig ist erstmal, dass wir als Rettungsmittel an einer Einsatzstelle unser Bestes geben. Aber es sollte auch klar sein, dass wir nicht das Leben jedes Patienten retten können. Wenn man mit dieser Einstellung in den Beruf geht, sollte man für sich versuchen, die höchstmögliche Performance abzurufen, durch regelmäßige Ausbildung, Fortbildung und Eigeninitiative. Dann hat man eine gute Grundlage, auch schwierige Situationen zu verarbeiten.

Mir persönlich hilft das Gespräch mit meiner Frau. Es ist wichtig, sich über belastende Situationen austauschen zu können und eine Stütze zu haben. Oder mit den Kolleginnen und Kollegen darüber zu sprechen, oft auch in der Schicht danach. Also nicht nur als Debrief, sondern auch im direkten Gespräch: Wie geht es dir gerade? Hast du das gut verdaut? Willst du noch über etwas sprechen? Ist alles in Ordnung?

Wenn wir aufeinander achten und miteinander sprechen, ist das ein sehr guter Weg. Nicht ohne Grund gibt es auch professionelle Unterstützung. Gerade nach belastenden Einsätzen werden wir kontaktiert und bekommen professionellen Support, um solche Erfahrungen gut zu verarbeiten.

Sie arbeiten als Arzt im Krankenhaus und zusätzlich als Notarzt in der Luftrettung. Was ist der größte Unterschied zwischen beiden Tätigkeiten?

Beides ist gegenseitig eine extrem schöne Ergänzung. Die Tätigkeit als Notarzt braucht aus meiner Sicht die Tätigkeit in der Klinik, weil man dort die Basics lernt. Die braucht man, um als Notarzt die technischen und handwerklichen Fähigkeiten, aber auch das Fachwissen zu haben.

Der Klinikalltag ist planbarer. Wir haben feste Pläne und wissen am Vortag, was am nächsten Tag auf uns zukommt, welche Untersuchungen zu machen sind und welche Patientinnen und Patienten wir auf Station betreuen.

Die Arbeit auf dem Hubschrauber ist viel unvorhersehbarer. Es kann ein Tag auf einen zukommen, an dem gar kein Einsatz kommt. Das ist sehr selten, aber auch solche Tage gibt es. Es kann auch ein Tag auf einen zukommen, an dem viele Einsätze und auch verschiedenste Arten von Einsätzen kommen.

Was ist Ihnen persönlich lieber?

Für mich ist es die Mischung, ich mag beide Jobs sehr. In der Klinik kann ich in einer strukturierten und ruhigen Arbeitsumgebung meine Fähigkeiten einbringen, aber auch weiter lernen. Ich mag auch den anderen Job sehr, weil er extrem interessant und vielschichtig ist. Man erlebt viele Dinge, die man in seinem eigenen Fachbereich in der Klinik niemals sehen würde. Im Rettungsdienst grundsätzlich ist man mit verschiedensten Fachgebieten und Krankheitsbildern konfrontiert und setzt sich mit denen auseinander, was ein schönes Arbeiten ist.

Was ist Ihre größte Motivation, zusätzlich in der Luftrettung zu arbeiten?

Es ist ein großes Privileg, in einem so spezialisierten Team arbeiten zu dürfen. Wir haben die Möglichkeit, mit hochmotivierten und extrem gut ausgebildeten Kollegen ein modernstes Rettungsmittel zu besetzen. Damit machen wir in einzelnen Situationen auch den Unterschied für Menschen in schlimmen Situationen. Das ist eine große Motivation und auch eine große Demut, die man davor hat und Dankbarkeit, dass man das machen darf. Zwischen Teamwork und der höchst professionalisierten Medizin liegt die Motivation, warum wir das machen.

Über Dr. Thomas Breuer

Dr. Thomas Breuer ist seit 2025 Notarzt auf dem Rettungshubschrauber Christoph Dortmund. Er kam im Zuge der Umstellung vom Tagesbetrieb auf den 24-Stunden-Betrieb zum Team.

Breuer wurde 1981 geboren und studierte ab 2002 Medizin. Seit 2009 arbeitet er als Facharzt für Innere Medizin im Katholischen Klinikum Bochum. Inzwischen ist er Chefarzt und Standortleitung im Martin-Luther-Krankenhaus.

Dr. Thomas Breuer im Einsatz. Foto: Thomas Breuer

Beitragsbild: DRF Luftrettung

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