Ausschalten, Einsammeln, Wegschließen – Wie Schulen Handykonzepte umsetzen

Ein Schüler in einem weißen Kapuzenpullover steht vor einer Magnetstation im Gymnasium Schaurtestr in Köln. Er hält seine Handytasche an den Magneten, um sie zu öffnen.

Für viele Eltern und Pädagog*innen ist übermäßiger Handykonsum bei Kindern und Jugendlichen ein großes Thema. Auf der Suche nach Handyregelungen, die im Schulalltag akzeptiert werden, gehen zwei Schulen in Solingen und Köln voran. Warum Handykonzepte scheitern und was ein funktionierendes Konzept ausmacht, erzählen Expert*innen und die Beteiligten aus NRW.

Stühle quietschen über den Boden. Zwei Jugendliche unterhalten sich über das Fußballspiel von gestern Abend. Immer wieder verschwinden vereinzelt Schüler*innen in Richtung Flur. Es ist zwölf Minuten nach acht. Die erste Stunde am Gymnasium an der Schaurtestraße in Köln hat begonnen – und damit auch das Handyverbot.

Folgt man den Schüler*innen auf den Flur, zeigt sich schnell, wohin sie gehen: An die Magnetstationen. Dort müssen sie die Handytaschen entsperren, ihre Telefone hineinlegen und die Taschen wieder verschließen. Wer das nicht tut und mit einem Handy im Schulgebäude gesehen wird, muss es abgeben und darf es erst nach der Schule gemeinsam mit einem Elternteil wieder abholen.

Vom Prototyp ins Klassenzimmer

Seit August 2025 hat an dem Kölner Gymnasium jede*r Schüler*in eine sogenannte Yondr-Tasche. Knapp 700 Handytaschen sollen täglich für ein besseres Lernklima sorgen. Für Amelie aus der 8c hat das funktioniert: „Man hat das Gefühl, dass die Mitschüler sich auch mehr auf den Unterricht konzentrieren. Das finde ich jetzt viel besser.“

Jens Wenzel, Lehrer und Medienkoordinator am Gymnasium Schaurtestraße in Köln, arbeitet an einem Laptop vor einer grünen Schultafel. Hinter ihm ist eine Präsentation an die Wand projiziert.
Jens Wenzel während des Unterrichts in seiner achten Klasse am Gymnasium Schaurtestraße in Köln.

Jens Wenzel ist Medienkoordinator und Lehrer an der Schaurtestraße. Er berichtet von Cybermobbing, heimlichen Foto- und Videoaufnahmen und Konzentrationsproblemen – Konflikte, die bis vor Kurzem zum Schulalltag dazugehört haben. Nach einem Impuls der Schulleitung arbeitete er sich in das Thema „Handyverbot“ ein. Ab Juli 2024 stimmten sich Schüler*innenvertretung, Lehrer*innen und Eltern in Konferenzen und Testläufen zu einem möglichen Handykonzept ab. Dazu wurden die Magnettaschen in einzelnen Klassen getestet. Trotz Ablehnung auf Schüler*innenseite stand es in der finalen Abstimmung zwei zu eins für die Tasche. Zuvor lief die Handyregelung auf Vertrauensbasis. Das war noch, bevor das Land NRW im März 2025 eine Rundmail mit Handlungsempfehlungen an alle Schulen verschickte.

Heute sitzen Jens Wenzel und sein Kollege Andy Schöller in jeder ersten großen Pause zur Mediensprechstunde in ihrem Büro. „Das ist wie eine mittelständische Firma, die ein IT-Department hat, wo NetCologne IT Business Services und zwei Leute vor Ort hauptberuflich arbeiten.“ Er sieht diesen zweiten Job aber nicht als Belastung, sondern ist mit Ehrgeiz und Herzblut dabei. Sein Appell an die Schüler*innen: „Seid froh, dass euch die Möglichkeit gegeben wird, mal so einen Digital Detox am Vormittag zu machen.“

Was Studien und Fachleute sagen

Das Schulministerium und Jens Wenzel berufen sich auf zahlreiche Studien, die auf die Dringlichkeit von Handykonzepten und Medienkompetenz hinweisen. Laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, belegen erste Langzeitstudien aus Deutschland und den USA, dass bereits 20 bis 30 Minuten weniger Nutzungsdauer eine deutliche Verbesserung der psychischen Gesundheit bewirken.

Die Dimensionen zeigt eine repräsentative Mediensucht-Studie der DAK aus dem vergangenen Herbst: Über 1,4 Millionen Kinder seien betroffen von einer riskanten bis krankhaften Nutzung von Social Media und Online-Videos. Knapp zweieinhalb Stunden verbringen 10- bis 17-Jährige durchschnittlich an Schultagen auf Social Media. An Wochenenden sind es mehr als dreieinhalb Stunden am Tag.

Prof. Dr. Nicole Pötter ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildungsfragen und ist sich bei der aktuellen Forschungslage sicher: „Gerade im Medienbereich bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, Regeln zu machen.“

Keine einstimmige Akzeptanz

Es ist kurz vor der großen Pause in Köln. Die 8c von Jens Wenzel sitzt im Klassenraum. Während in der Unterstufe die Akzeptanz für Handynutzungsregeln noch recht groß scheint, zeigt sich in höheren Klassen ein anderes Bild: In den Schultaschen der 8c soll in der Regel je eine Handytasche liegen – und das geschlossen. Wenn man an einem ganz normalen Mittwoch nach den Taschen fragt, sind sich einige Schüler*innen da nicht mehr so sicher.

Pablo aus der 8c fällt auf: Auf dem Flur sieht er zwar keine Handys mehr, dafür aber weiterhin im Unterricht: „Um ehrlich zu sein, tut fast niemand wirklich sein Handy da rein und schließt das ab.“ Schließlich liegt der letzte Schritt, die Handytasche zu schließen, bei den Schüler*innen selbst. Es sei ein schmaler Grat zwischen Vertrauen und Kontrolle, sagt auch Jens Wenzel. „Am Ende drücken die das Knöpfchen zu und nicht ich.“ Das weiß auch Severin. Auch er besucht am Gymnasium Schaurtestraße die achte Klasse und meint: „Es hat sich eigentlich nicht viel verändert, nur, dass man in der Schule, wenn man das Handy rausholt, besser aufpasst.“

Das Zauberwort: Partizipation

Laut Nicole Pötter ist diese Form von Widerstand eine Reaktion auf fehlende Einbindung: „Auch gut gemeinte oder richtige Entscheidungen werden dann nicht so gut akzeptiert und angenommen, wenn sie eben von oben herab erfolgen.“ Stattdessen solle das Miteinander im Vordergrund stehen, also ein partizipatives Konzept entwickelt werden.

Dr. Jakob Florack, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Joseph Kliniken in Berlin, beschreibt das Verhalten mancher Schüler*innen mit dem Begriff „Reaktanz“ – Fehlende Akzeptanz für Entscheidungen von oben. Stattdessen appelliert er, die Jugendlichen mitbestimmen zu lassen: „Wenn sie verstanden haben, was eine Regel nützt, ist die Akzeptanz viel höher, und damit natürlich auch die Wirkung.“ Er ist sich sicher, Lehrer*innen unterschätzen, wie konstruktiv Kinder und Jugendliche an solchen Prozessen mitwirken können.

So wenig Regulation wie möglich

Die Schüler*innen der Klasse 7c sitzen in einem Klassenraum der Gesamtschule Höhscheid in Solingen. Ihr Lehrer, Peer-Boris Weichsel, steht neben einem digitalen Tafelbild vor der Klasse.
Die Klasse 7a von Peer-Boris Weichsel sitzt im Unterricht an der Gesamtschule Höhscheid in Solingen. Die Smartphones sind zuhause, abgegeben oder ausgeschaltet und in der Tasche.

Genau das hat die Gesamtschule Höhscheid in Solingen versucht. Hier durfte jede*r Schüler*in die Hand für oder gegen ein Verbot heben. Am Ende entschieden sich Schüler*innenvertretung, Eltern und Lehrer*innen sich für ein flexibleres Konzept. Anfang des Schuljahres kreuzt jede*r den bevorzugten Umgang mit dem Handy an: Zuhause lassen, ausschalten und in den Rucksack stecken oder vor der ersten Stunde abgeben. Aber in jedem Fall: den Konsum im Schulalltag einschränken.

Im Optimalfall sieht der Solinger Lehrer Peer-Boris Weichsel nun kein Smartphone mehr im Unterricht. „Ich finde es erstaunlich. Ich war im ersten Moment nicht dafür, dass die sich das aussuchen dürfen. Am Ende habe ich es aber akzeptiert. Es macht keinen Sinn, die Schüler nicht zu befragen, oder denen nicht diese Wahlmöglichkeit zu lassen.“

Mitreden und Missachten

Einige Kinder aus der 5a geben zu, dass sie manchmal heimlich spielen, auch wenn sie davon Kopfschmerzen bekommen und sich ohne Handy insgesamt besser fühlen. Der elfjährige Karol hat für sich erkannt: Mit einem Handyverbot fühlt er sich sicherer und weniger beobachtet.

Diese Akzeptanz reicht allerdings auch in Solingen nicht bis in die höheren Stufen. Zwei Schüler aus der siebten Klasse wollen ihr Handy weder zuhause lassen, noch abgeben. Statt im Rucksack bleibt es bis zur ersten großen Pause aber in der Hosentasche. „Ich bin auch erst zur Zweiten in die Schule gekommen“, erklärt einer der beiden seinen Verstoß. Lucien sagt, die Regeln seien zu locker. Das Smartphone abzugeben ist für ihn aber auch der falsche Weg. „Wir wissen ja nicht, was die Lehrer machen oder, ob die auf unser Handy gucken. Also haben wir die lieber in unserer Tasche.“

Interpersonelle Botschaften

Das ist die Frage, die laut Dr. Jakob Florack den Kern des Aushandlungsprozesses bildet: Welche zwischenmenschliche Botschaft vermittelt das Vorgehen? Zwar ist das Konzept in Höhscheid für die Schüler*innen leichter zu umgehen, aber für ihn ist die Botschaft der Lehrer*innen an die Schüler*innen damit deutlicher: „Ich traue dir zu, dass du mit dem, was ich dir an Vertrauen entgegenbringe, auch umgehen kannst.“

Peer-Boris Weichsel hält in Solingen seinen Schüler*innen die Tür auf und bekommt High-Fives und Fist-Bumps. Statt Distanz ermöglicht das Höhscheider Konzept Lockerheit und ein Handeln in Eigenverantwortung. Die Konsequenzen bleiben auf dem Papier die gleichen: Wer erwischt wird, gibt das Handy ab und kann es erst nach der Schule zusammen mit den Eltern wieder abholen.

„Ein bisschen feige.“

So individuell wie in Köln und Solingen sieht es auch in acht weiteren Bundesländern aus. Die Smartphone-Regelungen sind deutschlandweit bisher uneinheitlich, so das Forum Bildung und Digitalisierung. Dr. Jakob Florack warnt vor einer politischen Einheitslösung für alle Schulen. Stattdessen sieht er Jugendliche als Ideengeber*innen, Vetogeber*innen und Diskussionspartner*innen. „Wir unterschätzen an vielen Stellen Jugendliche, und auch, wie konstruktiv sie an solchen Prozessen mitwirken können“, so Florack.

In NRW ist jede Schule für ihr eigenes Handykonzept verantwortlich. Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes hatte im März 2025 zur Erarbeitung klarer Regeln aufgerufen. Der Vorschlag dazu ähnelt dem von Prof. Dr. Pötter und Dr. Florack: Partizipative Prozesse, in denen Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern gemeinsam an einem Konzept arbeiten.

Peer-Boris Weichsel findet klare Worte für diese Herangehensweise: „Es gibt ja seitens des Schulministeriums da auch keine Vorgaben. Die haben ja nur gesagt, dass sie jeder Schule die Möglichkeit lassen wollen, da etwas Eigenes zu entwickeln. Was ja im Grunde auch ein bisschen feige ist.“ Woher die Regeln auch kommen – für Dr. Florack ist der Weg dorthin wichtig: Social Media bedeutet soziale Teilhabe, und Smartphones zu verbieten, sei der falsche Weg. Im Schulalltag könne ein Verzicht auf soziale Netzwerke allerdings zu mehr Sozialleben führen.

Was passiert aktuell in der Politik?
Die Expert*innenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat im Juni 2026 erstmals Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Die Kommission besteht seit Herbst 2025 und soll unter anderem auch Schulen konkrete Leitfäden mitgeben. Die aktuelle Empfehlung lautet: Die private Nutzung digitaler Endgeräte an Schulen bis einschließlich der siebten Klasse bundesweit verbieten. Ab der achten Klasse sollen Schüler*innen an Handykonzepten mitwirken können.

Pause ohne Handy

Ein schwarzer Rucksack einer Schülerin liegt geöffnet auf dem Boden eines Klassenraums der Gesamtschule Höhscheid in Solingen. In der Tasche ist ein Smartphone zu sehen.
Eine Schülerin der Gesamtschule Höhscheid in Solingen hat ihr Smartphone ausgeschaltet im Rucksack dabei.

Schaut man auf die Schulhöfe in Solingen und Köln, sieht man eines nicht: Handys. So groß die Diskussionen vor und im Klassenzimmer sind, etwas haben sich beide Schulen zurückgeholt: Das bunte Treiben in den Pausen. Wenn Jens Wenzel in seiner Mediensprechstunde sitzt, sieht er von oben den lebendigen Schulhof. „Guck mal raus, was in der Pause da los ist. Du siehst A, kein Handy und B, die sind hier alle op jück. Und du musst aufpassen, dass dir kein Ball gegen den Kopf fliegt. Das ist jetzt das neue Problem. Aber diese Probleme habe ich lieber.“

Für die Schüler*innen wünscht er sich jeden Tag aufs Neue die Erfahrung eines Vormittags ohne Handy. So wie sie Mina und Amelie aus seiner Klasse beschreiben: „Jetzt, wo es diese Yondr-Taschen gibt, haben wir auch noch Spieletonnen gekriegt und damit ist es eigentlich ganz cool, auf dem Schulhof zu sein, weil sich jeder wieder unterhält, und man neue Freundschaften knüpfen kann“, erzählt Amelie.

Neue Probleme, neue Lösungen

Worin sich die Lehrer beider Schulen einig sind: Kein Konzept funktioniert ohne das Kollegium. Auch Expertin Nicole Pötter meint: „Am Ende des Tages zählen halt alle. Also Schüler, Eltern, Lehrer, die müssen sich alle an die Regeln halten und müssen das über längere Zeit dann auch umsetzen.“

Peer-Boris Weichsel sucht in Solingen weiter nach Mitstreiter*innen und Vorbildern. Auch Jens Wenzel kennt die Herausforderungen: „De facto sind das alles verbeamtete Leute und wenn die sagen, ich beschäftige mich damit nicht, dann machen die das auch einfach nicht und müssen es auch nicht machen“, sagt er. „Das ist schon eine große Krux in unserem System generell.“

Was fordern die Eltern?
65% der befragten Eltern sagen: Die Politik soll dafür sorgen, Kinder und Jugendliche bei der Smartphone-Nutzung besser vor Gefahren zu schützen. 14% der Eltern widersprechen. Das zeigt eine repräsentative Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Beim Thema „Handyverbote im Unterricht“ sind sich die Eltern einig: 92% befürworten ein Verbot während des Unterrichts, während knapp über die Hälfte sich für ein generelles Verbot ausspricht. Laut der DAK-Befragung aus 2024 ordnen die meisten Eltern die Verantwortung für ein sicheres, digitales Aufwachsen der gesamten Gesellschaft zu.

Was bleibt, ist die Ablenkung

Und noch etwas beschäftigt die Lehrkräfte: Auch wenn die Handyzeit abnimmt, ist eine verantwortungsvolle Tablet-Nutzung nicht garantiert. Ein Handyverbot kann zwar ein wichtiger Schritt sein, löst aber nicht alle Probleme. Denn auch Tablets können im Unterricht ablenken: Internetbrowser, Spiele wie „Hay Day“ oder andere Apps sind schnell geöffnet. Am Gymnasium Schaurtestraße nutzt die Stadt Köln deshalb eine Lösung des Netzbetreibers NetCologne, mit der Schulen Apps und Browser sperren können. An der Gesamtschule Höhscheid steht diese Frage noch am Anfang. Klar ist: Ein Handyverbot allein reicht nicht. Es ist einer von vielen Schritten auf einem langen Weg zu klaren Regeln für Handys und Tablets in Schulen.

Bilder: Anna Schmitz

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