
Musik steht oft für Kunst und Leidenschaft. Doch das Musizieren kann auch Schattenseiten haben: Schmerzen, Leistungsdruck und der Anspruch, ständig funktionieren zu müssen, gehört für viele Musiker*innen zum Alltag.
Ein Ziehen im Nacken, eine schwere Schulter, ein dumpfer Druck im Ohr. Gisela Schultz1 kennt die Schattenseiten des Musizierens. Über vierzig Jahre spielte sie beruflich Geige in verschiedenen Orchestern; zuletzt bei den Dortmunder Philharmonikern.
Schon früh bekam sie Schmerzen durch das Spielen und erlitt eine Hyperakusis, eine starke, fast schmerzhafte Überempfindlichkeit der Ohren. Sie hatte über längere Zeit direkt vor den Trompeten und Posaunen gesessen, die extreme Lautstärken erreichen können. „Durch die viele Lautstärke konnte ich gar nichts mehr ertragen. Ich brauchte selbst beim Geschirrspülen einen Gehörschutz gegen das Klappern“, erzählt sie heute.

Auch Haltung, Sitzposition vor dem Notenständer und schlechte Beleuchtung hinterließen ihre Spuren: eingedrehte Hüfte, überlastete Augen, verspannter Nacken waren die Folge. Für Gisela Schultz wurde der Orchesteralltag immer wieder zur körperlichen Belastungsprobe. „Ich hatte solche starken Schmerzen, dass ich nach langen Diensten manchmal nicht mehr gehen konnte“, sagt sie.
Um solchen Belastungsschmerzen entgegenzuwirken, hat Schultz schließlich mit Präventionsmaßnahmen begonnen. Yoga, Feldenkrais und die Alexandertechnik haben sich für sie als hilfreich herausgestellt.
Eine mögliche Präventionsmaßnahme
Maria Suwelack ist Geigerin, Musikpädagogin und angehende Alexandertechnik-Lehrerin. Für sie geht es darum, mentale Vorstellung und körperliche Ausführung in Einklang zu bringen, um möglichst mühelos und frei musizieren zu können.

Grundlage der Alexandertechnik ist die Annahme, dass der gesamte Körper am leichtesten und beweglichsten funktioniert, wenn Kopf und Körper in einem ausgewogenes Verhältnis zueinander stehen. Im Kern geht es darum, wie eine Bewegung mental vorbereit und anschließend ausführt wird. Denn Bewegungs-, Denk- und Verhaltensmuster können körperliche Belastungen und Schmerzen begünstigen. Ziel ist es, solche Gewohnheiten bewusst wahrzunehmen, zu unterbrechen und in günstigere Muster umzuwandeln.
Wenn eine Bewegung wehtut oder sich falsch anfühlt, ist der erste Schritt: Aufhören. Durch das bewusste Innehalten wird es möglich, die Situation zu analysieren. Wie sitze oder stehe ich? Wie führe ich eine Bewegung aus? Denn, so Maria Suwelack: „Der Schmerz ist nicht das Problem. Die Frage ist, was den Schmerz auslöst.“
Wichtig ist, nicht sofort weiterzumachen, sonst greife man auf alte Bewegungsmuster zurück. Erst nach einem weiteren Innehalten folgt eine bewusste Entscheidung: Will ich wirklich etwas verändern? Wenn ja, wird der neue Plan ausprobiert.
Die Rolle der Gewohnheiten
„Ohne unsere Gewohnheiten wären wir nicht, wer wir sind. Deswegen sind sie auch sehr gut und menschlich – manche helfen wir uns nur nicht“, bringt es Maria Suwelack auf den Punkt. Gerade beim Musizieren sind Bewegungen eng mit Gewohnheiten verknüpft. Deshalb setzt die Methode genau hier an.
Die Alexandertechnik ist allerdings kein Allheilmittel. Bei chronischen Krankheiten kann sie höchstens unterstützend wirken, bei Akutfällen ersetzt sie keine medizinische Behandlung. Im Bereich der Regenration und Prävention hingegen ist die Methode sehr wirksam. Sie kann Spannungen reduzieren, ein tieferes Körperbewusstsein schaffen und Belastungen langfristig vorbeugen.
Musizieren als körperliche Höchstleistung
Anders als im Sport wird das Musizieren nur selten mit körperlicher Belastung verbunden. Dabei verlangt es enorme Feinmotorik, Konzentration und dauerhaft trainierte Muskulatur. Prävention, Regeneration und medizinische Betreuung sind in der Musik jedoch keinesfalls so selbstverständlich wie im Leistungssport.
Dabei ist die Belastung hoch: Im professionellen Orchesterbetrieb ist eine Sechs-Tage -Woche üblich, auch Wochenend- oder Feiertagsdienste gehören dazu. Selbst in der Sommerpause können viele nicht vollständig pausieren: „Drei bis vier Wochen Pause gehen noch, dann muss man aber langsam auch wieder anfangen, um nicht aus der Übung zu kommen“, sagt Gisela Schultz. Sie wünscht sich mehr Verständnis für die Belastung des Berufs und einen offeneren Austausch über Beschwerden zwischen den Musiker*innen.
Wenn der Schmerz die Karriere bedroht
Körperliche Beschwerden können für Berufsmusiker*innen schnell zu existenziellen Problemen führen. Das Einkommen und die berufliche Zukunft hängen unmittelbar vom eigenen Körper ab. Aus dieser Abhängigkeit heraus gehen viele Musiker*innen weit über ihre Grenzen hinaus, bestätigt die Berufsmusikerin.
„Ich habe eigentlich nie wegen akuter Beschwerden gefehlt“, erzählt Schultz rückblickend. Selbst mit 39 Grad Fieber hat sie auf der Bühne gesessen. Einmal hat sie sogar Ibuprofen genommen, um eine dreieinhalbstündige Oper spielen zu können, obwohl sie gar keine Schmerzmittel verträgt. Das ist kein Einzelfall: Auch Kolleg*innen hätten regelmäßig Schmerzmittel genommen, um arbeitsfähig zu bleiben, sagt Schultz. Warum gehen so viele Musiker*innen über ihre Grenzen?
Verpflichtung und innerer Anspruch
Gerade in einem Orchester sei Zuverlässigkeit wichtig. Als Ensemble probe man gemeinsam, orientiere sich aneinander und gebe sich gegenseitig Sicherheit beim Musizieren. Fehlt jemand, wirke sich das unmittelbar auf die Kolleg*innen aus, beschreibt Schultz. „Das war immer unangenehm, wenn sich ein Kollege am Pult krankmelden musste und ich plötzlich alleine oder mit jemand anderem saß. Man baut sich gemeinsam eine Sicherheit auf.“
Hinzu kommt der eigene Anspruch: „Bloß keine Schwäche zeigen“ war regelmäßig ein zentraler Gedanke von Gisela Schultz. Aber auch mögliche Kommentare der Kolleg*innen würden unterbewusst zu Leistungsdruck führen. „Die größten Kritiker für einen selbst, obwohl die nichts sagen, sind die Kollegen – nicht das Publikum“. Sie sitzen oft weniger als 50 cm entfernt, hören jeden Fehler, jede Unsicherheit. Für Verletzlichkeit scheint in so einem Umfeld kaum Raum zu bleiben.
Auch Hobbymusiker*innen sind betroffen
Gesundheitliche Beschwerden treffen längst nicht nur Profis. Daniel Schwarz 2, ehemaliger Physikstudent der TU Dortmund, spielt hobbymäßig Klarinette im Universitätsorchester. Seit der fünften Klasse begleitet ihn sein Instrument. Aber auch er bekam nach einiger Zeit Beschwerden.
Beim Klarinettespielen drücken die unteren Zähne durch die Unterlippe hindurch auf das Mundstück. Das Problem: „Wenn man viel spielt, dann beißt man sich zwangsläufig unten in die Unterlippe rein“, erklärt er. Mit der Zeit bilde sich da ein Narbengewebe.
Hinzu kommt die Belastung des rechten Daumens. In einer abgeknickten, unnatürlichen Haltung trägt er einen Großteil des Instrumentengewichts. Eine enorme Belastung, denn eine Klarinette wiegt mehr als ein Kilogramm. Bei Daniel hat das regelmäßig zu Taubheitsgefühlen geführt. „Ich verliere das Gefühl im Daumen oder sogar in der ganzen Hand. Die ist dann wie tot. Es kann dann mehrere Tage dauern, bis das Gefühl dann wiederkommt.“

Daniel Schwarz‘ Weg, seine Beschwerden in den Griff zu bekommen, war schwierig. Viele Ärzt*innen hätten zu wenig Wissen über instrumentenspezifische Beschwerden, sagt er. Fündig wurde er schließlich durch eigene Recherchen in Internetforen. Doch häufig seien Einträge dort stark veraltet oder schwer einzuordnen. Er wünscht sich deshalb zugänglichere, seriöse Anlaufstellen für Betroffene.
Physiotherapie für Musiker*innen
Eine solche Anlaufstelle können spezialisierte physiotherapeutische Praxen sein. Sophie Stahl ist Physiotherapeutin und studierte Oboistin. In ihrer Praxis behandelt sie gezielt Musiker*innen. Ihr eigener musikalischer Hintergrund hilft ihr bei der Arbeit, Beschwerden besser einordnen zu können: Sie kenne die Erwartungen, Anforderungen und den Druck des Musikbetriebs.
Zu ihr kommen vor allem Betroffene mit Überlastungsbeschwerden: Übermüdete Sehnen, gereizte Muskeln und Entzündungen sind dabei häufige Beschwerden. Auch Probleme an der Halswirbelsäule bei Geiger*innen und Bratschist*innen, Kieferbeschwerden bei Blechbläser*innen sowie Rückenschmerzen durch langes Sitzen kämen oft vor.

Gesundheit in der Musikausbildung
Sophie Stahl beobachtet zwar ein wachsendes Bewusstsein für Musiker*innengesundheit, doch gerade in der musikalischen Ausbildung, dem Fundament allen zukünftigen Musizierens, gäbe es noch zu wenig Angebote. Schon in Musikschulen sollten körperliche Übungen, die nicht nur das Instrumentalspiel betreffen, mit in den Unterricht eingebunden werden. Dazu würden Warm-ups, Atemübungen und Bewegungen zählen, die den Körper auf das Spielen vorbereiten. Das sei notwendig, da sich das Musizieren immer gleichermaßen aus einer künstlerischen und körperlichen Ebene zusammensetze.
Auch Eltern betroffener Kinder bräuchten leichteren Zugang zu Hilfsangeboten. Denkbar wären Schulungen für die Musikschulpädagog*innen oder die Bildung von Teams aus Pädogog*innen, Physiotherapeut*innen und musikermedizinischem Fachpersonal.
Aber auch an Musikhochschulen mangele es teils noch an Angeboten, die das Thema an die Musikstudierenden herantragen. „Es gibt einige Hochschulen, die schon sehr ausgereifte Programme haben. Trotzdem gibt es selbst da immer wieder Musiker, die das Thema nicht erreicht, weil es nicht verpflichtend im Curriculum verankert ist.“ Würde Gesundheitswissen flächendeckend von Beginn an vermittelt werden, könne das spätere Beschwerden im Studium oder Beruf vorbeugen, ist Sophie Stahl überzeugt.
Zwischen Leistungsdruck und Prävention
Wie hoch der Druck in Orchestern tatsächlich ist, kann Stahl als Physiotherapeutin regelmäßig beobachten: Viele Musiker*innen hätten Angst, wegen Schmerzen oder Ausfällen als weniger belastbar zu gelten. Sie appelliert deshalb für mehr Offenheit für Gesundheit in Orchestern. „Es ist keine Schwäche, sich weiterzubilden, sich auszutauschen und Angebote schaffen – sondern eine Stärke.”
Während Physiotherapie oft bei bestehenden Schmerzen ansetzt, richtet die Alexandertechnik den Blick eher auf Prävention: Sie beschäftigt sich mit Bewegungsmustern, Gewohnheiten und der Frage, wie viel Spannung eine Bewegung wirklich braucht.
Gisela Schultz ist heute im Ruhestand. Rückblickend sieht sie es kritisch, wie oft sie im Orchesterbetrieb über ihre Grenzen gegangen ist. Nichtsdestotrotz war nicht nur ihr starkes Pflichtbewusstsein gegenüber den Kolleg*innen, sondern auch die große Leidenschaft für das Orchesterspiel immer mit ein Grund, der sie weit über ihre Grenzen getrieben hat. Genau dieser Zwiespalt zwischen Herzblut und starker Belastung hat sie aber schlussendlich geprägt: Heute gehören Feldenkrais, Yoga und Muskelaufbau fest zu ihrem Alltag.
Auch Daniel Schwarz hat Konsequenzen gezogen: Mit einem Gurt während des Spielens und einer fixierenden Handschiene in der Nacht entlastet er die Hände beim Klarinettenspiel: „Letztendlich geht es eben um die Gesundheit und nicht um die Optik“, sagt er.
Beitragsbild: cottonbro studio/ Pexels
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