Zwischen Vertrautheit und Veränderung: Eine Tour durchs neue Kreuzviertel

Die Kreuzviertel-Gastronomie galt lange als selbstverständlich. Heute prägen Reservierungen, Konzepte und höhere Preise das Bild. Ein Streifzug zwischen Aro, Sachte und Sissikingkong – und die Frage, was Aufwertung mit einem Viertel macht.

Zwischen Altbauten, dutzenden Kiosken und den Häuserblocks rund um die Kreuzstraße, Lindemannstraße oder den Neuen Graben bin ich geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Im Kreuzviertel, im Herzen von Dortmund. Ich lebe hier immer noch und streife immer noch gern durch die Straßen. Dabei fällt mir eines immer wieder auf: Die Gastronomie verändert sich. Hin zum Guten?

Seitdem ich denken kann, gibt es an jeder Ecke mindestens eine Option für hungrige Kreuzviertelmünder: griechisch, türkisch, italienische Pizzerien oder Cafés. In meiner Kindheit war meine Nachbarschaft geprägt vom Mehrgenerationen-Alltag. Diese Gastro-Landschaft war ideal für das Viertel.

Zwischen Nostalgie und Veränderung

Auf dem Weg durchs Kreuzviertel. Foto: Hannah Schönweitz

Natürlich ist sie das zum Teil auch heute noch. Ich bin bei weitem noch nicht alt genug, als dass ich eine 180-Grad-Wende im Kreuzviertel hätte beobachten können. Wenn ich heute durch das Viertel laufe, erkenne ich vieles wieder – die Fassaden, die Straßenzüge, an manchen Ecken sogar vertraute Gerüche wie den Kaffee im Kieztörtchen.

Und doch hat sich zwischen Orten wie dem Café Liebig und Spielplätzen wie dem Schulhof der Peter-Vischer-Grundschule etwas verschoben. Dort, wo früher kleine, oft etwas chaotische, aber gleichzeitig gemütliche Läden waren, reihen sich heute Cafés und Restaurants mit einheitlichen Speisekarten und sorgfältig inszenierter Gemütlichkeit aneinander.

Veränderung oder Perspektive?

Auf dem Heimweg von der Uni komme ich am Café Limon vorbei, einer Kette, die vor kurzem auch im Kreuzviertel einen Laden eröffnet hat. Und ich frage mich, ob meine Beobachtungen durch meine persönlichen Erinnerungen verschoben werden. Ob das Viertel wirklich teurer und unpersönlicher geworden ist oder ob ich durchs Erwachsenwerden nüchterner auf die Gegend und seine Gastronomie schaue.

Doch selbst wenn in meiner Erinnerung sicher ein wenig Nostalgie mitschwingt: Es lässt sich kaum übersehen, dass das Kreuzviertel heute anders funktioniert als früher: Mehr Filialen von Gastroketten, weniger kleine lokale Läden in denen man die Inhaber*innen grüßt.

Das Kreuzviertel auf dem Prüfstand

Ich will herausfinden, ob das Viertel sich wirklich so stark gewandelt hat oder lediglich meine Wahrnehmung. Ob die Schließungen und Neueröffnungen wirklich so massiv sind, oder ob sie Teil einer ganz normalen Entwicklung des Viertels sind. Und deswegen stelle ich das Kreuzviertel auf die Probe. Statt nur daran vorbeizulaufen, will ich in drei bewusst gewählten Lokalen essen gehen und erleben, wie groß der Wandel ist.

Meine Food-Tour führt mich zu drei Stationen: Ins Aro, eine Kette, die ihre Bowls seit Kurzem auch in einer neuen Filiale an der Möllerbrücke verkauft. Von da geht es weiter ins Sachte, ein vor fünf Jahren eröffnetes Restaurant in der Schillingstraße, bei dem schon der Gedanke an die Preise meiner Brieftasche wehtut. Und zu guter Letzt ins Sissikingkong, ein aus der Hafengegend ins Kreuzviertel gezogenes Restaurant gegenüber von meiner ehemaligen Grundschule.

Bowls statt Sonnenstudio

Auch draußen gibt es Sitzgelegenheiten im “Aro”. Foto: Freigeist-MS GmbH

Also mache ich mich auf den Weg ins Aro. Ich komme am Rolltorspielplatz vorbei, auf dem ich früher immer Fußball gespielt habe. Und am leerstehenden Eckhaus, in dem ich vor 13 Jahren noch bei Frau Kempers Schreibwarenladen mein Taschengeld für Star Wars-Sammelkarten ausgegeben habe. Jetzt steht das Erdgeschoss seit mehreren Jahren leer, denn Frau Kempers Laden habe nicht mehr ins Viertel gepasst, erzählt man sich.

Ich laufe über die schlecht geschaltete Ampel an der Lindemannstraße und stehe vor dem Haus, in dem ich die ersten 15 Jahre meines Lebens aufgewachsen bin. Damals mussten wir ausziehen, weil die neuen Vermieter die Wohnungen in Luxus-Apartments umwandeln wollten. Und dazu passt der Anblick vom Aro im Erdgeschoss. Jedenfalls passt er deutlich besser als das ranzige Sonnenstudio, das hier mit seinen vollgesprayten Wänden zur Zeit meiner Kindheit stand.

Zwischen Qualität und Verlustgefühl

An der Theke können Gäste neben  fertigen Bowls auch selbst die Zutaten auswählen. Foto: Freigeist-MS GmbH

Ich betrete das Aro mit einer Mischung aus Neugier und Widerstand. Natürlich weiß ich, dass ein neues Restaurant an sich nichts Schlechtes ist. Trotzdem fühlt es sich komisch an, ausgerechnet in dem Haus meiner Kindheit Teil dieser neuen Gastro-Kultur zu sein.

Ich setze mich an einen der Holztische und die Mitarbeiterin hinter der Theke schaut mich an. „Zum Bestellen können Sie gern einmal zu mir kommen“, sagt sie freundlich. An der Theke kann ich mir meine eigene Bowl zusammenstellen: moderne Asian-Fusion-Kost, frisch angerichtet – und preislich spürbar über dem klassischen Imbiss. Für eine Bowl landen dann 10 bis 12 Euro auf der Rechnung, was das Aro im trendigen Mittelfeld der Viertel-Gastro verortet.

Schmecken tut die Bowl richtig gut – und doch merke ich, wie ich den 4-Euro-Döner vermisse, den ich 2014 ein paar Meter weiter noch bei meinem Stammdöner Kayser Grill bekommen habe. Wobei auch der mittlerweile bei 7 Euro angekommen ist.

Gourmet-Rehragout statt Cheeseburger

Nur wenige Meter von meiner derzeitigen Wohnung entfernt liegt das Sachte. Das feine Restaurant hat den Burgerladen Buffalo Beef ersetzt – meinen damaligen Lieblingsimbiss im Viertel. Hier grüßte ich jeden Tag die Betreiber*innen und bei meinen monatlichen Besuchen fiel auch mal die eine oder andere Portion Gratispommes für mich ab. Nach ein paar Jahren musste der Laden aber wieder schließen, was mich damals ziemlich getroffen hat. Trotzdem versuche ich, unvoreingenommen das Sachte zu betreten. Hier war ich in fünf Jahren noch nie. Grund dafür: die Preise.

Ich öffne die Glastür des mitten im Wohnblock gelegenen Ladens und setze mich an den Tisch, den ich bereits Tage zuvor reserviert hatte. Der Raum ist recht klein, die Deko minimalistisch, die Decke mit Kunstrasen überzogen. Der ausgestopfte Kuscheltier-Bison-Kopf, der die Wand des Buffalo Beef schmückte, wurde durch Plastikpflanzen ersetzt.

Ich öffne die Karte und sofort wird mir wieder klar, wieso ich noch nie daran gedacht habe, hier zu essen. Die günstigste Vorspeise liegt bei knapp 17 Euro. Auf der Suche nach dem günstigsten Hauptgericht lande ich beim Blumenkohlsteak für fast 28 Euro, ich könnte aber auch die fast 37 Euro teuren Tagliata bestellen. Ich entscheide mich für die preisliche Mitte und bestelle das Rehragout für 34 Euro. Auf die Vorspeise verzichte ich. Da ich kein Weintrinker bin, spare ich mir auch die Weinpreise, die bei rund 50 Euro pro Flasche liegen.

Vom Alltag zum Anlass

Der Eingang ins “Sachte” an der Schillingstraße. Foto: Robert Fernkorn

Als das Ragout da ist, merke ich direkt beim ersten Bissen: So lecker habe ich lang nicht mehr gegessen. Und würde heute der Burger von damals neben mir stehen, könnte er nicht mit diesem Gericht mithalten. Beim Verlassen des Sachte ein paar Minuten später denke ich darüber nach, dass das Problem nicht auf dem Teller lag. Das Rehragout war hervorragend, keine Frage. Während ich die Schillingstraße hinuntergehe, wird mir klar, dass ich mich an diesem Ort mehr wie ein Gast gefühlt habe als wie jemand, der hier einfach dazugehört. Natürlich darf es auch edlere Restaurants im Kreuzviertel geben. Aber mein Gefühl, dass die Anzahl solcher eher höherpreisigen Restaurants und Cafés zugenommen hat, lässt mich einfach nicht los.

Das Buffalo Beef war kein besonderer Ort. Genau deshalb war er wichtig. Man ging hin, ohne darüber nachzudenken, ob sich das lohnt. Heute, im Sachte, lohnt es sich – kulinarisch, ästhetisch, vielleicht auch fürs Image. Aber es fühlt sich weniger nach Alltag an und mehr nach Anlass. Denn keine Frage, das Sachte ist ein gutes Restaurant, wahrscheinlich sogar ein sehr gutes. In mein Bild von der Gastronomie im Kreuzviertel, in die man einfach hineinläuft, weil man Hunger hat oder jemanden kennt, passt es trotzdem nicht.

Das Kreuzviertel als Versprechen

Mein alter Schulhof und ich. Direkt daneben befindet sich heute das Sissikingkong. Foto: Hannah Schönweitz

Der letzte Stopp meiner kleinen Tour führt mich an einen Ort, an dem sich meine Kindheit und die neue Gastro-Wirklichkeit des Kreuzviertels beinahe berühren: direkt neben dem Schulhof meiner Schule, der Peter-Vischer-Grundschule. Wo ich früher mit meinen Freund*innen Fangen gespielt habe, steht heute nur ein paar Meter weiter das Sissikingkong.

Dass dieses Restaurant ursprünglich aus dem Dortmunder Hafen stammt, wusste ich lange nicht. Erst später habe ich erfahren, dass es vor einigen Jahren bewusst vom Hafen ins Kreuzviertel umgezogen ist. Hier habe ich schon öfter gegessen, heute bin ich für ein Gespräch mit Inhaber Dirk Geisler da. Dabei wird schnell klar: Der Umzug war ein Perspektivwechsel.

„Am Hafen war das Sissikingkong eine andere Welt“, sagt Geisler. „Die Menschen kamen weniger für ein spontanes Abendessen vorbei, sondern für Veranstaltungen, für Partys, zum Tanzen. Das Publikum war jünger, wilder, stärker eventgetrieben.“

Ein Ortswechsel mit Folgen

Im Kreuzviertel musste sich das Konzept verändern. Nicht nur wegen der zahlungskräftigeren Klientel, sondern auch wegen der direkten Nachbarschaft. Statt Disco entschied sich Geisler bewusst für eine Kegelbahn – Partylärm hätte im Wohnviertel kaum Akzeptanz gefunden. „Alte Stammgäste vom Hafen kommen aber bis heute ins Kreuzviertel, manche seit über 26 Jahren“, sagt Geisler.

Gleichzeitig hat sich die Speisekarte gewandelt: mehr vegetarische Alternativen, weniger Fleisch. Das liegt laut Geisler aber nicht allein am Standort, sondern auch an einer allgemeinen Wende im Essverhalten.

Und doch bestätigt auch Geisler: Das Viertel ist teurer geworden, konkurrenzbetonter. „Es wird immer schwieriger, Menschen dauerhaft in die Läden zu locken. Vielleicht sind es gerade deshalb Konzepte wie das Sachte, die auf besondere Anlässe setzen“, sagt Geisler. Gastronomie als Ereignis statt als Selbstverständlichkeit.

Was bleibt also vom Viertel?

Eine fertige Bowl im “Aro”. Foto: Freigeist-MS GmbH

Als ich das Sissikingkong verlasse und noch einmal auf meinen alten Schulhof blicke, denke ich mir: Natürlich war früher nicht alles besser. Ein Großteil meiner Erinnerung ist mit Sicherheit positiver, als es die Gastronomie damals tatsächlich war. Dazu kommt, dass ich im Laufe des Erwachsenwerdens angefangen habe, anders auf das Viertel zu schauen als früher – nüchterner und kritischer. Und dass ich meine Bestellungen mittlerweile nicht mehr von Mama und Papa bezahlt bekomme, spielt sicherlich auch eine Rolle. Da denke ich doppelt und dreifach darüber nach, ob ich das Geld in diesem Laden wirklich ausgeben möchte oder ob es die Nudeln mit Pesto zuhause nicht auch tun.

Und doch war vieles beiläufiger. Ich musste nicht überlegen, ob ein Ort zu mir passt oder ob ich ihn mir leisten will. Qualität ist im Kreuzviertel heute kein Zufall mehr, sondern Anspruch. Früher war Essen hier noch stärker Teil des Alltags, heute ist es häufiger ein Anlass. Man reserviert, man kalkuliert, man entscheidet sich bewusst für einen Abend. Das ist nicht falsch, nicht einmal unbedingt schlechter. Aber es verändert die Rolle, die Gastronomie im Viertel spielt.

Das Kreuzviertel ist insgesamt teurer geworden, professioneller, selbstbewusster. Restaurants ziehen hierher, weil sie sich etwas versprechen: Publikum, Kaufkraft, Sichtbarkeit. Gleichzeitig verschwinden Orte, die weniger kalkuliert waren – nicht unbedingt besser, aber vertrauter. Was ein Viertel seine Aufwertung kostet, zeigt sich deshalb nicht nur in steigenden Preisen. Es zeigt sich darin, wie sich das Gefühl verschiebt.

 

Beitragsbild: Freigeist-MS GmbH

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